Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 223 (25.12.1931)
- Date
- 1931-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Pf. 191 ■»i» OK NEUE WELT Vom „reichen Onkel in Amerika" Die Lage der amerikanischen Juden Berlin, 20. Dezember. Herr Dr. Bernhard Kehn, europäischer Direktor des American Joint Distribution Committee, ist soeben von einem mehrwöchigen Amerika-Aufenthalt nach Berlin zurückgekehrt und empfing die Vertreter der jüdischen Presse, um sie über die gegenwärtige Lage des amerikanischen'Judentums und über die Aussichten, die heute in den Vereinigten Staaten für die Werbeaktionen zugunsten des jüdischen Aufbaues ft» Europa und Palästina bestehen, zu informieren. „Meine Reise nach Amerika", sagte Dr. Bernhard Kahn, „war keine Reise um Geld. Es ist jetzt sehr schwer, in Amerika Interesse für osteuropäische Dinge zu wecken. Die wirtschaftliche Depression in Amerika selbst ist jetzt so einschneidend, daß Nachrichten über die Depression in Europa wenig Eindruck machen. Immerhin haben die ,New York Times* und andere führende Zeitungen in Amerika längere Artikel über das konstruktive jüdische Werk gebracht, die viel beachtet wurden. Das amerikanische Judentum versteht durchaus, daß man das Aufbauwerk im europäischen Osten nicht fallen lassen darf, aber im Augenblick ist dieses Judentum selbst ratlos. Alle jüdischen Kreise sind von der Krise schwer betroffen, ehemals Reiche sind jetzt vollkommen verarmt. Auch dort gibt es Menschen, die hungern. Dennoch ist es mir gelungen, Tendenzen, die der Parole: „Genug mit der Hilfeleistung für Euro pal" dienen sollten, zurückzudrängen. Die lebendige Verbindung zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Judentum bleibt erhalten, aber für rein philanthropische und kulturelle Zwecke wird kaum etwas übrig bleiben. Noch sind die Dinge in Amerika im Abwärtsgleiten, erst wenn sich die Lage stabilisiert, wird man auch für andere Dinge Interesse wecken können. Man soll sich aber nicht einbilden, daß die kommende Stabilität der alten Prosperity gleichen wird. Dieser Traum ist ausgeträumt. Es ist Zeit, die Legende vom „Reichen Onkel in Amerika" als endgültig abgetan zu betrachten. Aber es wird unter wieder normalisierten Verhältnissen leichter sein, die lebendige und befruchtende Verbindung zwischen den Juden der Alten und jenen der Neuen Welt zu erhalten. Heute besteht für die amerikanischen Juden die Gefahr, daß ihre eigenen religiösen, kulturellen und, erzieheriischen Organisationen auseinanderfallen. Dies geht ihnen näher. Es kommt hinzu, daß man gegenwärtig für sieben Millionen Arbeitslose öffentlich sammelt, um sie den Winter über erhalten zu können. Kein Jude, der etwas zu geben in der Lage ist, kann sich ausschließen. Sammlungen für Auslandszwecke können sich nicht ebenso in großer Oeffentlichkeit vollziehen. Dr. Bernhard Kahn gab auch Auskunft über den Stand der Sammlungen für das Palästina—Werk. Es ist unter den heutigen Umständen schwer, den bestehenden Jewish Agency-Kreis irgendwie nennenswert zu erweitern. Der Ertrag der Sammlungen ist deswegen ein sehr unbefriedigender. Der Palästina-Drive erbrachte 745.000 Dollar, darin sind 200.000 Dollar von der Hadassah eingeschlossen. Das ist nur ein Teil der in Basel in Aussicht genommenen Amerika-Quote. Und dieses Ergebnis war das Resultat übermenschlicher Anstrengungen und Opfer hingebungsvoller Paflästina- Freunde. Es herrscht durchaus ein warmes Verständnis für die Notwendigkeiten Palästinas, aber ein größeres Resultat war nicht zu erreichen. Es ist dadurch eine Lage geschaffen, mit der sich die europäischen Jewish Ageucy-Führer werden auseinandersetzen müssen. Mein Aufenthalt in Amerika", schloß Dr. Bernhard Kahn, »war für mich ein schweres Erlebnis. Aber ich habe den Trost, daß es mir und meinen Freunden gelungen ist, die Brücke zwischen dem Judentum in der 'Alten und dem in der Neuen Welt auch weiter zu erhalten. so daß xu gegebener Zeit eine kontinuierliche gemeinschaftliche Arbeit wieder wird aufgenommen Sirerden können," Dr. Bernhard Kahn teilte noch mit, daß im ame- Hücejnisoben Judentum ein lebendiges und warmes Ver- Stltndnii für die gegenwärtige gefahrvolle Position der Jnden in Deutschland und in Polen vorbanden ist, und daß die dort eintreffenden diesbezüglichen Nachrichten »tärkstem Interesse begegnen. Venizelos gegen den Antisemitismus Saloniki, 19. Dez. Während einer Debatte in der grie> etlichen Kammer Uber die Umtriebe der griechischen Nationalisten, in .der auch die ■schweren anti» semitischen Ausschreitungen und die Nieder* brennung des jüdischen Viertels in Saloniki durch Mitglieder des Hellenistischen Nationalver« bände« tut Sprache kamen, erklärte Ministerpräsident Venizelos: Der Hellenistische Nationalverband ist im Jahre 1937, also noch vor der Bildung der jetzigen Regie» rung, entstanden. Nach dem Krieg war der Geisteszustand •in derartiger, daß man vielleicht die Gründung eines solchen Verbandes als natürlich ansehen konnte. Heute kenn der Bestand solcher Ligen dem Staate nur zum Schaden gereichen. Die Verteidigung des Staates gegen äußere Gefahren kann nur durch den Staat selbst geschehen. Im Vetlauf seiner weiteren Rede äußerte Venteelos seine tiefe Empörung über die Aus« schreitungen gegen die Juden in Saloniki und teilte mit, daß der Sekretär des Nationalverbandes in Saloniki vom Gericht zur Verantwortung gezogen sei. Der Führer der Republikanischen Union, Papanastassiou, forderte die Auflösung des Nationalverbandes. Die Zeitung „Progrfcs" teilt mit, daß die Regierung den Oberstaatsanwalt angewiesen habe, den Hellenistischen Nationalverband zu überwachen und, falls vom Verbände irgend welche Gesetzesüberschreitungen begangen werden, ihn aufzulösen. Studentenexzesse auch in Konstantinopel. Konstantinopel, 18. Dezember. An der medizini« •chen Fakultät der Konstantinopeler Universität er# neuerten sich die Exzesse gegen die jüdischen Medizin* Studenten. Die Juden wurden von türkischen Nationa« listen attackiert und zum Teil schwer verprügelt. Die jüdische Medizinstudierende des dritten Jahrgangs Bella Anscl wurde aus der Universität hinausgeworfen. Die Professoren nahmen sich der bedrängten jüdischen Hörer an und stellten zum Protest gegen die nationalistischen Exzesse und gegen die schimpfliche Behandlung von Frl. Ansei die Vorlesungen im dritten Jahrgang der Fakultät auf einen Tag ein. P*~ Sichern Sie sidi Karten für Paul Franks TonfünuLustspiel Grand Hotel Regie: Max Neufeld Musik. Otto Stramky TÄGLICH IM; Busch-Kino, iL Körnt ner-K!no, 1. ifoydn-Kino, VI. Fiie$er-Kino, IX. Im Verl«th Deutscher Tonfilme L. Barth & Co. mmm Für jüdischen Selbstschutz. Paris, 9. Dezember. Im Festsaal des Stadthauses des IV. Pariser Bezirkes fand der zweite Kongreß des französischen Landesverbandes der Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus im Beisein von etwa 200 Delegierten aus ganz Frankreich statt. Der Präsident der Liga, Bernard Lecache, berichtete über die Bewegung für jüdischen Selbst» schütz und unterstrich das Recht der Juden auf Selbst« Schutzmaßnahmen in Ländern, in denen Regierung und Polizei gegenüber dem Appell der Pogromopfer auf staat* liehen Schutz gleichgültig bleiben, wie dies in Mexiko, Griechenland und zum Teil auch in Rumänien oft der Fall war. Auch in Frankreich, wo der Antisemit" tismus die offizielle Weihe nicht hat, wäre ein Selbst* schütz am Platze. Zwar reichen die Polizeikräfte zur Aufrechterhaltung der Ordnung hin, aber nur dort, wo die Polizei die Ordnung will. Obwohl die Stellung der französischen Behörden zum Antisemitismus zweifellos negativ ist, hat die Erfahrung uns bewiesen,* daß wir in dem aktiven Kampf gegen unsere Feinde uns am besten auf uns selbst verlassen sollten. Kampagne für die Abschaffung der Minderheiten- Autonomie in Lettland Riga, 26. Dezember. Die lettländische chauvinistische Presse führt seit einiger Zeit eine scharfe Kampagne für Abschaffung der in den internationalen Verträgen und in der Verfassung verankerten Kultur- «utonomie für die Lettland bewohnenden deutschen, jüdischen und russischen Minderheiten, und schlägt vor, die Minderheitenschuldepartements aufzuheben und die Angelegenheiten der Minderheitenschulen vom lettischen Schuldepartement erledigen zu lassen. Diese Kampagne hat auf die Haltung der Regierung bereits Wirkung ausgeübt. Der neue Unterrichtsminister hat bei einem Empfang der Presse erklärt, daß die Regierung die staatliche Subvention für die Theater der Minderheiten, so auch für das jiddische Theater, stark kürzen wird. Durch eine solche Maßnahme würde das Jiddische Theater in seiner Existenz bedroht sein. ECKSTEIN'S IIIIIIIIIIIIIIIHIItlllllllllll!:!:^!!!,,!!!!!!;,!;! FAMILIEN-PENSION MltaiiraUon, KstlvaHaui / TBgllch 3-Uhr.T«« SEMMEäING HSWJtatffir1"" Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12.- aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm¬ und Kaltwasser in jedem Zimmer. / Auskunft unter Telephon U-27-6-24 \~U S18.- S 24.- S 30.- VI!., Kolserstrafie 123 IX., Alserstnße 6 Tribüne Mißbrauch mit Eintragungen ins Goldbuch dei Jüdischen Nationalfonds (K. K. L.) Die „Neue Welt" hat vorige Woche eine Zuschrift veröffentlicht, in welcher die in den Tageszeitungen und dem Organ der Wiener allgemeinen Zionisten veröffentlichte Eintragung eines Namens ins Goldbuch des K. K. L., dessen Träger antijüdisch und antizionistisch gehandelt hat, der Leitung der Wiener Sammelstelle zum Vorwurf gemacht wird. Mit Bezug auf diese Veröffentlichung schreibt ein Leser aus London der „Neuen Welt": London, 20. Dezember 1931. An die Redaktion der „Neuen Welt", Wien. Die in der letzten Nummer der „Neuen Welt" erschienene Notiz, daß der Führer der österreichischen Sozialdemokratie Dr. Karl Renner, trotz seiner dem Judentum und dem Zionismus feindlichen Handlungen, ins Goldene Buch des K. K. L. eingetragen wurde, ist leider weder überraschend noch neu. Bei den Eintragungen ins Goldene Buch des K. K. L. handelt es sich letztens lediglich nur um die 20 Pf. St, die der Fonds zu bekommen hat. Die einzutragende Person kommt überhaupt nicht in Betracht. So geschah es z. B., daß kurz nach den Judenschlachtungen im August 1929 in Erez Israel im hiesigen „Jewish Chronicle" eine Nachricht erschien, wonach der zionistische Verein in Manchester einstimmig beschlossen hatte, den infamen Oberpolizeikommissär von Hebron, Mr. Cafferata, unter dessen „Schutz4* bekanntlich 60 Juden ermordet wurden, ins Goldene Buch der K. K. L. einzutragen. Auf meine Anfrage wurde mir erwidert, daß, nachdem die britische Regierung Herrn Cafferata auszeichnete und ihn für seine „Heldentaten" im englischen Parlament rühmte, es sich für einen zionistischen Verein geziemt, diesem Herrn die Dankbarkeit des jüdischen Volkes durch Eintragung ins Goldehe Buch des K. K. L darzubringen. Erst nachdem ich den Herren Zionisten In Manchester ganz schlagende und dokumentarische Beweise brachte, daß Mr. Cafferata ein ausgesprochener Judenfeind ist, daß er, als zu ihm eine jüdische Deputation kam, um ihn um Schutz gegen die arabischen Mörder zu bitten, sie im Korridor seines „Office" stehen ließ und sie ganz grob und beleidigend ansprach, ihr sagte, daß der ganze Schreck nur „Jewish Imagination and Impudence" sei, „ließen die Köpfe sie hangen" und gaben die ehrwürdige und patriotische Idee der Eintragung des jetzt in Tel-Awiw regierenden Herrn Cafferata auf. Mit vorzüglicher Hochachtung und Zionsgruß Jacob Sarna." * Bemerkung der Redaktion: Der Eifer, dem K. K. L. Mittel zuzuführen, ist gewiß schön, aber er darf nicht in eine „Geschäftigkeit" ausarten, welcher des Gefühls für jüdische Würde mangelt Das Goldbuch des K. K. L. ist ein E h r e n b u c h. Daran darf nie vergessen werden. Das Direktorium des Jüdischen Nationalfonds wird wohl nicht umhin können, genaue Instruktionen herauszugeben. Die angeführten Beispiele zeigen, daß nicht alle Sammelstellen und Vertreter des K. K. L. das richtige Gefühl und Verständnis für die Reinhaltung des Goldbuches aufbringen. Das Direktorium muß da Wandel schaffen, wenn nicht dem Jüdischen Nationalfonds Freunde entfremdet werden sollen, und gerade die besten. Palästinensische Einwanderung und Auswanderung im Oktober 1931 Den offiziellen Berichten zufolge betraten im Oktober 1931 3598 in Palästina wohnende Personen, 2881 Reisende (einschließlich Touristen und Pilger) und 329 neue Einwanderer das Land. Im gleichen Monat verließen temporär 291 in Palästina wohnhafte Personen, ferner 4000 Reisende und 113 Auswanderer vollständig das Land. Die 329 Einwanderer, die Palästina während des Monate betreten haben, verteilen sieb folgendermaßen: 202 Juden, 127 Nichtjuden. Unter den jüdischen Einwanderern waren 45 Personen, die zur Kategorie A gehören (Einwanderer mit Pf. St. 1000 und mehr); 84 Stellungauchende, 50 Abhängige von in Palästina wohnenden Personen und 13 zu Studienzwecken hier Weilende. Unter den niohtjüdisohen Einwanderern waren 26 Personen in religiösen Berufen, 26 zu Studienzwecken Herkommende, 17 Stellungsuchende, 29 Abhängige von in Palästina wohnhaften Personen und 28 Personen, die den Bestimmungen des Ein« Wanderungsgesetzes nicht unterliegen (darunter 15 britische Polizeibeamte).