Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1932-01-01 · Heft 224 (1.1.1932) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 224 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711843-2711845--2910-2716235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ffr. 224 DIE NEUE WELT Seit* 7 Ziele. Aus Baanngai'ners Vortrag, der aus im Protokoll vorliegt, wollen wir charakteristische Stellen hervorheben; „Im Oktober fand eine Versammlung des nichtzionistischen jüdischen Frauenbundes statt, in der eine Nichtjüdin, Lenka von Körber, \ber die außerordentliche Gespaltenheit nnd Uneinigkeit de« jüdischen Volkes klagte nnd ihm wünschte, daß es sich einmütig hinter die Zionisten stellen möchte, auch wenn sie für sich ihre Ziele nicht bejahten, schon aas Rücksicht an! den Kampf gegen den Antisemitismus. Und da ich nun als Vorstandsmitglied des Ab wehrvereines gegen den Antisemitismus diesen Kampf gegen den Antisemitismus, der heute durch die Nationalsozialisten geradezu zu einem täglichen Brot für mich geworden ist, immer wieder aufnehmen mnß, möchte ich eben auch Sie auf diese Meinung verweisen. Denn es gibt keinen besseren Beweis gegen de-n Antisemitismus, als die konstruktive, aufbauende Arbeit in Palästina. Der Antisemitismus wird ja nicht müde, von dem Parasitentum des jüdischen Volkes zu reden. Hier ist positive, aufbauende Arbeit im eigenen Lande. Prof. Baumgartner ließ es aber bei dieser sachlichen Festeteilung nicht bewenden. Seine Worte mußten auf alle, dde dem verlogenen Schlagwort von „Zionismus muß Antisemitismus erzeugen", auf den Leim gehen, wie ein Peitschenhieb wirken, alß er aiuerief: »Es lohnt sich, dem Ruf der Zionisten am folgen, ganz besonders auch deshalb — und ich ' möchte das noch einmal linterstreichen —, weil ich manchmal die Bedenken gehört habe, ob der Zlonis- . mus nicht vielleicht dem Antisemitismus manchmal Vorwände gebe. Nein, es ist etwas außerordentliches Wertvolles für das jüdische Volk, das in diesen letzten Zeiten gar so sehr gemahnt wird an die Unsicherheit seiner staatsbürgerlichen Existenz, das Bewußtsein zu haben, es gibt eine Zuflucht für das jüdische Volk, und ich kann nichts anderes sagen, als daß dieser Gedanke auch meine Seele beherrscht" Solches Erkennen und Bekennen kann nur einer Persönlichkeit anhängen, die mit offenem Auge die jüdische Situation betrachtet und als christlicher Deutscher frei ist von Ghettohaftigtkeit und erhaben Uber die Angat, man könne eeine „patriotische Gesinnung** in Zweifel ziehen. Daß die Kieler Zionisten .Prof. Baumgartners Mahnung in die Massen der J-jwieir ^tragen^^-wawAew''- Gebot ziöndstisc^ef .Vernunft und Taktik. AUS PALÄSTINA. Arabische Opposition gegen die antisemitischen , Legenden des Mufti Jerusalem, 22. Dezember. (J. T. A.) Aus den Kreisen rder mo-slemitischen Opposition in Palästina wurde eine Kampfschrift gegen die Politik des Groß* ' m u f t i verbreitet, in der u. a. auch die Behauptungen des Großmufti, wonach die Juden auf Heiligtümer der Moslems gerichtete Absichten hegen, als un« wahre Legenden bezeichnet werden. Dem Mufti wird vorgeworfen, daß er seihen Verwandten Boden des Wakf (MoslemsReligionsfonds) übergeben habe, damit •; diese ihn an Juden verkaufen. In einer von Auni Bey Abdul Hadi, einem der Sekretäre der arabischen Exekutive, der als einer der Vertreter der arabischen Sache vor der Shaw«Kommission eine gewisse Rolle gespielt hat, geleiteten vertraulichen Tagung des Palästina«Verbandes moslemitischer junger Männer wurde beschlossen, für die Ünab« hängigkeit der Moslems zu kämpfen, aber auch dagegen aufzutreten, daß der Mufti die Moslem*Bewegung in seinen Sonderkampf gegen den Zionismus einspannt Auf der Tagung kam einmütig die Meinung zum Ausdruck, daß es Sache der Moslems sei, positive Politik zu machen und sich nicht in rein negativen Aktionen zu erschöpfen. Jerusalem hat eine jüdische Majorität Jerusalem, 26. Dezember. Die offiziellen Ziffern der letzten palästinensischen Volkszählung, betreffend Jerusalem, sind noch nicht bekanntgegeben worden. Aus zuverlässiger Quelle wird der Jüdischen Tele» graphen«Agcntur über das Ergebnis der Volks» Zählung in Jerusalem folgendes mitgeteilt: Die Gesamt« bevölkerung der Stadt Jerusalem macht 90.526 Seelen aus, davon sind 51.000 Juden, 19.850 Moslems und rund 19.000 Christen. Der Zuwachs der. jüdischen Be» völkerung gegenüber der Volkszählung im Jahre 1923 beträgt rund 17.500 Seelen, der Zuwachs der Moslem" Bevölkerung seit 1922 beträgt 6500, der der christlichen Bevölkerung etwas weniger als 4500 Seelen. Die christliche Bevölkerung, die *I922 mit 14.699 Seelen an zweiter Stelle rangierte (Moslems gab es damals I34I3)» »st jetzt an die dritte Stelle gerückt. Die jüdische Bevölkerung Jerusalems ist um 12.450 Seelen größer als Moslems und Christen zu» sammengenommen. Im Jahre 1922 betrug die absolute Majorität der Juden nur 5859 Seelen. Die Ge* samtziffer der jüdischen Bevölkerung Jerusalems schließt nicht einige Stadtviertel ein, die der Jerusalemer Stadt« gem>i"de nicht unterstehen. Unter Einschluß der Be* völkerung dieser neuen Stadtviertel tehdht sieh die Zahl der Jerusalemer Juden auf rund 60.000. Obgleich die Juden In Jerusalem die über« wiegende Mehrheit der Bevölkerung bilden, haben sie bis jetzt darauf versichtet, einen Bürgermeister aus ihrer Mitte zu wählen;;-der jetzige Bürgermeister von Jerusalem ist der Moslem Ragbeb Bey Nasha» s h i b i. Als Nashashibi nach den Palästina«Unruhen im Herbst mit einer palästinensischen Araberdelegation nach London fuhr, um dort die arabische Version über die Unruhen gegeriüber der der Juden zu vertreten, gab sich unter der jüdischen Bevölkerung eine starke Empörung gegen Nashashibi kund; die hebräische Arbeiter*Tageszeitung „Dawar" schrieb damals, Nashashibi habe den Juden eine Lektion erteilt, die diese nicht vergessen werden. Er wird nicht wieder Bürgermeister von Jerusalem werden. Mit der Ver» tretung Nashashibi» während seiner Abwesenheit von Jerusalem wurde, wie erinnerlich, nicht der jüdische Vizebiirgermeister Chaim S o 1 o m o n, sondern der christliche Vizebürgermeister Jacob Faradj betraut. Eratags-Proteewtreik äet hebräischen Lehrer In Palästina Jerusalem, 20. Dezember. Am 15. Dezember, gegen 10 Uhr morgens, traten die Lehrer der JewishüAgency Schulen in Palästina in einen eintägigen Streik ein, zum Protest gegen die Nichtauszahlung der Lehrergehälter für die Monate Juni und Juli. Etwa 100 Lehrer begaben sich zum Büro der Jewish Agency in Jerusalem und er« zwangen dort die Unterbrechung der Arbeiten für eine Stunde. Erst als den Lehrern die Zusage gegeben wurde, daß man sich unverzüglich mit ihrer Forderung be? schäftigen werde, verließen sie das Büro. 150 amerikanische Juden siedeln sich in Palästina an New York, 21. Dezember. (J. T. A.) Das Palästina* Amt der Zionistischen Organisation Amerikas gibt be* kannt, daß sich über 150 amerikanische Juden, in der Häuptsache Angehörige des M i 11 el s t an d es mit einem durchschnittlichen Kapitalsbesitz von 8000 Dob lar, im Palästina*Amte zur Ansiedlung in Palästina registriert haben. Die meisten der Sieidlungswerber werden schon im Februar und März 1932 die Reise nach Palästina antreten und vor dem Pessachfest in Palästina eintreffen. Anbau von Kartoffeln Nach Versuchen zur, Bestimmung der besten Bedingungen, für Sorten, Zpit der Aussaat, Düngemittel >;eta . für..* den .Anbau von'.yKa r tof f ein im Nuriskomplex ist der Anbau .von Kartoffeln in den Siedlungen der Jewish Agency dieses Jahr durchgeführt worden. 400 Dunam werden dieses Jahr mit Kartoffeln bebaut werden, davon 155 Dunam im Nuriskomplex, 50 in Nahalal und 50 in Beer Tuwia. Wenn die Winterernte günstig ißt, wird sie;5.00 bis 600 Tonnen Kartoffeln oder zirka, 10 Prozent -der bisher vom Auslände importierten Menge ergeben. .. < (J- A. B.) Palästinensische Einfuhr und Ausfuhr Im zweiten Viertel des Jahres 1931 ist der Import fremder Waren nach Palästina um fast 20 Prozent .zurückgegangen. Die Gesamteinfuhr in den Monaten April bis Juni betrug Pf. St. 1,337.697.— gegenüber Pf. St. 1,658.689.— während der gleichen Poriode im letzten Jahr. Ein noch größerer proportionaler Rückgang hat in der Ausführ palästinensischer Waren stattgefunden, die während der obigen Periode Pf. St. 139.668.— gegenüber Pf. St. 233.099.— im vergangenen Jahre betrug. Dieser Rückgang ist hauptsächlich ,durch die verminderte Ausfuhr von Dhurra und Mais zu erklären (Pf. St. 5173.— gegen Pf. St. 34.509.— im Jahre 1950), ferner von Orangen (Pf. St. 1919.— gegen Pf. St. 40.814.~J. Wasch seife (Pf. St. 25.956.— gegen Pf. St. 42.415—), Wassermelonen und Melonen (Pf. St. 4884.— ge'gen Pf. St. 32.817.—) etc. Palästinensisches Geld Entsprechend einet1 offiziellen Veröffentlichung des Ausschusses für palästinensisches Münzwesen betrug die Summe der-Ende Septemiber 1931 ton Umlauf befindlichen palästinensischen Münzen und Noten Pf. St. 2,344.664.—, die sich folgendermaßen verteilt: Papiergeld Pf. St. 2,045.380.—; Silbermünzen Pf. St, 254.000.—; Nickelmünzen Pf. St. 43.900.—5 Kupfermünzen Pf. St. 299.284.—. Zementindustrie Die Zementfabrik ,,N e s c h e r" bei Haifa, die 3«Q Arbeiter beschäftigt (investiertes Kapital Pf. St. 300.000), vermehrte ihre Produktion im Jahre 1930 bis 70.000 tonnen gegenüber 68.000 Tonnen im Vorjahre. Auch der Export von Zement vergrößerte sich; der Wert des Exports im. Jahre 1930 war Pf. St. 28.702.— gegenüber Pf. St. 19.026.yim Vorjahre. Der Wert der Produktion der „Nescher'VFabrik beträgt im Durchschnitt 125.000 Pf. jst. Der jugoslawische Volkswirtschaftler üniv^Prof. Dr. Nedeljkovic regt $ie Schaffung einer Zentralsparkasse des jüdischen Volkes in Palfistina an Belgrad, 27. Dezember. Der hervorragende jugoslawische Volkswirtscbaftler Dr. M. Nedeljkovic, Uüiversitätsprofessor und Generaldirektor der Allgemeine Verslcherungs - Gesellschaft »Phönix« „Phönix" Zusammenschluß von Wiener II Qegründet 1860 II und Gegründet 1881 ff Providentia" Qtgründet 1898 Direktion und Genera Ireprtsentani: Wien IX. Otto-Wagner-Platz 5 / Alserplatz 3 Telephon: B-43-5-80 Serie Uebernahme sämtlicher Schadenversicherungen su den kulantesten Bedingungen und Prämien jugoslawischen Postsparkasse, wirft die Idee zur Schaffung einer großen finanziellen Institution in Palästina auf. Er regt die Gründung eines Bankinstitutes oder den Ausbau einer schon bestehenden Bank in dem Sinne an, daß jeder Jude der Welt in diesem Institut seine Ersparnisse einlegen könne. Diese jüdische Zentralsparkasse müßte mit sämtlichen Postsparkassen der Welt in enge geschäftliche Beziehungen treten. Die Einlagen sollen bei den Postsparkassen einzelner Staaten erlegt werden. Ein Teil der Einlagen verbliebe als Reserve bei den Postsparkassen, der Rest würde nach Palästina tiberwiesen werden. Für die Sicherheit der Einlagen in der Zentralsparkasse des jüdischen Volkes müßte der Keren Kajemetb, die Stadt Tel-Äwiw oder die Mandatsregievung die Haftung übernehmen. Die Mittel dieser Zentralsparkasse in Palästina sollen in den Dienst des Aufbauwerkes gestellt werden. Im jüdischen Amsterdam Sephardim und Askenasim — Jiddisch, Holländisch und Portugiesisch '-— Jüdische Straßennamen —- Die „jüdische Masse" Im Warschauer „Hajnt" veröffentlicht A. H. Wachs mann ein holländisch*jüdi# sches Kulturbild, das wir in seinen wesent* liehen Zügen reproduzieren. Von den 120.000 Juden in Holland leben ungefähr 70.000 in Amsterdam, die auf zwei Gemeinden verteilt sind: rund 25.000 auf die sephardische und der Rest auf die askenaslsche.' Aber wenn man nach Amsterdam kommt, hat man nicht den Eindruck, daß hier 800.000 Holländer und 70.000 Juden leben — sondern u m* gekehrt. Man geht die erste Gasse vom Bahnhof abwärt» nach rechts und schon ist man mitten drin im jüdischen Zentrum, in der „Joaden Kreestraat", der Jüdi* sehen Breiten Gasse. In derselben Gasse gleich bei deren Anfang befindet sich die prächtige Front der Moses» und Aron»Kirche mit den zwei mächtigen, Moses und Aron darstellenden Reliefs und in unmittelbarer Nachbarschaft die jüdischen Gotteshäuser. Zunächst liegt hier die alte portugiesisch*jüdische Synagoge, die man einst die Schiff*Schul nannte, da da,s Fundament sich im Wasser befindet — die Legende erzählt übrigens, daß die ersten portugiesisch*jüdischen Einwanderer mit ihrem Schiff dort gelandet sind, wo heute die Schul steht Der mächtige, blockartige Bau . mit seinen hohen, halbdunklen Fenstern erhebt sich gigantisch über den kleinen, armseligen Gebäuden des portugiesiaJi»jtidischen Viertels, das sich rings um die Schul gebildet hat. Durch die Fenster schimmern die wächsernen Lichter wie Schatten alter vergangener Zeiten, und wenn man den viereckigen, weißgepflasterten Hof betritt, denkt man nicht daran, daß man sich in einer der größten Handel»* und. Hafenstädte Europas befindet. Da lebt noch alles wie in der Zeit, da die ersten Juden hiehergekommen sind. Der Tempeldiener an der Tür, in einem Dreispitz* mit einer, kurzen, schwarzen Pelerine, weist mit ernster Miene den Eingang, bewegt sich langsam über die weichen Teppiche und läßt den Besucher eintreten. . In dieser alten Schul befindet sich eine Scheide» wand, die die nichtportugiesischen von den portugiesischen Juden abtrennt. Vor ungefähr 70 Jahren, da die portugiesische Gemeinde die größte Gemeinde Amsterdams war und die Askenasim klein an Zahl und arm waren, besuchten viele Askenasim, die sich der Gemeindeleistungen ent» winden wollten, die sephardische Schul, die von den Askenasim keine besonderen Abgaben verlangte. Darauf« hin wendete sich die askenaslsche Gemeinde an ihre ältere Schwester, die sephardische Gemeinde, mit der Bitte, den Askenasim den Eintritt zu verwehren und sie zum Besuch der eigenen Schul zu zwingen. Die sephardi» sehe Gemeinde willfahrte nicht diesem radikalen Wunsch, führte aber zwei Verordnungen ein, wonach 1. ein Jude, der seine sephardische Abstammung nicht nachweisen könne, in der sepherdischen Schul kein Ehrenamt über» nehmen könne, und 2. keinen anderen Platz einnehmen könne «1« den hinter der Seheidewand, — mit einem Wort, es wurde in der »ephardischen Schul ein Ghetto für Nichtsephardim geschaffen. Die aakenasUoht Gemeinde tot heute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.