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Die neue Welt · 1931-12-11 · Heft 221 (11.12.1931) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 221 (11.12.1931)
Date
1931-12-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Üäi DIE NEUE WELT Jh. au Aus Deutschland Beilage der »Neuen Well« für Deutschland Pflialredaktioit und Administration t »Neue Well«, Berlin C2, Burgstraße »/IV, Nr* 67 ^MIIIHIIIIIIIIIi™^ Vor Enttäuschung und Furcht verrückt Flucht hinters Hakenkreuz — Bajuvaren, Israeliten, Schwaben. Dann folgte ein Flötensolo . . . Der assimilitatorisch eingestellte Teil der Judenschaft Deutschlands — leider ein se^r großer Teil — ist in Verzweiflung geraten. Furcht vor dem jähen Auf« steigen des Hakenkreuzes und mehr noch die E n t« täuschung angesichts der fast einstimmigen Ablehs nung, welche das nationaldeutsch tuende Judentum seis tens der deutschen Gesellschaft erfährt, haben eine trost« lose Stimmung erzeugt. Nach dem Umsturz glaubten die Assimilationsjuden, die Herren vom Zentralverein t deute scher Staatsbürger israelitischen Glaubens und vom Verband liberaler Juden, es gäbe keine Judenfrage mehr in Deutschland. Einige Juden oder Judenstämmlinge ere langten hohe Beamtenposten, wurden Professoren und gar Minister, in der Journalistik und auf dem Theater Deutschlands erwuchsen israelitische „Prominente" in großer Zahl. Damit glaubte man den Eintritt in die deutsche Nation und in die deutsche Gesellschaft end« gültig vollzogen. Man blickte verächtlich auf die Dros hungen der „verrannten deutschen Reaktionäre", welche den Leuten vom Kurfürstendamm nicht Anerkennung als Germanen zubilligen wollen, und geringschätzig auf die gottverlassenen Zionisten, welche daran glauben, daß ein Jude treuer Bürger der deutschen Republik sein kann, aber nicht daran glauben, daß der Jude ein Deutschstäm« miger, ein Angehöriger der deutschen Nation ist. Der antisemitische Orkan, welcher Deutschland jetzt durch* tobt, hat die Assimilationsjuden aus ihren schönsten Träumen gerissen und in hilflose Verzweiflung geworfen. Um die verlorene — besser gesagt, nie besetzte — Posis tion zu retten, tun sie Dinge, die einfach verrückt sind. Sonst sehr gescheite Männer gebärden sich in einer Weise, die lächerlich und mitleiderregend wirkt. Ein Teil der jüdischen Gesellschaft, allerdings ein kleiner, hat sich hinter das Hakenkreuz geflüchtet. Der „Verband nationaldeutscher Juden" hat das nationalsozialistische Programm angenommen, ist für Diktatur, Entrechtung der „Fremden", Austreibung der Ostjuden, Behandlung der Zionisten als Landesverräter, Verweigerung der Reparationen usw. Sein Führer, Herr Dr. Naumann, weiß sich Zugang zu gewissen { Rechtsblättern zu verschaffen. Wie dieses Gehaben auf j die Außenwelt wirkt, zeigt ein Artikel in der „Deutschen j Republik", welcher den Titel „Hausjuden der .nationalen' j Opposition" trägt. Da heißt es: „Sie wundern sich, aber es gibt solche merk? j würdige Käuze. Es gibt Leute, die charakterlos j genug sind, sich zur »nationalen' Opposition zu [ bekennen, obwohl sie Juden sind, und die sich j gar nicht schämen, auch öffentlich diesen Standpunkt einzunehmen. Da gibt es einen Verband ,N a t i o n a ls deutscher Juden1, an dessen Spitze in Berlin Rechtsanwalt Dr. Max Naumann steht. Dieser Herr schrieb kürzlich im ,Lokalanzeiger\ Hugenbergs einen Artikel über die .Rechtssicherheit' in Deutschland und kam dabei zu der Feststellung, daß Deutschland kein Rechtsstaat mehr ist. Womit er wahrscheinlich recht hat, obwohl er an seinem Ort bestimmt nicht recht hat. Aber, daß der ,nationaldeutsche' Jude Max Naumann im Hugenbergschen »Lokalanzeiger* schreiben kann, das ist kennzeichnend!" * Aber der Verband nationaldeutscher Juden" ist klein und Herr Dr. Naumann keine sehr wichtige Pers sönlichkeit. Dafür ist der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sehr groß und sein Vizepräsident Herr Georg Bernhard — früher Allmächs tiger der „Vossischen Zeitung" und jetzt Professor — ein fehr gewichtiger Mann. Und doch handeln der große Zentralverein und der wichtige Georg Bernhard nicht um ein Jota wehiger lächerlich als der kleine Verband mit dem unwichtigen Dr. Naumann. Um der Judennot abzus helfen, veranstaltete der Zentralverein einen „Deutschen Kulturtag" in größter Aufmachung. Ein Dutzend Redner beteuerten, daß sie vollwertige Angehörige der deutschen Nation seien, nur Verbrecher und Narren konnten das ableugnen. (Es ist merkwürdig, wie wenig Sinn die Herren für die Komik habeiv, die darin liegt, daß sich Juden gegenseitig ihr Germanentum garantieren!) Den Vogel aber schoß Herr Professor Georg Bernhard ab. Er machte zuerst die ebenso alte wie unwirksame Feste Stellung, daß die Juden früher am Rhein gesessen hätten wie die Germanen. (Nebenbei: Was ist es dann mit den Juden Deutschlands, deren Urgroßeltern nicht vor 2000 Jahren am Rhein gesessen haben? Es soll auch solche geben.) Dann aber gab er der Sache eine neue Wendung. Ja, die Juden sind „anders" wie die anderen Deutschen. Aber wie? Der Redner sagte: „Wir Juden in Deutschland sind eine Minderheit« aber eine Minderheit des Adels, eines Adels, der sich dureh Leistung, nicht durch Ueberhebung dokumentiert. Wir wollen uns zu unserem Anders-. sein bekennen wie andere deutsche Stämme auchl" Was Georg Bernhard sagt, ist also: Die Juden Deutschlands sind eine Abart des deutschen Volkes, wie es Sachsen, Bayern, Schwaben und Friesen sind. Zwischen einem Juden und einem Schwaben ist kein anderer Unterschied wie a w je sehen einem Schwaben und einem Bayern. Diesen Unterschied erkennt Professor Bernhard an, einen anderen nicht. Es klingt wie aus einem Tollhaus. Dabei ist doch Georg Bernhard gewiß ein sehr gescheiter Mensch. Mit diesem beschämenden, lächerlichen, kom* promittierenden Gestammel will man der Außenwelt Respekt vor dem Judentum beibringen. Wie ist es zu er* klären, daß sich geistig hochstehende Menschen in diesen Unsinn verlieren? In dieser Verlorenheit dokumentiert sich eben die Haltlosigkeit, die Vernunftlosigkeit der jüdischen Assimilationstheorie. * Das Protokoll meldet: „Nach der großen Rede Georg Bernhards beschloß ein Flötensolo von Alfred Lichtenstern die Kundgebung--" Auch gut! Auch die FicJitc-GesellscIiaff für das dritte Heidt?' Prof. Hans Grimmi sprach im Plenarsaal des Herrenhauses als Gastredner der F i c h t e? G c s e 1 h schaft über das Thema „Von der bürgerlichen Ehre und bürgerlichen Notwendigkeit". Er definierte den Nationalsozialismus als die politische Form, die einzig und allein eine Wiedergeburt des echten deutschen Geistes garanticrc. Wahres Deutsch» tum sei gleichbedeutend mit Herrentum und Aristo* k v a t i e. Dem „jüdischen P a r i a * I d e a 1 i s m u s", der die Proletarisierung der Masse verschuldet habe, müsse der Sozialismus der Nationalen entgegengesetzt werden, 'der allein das Volk wieder zu dem Herrentum erziehen könnt, von dem es herkomme. Echte Deutsche seien geborene Aristokraten, Proletarier ist nur der, der Proletarier sein will. Das asiatische Paria« Ideal sei ein deutschfeindliches Gift. \ ■ ■ J Acht Juden in der Reichswehr? Berlin, 4. Dezember. (.7. T. A.) Der Vorsitzende des Kcichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Hauptmann a. D. Dr. Leo L.öwcnstci n, hat vor einiger Zeit in einem in der „C. V.*Zcitung" erschienenen Artikel dar* auf hingewiesen, daß in der Reichswehr sich nur acht jüdische Soldaten befinden, „obschon unserem Anteil an der deutschen Bevölkerung 34 Offiziere und 864 Mann entsprechen Würden", und ferner hinzugefügt: „Daß wir nicht imstande wären, diese in tadellosem Format zu stellen, wird niemand annehmen nach der letzten Kriegs* leistung des deutschen Judentums, das mit 540.000 Seelen hunderttausend Mann zum Heeresdienst stellte, von denen 12.000 geblieben sind/und von denen an der Front 2000 -zu Offizieren befördert wurden." Dr. Löwenstein wurde wegen dieser Ausführungen : o & i von der „Sozialistischen Wochenzeitung", dem Organ der ' von der Sozialdemokratischen Partei abgesplitterten j nou.on Partei, scharf angegriffen; es wurde ihin'j unterstellt, er wünsche die Juden als deutschen i Stamm anerkannt zu sehen, wie etwa die Bayern, I die Hessen und die Schwabe n, um so ein eigenes ] Kontingent zur Reichswehr zu stellen. j In einer Zuschrift an die „C. V.*Zeitung" nennt 1 Dr. Löwenstein die Darstellung der „SWZ." eine voll* kommene Verdrehung seiner Ausführungen, er habe ledig* lieh dargelegt, daß die geringe, Zahl der Juden in der Reichswehr ihrem Anteil am deutschen Volke nicht ent* spricht. Er habe dies nicht mit den antisemitischen Strömungen in der Reichswehr, sondern vielmehr mit der Ueberschützung dieser auf jüdischer Seite begründet. Rückgang der Judeuschaft in Köln In einem Artikel „Die Kölner judenfragc in Zahlen" schildert die „Rheinische Zeitung" den steten Rückgang der Judenschaft und schreibt: „Ohne Zweifel wirkt sich auch hier ,d e r U n t e rgang des Mittelstände s' durch die Konzentra* tionsbewegung des Kapitals aus. Viele jüdische Exis stenzen lebten bisher gerade in den Kleinstädten vom kleinen Handel. Der Großverkchr und die Ballungen des Kapitals auch im Detailhandel haben für diese bisher kleinstädtischen Existenzen den Lebensraum stark verringert. Wenn schon das .jüdische' Waren» haus vernichtet, vernichtet es gerade den jüdischen Kleinhändler. Aber ist das nicht genau derselbe zwangsläufige Prozeß, den sich der .christliche» Handwerker längst vorher durch die gut arisch geleitete Fabrik hat ebenso gefallen lassen müsseh? Während der Geburtenüberschuß bei der Gesamt* beyölkerung in Köln im Jahre 1929 immer noch 4,5 per Tausend betrug, ist er bei den Juden bereits. absolut negativ und beträgt — i,6. Auch das beweist, daß gerade die jüdischen Kleinexistenzen, die sich am wenigsten in gesicherten beamtenhaften Verhältnissen befinden, relativ mit niii stärksten der Krise der Wirtschaft unterliegen. Wobei allerdings nicht verschwiegen werden darf, daß die Juden — als typische Stadtbevölkerung! — Immer einen sehr viel geringeren Geburtenüberschuß, auch in Nicht- Krisenzeiten, hatten. Auch die Zahl der rein»jüdi? sehe n Ehen geht immer mehr zurück. Ueber ein Drittel aller Ehen, die heute in Köln von Juden geschlossen werden (48 von Iii) sind heute Mischehen* Bialiki Ausflug in die Politik Von A. Heller (Berlin); Die Berliner „Jüdische Rundschau14 Be> 1 idvtet wohlgefällig von einem Ueberfaft Ch. N. Bialiks auf die Revisionisten. Daß Politik eine besondere Kunst ist, die ihrer, eigenen Wege bedarf und die eine spezielle Begabung erfordert, ist wohl kein Geheimnis. Und doch kommt es nicht selten vor, daß Männer, die sich zum Beispiel auf wissenschaftlichen Gebieten hervorgetan haben, diese einfache Tatsache verkennen, wie das mehrfach Professor Einstein bewiesen hat. Leider hat auch unser großer und verehrter Dichter Ch. N. ßialik hiefür jüngst einen Beweis geliefert. Bei aller Verehrung, die wir unserem großen Dichter seit jeher entgegenbringen, können wir uns nicht des Bedauerns enthalten,, daß er sich auf einen Weg begeben hat. den man nicht ohne Gefahren beschreiten kann. Absurd war das Interview, das Bialik in Basel während des letzten Kongresses erteilt hatte (das auch im „Hoalam veröffentlicht" wurde), auf das idi allerdings jetzt nicht eingehen will. Größere Empörung muß aber sein letztes im „Mosnajim" und „Haolam" veröffentlichtes Gedicht auslösen, was auch mit Recht in Palästina der Fall war. Während des letzten traurigen Kongresses schrieb ßialik ein Strafgedieht \mter dem Titel „Ich habe euch wieder.in eurer Ohnmacht gesehen", in dem sich unser hilfloses, elendes Leben abspiegeln sollte. Nun wollen wir den Dichter selbst zu Wort kommen lassen: „Wer hat die. Krätze krankhafter Propheten auf eurem Körper blühen lassen, um ihn zu zermürben? Schmutzige Seelen, die sich heilig preisen, während sie Scheußlichkeit und Ekel im Herzen tragen Die den ganzen Tag krampfhaft von großen Dingen . lernen und geifern Die Großes im Munde führen und es von anderen verlangen Sie selbst — kleinlich und ihre Hand erwartet den Lohn, als ob sie ihn schon verdient hätten. Wer hat auf auch dieses Rudel von Federpfuschern und MauImachern losgelassen; Eine Bande Goltgestrafter, von Haß und Neid zerfressen. Und euch gegeneinander zu hetzen, euch mit eurem eigenen Fleische zu füttern. Euch alles Heilige zu verunreinigen mit dem Dunst ihres Mundes und Berührung ihres Fingers." Das Gedicht, dessen Auszug hier angeführi wird, wurde an die literarische Monatsschrift der palästinensischen Schriftsteller, „Mosnajim". geschickt. Die Redaktion der Zeitschrift empfand das Gedicht als schweren Angriff auf die Revisionisten. Als solcher wurde es auch später nach seiner Veröffentlichung von anderen bedeutenden hebräischen Schriftstellern und den meisten hebräischen Lesern verstanden. Bialik weilte zu dieser Zeit in Polen, wo er sich mit der Propaganda für die 'Verbreitung des hebräischen Buches beschäftigte. Da di» polnischen Zionisten zum großen Teil Revisionisten sind, verschob die Redaktion die Veröffentlichung. Die Erbitterung, die dieses Gedicht späterhin bei seinem Erscheinen hervorgerufen hat, ist begreiflich. Die Leser haben es nicht anders als die Redakteure Oer „Mosnajim" verstanden; es erweckte Erbitterung im Herzen jedes treuen Zionisten. Auf eine Aufrage des Schriftstellers Benzion Katz hin fühlte sich Bialik getroffen und dementierte mit unverhohlenem Spott, wie es die „Jüdische Rundschau" mit Recht nennt, „daß sein Gedicht nicht auf die Revisionisten anspiele, und er wünsche dem Träger und seinen Genossen etwas mehr gesunden Menschenverstand, denn er habe auf ganz andere Dinge hingezielt". Wenn das der Fall ist, warum will uns der Dichter nicht verraten, wer diese „unreinen, schmutzigen Seelen sind, die sich als Heilige darstellen, die aber alle Scheußlichkeiten im Herzen tragen, die Großes im Munde führen und es von anderen verlangen", „die Bande Gottgestrafter von Haß und Neid zerfressen"? Damit wir sie von unserem nationalen Körper beseitigen können! Ist es denn keine Feigheit, dem gefährdeten Volke nicht verraten zu wollen, wer seine gefährlichsten Feinde sind? Zumal der Dichter sie wohl genau kennt! Und fehlt denn wirklich allen Lesern, die das Gedicht mißverstanden haben, „der gesunde Menschenverstand"? Haben doch auch des Dichters Freunde, dil

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