Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 221 (11.12.1931)
- Date
- 1931-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. m bemüht, die „Morde r" unter den Juden zu suchen. Damit in Zusammenhang steht die Verhaftung des jüdi* sehen Studenten W u 1 f i n und des Arbeiters Zalkind. Der Staatsanwalt erklärte Pressevertretern gegenüber, daß die Behörde schwerwiegende Verdachtsmomente gegen die Verhafteten besitze. Bis jetzt weiß man aber nur, daß ein Freund Waclawskls, Woloszinowaki, der Krönzeuge gegen die Verhafteten sei. Woloszlfiöwski hat Wulfin und Zalkind auf seiner Rückkehr vom Kranken« haus, wo WaclAwski eingeliefert wurde, bei Gelegenheit eines neuerliehen Zusammenstoßes in einem anderen Stadtteil Wilnas gesehen und sie dann als die Mörder Waclawskis bezeichnet. Eine Abordnung des W i 1 n a e r Verbandes jüdischer Studcntenvereinc besuchte den Rektor der Universität und erklärte ihm, der Verband übernehme die Verantwortung dafür, daß Wulfin an den Schlägereien in und vor der Universität nicht im geringsten beteiligt gewesen sei. Auch von Zalkind weiß man, daß er zur Zeit des ersten Zusammenstoßes, bei dem Waclawski getötet wurde, auf seiner Arbeitsstelle geweilt hat. Die Wilnaer jüdischen Zeitungen wurden beschlagnahmt, weil sie eigen» tümliche Methoden der Untersuchung gegen die ▼erhafteten Juden aufdeckten. Baron Hirsch Bemerkungen zum 100. Geburtstag Mit dem Namen Baron Moritz Hirsch-ist in der jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts der Begriff großzügigster Philanthropie verknüpft; einer Philanthropie allerdings, die in sich auch die Merkmale von Versuchen trägt, eine Judenfrage (die osteuropäische) auf territorialer Grundlage zu lösen. Der große Finanz* mann und assimilierte Jude stand in einer Zeit, in der sich geschichtsbildende Ideen im Judentum ankündigten und zu ihrer realen Verwirklichung drängten. Und da schon mehrfach die Anschauung Platz griff, daß die anormale Situation der Judenheit ein Faktor der Juden* frage und des Antisemitismus sei, gepaart mit einer aktuellen Zuspitzung der jüdischen Massen not im zaristischen Rußland, konnte ein Mann vom Vermögen und vom Sentiment eines Barons Hirsch hier 1 iine große Aufgabe sehen. In n a i v e r, darum aber nicht minder edler Weise schickte sich Baron Hirsch an, Millionen Franken für eine Kolonisierung zu ver* wenden, die hauptsächlich in Argentinien die Massen deklassierter Ostjuden zu selbstschaffenden Bauern machen sollte. Dieses Experiment mußte, da seinem Bereiter die Einsicht in die Psychologie dieser Menschen* klasse und in das soziologische Wesen der Judenfrage fehlte, zunächst unter großem Kostenaufwand nur gering* fügige Erfolge zeitigen ebenso wie auch die diesen Kolo* nisationsversuchen parallel laufenden, überaus großzügi* gen, rein philanthropischen Bemühungen in vielen Ländern der Galuth. Die gewaltigen Summen, die Baron Hirsch und nach dessen Tode seine Frau Klara zur Linderung der Judennot und zur Erziehung einer jüdischen Generation auswarfen, sind zum großen Teil im Lauf der Zeit wirkungslos geworden. Ein tragisches Verhängnis wollte, daß es infolge mannigfacher Widerstände und Mißverständnisse z u einem Einvernehmen zwischen Theodor Herzl und Baron Hirsch nicht kommen könnt e. Man weiß dies zunächst aus den Tage* büehern Herzls, wie sehr dieser selbst es bedauerte. Herzl wandte sich in den jungen Tagen seiner großen Idee an den Philanthropen Hirsch. Nach einleitendem Briefwechsel kam am Pfingstsonntag 1895 die erste und letzte Unterredung zustande. Sie gedieh nicht bis zum Tradition. Dort sieht man wenigstens ein Stück Himmel. Du weißt doch, wie deine Frau den Himmel liebt." "Wir gehen an Autobussen, Straßenbahnen, Autos vorbei, der Kärtnerstraße zu. Charakter, Stil, Tradition und Himmel, den meine Frau in dieser Straße findet, besteht eigentlich darin, daß sich dort das große Schuhgeschäft Raschofsky befindet. Bei der Auslage von allerlei Schuhen bleibt meine Frau entzückt, besessen stehen und spricht im selben Ton wie die Chassidim im Dybuk. „Goldene Ahendschuhchen! Schildkrot! Seiden* pums. Mit Edelsteinen gestickt, Renier. . ." Sie kann vor Begeisterung kaum Atem schnappen und beginnt wieder mit mir ihre starken Gefühle zu teilen. „Was meinst du, Manni, was für Strümpfe braucht man zu solchen Pums?" „Weiß ich, vielleicht Wollsockeh!" „Bist ein Golem. Foxtrott." „Ich glaub' auch, Foxtrott." „Oder vielleicht Sonnenbrand?" „Schon möglich, sag' ich, Sonnenbrand." „Vielleicht mauve?" „Mof." 4 „Und mit einem Zwickel?" * „Selbstverständlich mit einem Zickel!" „Zickel, Zickel, was man ihm sagt, plappert er nach -%'ie ein Papagei. Ja, ja, andere Frauen haben andere &uroer! Komm, komm, vor deiner KärntnerstraÖe geht Ende, sie blieb erfolglos; denn Herzl konnte vor Hirsch seine Pläne in voller Breite nicht aufrollen. „Natürlich sind Sie mir mit leis«r Ironie gegenübergestanden", schreibt Herzl nach dieser Untetredung an Hirsch, „Sie sind der große G e 1 d j u d e, ich bin der G e i s t e s j u d e . . ." Einige Monate später starb Baron Hirsch und mit ihm die Hoffnung der jungen zionistischen Bewegung, die Kräfte dieses großzügigen Juden für den projektierten Judenstaat nutzbar machen zu können. Die spätere Ent* Wicklung der jüdischen Idee, die zu Lebzeiten Hirschs den Weg antrat, ist weit über das Werk des großen jüdischen Philanthropen hinausgeschritten. Was Hirsch wollte, war groß und ehrenvoll. Das empfindet die Juden« heit der Welt auch in diesen Tagen, da sich sein Ge« burtstag zum hundertstenmal jährt. Adolf-Siand-Feier Montag, den 7. d. M., veranstaltete der Z. A.-V. Bar Kocliba in seinem Heim eine Stand-Gedenkfeier. Der Präses Gruibner sprach in setner Eröffnungsrede über Adolf Stand, den Landespolitiker und Vertreter des integralen Her zischen Zionismus, der die natio- Die Zionisten»Revisionisten wollen nicht, daß die . Idee vom Klassenkampf in den Zionismus und in die Aufbauarbeit in Palästina hineingetragen werde. Man nennt sie deshalb oft ..reaktionär und arbeiterfeindlich". Dieses dem Phrasenvorrat sozialdemokratischer Parteibeamter und Gewerkschaftssekretäre entnommene Urteil ist unsinnig. Die Revisionisten, in deren Reihen heute viele Arbeiter stehen, fordern für den Arbeiter gerechten Lohn, Recht auf Organisation, Möglichkeit des Aufstieges, weitest* gehenden gesetzlichen Schutz der Arbeit, gesellschaft* liehen Schutz im Kampfe gegen arbeiterfeindliche Be* strebungen jeder Art. Aber die Revisionisten sind gegen die einseitige Verherrlichung der kapitallosen Arbeit und das Verächtlichmachen und die Abstoßung des mittel* ständischen jüdischen Elements, gegen tendenziöse, der Ideologie des Klassenkampfes entsprungene Herab* setzung der Bedeutung dieses Elements für den Auf* bau Palästinas. Die Parole, daß, der jüdische Mittelständler Spenden zu leisten, sonst aber abseits zu stehen hat, weil der Arbeiter, der Chaluz alles andere besorgen wird, ist Unsinn. Wird sie zur ,Parple;*der Leitung des Zionismus, wird aus dem Unsinn ein Unglück, das den Stillstand und Zerfall des Palästinawerkes nach sich bringt. *•. Der „Neuen Welt" wird unter dem Titel „H e r r Berl Locker debütiert" aus London berichtet: Das neue Mitglied der Zionistischen Exekutive, der PoaIe*Zionist Herr Berl Locker, hat vor kurzem sein Amt in London angetreten. Er sollte eigentlich Chef des Organisationsdepartements sein. Aber er steht ratlos da, weil er mit Organisationsfragen nichts anzu* fangen weiß. So berichten jedenfalls die zionistischen Beamten, welche mit Herrn Locker in Kontakt stehen. Doch irgendeine Tätigkeit muß man verrichten. So hat er sich einer Art „politischer" Arbeit gewidmet. Nicht der „großen" politischen Arbeit, denn diese ist ein Monopol des Herrn Prof. Brodetzky, der doch „ein gutes Englisch spricht". Herr Locker besucht die kleinen zionistischen Verbände Londons und predigt. Zitonismus? Nein! Nur reinen und unverfälschten Sozialismus... Er ist auch zu den zionistischen Studenten Londons gekommen. In seinem „zionistischen" Vortrag hat er sich aber mit zionistischen Angelegenheiten nicht befaßt, über Immigrations« und Kolonisationsfragen, die hebräische Sprache hat er nicht gesprochen, sondern | mir die Gall' heraus. In die Kärntnerstraße muß er mich schleppen. Kein Funken Poesie. Komm lieber auf den Ring. Dort ist zunächst einmal Poesie. Am Ring ist's reizvoll, stimmungsvoll, dort kann man wenigstens ein bißchen träumen, die Seele ausruhen lassen. Ach, wie ich den Ring Hebel" Der Sinn ist ganz klar: Am Ring befinden sich elegante Damenhutsalons. Meine Frau weiß nicht, bei welchem Schaufenster zuerst stehenbleiben. Ihre Augen erglühen in sonderbarem Feuer, eilen von einem Fenster zum andern. Ihr Gesicht überzieht sich wieder mit Ekstase, gleich einem Künstler, der vor der Sixtinischen Madonna steht, und wieder erklingen Worte hoher Begeisterung. „Gott du mein, welch prachtvoller Recamier! Wie elegant, Pariser Modell. Und dieses Phantasiehütchen mit der Fasanenfeder, und der mit der Pleureuse und das Filzhütchen mit dem kleinen Gesteck." Sie beginnt wieder, ihre starken Erlebnisse mit mir zu teilen. „Wie gefällt dir das Barett mit dem Bandeau?" „Gewiß, das Bando ist wunderschön." „Und die Kokarde vorne?" „Ein Wunder aller Wunder." „Und ich würde diese Kokarde herunternehmen." „Bestimmt, sie soll auch heruntergenommen wer« de»/' Verband damekrallschar Xionlaton — Union d. Zlonltfen-Ravitloniatan östtrratcht gratulieren herzlichst ihrem Mitglied Herrn Isak Mann zu seiner Promotion zum Doktor der Philosophie nale Arbeit in der Diaspora in eine Linie mit der Arbeit für den Judenstaat stellte. Das Bild Stands das wir heute einweihen, soll uns stete Mahnung sein, in seinem Geiste für die zionistische Sache zu wirken. Dann ergriff Dr. Z. F. Finkelstein das Wort zur Gedenkrede. Er schilderte Stands Wirken für den Zionismus von der Kattowitzer Konferenz bis zum jüdischen National rat in Wien und seine Bedeutung für das Judentum Ostgaliziens. Er gedachte all der großen Kämpfe und Erfolge des unvergeßlichen großen Schülers Herzls, der den Kampf gegen die Assimilation zu seiner Herzenssache machte und sich dm Kampfe für das große gemeineanne Ideal des jüdischen Volkes aufzehrte. über Klassenkampf, den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems, die neue soziale Ordnung, über die reichen englischen Lords und ihre armen, proletarischen Mitbürger. Er hätte seinen „zionisti* sehen" Vortrag ohne irgend eine Bemerkung über Zionismus und die zionistische Gegenwart zu machen, beendet, wäre er nicht durch die seinem Vortrag folgende Diskussion zu einigen zionistischen Bemerkun* gen „provoziert" worden. Da sagte er: „Für mich gibt es zwei Palästina. Das eine von der Art EjiuHarods und der anderen kommunistischen Siedlungen, das andere Palästina von der Sorte Sichron* Jaakow. (Eine privatwirtschaftlich betriebene Kolonie.) EjruHarod ist für mich ein Symbol „zionistischen" Palästinas, das „kapitalistische" Sichron*Jaakow ist für mich nur ein geographisches Palästina, ideo* logisch ist es für mich nur ein kleines Galuth* Städtchen, ohne irgend einen wirklichen W e r t." „Man hat mir auf dem letzten Zionistenkongreß den Vorwurf gemacht, ich wäre ein schlechter Zionist. Einige Monate später, auf dem Sozialistischen Welt*' kongreß, sagte man mir, ich sei ein schlechter Sozialist." Wie man sieht, hat sich Herr Locker die Vor* würfe seiner sozialistischen Kollegen mehr zu Herzen genommen als die Vorwürfe seiner zionistischen Gesinnungsgenossen. Er will ein besserer Sozialist werden ... Er sprach auch über den in der „Neuen Welt" erwähnten Fall des poale*zionistischen Führers J a w n i e 1 i in Palästina, welcher den Kolonisten — angekündigt hatte, daß man ihnen die Häuser und Orangengärten wegnehmen und diese an die Arbeiter verteilen wird. Herr Locker gab Herrn Jawnieli durch* aus recht. John Bull (London). * Es soll jetzt nicht über die gefühlsmäßigen Wirkun* gen dieser, den arbeitenden Mittelstand** brüskierenden Aeußerungen eines zionistischen Leitungsmit* g 1 i e d e s gesprochen werden. Herr Locker spricht ja nur als Schüler Professor W e i z m a n n s, welcher seinerzeit die Stadt T e 1 * A w i w, den Stolz jüdischer Arbeit, mit den schmutzigsten Straßen polnischer Ghettis verglichen hat. Die Worte des Herrn Locker sollen nur an den Tatsachen gemessen werden. Tatsache ist, daß auf dem Wege der kollektivistischen Siedlungen im Verlaufe vieler Jahre und unter Anwendung riesiger Mittel aus den Spendenfonds kaum 3000 Seelen in „Und die offene Vorderkrempe, glaubst du, die ist schön?" „Na, sicher", sag' ich, „wie schaut das schon aus, der offene Vordere!" „Was, glaubst du, soll man daranstecken?" „Weiß ich, vielleicht eine Lunge und eine Milz." „Beginnst schon wieder mit deinen faulen Witzen? Ich bin nicht zum Lachen aufgelegt. Ich glaube, man sollte eine Phantasie dranstecken. Was glaubst du?" „Selbstverständlich eine Phantasie." „Oder aber doch vielleicht eine Straußfeder?" „Meinethalben eine Straußfeder." „Dem ist alles eins. Daß ein Mensch keinen Charakter hat, keine Konsequenz. Pfui, seit ich lebe, hab' ich einen solchen Mann nicht gesehen. Komm, komm, nach Haus. Den Ring hat er sich ausgesucht. Schönere Straßen gibt es nicht mehr." Der Spaziergang war zu Ende. Wir gehen nach Hause. Wir gehen an einer Buchhandlung vorbei. Ich sündiger Mensch habe manchmal Interesse für ein Buch, blättere einmal in einem Buch, bleibe also beim Schau* fenster stehen, werfe einen Blick auf die Neuerschei» nungen. Da zerrt mich meine Frau nervös weg. „Hat sich schon wieder hingestellt. Bei jeder Aus» läge muß er stehenbleiben. Nicht auszuhalten. Nicht über die Gasse zu gehen. Komm, du Schlemihl, komm." Ich geh', sehr schuldbewußt. Meine Frau hat recht, und was sie sagt, ist recht. Unsinn regiert! Ein Londoner Bericht sunt Kapitel //Klassenkampf und Zionismus"