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Die neue Welt · 1932-01-01 · Heft 224 (1.1.1932) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 224 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seit« 6 DIE NEUE WEVT N*. 224 Aus Deutschland Beilage der »Neuen Welt« fftr Deutschland Filtalredaktfon und Administration. »Neue Welt«, Berlin CS, Burgstraße 29/1V, Nr* 67 lllllllllllllllllllllllllllllllM Aus der hohen »Sdiule der Weisheit« Graf Hermann Kayserling und Hitler Die Einstellung Hitlers und seines Millionen zäh« lendcn organisierten Anhanges zur Judenfrage ist "gewiß bedenklich, äußerst gefahrdrohend. Aber noch mehr und tiefere Bedenken muß auf jüdischer Seite die Haltung jener Deutschen hervorrufen, welche nicht zur Hitlerschen Garde gehören. Wie reagieren diese auf das Hitler'sche Judenprogramm? Man bekommt tagtäglich Berichte von Ucberfallen auf Juden zu lesen, von Ueber« fällen, die sich auf Straßen und Plätzen, Bahnhöfen usw., „also vor den Augen vieler „Zuschauer" abspielen. Unter diesen Zuschauern befinden sich gewiß viele Soziais demokraten, Kommunisten. Demokraten, Zentrumsleute, also Menschen, welche das außen« und innenpolitische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Programm Hitlers energisch ablehnn, geeichte AntisHitleristen. Die Be* riohte schließen mit der Meldung, daß die Polizei recht* zeitig, zu spät oder gar nicht am Platze war. Nie ist zu lesen, daß Nicht<Nationalsozialisten irgend einer Schat* tierung zugunsten der Überfallenen Juden eingegriffen hätten. Wie ist das zu erklären? Einfach damit: Der Politiker und Wirtschaftler Hitler wird abge* lehnt, der Judenschläger Hitler wird akzeptiert, zumindest geduldet. Das ist aber. nicht lediglich die. Haltung des ge* wohnlichen Deutschen von der Straße. Vertreter des „denkenden" Deutschland verharren in ihr. Der Fall des Grafen Hermann Keyserling ist in dieser Hin« sieht charakteristisch. Graf Keyserling ist ein prominenter Führer des geistigen Deutschland. Der Gründer der Darmstädter „Schule der Weisheit" ist als solcher unbedingt änerkannt, auch bei jenen, die seinem philosophischen Systeme nicht huldigen. Unzählige Male hat ihm auch die linke, die liberale und sozialistische Presse, hat ihm die literaturbeflissene Judenschaft das Zeugnis ausgestellt, ein Erwecker Deutschlands aus dumpfen, grobmaterialistischen Träumen zu sein, Er« wecker zur G e i s t i g k e i t. Wie steht nun Graf Keyser* 1mg zu Hitler? Er lehnt sein soziales Programm brüsk ab. Unsinn! Wie aber steht er sonst zu ihm? In der .„Deutschen Allgemeinen Zeitung" schreibt Graf Keyserling: „Hitler verkörpert jenen grenzenlosen, über* schwengKchen deutschen Irrationalismus und Sub» jektivisrnus;..der von jeher der Gegenpol der extremen deutschen Sachlichkeit war. Deswegen gehört sein Tromrnlerturn — er soll öfters selbst geäußert haben, er sei nicht Offizier, sondern Trommler — und sein voll* kommener Mangel an klaren und konstruktiven Ge* äanjeen zur Natur der Bewegung, die er vertritt. Es ist nicht währ, daß der Nationalsozialismus auch nur eine einzige originelle Idee vertrete. Nichtsdesto* weniger hat der Nationalsozialismus eine eminent positive Bedeutung: nämlich als Ver* treter des Irrationalen. Ich fragte Friedrich G u n d o 1 f cinnial, was den Stefan George eigentlich vertrete, das ihm solchen" Einfluß auf die Jugend verschaffe. Nach einigem Nachdenken sagte er: „Haltung; Haltung a li"s i o h". Nun, in eben diesem Sinne, vertritt und ver* körpert" Hitler Stimmung; Stimmung an sich. Die Stimmung der V o 1 k s g e m e i n s c h a f t jen* seit» und oberhalb und abgesehen von allen Klassen* und Interessengegensätzen. Mir scheint: wenn etwas Deutsch* land für eine bessere Zukunft nöttut, so ist es das He r r s c'h je n ti werden eben solcher Stirn* mung. Nur aus diesem Irrationalen heraus ist die alle Tat* und Stoßkraft lähmende deutsche Zer* klüftung überhaupt zu überwinden. So ist denn den Nationalsozialismus nicht nur trotz seines Irrationalen, sondern um seinetwillen p o * i* t i v z u bewerten. Die positive nationalsozialistische Aufgabe aber sehe ich ganz und gar und einzig und allein in der stimmungsmäßigen Wandlung der Jugend. Dem Nationalsozialismus können wir es einmal zu danken haben, wenn das deutsche Volk über die Parteibestimmtheit hinauswächst. Mein elfjähriger Aeltester ist, wie seine ganze Klasse, strammer National* Sozialist. Ich sagte ihm neulich:'Bis zur Tertia, im Falle schlechter Schüler bis zur Sekunda, wüßte ich kein besseres Ideal.". * Der kleine Graf bekommt als nationalsozialistischer Eleve, damit er in die richtige „deutsche Haltupg und Stimmung" hineingerät, auch ein Liederbuch in die Hand. Daraus hat er fleißig zu lernen. Einige Kehrreime aus diesem Stimmung und Haltung erzeugenden Büchlein: Erst müssen Juden bluten, Erst dann sind wir befreit — — — * Der Jude kriegt nen Schrecken, Er macht den Geldschrank auf; Adolf Hitler macht die Rechnung Mit dem Pistolenlauf. Wenn der Sturmsoldat ins Feuer geht, Ja, dann hat er frohen Mut, Denn wenn das Judenblut vom Messer spritzt, Dann geht's nochmal so gut. * Schießt auf die Judenhunde, Nieder mit der Judentyrannei. Der Gründer und Leiter der hohen „Schule der Weisheit" weiß für seinen Elfjährigen kein besseres Ideal. Jetzt wird es verständlich, daß der deutsche Mann von der Straße, der AntUHitlerist, ruhig dabei steht, wenn Juden blutig verprügelt werden, und in seinem Augens gründe wohlwollendes Verstehen glimmt. Fort mit der Politik der Nazi, fort mit ihrer Wirtschaft! Aber abge* sehen von Klassen* und wirtschaftlichen Interessenfragen, so in der Judenfrage, da schaffen die Kerle richtige „Stimmung" und „Haltung". Wenns dem gräflichen Philosophen paßt, warum nicht dem Maurer und Tischler? * Vor dem Grafen Keyserling steht die Weisheit der Assimilationsjuden wieder vor der Mauer. In Abwehr* Versammlungen läßt es sich so schön an, wenn man in den Saal schreit, daß nur Ungeistigkeit und Unbildung den Antisemitismus dulden können. Graf Keyserling ist weder ungeistig noch ungebildet. Die Judenfrage ist eben keine Frage der Geistigkeit und Bildung, sondern eine nationale Frage, die erfolgreich nur so behandelt werden kann, wie man eben andere nationale. Fragen behandelt. Durch Organisierung aller jüdischen Kräfte auf nationaler Basis eine Macht schaffen. Dann erst kann die Ausein* i andersetzung mit den anderen zu einem Erfolg führen. Die Geister der Bildung und Kultur pathetisch anrufen ist nutzlos. Das lehrt die zionistische Erkenntnis und der Fall des Grafen Keyserling ist eine Probe aufs Exempel. Spaltung ini Misrachi Die deutsche Landesgruppe der Weltorganisation der tboratreuen Zionisten „Misrachi" ist bekanntlich vor einigen Wochen aus der*Weltorganisation des Misrachi ausgetreten. Schon auf dem. (letzten Zionistenkongreß in Basel fiel es auf, daß die Vertreter des deutschen Misrachi, ganz im Gegensatz zur misrachistischen Majorität, für den Präsidenten Weizmann und die Fortführung seiner Politik eintraten. Nach dem Kongreß kam es dann zur Abspaltung der deutschen Gruppe. Nunmehr scheinen Bestrebungen im Zuge, auch andere Landesgruppen zum Austritte zu bewegen. Eine von den deutschen Misrachi« Führern Dr. O. Wo 1 fsberg und Dr. S. Grünberg gezeichnete Erklärung spricht dafür. In einigen Zeitungen wurde gemeldet, daß auf der deutschen Misrachi-Tagung folgender Beschluß gefaßt wurde: „Verboten ist, für den Austritt aus der misrachistischen Weltorganisation Propaganda zu machen, z. B. in der S c h w e i z und in Holland." Die oben erwähnte Erklärung stellt diesen Bericht als unzutreffend hin. Sie stellt fest, daß dieser Bericht „im Widerspruch zu der klaren Willensäußerung der Konferenz stehe. Die auf der Konferenz gefaßte Resolution gewährt, j ed em Mitglied der deutschen Landmannschaft freie Hand in der Propagieruug seines Standpunkt es." Das besagt, daß die deutschen Misrachisten die Austritts-Propaganda auch auf andere Länder zu erstrecken gedenkend "•: Wie die Nationalsozialisien den antijüdischen Boykott organisieren Berlin, 24. Dezember. In Magdeburg hat sich innerhalb der nationalsozialistischen Ortsgruppe - eine „Arbeitsgruppe für Handel und Gewerbe" gebildet, die insgeheim den Boykott der Geschäfte mit jüdischen Inhabern organisiert. In einem Rundschreiben der Ortsgruppe heißt es: „Die Arbeitsgemeinschaft hat eine Liste herausgegeben, die ich Ihnen inliegend zugehen lasse. In "dieser Liste sind alle diejenigen Geschäfte und Lieferanten aufgeführt, welche wir bei unseren Einkäufeh in erster Linie berücksichtigen müssen. Im übrigen muß ich darauf hinweisen, Haß ich in Zukunft jeden Parteigenossen, der in einem jüdischen Geschäft Einkäufe .tätigt, wegen parteischädigenden Verhaltens dem Untersuchungs- und Schlichtun gsa u s s chu ß zum Ausschluß au$ d.er Partei melden werd e." Die beigefügte Liste ist ein Heftchen von acht Seiten mit dem Titel „Branchenverzeichnis"^Darin sind Firmen aufgeführt, die als zuverlässige .^Bezugsquellen für die Nationalsozialisten gelten sollen. Leibesübungen, Sport, Antisemitismus Das Dezemberheft der „V. C.-Rundsehaji, Zeitschrift des Verbandes der T ü r n e r s c h a f t e n auf deutschen Hochschule n", enthält einen Artikel „Leibesübungen und Sport als Mittel einer Weltanschauung", in welchem u. a. ausgeführt wird: „Das Judentum willl den deutschen Mann pazifistisch international formen. Dazu bedient es sich — wieder ganz raffiniert — des „i nternationalenSport s". Darum Höchstleistun gss p o r t, darum Förderung der internationalen Wettkämpfe, der Beschickung der internationalen Spiele — und der harmlose deutsche Michel geht auch auf diesen Leim der Völkerverbrüderung und fVölkerversöhnung durch den Sport ... Dazu bemerkt die „Vossische Zeitung": „Der arme Baron de Coubertin, der Neuschöpfer der olympischen Spiele und der internationalen Sportidee, wie wird er sich wundern, „Vorspann des jüdischen Vernichtungswagens" m sein, nachdem er durch mehr als dreißig Jahre sorgfältig darauf gesehen hat, daß in sein internationales olympisches Komitee kein Jude hineinkomme." Berliner Nachrichten: Stammtisch. Die Revisionisten Berlins treffen sich jeden Diensta.tr im Cafe T e 1 s c h o w (1. Etage). Hardenbersstraüe. direkt am Bahnhof Zoo. Auch die von auswürts in Berlin eintreffenden GesinnungSsenossen werden auf diesen Stammtisch aufmerksam gemacht. Melr Großmann In Berlin. Der Vizepräsident der revisionistischen Weltunion. Herr Meir G r o ß m a n n (London)), weilte auf seiner Reise nach Warschau, wo er an der Landeskonferenz der polnischen Revisionisten teilnimmt, in Berlin. Im internen Kreise mit Revisionisten wurden dringende Fräsen und Probleme besprochen. Herr Großmann wird auch auf seiner Rückreise in Berlin weiten, um die Beratungen mit den Berliner Revisionisten fortzusetzen. Gebctstunden in den Gemelndesynagoscu am Freltas. den 1. Jänner 1932. Lützowstralic. Beginn 16.15 Uhr. Dr. Weiße: Friedens« tempel (Markgraf-Albrecht-Stralle). Beginn 16.15 Uhr. Dr. Swarensky: Lewetzowstiaße. Beginn 16.15 Uhr. Dr. Prinz; Prinzregentenstraße. Beginn 19.15 Uhr. Dr. Galliner. Brith Trumpeldor. Berlin. Wir sind in diesem Winter zum Skilauf mit zwei Gruppen ins Riesergebirge gefahren. Die Plugah Herzl befindet sich in S p i n d 1 e r m li h 1 e und die Plugah Maaraw auf der Wiesenbaude am Riesengebirgskamm. Außerdem sind mehrere Plugoth zum Winterlager in die nähere Umgebung Berlins gefahren. — Das kommende Vierteljahr wird wiederum mehrere grolle Veranstaltungen unseres In starkem Atiischwung begriffenen' Bundes sehen. Im .länuer wird Herr Dr. 0. R a b i n o w i c z. Mitglied des revisionistischen Parteirates und Ehrenmitglied des zionistischen Aktionskomitees. Uber den Stand der Brith-Trumneldor-Arbeit in den europäischen Ländern spreche«. Dr. Rabinowiez hat im Auftrag der revisionistischen Union eine Reihe europäischer Länder bereist. — Im F e b r u a r erwarten wir das Mitglied des Schilton. Hai parin, der eine Inspektionsreise durch Deutschland vornimmt. Haiparin war militärischer Marineoffizier und wird uns insbesondere in die sportliche H a c h s c h a r a h des Betar einführen. Auf kommenden Veranstaltungen wird die jetzt zusammengestellte Propagandatruppe des Betar in Aktion treten, die mit Ihren Proben bereits begonnen hat. — Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß wir die Hoffnung hegen, im Laufe des nächsten Vierteljahrs den Rosch Betar. Seew .! a b o t i n s k i, bei uns zu sehen. — Neben den größeren Veranstaltungen legen wir das Hauptgewicht auf die betarische Durchbildung unserer Plugoth. um die zahlreich zu uns gekommenen .Menschen von Anfang an in den Gedankengängen des Brith Trumpeldor zu festigen. Adresse: Hans Egen Berlin NW-"«fr Thömäsiusstraße .14.- «~ Der „H a m i s c h m a r". die Zeitung des Brith Trampeldor Mitteleuropas, ist wiederum erschienen. Die Jännernttmmer präsentiert sich in guter Aufmachung und gutem Druck.'Auf der ersten Te^tseite steht ein Artikel von Jabotinskv „Der Wesr ins J u d e n t u m". Eine ausführliche Begründung des ..Hamischmar" erfolgt in der nächsten Nummer dieses Blattes. Schriftleiter des „Hamischmar'-': Georg Zwi Berest. Berlin W. Zähringerstraße 34.- Zionistische Mahnung aus nidbtzionistisdiem Munde Vortrag eines deutsch-evangelischen Gelehrten in Kiel Es gibt bekanntlich in Deutschland einen „Reichebund jüdischer Frontsoldaten", von dem man weiß, daß ihm die Abwehr der antisemitischen Front und die Betonung jüdisch-deutschpatriotischer Loyalität am Herzen liegt. Auf dieser Linde bewegt sich auch die Erziehungsarbeit, die er seinen Mitgliedern angedeihen läßt — durch das Wort und durch die Presse. In der Ortsgruppe Kiel konnten jüngst die gewesenen jüdischen Frontsoldaten aus dem Munde des evangelischen Theologen Prof. Baumgartner einen Vortrag über England und Palästina hören. Es ist gewiß begrüßenswert, wenn sich die Ortsgruppe des Reiohsbundes über eine so zentrale jüdische Frage unterrichten lassen will, noch' däau durch einen bekannten deutschen- Gelehrten. Der Vortrag Prof. Baumgartners hat auch in der Tat belehrend gewirkt, belehrend vornehmlich für jene Kreise assimilatorisch gerichteter Juden, die zwar im allgemeinen Ermahnungen von jüdischer Seite in jüdischen Dingen nioht zugänglich sind, aber zum Nachdenken eher geneigt, wenn es von einem a utoTitativjen christlichen Menschen hervorgerufen wird.; Prof. Baumgartner ist Vorstandsmitglied xles Abwehrvereines gegen den «Antisemitismus' und in dieser Eigenschaft wohl vertraut mit dem Wesen :des Antisemitismus und mit der Technik seiner IBekänxpfung. Darum haben seine Zuhörer gewiß erwartet, daß der Vortragende, wenn er mif den Antisemitismus zu sprechen komme, für dessen Abwehr jene Mittelchen empfehlen würde, die in der Apotheke der jüdischen Bekämpfer des Antisemitismus ä la Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf Lager sind. Aber dem war nicht so. Und das, was Prof. Baumgartner anläßlich der Behandlung der e n g Iis c h «p a 1 ä s ti n e n sie ch en Frage' zu sagen hatte, war — um es vorwegzunehmen — eine tiefe Würdigung des Zionismus und seiner

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