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Die neue Welt · 1931-12-18 · Heft 222 (18.12.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 222 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 222 DIE NEUE WELT Seite 5 und Montags-Zeitung" verlegt «ich aufs Bitten — man möchte doch um Gottes- und Christiwillen ihren Israeliten das Deutschtum nicht rauben. Sie bettelt und appelliert. Sie appelliert an das „freiheitliche Bürgertum", an die freidenkerischen sozialdemokratischen Führer Seitz, Danneberg und Leuthner, sie appelliert an faßt alle Österreichisclien Minister, an die Christlichsoziale Partei, an einen „Maua von hervorragenden Qualitäten des Geistes und des Herzen«, einen Priester Gottes, voc dem jeder, welchen Glaubens p.r auch sein mag, in Ehrfurcht den Hut lüften muß, an den Kardinal Fürsterzbischof Dr. Piff 1", sie appelliert an die, welche ihre Söhne in Schmerzen zur Welt gebracht haben, an die — M ü 11 e r. Als der Unterrichtsminister mit dem tschechischen Namen Czermak die Bitte, in den Juden keine Juden zu sehen, nicht erhörte, wurde die Montags-Zeitung mutig bis zum Hohn, indem sie durch einen journalistischen Paradechristen dem Unterrichteminister zurufen läßt: „Pan Czermak". Forscher als das „Neue W i e n c r T a g e b 1 a 11", das in ähnlicher liberaler Melodie wie die „Neue Freie Presse" über das Wesen des Volkstums ein Kolleg hält, tritt der Wiener „Tag" auf. Das Mischprodukt aus Liberalismus und Sozialdemokratie fällt ganz einfach über den Unterrichtsminister her, nennt ihn „mittelmäßig, unterdurchschnittlich, verständnislos", und erspart sich so jede Argumentation. In diesem Chor bettelnder, schimpfender, überzeugender, geifernder, drohender Stimmen, in diesem Chor am „Judenpunkt" ertappter Israeliten kann selbstverständlich die Wiener „A r b e i t e r - Z e i t u n g" nidit fehlen. Sie hat schon seinerzeit, als Merkzeichen einer naturnotwendig kommenden studentischen Scheidung sichtbar wurden, da6 Stichwort zum Kampf gegeben. Sie fühlt es in allen Gliedern, daß eine säuberliche Souderung von Juden und Deutschen an den österreichischen Hochschulen hier ihre Anhängerschaft stark zusammenschmelzen machen wird, in einem Augenblick, wo die Machtsphäre die Gesinnung nicht mehr korrigieren kann. Was Wunder, daß zum erstenmal seit Bestand der österreichischen Republik von einem sozialdemokratischen Führer, dem Nationalrat Karl Leut.hner, im Parlament bisher ungewohnte judenfreundliohe Töne angeschlagen . wurden, natürlich im Sinne der ' israelitisch-liberalen „Antirasse"-Ar.gumentation. Also nicht mehr Hakenkreuzler und Hakennäsler, sondern brave deutsche Volksgenossen, die mit den anderen Deutschen Oesterreichs aufs innigste verschmolzen,, sind. P.e^y^^^^-im^r^. hat. offentlicbL. die Anerkennung der Juden als Volk ausgesprochen, die „R e i c h s p o s t", das Organ der Regierung, stellt fest: „Wieso „A n t is e m i t i s m u s", da doch den jüdischen Studenten im Studentenreeht der gloiche Anspruch auf Gründung einer eigenen „Studentenschaft" gewahrt ist und eine alte Forderung der Jüdisch nationalen ihre Erfüllung findet? Wieso „Rassenhaß", da doch jedes Volk oder, wenn man es lieber hört, jede „Rasse" das gleiche Recht erhält? Obendrein soll allen jenen, deren nationales Bekenntnis zu einer bestimmten Studentenschaft mit Recht oder zu Unrecht nicht anerkannt wurde, die Möglichkeit gesichert werden, zusammen mit den restlichen nationalen Splittern eine eigene, völlig gleichberephtigte Studentenschaft zu bilden. Was würde also schlimmstenfalls, nämlich wenn tatsächlich nicht Billigkeit; sondern Willkür über die Anmeldungen entscheiden wurde, geschehen? Die Zurückgewiesenen würden keineswegs in ihren Rechten beeinträchtigt, sie können sich unverweilt , zra einer ergänzenden „Studentenschaft vers c h i e d e n e r V p l k s z u g e h ö r i g k e i t" zusammenschließen und hier ganz nach ihren nationalen Bedürfnissen mit ungeschmälerter Gleichberechtigung winken/' Eine jüdisch nationale, eine zionistische Organisation sollte das wohl zur Kenntnis nehmen; die Anerkennung eines jüdischen Postulats mit Ruhe quittieren; die assimilatorische Hysterie als solche entlarven. Das „Zionistische Landeskomitee für Oesterreich" hat auch das Wort ergriffen. Der Aufruf, den es am 3. Dezember in seinem Organ erscheinen ließ, lehnt das nationale Studentenrecht auf Basis der Gleichberechtigung ab als , mittelbaren oder unmittelbaren Zwang zu einem nationalen Bekenntnis*. Dasselbe Organ, „Die Stimme" vom 10. Dezember, läßt der in genanntem Aufruf niedergelegten „Politik" das historische Wissen folgen: wer da alles Jud, mit Juden verheiratet, mit Juden versippt, mit Juden verwechselbar war. Wenn die „Neue Freie Presse'* Heine und Börne und die Männer der 1848er Revolution gegen das nationale Studentenrecht anführt, wehrt sich die „zionistische" Stimme ebenso tapfer dagegen, . daß Judenstämmlinge „ans den Heiken der deutschen Studentenschaft" ausgestoßen werden könnten. Und sie kann es nicht verwinden. Nicht verwinden, daß man Juden zu dem Bekenntnis ihrer wahren Nationalität verhalten, Judenstämmlinge aus dem Deutschtum verweisen könnte. Daß ihr historisches Wissen ebenso mangelhaft ist .wie ihre Politik, vermag die sonderbare zionistische Einstellung — identisch ungefähr mit dem jüdischen Weltblick der assimilatorischen »Union österreichischer Juden" -r nicht pikanter zu machen; auch dadurch nicht, daß eben diese „Union" in ihrem Organ „Die Wahrheit44 untere „zionistischen" Freunde vom Landeskomitee verhöhnt, weil sie, die Herren vom Landeskomittee, der Union in ihr geheiligtes autochtones Handwerk, das „Abwehr des Nationalismus" heißt, hineinpfuschen. Die Frucht dreißigjähriger zionistischer Gedankenarbeit ist bei manchem dieser Komitee-Herren erstaunlich. Aber man überschätze nicht das „zionistische" Satyrspiel, das da auf die assimilatorische Tragikomödie folgt. Es verbirgt sich nämlich hinter dem pompösen Titel „Zionistischer Landesverband für Oesterreich" (Zionistisches Landeskomitee) die weniger pompöse Tatsache, daß dieser Verband nur einen Bruchteil der Zionisteu Oesterreichs vertritt, und die Allgemeinen Zionisten mögen sich mit der „zionistischen" Haltung ihrer Leitung und ihres Organs auseinandersetzen — das ist ihre Sache. Die zionistische Studentenschaft hat in zahlreichen Kundgebungen ihren Willen deklariert. Der Ring der Alten-Herren-Verbände hat der österreichischen Regierung eine Entschließung übermittelt, in der er sich mit der Bildung von Studentenschaften auf nationaler Grundlage nach dem Grundsatz voller Gleichberechtigung einverstanden erklärt, unter gleichzeitiger Ablehnung der Einrichtung einer „Volksbürgerschaft", welche Bürger minderen Rechtes schafft. Die revisionistische Studentenschaft hat eine Resolution gleidier Tendenz gefaßt, kurz, die überwältigende Mehrheit der jüdischen Studentenschaft hat gegen eine gleichberechtigte jüdische Studentennation nichts einzuwenden. Der Gedanke, welchen die Zionisten-Revisionisten von Anfang an dem Landeskomitee und den zionistischen Kultusmandataren gegenüber eingenommen haben, hat sich Bahn gebrochen. Die Lage ist also eindeutig. mtmmmmmmmmmmmmmmmmaatmmmmammm Einen Wunsch gibt es, den können S»e Ihrem Kinde sogar diesmal erfüllen. Das ist die Voigtländer-Jubilar*Kamera, die es schon Immer i.aben wollte Die Voigtländer-Jubilar ist eine praktische 6X9 Fi'm-Klapp-Kamera und kostet In einer hübschen Geschenk Packung (samt 2 höchstempfindlichen 23* Sch.-Filmen) nur S 63.— Was w'rd das für eine Freude sein, wenn Ihr Kind unter dem We hnachtsbaum die erste Aufnahme matht Volgtländer-Kameras erhalten Sie in jeder Photohandlung. 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Gerade die Vielseitigkeit seiner geistigen Interessen bestätigt im letzten Grunde das vergebliche Bemühen, in Philosophie und Religion seelischen Halt zu finden. In den Jahren, da ich Hans karinte, war er sehr arm. Es gibt eine Stelle in seinen Aufzeichnungen, wo •er sich selbst wegen seiner „Verstecktheit" ans klagt. „Ich mache zwecklos Spaziergänge durch die Straßen", fährt er fort „und starre in die Schaufenster, und es peinigt mich, daß ich viele Dinge nicht besitze, hauptsächlich Genußmittel." „Wenn ich 3 Pfund wöchentlich hätte", bemerkt er, „würde ich 3 Shilling und 5 Pence täglich für Nahrung ausgeben, wobei noch etwas für die Armen abfiele." Und er fährt fort, seine weiteren Ausgaben anzuführen, wobei er es bis zu 2.15 Pfund bringt, „was eine Erspar* nis von 2.10 Pfund in zehn Wochen ergäbe". „Das ist alles sehr schön", schließt er, „aber ich sollte mein Herz nicht daran setzen, sondern nehmen, was ich habe." Bajd darauf beklagt er sich wegen der unnötigen Ausgabe eines Shillings, „denn ich kann einen solchen Shilling schwer entbehren". Hans hatte zuzeiten einen geringen Nahrungs» konsum. Seine Behausungen waren sehr armselig, und oft quälte es ihn, daß er die Miete für sein Quartier nicht zahlen konnte. Er lebte in einem städtischen Heim (Klub) und der Verwalter erzählte meiner Frau, wie oft er zu ihm kam, um ihn um einen kleinen Zahlungs* auf s c b u b su bitten, wiewohl kein» AV 'cht bestand, von Joseph Leftwich (London) ihn an die Zahlung zu erinnern. Aber er war zu empfindlich, um zu warten, bis man ihn auffordern würde. Er tat allerlei, um sich sein Brot zu verdienen. Er war Nachhilfslehrer für Deutsch bei einem bekannten Diplomaten und Zivildienstsinstitut, wo einer seiner Schüler Lord Douglas Hamilton war. Er war zeitweiliger stellvertretender Lehrer für Französisch in einer Lehrerausbildungsschule für Knaben; er gab auch Privatstunden und unterrichtete Deutsch an einer Schule für Abendkurse. Im Jahre 1927 bis 1928 war er auch Instruktor ia der Deutsch*Klasse bei der Admiralität, und das Zeugnis spricht davon, daß er „während dieser Zeit sich als unermüdlicher, kenntnisreicher und anfeuernder Lehrer erwiesen habe, und daß die Tatsache, sein Werk nicht fortsetzen zu können, von allen Mitgliedern sehr be* dauert wird". Er durchsuchte die Tageszeitungen nach offenen Stellen, schrieb sich Kopien von Inseraten heraus, auf die er mit Angeboten erwiderte, wie z. B. auf folgende Anzeige: „Ein amerikanischer Autor und seine Frau mit 7 Jahre altem Sohn, in England erzogen, unternehmen mit nicht gebundener koute eine Welt* reise, die ein Jahr lang dauern wird. Sie suchen für ihren Knaben eine absolut verläßliche Person, Mann oder Frau, unter 35 Jahren, die perfekt Französisch spricht, entweder für Lateinunterricht oder zur Beaufs sichtigung des Sohnes in Pekin (U. S. A.) für die Zeit, da die Eltern sich auf der Reise befinden." Ich würde gerne von Sinclair Lewis — denn er war der Inserent — herausbekommen, weshalb Hans die Stelle nicht erhielt. Er versuchte auch einen Posten für Französisch und Deutsch an der Londoner Schule für Oekonomie zu bekommen, und er widmete Uebersetzungen aus dem Englischen und ins Englische, Französische, Deutsche viel Aufmerksamkeit. Er empfing, im Jahre 1914 auf der Universität Cambridge den Titel B. A. (Bakkalaureus der Freien Künste) und seine .Karriere wurde dort anfangs als aussichtsreich angesehen. Aber er er* litt einen Nervenzusammenbruch und die An: nähme bestätigte sich nicht. Ein Zeitgenosse seiner Cambridger Tage beschreibt ihn mir gegenüber für die Zeit vor dem Nerven« Zusammenbruch als außerordentlich feinem Menschen, zufrieden und liebenswürdig, mit gutem Einkommen (vom Fonds für die Kinder Herzls, de? von den Zionisten nach Herzls Tod gegründet wurde) und, wie von einer Photographie aus dieser Periode, die sich in seinem Besitz befindet, zu schließen, ein gut aus» sehender junger Mann, ohne eine Spur jener brütenden Armesündererscheinung, die für ihn später so charakteristisch war. Die Psychoanalyse mag einiges mit seiner Verwirrung zu tun haben. Dehn er war einer von Siegmund Freuds frühen Patten« ten und manchmal geneigt, die Schuld für seinen geistigen „Wirrwarr" „dem Stachel au gebender /*-

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