Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 221 (11.12.1931)
- Date
- 1931-12-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE NEÜE WELT W**t S18.- S 24.- S 30.- mi„ Kaiserstraße 123 IX.. fllserstrcBc 6 Palästina angesiedelt wurden. Und auch diese sind trotz der wahrhaft heroischen Opferwilligkeit der Arbeiter noch heute auf Unterstützung angewiesen. Tat* sache ist, daß durch den jüdischen Mittelstand, den Herr Locker verächtlich beiseite schiebt, die land» wirtschaftliche, gewerbliche und kommerzielle Kolonisa* tion geschaffen wurde, welche die Bewunderung der ganzen Welt erregt und den Massenzuzug von Arbeitern überhaupt erst möglich macht. Vom Standpunkte der Schaffung eines jüdischen Palästina besehen, ist die von Herrn Looker und seinen Freunden betriebene Politik fruchtlös, unsinnig. Ebenso unsinnig ist es, die Zionisten» Revisionisten „reaktionär" zu nennen, weil sie gegen diese selbstmörderische Politik Stellung nehmen. Die PoKzeimfeere in Palästina Aus Palästina wird der „Neuen Welt" geschrieben: Die Tätigkeit, beziehungsweise Untätigkeit der britischen Polizeikommandanten bildet den Gegenstand der Er» bitterung in den Kreisen der hiesigen Bevölkerung. Die Sicherheit, deren sich Palästina immer rühmen konnte, ist bedroht. Vor einigen Monaten ver> schwanden zwei Juden in unserem kleinen Lande, ein junger Mann und ein Mädchen. Die Polizei, welche nicht scharf genug sein kann, wenn es sich nicht ums Leben, sondern -nur um das Prestige eines englischen Beamten handelt, legte wenig Energie an den Tag, ob* zwar das Verschwinden der jungen Menschen bange Ahnungen hervorrief. Als sich nichts rührte, beschloß die jüdische Gesellschaft, auf eigene Faust vorzu* gehen. Man stellte Geld zur Verfügung und siehe da, nach kurzen Bemühungen einiger jüdischer Bürger gelang die Aufklärung der entsetzlichen Angelegenheit. Bald fand man die geschändeten und verstümmelten Leichen der Opfer und auch die Täter. Die jüdische Bevölkerung fragt: „Zahlen wir hohe Steuern für Polizeizwecke, um schließlich zur Selbsthilfe greifen und Prämien aus eigener Tasche zahlen, selbst Polizei spielen zu müssen? Sollen wir ruhig zusehen, wie eine Polizei, die so viel kostet, so wenig tut? Die jüdische Aufbauarbeit hat Zivilisation und Sicherheit ins Land gebracht. Wir sind stolz darauf! Soll durch das krasse Versagen der Polizei in Einzelfällen dieser kostbare Ruf des Landes gefährdet werden?" * Aus Palästina wird gemeldet: Auf der von Jerusalem nach Jericho füh< renden Straße wurde eine Ausflugsgesellschaft, die sich aus mehreren prominenten Ausländern, hauptsächlich Engländern, und Angehörigen der Jerusalemer Christ* liehen Gesellschaft zusammensetzte, von einer arabi* sehen Räuberbande überfallen und ausgeraubt. Die aus etwa 30 Personen bestehende Gesellschaft, in der sich der Direktor des Jerusalemer Hospitals für Augenkrankheiten, Dr. Strathearn, die Direktorin des Jerusalemer MädchensKollegs, Miss Coates, und die Tochter des anglikanischen Bischofs von Jeru* saleni befanden, reiste in 12 Autos, als plötzlich die Chauffeure von bewaffneten Banditen zum Halten ge* zwungen wurden. Die Räuber nahmen den Ausflüglern alles Geld und alle Wertsachen ab und zogen den mit* reisenden Frauen sogar die Ringe von den Fingern ab. Einige Chauffeure und männliche Mitglieder der Reise* gesellschaft, die Widerstand zu leisten versuchten, wurden schwer verprügelt. Die Leitung der palä* stinensischen Polizei hat eine große Aktion zur Vor« folgung der Räuberbande eingeleitet. 29 Revisionisten wegen Propaganda gegen cHe Volkszählung verurteilt Jerusalem, 4. Dezember. Das Haifaer Gericht verurteilte 29 Zianißten-Revisdonißten wegen Propaganda gegen die Volkszählung zu je 2 2 Schilling Geldstrafe, im Nichfeinforingung&falle zu je zehn Tagen Gefängnis. Neun der Verurteilten leisteten die Geldbuße, die üb rügen zwanzig zogen die Gefängnisstrafe vor. In gaaz Palastina sind etwa 100 junge Leute wegen Agitation gegen die Volkszählung mit Geld- oder Gefängnisstrafen belegt woiden. Vier ausländische Juden Mitglieder de« Consistoire Juif Paris, 5. Dezember. Die soeben in Paris etattgefuadene Jahreevereaminxlung des Consistoire Juif (Koasäjtoriuan der jüdischen Gemeinden Frankreichs) veriief ©ehr st ürmisch. Zum ereten Male in der Geschichte des Konsistoriums standen ausländische Jaden srar Wahl ab Mitglieder dieser Körperschaft. Eine taoohl Redner wandte sich gegen die Wahl von andern ta die oberste jijküsche Behörde Frankreichs, die ihrdr Meinung nach einer „Fremden- Invasion" gleichkäme. Ein Mitglied dfs Konsistoriums unterstrich meinen Protest sogar durch Bekanntgabe seines Rücktritts. Diese Gruppe blieb aber in der Minderheit. Der Präsident des Konsistoriums erklärte, bei der Wahl käme es einzig und alkin auf die Religionszugehörigkeit an. Schließlich wurden vier ausländische. Juden, unter ihnen Baron Alfred Ginsbourg und der Zionistenführer Jizschak Naiditsch, zu Mitgliedern des Konsistoriums gewählt. Attacke gegen ausländische jüdische Studierende an der Universität Preßburg Hörer der juridischen Fakultät der Uni* versität Preßburg erschienen in größerer Zahl im Gebäude der medizinischen Fakultät und nahmen am Eingang zum Anatomiesaal Legitimierungen vor. Die aus der Slowakei stammenden jüdischen Studenten wurden in den Saal gelassen, dagegen wurden alle aus Polen stammenden jüdischen Hörer am Betreten des Saales verhindert. Die slowakischen Studenten behaupten, sie seien zu ihrem Schritt durch jüdische Provokationen veranlaßt worden. Die zurück« gewiesenen jüdischen Studenten legten beim Dekan Protest gegen das Verhalten der slowakischen Studenten ein. Der Abgeordnete Doktor Julius R e i s z inter« venierte beim Rektorat und Dekanat und bei den Be« hÖrden und wendete sich telegraphisch an den Minister Doktor Derer. Die judenfeindliche Bewegung an der Universität ist abgeflaut 'und wird hoffentlich, wie die Numerus*clausus*Bewegung vor zwei Jahren, keine weiteren Kreise ziehen. \ Y\) ^%9X, > *^vUO^ „V ^ct>^f<s >^e<*O<\o<^0S, " -tf^Ae*** %e»- * »e\ " «i**e < ^\ *s * >^ V«? MARIAHILFERSTR. 71 (Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlags „Die Neue Welt" gestatttt. Zwischen Willen und Tat Erinnerungen an Han§ Herzt, Hans Herzls Kampf um Gott, von dem der 4. Abs schnitt der Erinnerungen erzählt, trug nicht nur die Merk* male seelischer Skrupel, des Willens, sich in irgend einer auch äußerlich sich manifestierenden religiösen Sekte ver* ankern zu können; er trug auch den Charakter einer wissenschaftlichen Fundierung, wovon sein eifriges Buchstudium Zeugnis ablegt. Ein hervorstechender Zug seines Wesens war die Sucht des Intellektuellen, in Büchern die Wahrheit zu suchen; und darum vergrub er sich in eine Unmasse von Literatur über religiöse und metaphysische Probleme. So erscheint Hans Herzl als kontemplative Natur, dieweltfremd und inaktiv der Sehnsucht nach Wissen iteben "Sollte, wenn nicht Armut seinen ohnehin schwanken Seelenzustand noch mehr koms pliziert hätte. Darüber werden die weiteren Erinnerungen Leftwichs Aufschluß geben. V. •'. „Hans Herzl", so schrieb Zangwill, „wurde im Glauben erzogen, daß die Juden, kraft der N a t i o« n a 1 i t ä t. Juden sind und daß deshalb der Jude, ob er auch Atheist oder Christ sei, immer noch Jude* sei." — „In der Tat, ich stelle mir vor", schrieb Dr. Claude G. Montefiore, „daß für manchen jüdischen Nationalisten Gerhard Lamprecht, der große deutsche Regisseur, verfilmte Erich Kästners berühmten Roman EmilunddeDetektive Der originellste Tonfilm des Jahres Manuskript: Bllli Wilder.Produktion; aanther Stancnhorst In den Hauptrollen: Frifs Rasp. KSfthe Haack, Rolf Wenkhaut, Inga Landgut. Hans SchauluB Ab 12. Dezember täglich: Gartenbau-Kino I. Ufa-Ton-Kino II. Stafa-Kino VII. Kolosseum-Kino IX. ein jüdischer Atheist, der ein jüdischer Nationalist ist, einen .besseren1 Juden bedeutet als ich, der Theist, oder anders: Ich stelle mir vor, daß der Nationalist, der dafür hält, ein jüdischer Atheist könne ein ausgezeichneter Jude sein, den Boden für die Taufe bereitet." Hans Herzls Leben zeigt, wie gefährlich es für Eltern ist, die selbst keinen Glauben haben, ihre Kinder in einem geistigen Vakuum aufwachsen zu lassen, so daß, wenn diese älter werden und gleich Hans Herzl finden, daß für sie „Religion wesentlich" ist, sie dem ersten retiV giösen Einfluß, der ihnen begegnet, offen sind. Und da solche Kinder hievon keine wirkliche Vorstellung haben, laufen sie Gefahr, zu werden, was Hans Herzl für sich als „Dahintreiben" bezeichnete oder, wie Pater Day es mir gegenüber nannte, ein „Wackler". Er war obendrein mit der furchtbaren Fähigkeit behaftet, ums Eck zu sehen, so daß er, kaum scheinbar im Hafen angelangt, das Schiff aus dem Hafen fortziehen sah und versucht war, ihm in andere Häfen zu folgen. „Nur Verstand und kein Wille", schreibt er über sich, „von jedem Wind, der bläst, gerüttelt." Man kann sagen, daß er geistig so zerschlagen und auf der Suche nach Heilung war, daß es keinen Quacksalber gab, mit dem er e« nicht versuchte, vorausgesetzt, daß dieser betreffs der Heilung tateächHch Balsam geben konnte. Oder, um cm« von Joseph Leffwfch (London) andere Metapher zu gebrauchen: Er glich einem Kompaß, dessen Nadel sich geschäftig um den Kreis religiöer Erfahrung dreht, aber dessen Mittelpunkt von der Be« mühung fixiert ist, religiösen Frieden zu finden. Ich fand unter seinen Effekten Stöße religiöser Bücher und Streitschriften, katholischer, jüdischer, baptistischer, QuäkersLiteratur, Gebetbücher aller Konfess sionen, einschließlich mehrerer hebräischer Gebetbücher, Teffilin und zwei Tallethim und Briefe von religiösen Menschen aller Art, von Priestern, Geistlichen und anderen, darunter eine große Zahl Briefe von Juden ohne besondere Einstellung, die darüber gekränkt waren, daß Herzls Sohn in die Irre gegangen war, alle mit der Intention, ihn auf den rechten Weg zu führen. „Ich habe meinen Trost in menschliche Wesen gesetzt anstatt in Gott", schrieb Hans Herzl. „Da diese menschlichen Wesen Religionsfunktionäre waren, dachte ich, mich auf Gott zu stützen/' Die Gottsüche war. die Leidenschaft Hans Herzls, und seine immense Lektüre bezog sich auf Religionsphüo* sophie und Metaphysik. Er war ein subtiler Leser und dunkle Stellen bedeuteten viel füf ihn. Er analysierte sorgfältig Wendungen und trieb über ihre exakte Be* deutung Haarspalterei. Ein an unrichtiger Stelle gebrauchtes Wort verursachte ihm Pein. Er war zwar au ernst, um Kasuist zu sein, aber unter anderen Bedin* gungen und in anderem Milieu hätte dieser Geistestyp an talmudischen Studien Befriedigung gefunden, sich m Pilpul geschärft. Er studierte fleißig seine Philosophen und beschäf* tigte sich in Marginal-Disputationen mit ihnen, indem er an den Rand schrieb, wo er sich mit ihnen in Meinungss Verschiedenheit befand. „Wollen und Freisein", sagt einer seiner Philosophen, „ist ein und dasselbe Ding. Ein Wille, der nicht frei ist, wäre ein Wille, den man in eine Tat nicht umsetzen könnte, also überhaupt kein Wille." „Das ist kein zwingender Schluß", notiert Hans, an seinen eigenen.Fall denkend. „Wir können wohl einen Willen haben, aber nicht die Kraft, seinen Inhalt zu ver» wirklichen, und mögen so nicht frei sein, wenn wir es auch wollten." Hans Herzl war kein aktiver, unternehmender Mensch, der sieh seinen. Weg in der Welt gegen widrige Umstände erkämpfen und so ans Ziel gelangen konnte. Er war eher kontemplativ und irgendwie träge. Das Sttu dium und die Bibliothek waren sein Schlachtfeld. Er konnte nie ohne Bücher sein, und selbst während seines Dienstes in der britischen Armee im Weltkrieg schrieb er an eine berühmte Londoner Bibliothek um Aufnahme als Mit« glied (das er bis zu seinem Ende blieb), und nach seinem Tod gab ich dieser Bibliothek jenen Band zurück, mit dem er sich zuletzt beschäftigt hatte. In diesem Brief führte er aus: „Da Ich meine militärischen Pflichten er« fülle, habe ich selbst nicht die Möglichkeit, den Katalog zu befragen.'" Er verlangte eine Anzahl Bücher über „Philosophie, Geschichte und hauptsächlich Soziologie mit ihren verwandten Disziplinen". Damit hängt zusammen, was er mir einst sagte, daß er, hätte er ein regelmäßiges gesichertes Ein« kommen von drei Pfund wöchentlich, sein Leben dem Studium der Philosopohie weihen würde. Und das bringt, mich zum Kapitel semer A*ra*t. (Wefcore Artikel foige».^