Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 220 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 220 Aus Deutschland Berlage der »Neuen Well« für Deutschland Filialreoalctfoii und Administration: »Neue Welt«, Berlin €2/ BurgsfraRe 29 IV, Nr* 67 4« mmmüMiiniiimniimi Clianeftkafeiern des Brith Tromoeldor Berlin iitimiiinniffliBM^ Mittwoch, den 9. Dezember Haverland-Festsäle Neue Friedrichstr. 35 Donnerstag, den 10. Dezember Logenhaus Kleiststraße 10 Beginn 20 Uhr Eintrittspreise von Mk. 0.30 bis Mk. 0.S0 Siehe Ankündigungen im Text «IIIIM.............UMMM.................M....... Vor einem sensationellen Prozeß Grätz—Schulchttii Arueh—Zentruni und Nationalsozialisten —r. Berlin. Demnächst gelangt in Dresden ein sensationeller Prozeß zur Verhandlung. Kläger ist ein ehemaliger Bürgermeister und Abgeordneter des Zentrums im sächsischen Landtag, geklagte Partei eine national* sozialistische Zeitung der sächsischen Provinz. Der Sach; verhalt ist folgender: Eines Tages, berauscht vom großen national* sozialistischen Erfolg bei den Reichstagswahlen, erschien den Hitler*Jüngern an der sächsisch*böhmischen Grenze die Stunde für die Proklamierung des „Dritten Reiches" gekommen. Was aber tun, wenn sieh der nunmehr ches malige Bürgermeister und Landtagsabgeordnete als um überwindliches Hindernis für dieses Vorhaben erweist? Gewaltsame Entfernung widersprach der Parole des Braunen Hauses in München, welche verordnete, „auf legalem Wege die Macht an sich zu reißen". So mußte eben der Ortsführer der Katholiken auf andere Weise „kaltgestellt" werden. Eines Tages brachte die sächsische nationalsoziali* stische Provinzzeitung groß aufgemacht die Nachricht, daß aus der Zeit der Tätigkeit des in Frage stehenden Bürgermeisters große Unregelmäßigkeiten in der Finanzs gebarung festgestellt wurden. So was ist in Deutschland heute keine Besonderheit. Dringen doch täglich Berichte von derartigen Unregelmäßigkeiten in die Oeffcntlichkeit. Diese Verdächtigung sollte eben nur die Basis für einen Kollektivangrtf f der sächsischen Nationalsozialisten auf das katholische Zentrum schaffen. Vorerst wurde festgestellt, daß der ehemalige Bürgermeister und Zentrumsabgeordnete des Landtages ein Jude istl Das wäre noch keine Besonderheit in der NazkPresse, wo ja jeder störende Gegner als Jude angeprangert wird. Sonderbar aber ist, daß in diesem Falle die Wahrheit zum Teil auf Seite der Hitler*Jünger ist. Der Führer der Katholiken stammt tatsächlich von jüdischen Eltern ab, wurde „aber noch in seiner Kindheit vom Erzbischof in Mainz" höchstpersönlich in die katholische Kirche auf* genommen. Zähe Arbeit brachte ihn zu einer führenden Stellung in der katholischen BrüningsPartei. Die Folgerung lag nun für die Nationalsozialisten klar auf der Hand. „Die Unterschlagungen in der Gemeinde sind nur deshalb vorgekommen, weil der Bürgermeister von Juden ab* stammt und weil das Judentum keine andere Aufgabe hat, als durch seine Mitglieder die nichtjüdische Gesell* schaft zu zersetzen." Um diese These zu bekräftigen» wurde ein Zitat aus der „Jüdischen Geschichte von Grätz" angeführt, welches lautet: „In ihren Adern fließt nicht bloß jüdisches Blut, sondern auch jüdischer Saft in ihren Nerven. Die Blitze, die sie bald in regen« bogenfarbigen Farben über Deutschland flammen lassen, sind mit talmudistischer Elektrizität geladen. Sie haben zwar äußerlich sich vom Judentum entfernt, aber nur wie Kämpfer, die des Feindes Rüstung und Fahnen ergreifet}, um ihn desto nachdrücklicher zu vernichten/4 Mit dieser Zitierung des „Juden Grätz" sollte bewiesen werden, daß die Aufgabe der Juden, die nichtjüdische Gesellschaft zu vernichten, auch nach der Taufe Pflicht des Juden ist. Und daß dies die Aufgabe der Juden ist, wurde in der sächsischen NazisZeitung noch mit folgendem „Zitat" aus dem Schulchan Aruch bekräftigt, dessen „Bedeutung für das Judentum bezüglich seiner Gesetze und Bestimmungen wohl von niemandem geleugnet" werden kann. Das Zitat lautet: „Es ist ein Gebot für jeden Juden, daß er versuche, die christliche Kirche zugrunde zu richten*4 (Jore Dea a Par, 146). Mit solch wissenschaftlichen Zitaten und der sen* sationeUen Nachrieht über Verfehlungen im Gemeinde« haushält versehen, wurde das Naziblatt in tausenden Exemplaren kostenlos verteilt. Man stelle sich ein kleines, gemütliche» Sachsenstädtchen vor. Wie eine Bombe wirkte der Hetzartikel und es schien, als hätte die letzte Stunde für die katholische Zentrumspartei in diesem Weltwinkel geschlagen. Der ehemalige Bürgermeister und Landtags* Abgeordnete konnte natürlich die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Er übergab die Angelegenheit dem bekannten Berliner Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee und erwirkte die Klageerhebung gegen das Naziblatt durch die Oberstaatsanwaltschaft in Dresden. Die Angelegenheit zieht immer weitere Kreise. Das Naziblatt fand natürlich bei seinen Instanzen Unter* Stützung, während der Zentrumsmann von seiner Organis sation und dem Klerus wohlwollend gefördert wird. In* dessen ist es Dr. Klee gelungen, von dem bekannten Ge* lehrten. Dr. I. R a b i n, Professor am Rabbinerseminar in Breslau, ein Gutachten über die Richtigkeit und die Bedeutung der wiedergegebenen Stellen aus Grätz und dem Schulichan Aruch zu erhatten und der Staats« anwaltschaft zur Kenntnis zu bringen. In diesem Gut* j achten wird eindeutig nachgewiesen, daß das Grätz*Zitat nicht dem Original entnommen ist, sondern dem Anti* semiten*Katcchismus von Theodor Fritsch (12. Aufl., Leipzig 1891, Stc. 201) und daß die falsch angegebene Stelle aus dem Schulchan Aruch schon in Dr. Justus' Judenspiegel (Parbonn 1883) zu finden ist. Das Grätz* Zitat ist völlig aus dem Zusammenhange gerissen. Es bc* zieht sich auf die beiden getauften Juden Börne und II eine. Das Jore*Dea*Zitat stellt eine plumpe Fälschung, welche das hebräische Wort „Mizwah" mit „Gebot" statt mit „gutes Werk" übersetzt, dar und „Elilim", alos „Götzen", mit „christlicher Kirche" identifi* ziert werden. Die Stelle bezieht sich auf die Vernichtung von Götzenbildern aus Holz oder Stein. Diese wurde als gutes Werk angeschen. Der Prozeß wird hochpolitischen Charakter tragen. Die Konklusion, die das sächsische Naziblatt nämlich zieht, geht dahin, nachzuweisen, daß die Partei Brünings, die Partei des katholischen Zentrums, durch und durch verjudet ist und daher für die Herr* schaft im „Dritten Reiche" keinesfalls in Frage kommen kann. In Fettdruck wird die Zentrumspartei als „d i e Z u h ä 11 c r p a r t e i der Juden" bezeichnet, der der schärfste Kampf angesagt werden müsse. Diese Dinge sind im gegenwärtigen Momente be* sonders wichtig, weil sich dauernd Gerüchte aufrecht erhalten, welche von einer Frühjahrskoalition des Zentrums mit Herrn Hitler sprechen. Der nun bevor* stehende Prozeß in Dresden trägt alle Anzeichen einer Sensation an sich. Er ist von höchster Bedeutung für das Schicksal der proporiierten KoäHtidnda hinter beiden Prozeßseiten die leitenden Organe beider Parteien stehen. Man darf auf den Ausgang gespannt sein. Die Spitzenverbände der deutschen Industrie und die Levante-Messe in Tel-Awiw. Das Deutsche A u s s t e i l u n g s- und Messe« A m t, eine offizielle Behörde der deutschen Industrie und des deutschen Handels, die ausländischen Ausstellungen im' allgemeinen sehr kritisch gegenüberstellt, hat, was ein außergewöhnlidier Fall ist, in einem besonderen Schreiben an die ihm unterstelllten Spitzenverbände zur Frage der Beteiligung an der Levante- Messe 1932 in Tel-Awiw positiv Stellung genommen. In dem sehr ausführlichen Gutachten empfiehlt das Amt die Beteiligung an der Messe, von der gesagt wird, due sie „im Zusammenhang mit der Entwicklung Palästinas in höherem Maße, als dies sonst der Fall ist, Erfolgaussichten erö flu e t". Auf dieses Gutaditen hin haben die versdiiedenen Spitzen verbände ihrerseits ihren Firmen die Beschickung der Levantc-Messc in Tel-Awiw ebenfalls warm empfohlen. Presse und internationaler Dienst der Haken« kreuzler Der „Reidisveiband nationaler W c r b e f a c h- 1 e u t e Deutschlands, e, V., Berlin O 27", hat einen „Zeitungskatalog der nationalsozialistischen Presse Deutschlands" herausgegeben. Insgesamt verzeichnet dieser Katalog 143 nationalsozialistische Piesseerzeugnisse, einsdiließlich der Kopfblätter, Pavlnincntsdicnstc usw. Davon sind 49 Tageszeitungen, 7 Korrespondenzen, 20 Wochen- und Monatsschriften für einzelne Stünde (Lehrer- Zeitung, Aerzte-Zeitung usw.), 6 nidit partcioffiziellc Monats- und Wodienschriften. Bei dem Rest handelt es sich in der Regel um Wochenblätter. Im Ausland crsdieinen 14 deutschsprachige nationals o z i a 1 i s t i s c h c Blätter. Presseämter bestehen bei der Reichsleitung in Mündicn und bei der Gauleitung in Berlin. . * Wie intensiv die antisemitischen Verbände auf internationalem Boden arbeiten, beweist ein vor kurzein in dem völkischen U. Bodung-Verlag, Erfurt, erschienenes Heft „Arische Rasse, Christliche Kultur und das Judenproblem (Vollzionismus?)", das von einem gewissen Egon van W i n g h e n e, Rotterdam, unter Mitarbeit von A. Tjörn, Kopenhagen, verfaßt ist Der Vorspruch lautet: „Ich widme dieses Büchlein meinen deutschen Freunden vom ,Weltkampf\ von der sHammer'-Gememde und vom .Reditssdiutzverbande gegen Uebergriffc des Judentums', meinen französischen Freunden vom .L'Ordre', von der .Revue Internationale des Societes Secretes* und vom .Parti National-Populaire', — meinen Schweizer Freunden von der .Schweizer Heimatwehr', vom .Vaterländischen Ring' und von der .Nouvelle Revue Romandc', — meinen österreichischen Freunden vom frischchristlichen Kulturbund', vom .Bund für Volksaufklärung' und vom .Deutschen Kulturamt'— meinen ungarischen Freunden vom .Fajvedö-Egyesülef, von der .Kcrcsztcmy Nemzeti Liga' und von der .Magyar Kultur- Liga', — meinen englischen Freunden von ,The Britons'.— meinen n o rw e g i s c h e n Freunden von der .National Tidsskrift', — meinen polnischen Freunden vom ,Rozwoj\ — meinen rumänischen Freunden von der JLiga nationala Crestina', — und nicht zuletzt meinen Freunden von der ,Ostara' und von der .Alliance Chretienne Aryenne* in der ganzen Welt. Der Verfasser." Jüdische Rundfunkzentrale. Am 26. November fand eine Besprechung zwischen Vertretern des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, der Berliner Jüdischen Gemeinde und anderer Organisationen statt, um die Frage der Gründung einer jüdischen Rundfunkzentrale zu erörtern. Alle Anwesenden stimmten in der Auffassung überein, daß eine solche Stelle geschaffen werden müßte, um die Reditc, die der jüdischen Religionsgemeinschaft auf Grund der R e i c h s r a t s- 'bestimmu ngen für den Sendebetrieb der RundfunkgesellsehaFten zustehen, wahrzunehmen. Ucbei den Tnhalt der zu verbreitenden Sendungen fand uur eine kurze, grundsätzliche Aussprache statt, wobei man diu Frage der Ucbertragung von Gottesdiesten zwar behandelte, eine endgültige Stellungnahme aber aus den verschiedensten Gründen vorerst zurückstellte. Vielmehr soll darauf Wert gelegt werden, neben den rein religiösen Dingen weltanschauliche und aktuelle Probleme zum Gegenstand von Vorträgen zu madien. Die in Betracht kommenden Organisationen sollen nunmehr schnellstens aufgefordert werden, ihre Vertreter für die Zentrale zu benennen, damit schon in Kürze mit den Arbeiten begonnen werden kana. schwenkt nach links ab Die späte Warnung Weizmanns — Die Klagen der Agudah. Die ZionistensRevisionisten haben als erste erkannt, daß nur eine dem zionistischen Ideal ganz ergebene Jugend auf die Dauer dem Zio* nismus und damit dem Judentum erhalten werden kann. Sie haben als erste dagegen Stellung genommen, daß man die jüdische Jugend, und gar die zionistische, mit sozial* demokratischen und kommunistischen Modetheorien auffüttert, weil sie dann notwendig assimiliert, erst dem zio* nistischen Ideal und dann dem Judentum selbst entfremdet wird. Man hat darum die ZionistensRevisionisten als „Reaktionäre" stigmatisiert. Heute aber sind die Ver* Wüstungen in der jüdischen Jugend so weit gediehen, daß auch auf nichtrevisionistischer Seite schwere Bedenken gegen die „linke Orientierung" laut werden. Die jüdische Jugend Deutschlands, soweit sie nicht revisionistisch ist, schwenkt vom Zionismus und vom Juden? tum weg ins Lager der linken A s s i m >* lation. * Professor Weizmann hat als Gast des offiziellen deutschen Zionismus in Köln gesprochen. Die Zionistische Organisation Deutschlands hat»mehr als jede andere dem „Kurs nach links" gehuldigt, und Weizmann selbst hat mehr als jeder andere die Erziehung und Organisierung der zionistischen Jugend in marxistischem Sinne gefördert. Auf einer Sitzung des A. C. vor zwei Jahren hat er den Revisionisten zugerufen: „Die Linken erziehen die Jugend jüdisch. Ihr, die Revisionisten, erzieht sie assi* milatorisch!" Jetzt in Köln aber sprach Professor Weizmann ganz anders. Er warnte die Jugend vor Marxismus und Kommunismus, als Trugbildern, ähnlich dem Liberalis* mus. So wie der Liberalismus die Judenfrage nicht lösen konnte und zur Assimilation führte, ebensowenig können Sozialismus und Kommunismus die Judenfrage lösen. Er warnte vor der gefährlichen Attraktion, welche diese Ideen auf die jüdische Jugend ausüben. Das sagte derselbe Weizmann, der sich noch vor vier Monaten in Basel auf die Bank der zionistischen, marxistisch orientierten Linken gesetzt und diese als den einzig wertvollen Teil der Zionistischen Organisation gepriesen hat. Was muß er gesehen haben? Wohl das, was anderen schon längst klar ist: Die jüdische Jugend läuft vom schwächlichen, auf seine Ideale verzichtenden Zionismus, vom Spenden* und VersÖhnungs*Zionismus weg ins Lager der linken Assimilation. tu Auch in den Kreisen der deutschen Trennuugs* Orthodoxie, der Agudah, verfolgt man die Entwicklung