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Die neue Welt · 1931-12-25 · Heft 223 (25.12.1931) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 223 (25.12.1931)
Date
1931-12-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite i DIB NEUE WELT Nr. 22» SMnflpitttM, atiti TmtcM ZaMungssrlttentonioi „ELPHOflA" I., DominltMtitatfei SS lElUlllll T8l.R-S4.4-ie während sie bloß ein Zwanzigstel der Bevölkerung ausmachen. Trotzdem sind diese „österreichischen Staatsbürger jüdischer Konfession" in allen öffentlichen Körperschaften untertreten, ohne Einfluß an maßgebender Stelle. Auch über diese ganz merkwürdige und sicherlich der Gerechtigkeit und Nützlichkeit dienend« Frage hat die „Neue Freie Presse" niemals gesprochen, sie hat geschwiegen, geschwiegen. Noch weiter! Auf den Hochschulen werden die jungen „österreichischen Staatsbürger jüdischer Konfession" seit Jahren von Studenten und Lehrerschaft samt den akademischen Be—horden (kein Druckfehler!) in der unerhörtesten Weise geistig und körperlich malträtiert Man nimmt ihnen alle Rechte, 6tört sie im Studium und verprügelt sie, schlägt sie blutig, raubt ihnen Ehre und Gesundheit. Die „Neue Freie Presse", welche so viele Spalten ihres wertvollen Blattes für französische, englische und amerikanische Finanz* und (ie richtsaffären zur Verfügung stellt, bringt höchsten« ganz kurze und dabei tendenziös gefärbte Berichte ohne Kommentar. Noch schlimmer als Schweigen! Aber jetzt! Aber jetzt! Jetzt nimmt sie sich der jüdischen Staatsbürger Oesterreichs anl Man will ihnen etwas rauben! Das Deutschtum! Schrecklich! Der Leitartikel vom 13. Dezember 1951 meint, durch die Er richtung der deutschen und jüdischen Studentennation werden die deutsch fühlenden Juden benachteiligt, da sie in die deutsche Gruppe nicht aufgenommen würden, in die jüdische aber nicht hinein wollen, da sie eben nicht jüdisch, sondern deutsch fühlen! Dies sei ein gewaltiges Unrecht. Belegt wird dieser Protest durch Hinweis auf die deutsche Treue der jüdischen Dichter Heine, Börne und Frankel, durch die opfervolle Haltung Fischhofs und Heinrich Spitzers. Es wird darauf hingewiesen, daß der englische Premier Disraeli, der Nation nach ein Jude, der Rassentheorie nach nie englischer Minister geworden wäre, und wenn es in England Studentennationen gegeben hätte, hätte Disraeli keiner englischen beitreten können, sondern er wäre gezwungen gewesen, Zionist zu werden. Ferner wird im allgemeinen betont, daß die Juden gleichberechtigte Bürger dieses Staates seien, daher ihnen das Recht zustände, auch an allen deutschen Organisationen teilzunehmen» Nun sind aber leider alle diese Argumente außerordentlich unglücklich gewählt. Denn Heine und Börne waren nichts weniger als Deutschenfreunde. Beide hatten eine entschiedene Liebe für das französische Wesen, beide lebten auch als reife Männer in Paris und starben dort Von Heine ist dies allgemein bekannt, von Börne, den man im aligemeinen nicht so genau kennt, will ich nur sagen, daß er seine Zeitschrift „Die Waage" in den Namen „La balance" umwandelte, daß er, wie Heine von den fortschrittlichen Gedanken Frankreichs beseelt, in seinen „Pariser Briefen" sich über deutsche Institutionen lustig machte. Diese beiden, als Dichter außerordentlich begabt, waren keine verläßlichen Menschen. $ie verließen das Judentum ebenso wie das Deutschtum und sind also durchaus keine Musterbilder deutscher Charakterfestigkeit, wie die „Neue Freie Presse" schreibt. Was wieder David August Frankl betrifft, so war dieser, ebenso wie Fischhof und der Mediziner Spitzer, Exponent der neuen Freiheit deren damaliger Träger die Studentenschaft war. Diese Freiheit suchte die Verbrüderung aller Völker. Die Frage „Deutscher oder Jude?" kam nicht in Betracht Spitzer ist nicht für das Deutschtum, sondern für die internationale Freiheit gegen die. Reaktion und Polizei Willkür gefallen. Was Disraeli betrifft so war dies eben ein englischer Staatsbürger. In England haben Juden — selbst ungetaufte —■ bis zum Ministerstuhl vordringen können, ebenso wie Schotten, Kanadier und Buren. Heute sind zwei Juden, Samuel und Lord Reading, Mitglieder des englischen Kabinetts, und der verstorbene Lord M e 1 c h e 11 (Sir Alfred Mond) war Handelsminister, zugleich ein führendes Mitglied der Zionistischen Organisation. Disraeli war Übrigens, obwohl bereits sein Vater zur anglikanischen Kirche übertrat dem Empfinden nach durch und durch Nationaljude und hat dies nicht nur in unzähligen Briefen und Redewendungen, sondern auch dadurch dokumentiert daß er an die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina gehen wollte. * Nun gelangen wir asur allgemeinen These, daß die Juden als gleichberechtigte Staatsbürger durch die Einteilung in Studentennationen Schaden erleiden werden. Da verwechselt der Schreiber im Leitartikel der „Neuen Freien Presse" offenbar die Rechte des Staatsbürgers mit der Zegehörigkeit zu einem Volke. Volk und Staat ist nicht immer dasselbe. In der Tschechoslowakei existieren innerhalb des Staates drei gleichberechtigte Völker, die Tschechen, Deutschen und Juden, in Lettland die Letten, Deutsche und Juden, in der Schweiz die Italiener, Franzosen und Deutsche. Alle diese sind vollkommen gleichberechtigte und gleichverpflichtete Staatsbürger, ohne Rücksicht darauf, welchem Volke sie angehören. Genau so wollen wir es in Oesterreich. Wir sind österreichische Staatsbürger, weil wir hier geboren sind oder längere Zeit wohnen, weil wir ans den österreichischen Gesetzen unterworfen haben, hier Steuern zahlen und alle Pflichten auf uns nehmen, die ein ordentlicher Staatsbürger auf »ich zu nehmen hat In dieser Hinsicht tut die jüdische Bevölkerung mehr als jeder andere Teil — sie ist der ruhigste, anspruchsloseste und die Öffentlichkeit am wenigstens beschäftigende Teil der gesamten Bevölkerung. Wenn man hier lange lebt seine Beziehungen hat Land und Leute kennt liebt man das Land und seine Bräuche, man liebt und schätzt seine Kultur, seine Kunst die Schönheit des Landes. Der österreichischeJudeistPatriot, wiejeder andere Staatsbürger. Aber er ist kein Deutschert Er ist keiner und braucht keiner zu sein. Es stünde schlecht um jeden Rechtsstaat, der zur Erlangung der Gleichberechtigung das Postulat aufwerfen wollte, man müßte sein Volkstum abtun und dem Volke angehören, welches die Majorität des Saates bildet Nach dieser Theorie müßten die Deutschen der Tschechoslowakei Tschechen werden und die Südtiroler Deutschen Italiener. Die „Neue Freie Presse" würde nicht fordern, da« die Deutsrhen der Tschechoslowakei sich ins tschechische Volk \ollkonuncn assimilieren, aber von den Juden Oesterreichs verlangt sie es. Wir bewußten Juden streben die Anerkennung als jüdische Minorität au. Faktisch sind wir es. Wir erleiden seit vielen hunderten Jahren die Nachteile und Härten eines rechtlosen Zustandes. Wir wollen daher diesen unausgesprochenen in einen juristisch anerkannten Zustand umändern, weil wir dann jener Minoritätsrechte teilhaftig werden müssen, welche uns völkerrechtlich nach der Legislatur der Friedensverträge zustehen. Wir sehen in der Errichtung einer jüdischen Studentennation den Anfang dieser staatlichen Anerkennung. Als anerkannte Oesterreicher lassen wir uns aber in unserer Liebe zu unserem Vaterland von keinem Deutschen übertreffen. Wir wollen zusammen den Weg gegenseitiger Achtung beschreiten. Diese Achtung muß man aber vor allem vor sich selber haben und kann man nur haben, wenn man sich selber treu bleibt RimimitmnMiimKnmmmi rramamMnN^ ^Mimmttt><HimtmmMi»mmiMtHmiiimmmui^^ SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale; IX., Bergga«se 19, Tel. A-17-3-VV u. A-16-V-34 L > e f e r a n ü r He*i an stalten I ^SJSIIHbSSbÜS^^ i unter Aufsicht des Ehrwürdigen Kabbinats der Isr K.ul- I tusgemeinde Wien I Autozusteilung kostenlo» § IX. Barggasse 15 ✓ XVIII., Wahringar»ir. 97 «ItlHItHUII IIIIII IlttMtit, iiIIIIIHIIIIIIIItlllllHIIIIMII'IIIIIIIHIIMIIMlUHinUUllllt IHIlHIfHUIlirtllllHnh. ......•NWlHHIHItlimtl? *«wuwmwiitWHwim^mmwHi>mwiiw^^ Ghettojiidi'sdies aus dem //vornehmsten" London Der Herr Minister macht sich lustig —- Der junge Lord als Debütant In der Zeit, da die britische Bürokratie den Zionismus brutal niedertrampelt, in der Zeit der Sperre der jüdischen Wanderung nach Palästina, haben die Londoner allgemeinen Zionisten zu Ehren Professor Weizmanns ein Prachtbankett veranstaltet und die höchsten Regierungsorgane, also die für antizionistischen Schandstreiche verantwortlichen Männer ergebenst eingeladen. Ganz wie im Ghetto, wo man vor hochgestellten Judenschindern demütig kroch. Nur daß es damals unter Zwang geschah 1 So war auch Herr Minister Thomas von der Arbeiterpartei geladen und ist erschienen. Minister Thomas hat noch vor wenigen Wochen den jüdischen Oberstaatsanwalt von Palästina, Bentwich, seines Amtes entheben lassen nnd auf eine Anfrage im englischen Parlament erklärt, daß die Verfügung aus „rassischen" Motiven erfolgt sei, d. h. daß sedner Aussicht nach ein Jude keine so hohe Stelle in Palästina bekleiden dürfe, daß also Bentwich gehen mußte, weil er Jude ist Mit einem solchen . Minister muß man wohl amtlich und politisch verkehren, aber ihn als Gast zu sich zu laden, ist würdelos. Der Herr Minister ist gekommen und hat »ich für die Einladung revanchiert mit einer Unverschämtheit Er hielt an Professor Weizmann eine Ansprache und sagte: „Nie entschuldigten Sie sich, daß Sie Jnde sind — weshalb sollten Sie das auch? Klar nnd entschieden sagen Sie immer: Ich bin Jude, ich bin Zionist Freilich, für Herrn Minister Thomas bedeutete das Bekenntnis zum Judentum wirklich einen besonderen Beweis von persönlichem Mut denn er wirft in Palästina Juden hinaus, wenn sie zu hoch kommen. Eine frechere Verhöhnung ist schwer vorstellbar. Aber die zionistische Presse hat sich durch den Besuch des Herrn Ministers nnd deine Ansprache sehr, sehr geehrt gefühlt! Ghetto! J In der Vorwoche veranstalteten die Londoner Agency-Zionieten eine große Versammlung. Hauptredner der junge Lord Erleigh, Sohn des Lord Reading, and Professor Brodetzky von der zionistischen Dorly Kleiner Leon Teitelbaum Wien 1. Wien II. empfehlen sich als Verlobte Wien, Im ri38 5692 I Exekutive. Schlußredner ein zionistischer Beamter. Der junge jüdische Aristokrat, dessen Verdienste um das Judentum wohl auf uns unbekannten Gebieten liegen, leistete sich folgende Rede: „Ich selbst habe ffir einen Judenstaat in Palfistina nichts übrig. Ein Judenstaat würde allen Ländern der Welt, besonders aber den Juden, viel Sorge bereiten. Auch bin ich nicht für eine unbeschränkte Einwanderung von Juden nach Palästina ohne Rücksicht auf das wirtschaftliche Fassungsvermögen des Landes. (Der Lord plappert da den englischen Antizionisten famos nach.) Palästina soll ein Heim sein für jene Juden, die noch unter mittelalterlicher Bedrückung leben. Diesen Juden ist Palästina die Wiege ihrer Rasse, Hoffnung nnd Zuflucht" Ihre „Sorge" auf uns, lieber Lord! Nach dieser Auslassung gegen den Judenstaat ging der junge Herr gegen die zionistischen „Extremis t e n", d. h. gegen die Zionisten*Revisionisten, los. Er gab der Welt die beruhigende Vorsicherung, daß diese Zionisten noch nicht die Mehrheit bilden. Daß Lord Erleigh in Palästdna Heim und Hoffnung nicht für sich, sondern für „diese" und „jene" Juden „ihrer" Rasse sieht zeigt vielleicht von aristokratischer Kinderstube. Sein unbefugtes Anrempeln der Zdonisten-Revisionisten zeigt das schon weniger. Daß die zionistische Exekutive mittut, wenn nur etwas „Aristokratisches" dabei ist, daß ihr Mitglied Professor Brodetzky die Staffage abgibt, wenn jemand gegen den Judenstaat und eine der stärksten Gruppen im Zionismus losgeht, zeigt wenig Gefühl für Würde, und noch weniger Gefühl für zionistische Verantwortlichkeit. Ghetto! Wiederum Beduinen auf Keren-Kajemeth-Boden Jerusalem, 17. Dezember. Mehrere Beduinen besetzten den dem Jüdischen Nationalfonds ge* hörenden Boden auf Wadi*Ha\varith und hinderten die jüdischen Pflüger an der Fortführung der Pflugarbeit. Sie ließen sich mit Frauen und Kindern auf dem Boden nieder und stellten Zelte auf. Die Regierung ersuchte die jüdischen Behörden, dahin zu wirken, daß die Kolonisten die Pflugarbeit bis zur Beendigung einer dringlich ein« geleiteten Aktion der Regierung einstellen. Dr. Chaim Arlosoroff erklärte sich im Namen der Jewish Agency bereit, eine Einstellung der Pflugarbeiten unter der Bedingung zu erwirken, daß die Beduinen den Boden sofort räumen. Die Entscheidung der Regierung wird jeden Augenblick erwartet. Levante-Messe in Tel-Awiw Warschau, 20. Dezember. Dde Einrichtung eines polnischen Pavillons auf der im April 1932 in Tel-Awiw zu eröffnenden Levante-Messe schreitet gut vorwärts. Eine große Reihe angesehener polnischer Textilindustrieller in Lodz, Bialystok und in anderen Industriezentren, sowie die Glashütten von Piotrkow, ebenso mehrere Firmen der chemischen Industrie haben bereits die Beschickung der Ausstellung angemeldet. Auch staatliche Unternehmungen werden die Ausstellung beschicken. Die p o 1 n i s che Handelskammer hat eine Broschüre an die polnischen Wirtschaftsführer verschickt, in der auf die Bedeutung der Levante-Messe hingewiesen und zur Beschickung derselben aufgefordert wird. London, 19. Dezember. Das Departement für Außenhandel der englischen Regierung versandte ein Kommunique" an die englische Presse, in welchem auf die außerordentliche Bedeutung der Levante-Messe in Tel-Awiw für den englischen Handel im Nahen Osten hingewiesen wird. Gleichzeitig hat das Handelsdepartement über 600 der größten englischen Firmen aufgefordert, sich an der Ausstellung zu beteiligen. Die englische Presse widmet der Ausstellung sehr viel Raum. „Times", „Manchester Gttardian", „Near East and India", „Chamber of Commerce Journal", „Textil Recorder", „British Trade Review", „Electrical Industry", „Electrical Review", „British Export Gazette", „Mining World" und andere politische und Fach-Zeltschriften bringen Artikel über die Messe. Eine Weltkonferenz der jüdischen Landwirte. Warschau, 19. Dezember. Das Präsidium des Ver> bandes der jüdischen Landwirte und Gärtner Polens „Ikar.Ganan" beschloß, im Jahre 1932 in Polen eine Weltkonferenz der jüdischen Landwirte und Gärtner zu veranstalten, in der Maßnahmen zur Stützung der jüdischen Landwirtschaft in dieser für die Landwirt« Schaft so schweren Zeit beraten werden sollen. In Polen gibt es heute 90.000 jüdische Landwirte und Gärtner, von denen nur ein kleiner Teil organisiert ist. Der Verband ist jetzt bemüht, eine straffe Organisa» tion der jüdischen Landwirte und Gärtner in Polen zu schaffen.

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