Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 224 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711845--2906-2716231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 221 DIE NEUE WELT t^ Gruppe gemeinschaftlich mit mehreren führenden Zio. nisten aus New York eine Konferenz ab, in der ein Plan zur Förderung des jüdischen Falästinawerks aufgestellt wurde. Der Plan wird bei Zusammentritt des Kongresses der Vereinigten Staaten zu Beginn des Jahres 1932 offü ziell bekanntgegeben werden. Präsident Hoover, der schon als Händelsminister der Vereinigten Staaten im Jahre 1°22 aus Anlaß der Annahme der Resolution betreffend das Jüdische Nationalheim in Palästina durch den Kongreß def Vereinigten Staaten ein Statement erlassen hat, in welchem er dem jüdischen Aufbau in Palästina die Sympathie der regierenden Kreise der Vereinigten Staaten zum Auadruck brachte, steht auch dieser neuen Aktion zugunsten des jüdischen Werkes in Palästina mit Sympathie gegenüber. Nahum Sokolow auf dem Wege nach den Vereinigten Staaten London, 23. Dezember. (J. T. A.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Nahum Sokolow hat am 22. Dezember eine Reise nach den Vereinigten Staaten angetreten, um dort den Werbefeldzug für den KerenHajessod zu leiten. Mit ihm reist Herr Norman A n g e 11, führendes Mitglied der Arbeiterpartei und früheres Parlamentsmitglied, der eine wichtige Rolle in den Verhandlungen spielte, die der Veröffentlichung des MacDonald»Briefes als Kommentar, bzw. Richtig» Stellung des Passfield>Weißbuches vorausgingen. Amerika und die Levante-Messe in Tel-Awiw New York, 23. Dezember. (J. T. A.) Senator Wagner und Kongreßmann C e 11 e r haben dem in Amerika weilenden Jerusalemer Anwalt Max Seligman das Versprechen gegeben, dem Senat wie dem Kongreß der Vereinigten Staaten eine Bill betreffend Teilnahme der Vereinigten Staaten an der Levante*Messe in Tel#Awiw zu unterbreiten und durchzusetzen, daß die Regierung der Vereinigten Staaten für diesen Zweck eine Summe von 20.000 Dollar bewilligt. Aus Kanada Montreal, 23. Dezember. Der römisch-katholische Erzbischof von Montreal, Gauthier, hat den Rabbiner des Tempels Emanuel, J. H. Stern, im bischöflichen Palais empfangen und mit ihm Maßnahmen zur Bekämpfung derantisemitischen A g i» t a t i o n in der Provinz Quebec besprochen. Erz* bischof Gauthier erklärte, er verurteile den Antisemitis* mus und wolle Hand in Hand mit dem Rabbiner eine Aktion zur Eindämmung der antisemitischen Agitation durchführen. Rabbi J. H. Stern berichtete über diese Zu» sammenkunft in einer Sitzung des kanadischen Jewish Board of Deputies und teilte dabei mit, der Erzbischof wolle es sich besonders angelegen sein lassen, die von einem Teil der Presse betriebene antisemitische. Agitation zu bekämpfen. Der Erzbischof habe ein Exemplar des von der Jüdischen Telegraph^Agentur in New York herausgegebenen „Jewish Daily Bulletin", in welchem über einen antisemitischen Hetz* artikel des Abbe La Vergne in „L'Action C a t h o 1 i q u e" berichtet worden war, zurückbehalten, um eine Handhabe zum Einschreiten gegen die Propa» ganda eines gewissen Teils de* Klerus zu haben. Eine Erklärung des Innenministers von Kuba Havanna, 25. Dezember. Wie berichtet, hat kürz» lieb der Abgeordnete der Regierungspartei Dr. Mencia auf einem Bankett zu Ehren des früheren Außenministers Senator Francisco F^rnandez aufsehenerregende antisemitische Aeußerungen getan und unter Hinweis auf offizielle Aktionen der Vereinigten Staaten erklärt: „Wir werden uns von den dreckigen Juden nicht erwürgen lassen!" Gleichzeitig wurde be* richtet, daß die in Havanna bestehende Jüdische Kulturgesellschaft wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe aufgelöst und 800 Mitglieder derselben zur Landesverweisung vorgemerkt worden waren. In Verbindung mit diesen Vorgängen besuchte der Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agens tur den Innenminister der kubanischen Regierung Dr. Octavio Zubizareta, der ihn in Anwesenheit des Militärkommandanten L. Santiago Trucio empfing. Der Innenminister erklärte: Wir machen auf Cuba keinen Unterschied nach Rasse und Nationalität, nie hat in unserem Lande Rassenhaß geherrscht. Die jüdischen Touristen, die ins Land kommen, sind uns stets herzlich willkommen. Der Deputierte Mencia drückte weder die Gefühle der kubanischen Regierung noch die des kubanischen Volkes aus, seine Aeußerungen auf dem Bankett waren die einer Privatperson. Die Androhung der Ausweisung der 800 Mitglieder der Jüdischen Kultur*Gesellschaft wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe wurde annulliert, da sich die Annahme betreffend kommunisti» scher Umtriebe als vollkommen irrig erwiesen hat. Ich 1 UFA-TON-KINO KIHra von Nagy, Willy Misch „RONNY" Originalmusik von Immorlch Kalmar» Sondereinlage: Ufa-Jazz (Kapellm. J. Hermann) Heute, 31. Dez.: »/,9 und 3/4ll Uhr abends GROSSE SILVESTERVORSTELLUNGEN bin nun überzeugt, daß die Jüdische Kultur»Gesellschaft nichts mit Kommunismus zu tun hat, wenn auch einige ihrer Mitglieder Kommunisten sind. Ich glaube, daß die Untersuchung bald abgeschlossen sein wird und daß dann die Gesellschaft ihre Tätigkeit wieder wird aufnehmen können. (Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlags „Die Neue Welt" gestattet) Theodor Herzls Idee betreffs Marmorek§ TuberkuIose^Serum Erinnerungen an Hanf Herzl* VIII. Im folgenden Stück der Erinnerungen tritt Hans Herzls Vater für eine kurze Zeit wieder in den Vordergrund. Wir wissen nicht allein aus Max Nordaus Kongreßrede, daß Herzl sein Vermögen der zioni* stischen Bewegung geopfert hat. Aber hier findet die auf Alexander Marmorek in den publizierten Tagebüchern bezügliche Stelle eine äußerst interessante Ergänzung hinsichtlich Herzls Plan, den Ertrag von Marmoreks Tuberkulose*Serum, dessen Ent» deckung in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts großes Aufsehen erregt hatte, dem Zionismus dienstbar zu machen. Ein Teil des Ertrages nämlich sollte als Grund« stock für den von Herzl geplanten Jewish Colonial Trust dienen. Der Fanatismus, mit dem Herzl alles, was sich ihm darbot, in den Bereich der von ihm begründeten Zionisti» sehen Organisation einbezog, findet sich als Reflex bei seinem Sohn Hans, dessen hilf« reiche Bestrebungen für Nahestehende und Fremde in den kleinsten Zügen seines Lebens nachweisbar erscheinen. Als Max Nordaü gestorben war, seine Witwe und Tochter in dürftigen Verhältnissen zurückgelassen hatte — die französische Regierung hatte Nordaus Hab und Gut mit Beschlag belegt — und ein Privatfonds von seinen zionistischen Freunden geschaffen wurde, bereitete es Hans Herzl große Genugtuung, sich dieser Aktion anzuschließen. Er schrieb Briefe an eine Anzahl von Leuten, die er kannte, mit der Aufforderung, „diesen vornehmen und unglücklichen Damen" meinen Augen sehr gewann. Der Inhalt der Erzählung war eine Pogromszene: wie eine Schar erschrockener Juden mit Frauen und Kinder» in ein Krankenhaus entrinnt, um sich dort unter den Kranken zu retten. Schalom Alejchem sagte nicht seine Meinung darüber. Er sagte bloß zu seiner Frau: „Ojo, bekannte Erlebnisse vom Hotel Imperial, nicht beut* gedacht!" Er nahm das Manuskript über Nacht an sieb, und am nächsten Morgen gab er es mir zurück, ganz und gar mit rot angestrichenen Stellen an den Seitenrändern bedeckt Er setzte sich mit mir einige Stunden hin Jiddisch schreiben lernen, hauptsächlich um bei mir die litauischen Dialekteigenttimlichkeiten auszurotten, die er physisch nicht vertragen konnte. Er ging mit mir da« Manuskript Zeile für Zeile durch und gab mir hiebei eine praktische Lektion in jiddischer Grammatik, worauf ich großen „Nutzen*4 zog. Er sprach mit mir überdies auch von der sprachlichen Seite; von der Sache an sich schwieg er. Ich war aber ruhig und — wiederum nicht ruhig, jedoch glücklich-berauscht: noch spät abends schnappte ich unabsichtlich durch die Wand, die mein Zimmer von dem seinen trennte, ein paar begeisterte Worte auf, die er zu seiner Frau über meine Erzählung sagte. Wie bei allen seinen Kindern, so hielt er auch mir gegenüber mit offenen Komplimenten zurück. Sein innerer Takt gestattete ihm nicht, nahestehenden Menschen Lob in die Augen zu sagen. Er tat das auf andere Weise. Das einemal durch einen Scherz und hauptsächlich — brieflich. Er las alles, was ich damals in hebräischer Sprache geschrieben habe, und drückte darüber direkt seine Meinung nicht aus. Er sagte bloß: „Wenn Sie das auf Jiddi«ch übersetzen werden, werden wir hören können, wie Ihr Eigenes in einer menschlichen Sprache klingt" Dafür überbrachte er mir mit großem Vergnügen Grüße und Anerkennungsworte von hebräischen Lesern aus der galizischen Provinz, lieber einen solchen Gruß war Schalom Alejchem sehr entzückt. Ein kleinstädtischer galizischer Mittelstandsleser sagte ihm: „Uebergeben Sie dort einen Gruß an unseren lieben Jossei Dovid". Schalom Alejchem fragt: „Wer ist dieser Jossei Dovid?" Jener antwortet: „Was heißt? Ihr Schwiegersohn Jossei Dovid, gesund und stark soll er bleiben!" Mein kleinstädtischer Leser verfügte nach meinen Initialen selbst, daß ich Jossei Dovid zu heißen habe. Seit jenem Tag hatte ich bei Schalom Alejchem ein paar Wochen lang keinen anderen Namen als Jossei Dovid. „Wo ist er nur, unser lieber Jossei Dovid, gesund und stark soll er bleiben? .. „Pst, hier ist Jossei Dovid!" . . . „Heda, Jossei Dovid, kommen Sie mal nur her!" Meine erste jiddische Erzählung druckte ich in der Wilnaer „Zeit", die von befreundeten Leuten herausgegeben wurde, von den Herautgebern des „Kassian", von Joseph Leftwich (London) Hilfe zu leisten. (Heute sind die beiden glücklicherweife von finanziellen Nöten befreit.) » Bei dieser Gelegenheit kommt mir die Rede Nordaus, die er nach Herzls Tod auf dem Zionieten* kongreß in Basel hielt, in Erinnerung: „Für die Sache, die er zu seinem Lebensinhalt gemacht hatte, gab Herzl, ohne zu zählen. Er ver« zichtete in den wirtschaftlich ergiebigsten Lebens« jähren fast ganz auf Erwerb, um sich dem Zionismus vollständig widmen zu können; er brachte bis zum letzten Tage die schwersten Opfer für sein Ideal; er bestritt aus der eigenen Tasche die ersten Erfordernisse der Organisation, die Anfange« gehälter der Beamten, die Kosten der frühen Reisen für den Zionismus; er schuf und unterhielt jahrelang mit seinem Gelde das als notwendig erkannte Haupt» organ der Bewegung. Als er den „JudenStaat*4 schrieb, war er ein wohlhabender, beinahe reicher Mann. Als er neun Jahre später starb, hinterlieft er fast nichts als seine Aktien der Jüdischen Colonialbank. Wenn ihm seine Nächsten wegen des Verbrauches des Vermögens der Kinder Vorstellungen machten, beruhigte er sie lächelnd mit der Bemerkung: »Ich habe zu meinem Volke das Vertrauen, daß es meine Frau und Kinder nicht hungern lassen wird/ Auch dieses Vertrauen hat das jüdische Volk nicht gerechtfertigt. Seit einem Jahr demütigen wir uns und das Andenken Herzls, das uns heilig ist, und sammeln für seine Familie. Mit welchem Erfolg? Es ist bei seinem Tode viel geweint worden, man hat in Trauerreden viele Worte gemacht, aber das jüdische Volk hat bis heute der Familie noch nicht ein Drittel des Barvermögens ersetzt, das Herzl ihm geopfert hat, außer neunjähriger übermenschlicher Arbeit und außer seinem Leben." Hans Herzls Gedanken hielten zeitweise Ausschau nach der Möglichkeit, seine Familie, die sein Vater durch seine zionistische Arbeit vernachlässigt hatte, zu ver« sorgen. Ich habe unter seinen Papieren« z. B. die von ihm selbst angefertigte Kopie einer Stelle aus seines Vaters Tagebüchern gefunden, die sich auf ein be« merkenswertes Angebot dessen Freundes Dr. Alexander Marmorek, des berühmten Bakteriologen, bezieht, der damals den Impfstoff gegen die Tuberkulose entdeckt zu haben glaubte. Die Entdeckung erfüllte zwar nicht die Erwartung, und Herzl sah sie von allem An* fang als Illusion an, aber das Angebot bezeugt, wie Herzl innerlich gezwungen war, alles Geld, das sich ihm dar« bot, der zionistischen Sache einzubeziehen. Er gibt nur eine sehr kurze Andeutung bezüglich dieser Sache in Herzls publizierten Tagebüchern, die die bezeichnete Stelle nicht enthalten: „Alex Marmorek be« suchte mich vorgestern, bevor er London verließ, und bot mir 10 Prozent der Summe, die er von Reitlinger für sein Antituberkole»Serum zu bekommen hat, an. Ich wies das zurück, denn ich will von ihm keine Geldvor« teile haben. Er sagte, er denke hiebei an meine Kinder; nichtsdestoweniger, ich lehnte ab. Meine Frau macht mir nun Vorwürfe. Mag sein, daß meine Kinder, die ich so sehr meiner Erwerbchancen beraubt habe, mich eines Tages ebenfalls anklagen werden, wenn Alex' Methode für jene, die daran teilhaben, große Summen bringt Ich schrieb ihm deshalb folgenden Brief, nicht ohne ein gewisses Maß von innerem Widerstand: Mein teurer Alex! Ich war unvorsichtig genug, meiner Frau zu erzählen, ohne auch nur irgend ein Detail auszulassen, daß Sie mir die Möglichkeit, an Ihrem Unternehmen teilzuhaben, anboten und daß ich es, weil wir Freunde sind, zurückwies. Jetzt habe ich keine Ruhe von ihr; sie ist voll von Vorwürfen. In gewisser Hinsicht hat sie recht, denn es sind Vorwürfe, die ich manchmal selbst gegen mich erhebe. Ich habe seit Jahren an die weitere Zukunft meiner Kinder nicht gedacht; Ich habe ihnen sogar durch meine zionistische Arbeit ziemlich ernsten pekuniären Schaden gebracht.