Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 220 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 220 DIE NEUE WELT Seite S paar hundert korrupten, terroristischen, denunziatorischen Jewsekzia-Jüngeln besteht und daß ferner jeder Melamed, der beim Lesen eines hebräischen Siddur angetroffen wird, nach Sibirien in die Katorga wandert. Frage: „Warum werden Zionisten verfolgt?" Antwort: „Sie werden nicht verfolgt. Jeder kann bei uns seine Anschauung haben, doch darf sie keine organisatorisch-politische Form annehmen." Diese „Gedanken-sind-zollfrei"-Politik ist bestimmt sehr lustig, aber weniger lustig, daß Juden mit zionisti-. sehen Gedanken zollfrei in die Kerker, in die Sümpfe der Verbannung wandern, wenn nicht schon vorher Selbstmord, begehen. Frage: „Gibt es in Kußland einen Antisemitismus?" Antwort: „Ja, aber keinen offiziellen, d. h. es gibt keine antisemitische Bewegung, weil die Regierung sie nacht duldet." Neben dieser harmlosen Theorie gibt es allerdings eine grausame Praxis, die in den staatlichen Werkstätten und Fabriken jene jüdischen Arbeiter erfahren, die von ihren russischen Genossen z. B. mit siedehdem Wasser übergössen, zu Tode gepeiuigt werden. Frage: „Wann tritt der Antisemitismus in Erscheinung?" Antwort: „So oft z. B. ein Jude als Kommissär in eine nichtjüdische Gegend geschickt wird." Frage: „Zieht die Regierung daraus die Konsequenzen?" Antwort: „Nein." Sehr schön von der Sowjetregierung. Nur schade, daß das verhungerte russische Judentum sehr wenig davon hat und lieber Brot sehen würde als jüdische Kommissäre, auf die antisemitisch reagiert wird. Frage: „Kann ein Zionist Anhänger des Sowjetstaates sein?" Antwort: ..Selbstverständlich." So freundlich und bis in alle Tiefen aufklärend, wie die Unterhaltung mit Herrn Lunalseharsky begonnen hatte, schloß sie auch. Weitere Synagogen i»i Söwjetrußland beschlagnahmte Moskau, 28. November, In der Stdt "W o r o s c h ilow im Donez-Gebie.t wurde auf Verlangen der jüdischen Kommunisten das einzige dort vorhandene jüdische B et haus beschlagnahmt und in eine Schule umgewandelt. In der Utk ra ine-Stadt U s c h m i r wurde die Synagoge in einen A r ib e i i e r k I u b umgewandelt Unsere große IWakfeabäerfc«* Unsere heurige Makkabäerfeier, die Sonntag, den 6. Dezember, H9 Uhr abends, im Verbandsheim, II., Untere Augartenstraße, stattfindet, soll eine würdige Demonstration für den unver* fälschten Zionismus, ein festliches Gedenken unserer erhabenen historischen Helden sein, als Auftakt für die weitere zionistische Werbearbeit. Es ist gelungen, als Festredner des Abends dem tschechoslowakischen Abgeordneten au&' -Bratislava;-"Dok*;; tor Julius Reisz, der in seinem Lande unermüdlich für die nationaljüdischen Rechte kämpft, zu gewinnen. Wie immer, hat sich auch diesmal der hervorragende jüdische Sänger Oberk. Gerson Margulies in den Dienst unse« rer Sache gestellt. Oskar Teller mit seiner Schar wird ein literarischsdramatisches Poem vortragen. Die heurige Makkabäerfeier wird auch diesmal eine imposante Kundgebung des vordringenden Herzl* Zionismus werden und unseren Willen, am Endziel festzuhalten, dokumentieren. Um allen die Teilnahme zu ermöglichen, wird ein einheitlicher Regiebeitrag von 1 Schiling eingehoben. Aus Paris Jüdische Kommunisten Im Speiselokal der „Gesellschaft der Freunde der jüdischen Studenten" ereignete sioh vor wenigen Tagen ein von jüdisch-kommunistischen Studenten provozierter Skandal. Diese erschienen während der Speisestunde im Restaurant und veranstalteten ein „Propagandameeting". Die anwesenden zionistischen Studenten verbaten sich diese Störung und Provokation, es kam zu einem Handgemenge und Sessel flogen hin und her. Polizei mußte intervenieren und über zwei Rädelsführer wurde von der Verwaltung das Lokalverbpt verhängt. Am nächsteu Tage veranstalteten die Kommunisten einen „Rachefeldzug". Sie erschienen in großer Zahl, die Ausgeschlossenen waren dabei und begannen sofort zu raufen. Sie sehriqn, daß das „Nest von jüdischen Polizeispionen; und jüdischen- Faschisten", ausgeräuchert werden müsse. Um das Lokal vor gänzlicher Demolierung zu retten, rief .die "Verwaltung Polizei herbei, welche die Kommunisten verjagte und einige verhaftete. Polnische Antisemiten Auf dem Boulevard St. Mjdaele im lateinischen Viertel von Paris überfielen Nätionalde m'ok raten jüdische Studenten, die sich zur Wehr setzten. Es kam zu einer schweren Schlägerei, der die Polizei ein Ende machte. Der Student Graf Stanislaw Ty skiewiez wurde verhaftet Die jüdischen Studenten beschwerten sich beim polnischen. Gesandten in Paris. Wie Belgien Studentenex^esse ahndet. Die Züricher Jüdische Pressezentrale meldet: Während man sich in anderen tändern gegenüber den antisemitischen .^tudentenkrawallen" gleichgültig verhält, hat Belgien wiederum einen Beweis von korrekter Haltung geliefert. Zwei polnische Studenten des hiesigen „Institut Superieur de Commerce" und Mitglieder des P o 1 n is c h Ka t h ol isch e n Studentenvereines Antwerpen hatten den Briefkasten des jüdischen Studentenvereines „H e a t i d" heruntergerissen und zerstört und die Wand mit herausfordernden Wörtern besudelt. Auf Veranlassung de« Rektors hat die Polizei diese zwei Studenten aus Belgien ausgewiesen. Von den Prager Universitäten Gelegentlich einer an der Prager deutschen Universität für dde Hörer des ersten Semesters veranstalteten Lntielligeazprü^fiümg, halben einige Studenten der deutsch'arischen Korporation „Germania" sechs jüdische Hörer, und zwar füaiif ungarische uod einen amerikanischen Staatsbürger, a>us dem Analomdesaai •hAnajusgeworfen. Der «imorikamische Student erhob sofort Protest beim amerikamischen Konsulat in Praig. Die tsdiechitsche Rechtspresse tritt immer schärfer für einen Streik: der tschechischen Hörer wegen der großen Zahl von Ausländem an den Präger Hochschuilen ein. Die faschistischen Blätter bringen Meldungen, nadt denen von 609 Medizinstudenten 160 Ausländer sind. Es wird „s ofo.rti.ge A <b ih i 1 f e" gefordert. * Im Parlament soll ein Gesetzesantraig einigeibraeht werden, der den Schiute des akademischen Bodens garantieren soll. In diesem Antrag soll ausgesprochen werden, daß die Polizei unter keinen Umständen Zutritt auf akademischem Boden hat. Ein solches Gesetz würde jüdische Studenten, gegen die sich meistenteils, wie die Erfahrung lehrt, Ausschreitungen auf Universitätsboden richten, vollständig schutzlos machen. Der Abgeordnete der Jüdischen Partei, Dr. Angelö Gold stein, sprach deshalb beim Antragsteller dieses Gesetzes vor und setzte ihm die Stellungnahme der Jüdisdien Partei zu diesem Antrag auseinander, wobei er auf die Gefahr hinwies, die jüdischen Studenten durch diesen Antrag drpht. Der parlamentarische Antragsteller nahm die Erklärung des Abgeordneten Dr. Goldstein zur Kenntnis, anerkannte dessen Bedenken und erklärte sich bereit, in seinem Antrage den jüdischen Forderungen Rechnung zu tragen. Die Lage der Juden in ider Mandschurei. Die Direktion von Hias-Ica-Emigdirect (Hicem) in Paris erhielt von ihrem Büro in C h a r b i n Informationen, die geeignet sind, die Angehörigen von in China lebenden Einwanderern und Durchwanderern zu beruhigen. In Chanbin sowie in den anderen Zentren, in denen Einwanderer und Durch wanderer leben, he r r's c h t absolute Ruhe. Mit Japan besteht eine reguläre Verbindung. Die Expreßzüge von China nach Sibirien und Wladiwostok verkehren normal, aus den chinesischen und den japanischen Häfen wird die Post regelmäßig zugestellt. Wie der Jüdischen Telegraphen-Agentur aus Charhin gemeldet wird, ist das Leben der jüdischen F a m.n i e.n in der Stadt ,y.s i tjs i k u r, die das Zentrum der ch'fnesis'cfc^ ifipnni-Fluß gewesen ist. normal. In Tsitstkar leben mehr als 50 jüdische Familien,r die hauptsächlich im Getreideexport und nimport beschäftigt sind- Es besteht nur die Furcht vor einer eventuellen vorübergehenden Okkupation durch in chinesischen und japanisch e n Diensten stehende frühere, zaristische Generale, die sich sehr judenfeindlich betätigen. Antisemitismus in Kanada. Montreal, 29. November. Der jüdische Deputierte, Peter Beröowitch, der für das Amt eines Schatzmeisters der Provinz Quebec in Aussicht genommen ist, bat in einer Mitteilung an die Presse erklärt, er werde kein Ministeramt in der Provinz Quebec annehmen, solange das antisemitische Vorur teil das politische Leben dieser Prqvinz, beherrscht. Die Judeu, führte Bercowitch weiter aus, sind keine Gäste im Dominion Kanada; jüdische Siedlungen ließen sieb s&hon im Jahre 1786 in Kanada nachweisen, unter der französischen Herrschaft kamen viele Juden ins Land. Es ist traurig, daß jetzt nicht allein in Quebec, sondern in ganz Kanada der Antisemitismus als rassisches und religiöses Vorurteil eine Stätte findet. Adolf-Stand-Gedenkfeier Die Z. A. V. Bar K o c h b a veranstaltet am Montag, den 7. d. M., im Chajea-Saal des Verbands'heimes, II., Untere Augartensträße 38, eine Adolf-Stand-Gedenkfeier. Die Gedenkrede hält Herr Dr. Z. Finkenstein. Beginn 8 Uhr abends. Alle Verehrer und Freunde des verewigten Führers, alle A. H. und Bb. der Z. A. V. Bar Kochba sind hiezu höflichst eingeladen. Vortrag kak Matgosdies in Wien Seit einigen Tagen wellt der Schriftsteller Isak Margosches aus TeUAwiw in Wien. Er wird drei Vor* träge halten, und zwar am Donnerstag, den 3. Dezember 1931, um *A9 Uhr abends im Saale der zionistischen Bezirkssektion Leopoldstadt, II., Praterstraße 13, über „Zionismus in Sowjetrußlan d", Samstag, den 5. Dezember, um H8 Uhr abends ebendaselbst über „Berditschewsky, sein Leben und Schaffen" und am Samstag, den 5. Dezember, um %9 Uhr abends im Saale des Verbandsheimes, VI., Königseggasse, auf Einladung des Verbandes russischer Juden, über: „Die Juden und der Fünf jahrp 1 an in Sowjetrußland". Alle drei Vorträge durften großes Interesse erwecken, da Herr Margosches die Ereignisse in Rußland aus persönlichen Anschauungen kennt. Herr Margosches war Mitglied des Zentralkomitees der Zioni» ' \ ' f'ß" jr\m ' \*J5S Cl%2m£i. t « :V" m&> CP S18.- S 24.- S 30.- Vii., Kaiserstraße 123 IX., Alserstraße 6 stischen Organisation in Rußland und war verfolgt und nach Sibirien deportiert. Nach vielen Ge* fahren gelang es ihm, mit seinen Gefährten über den Kaukasus, Persien, Mesopotamien und Syrien nach Pa« lästina zu kommen. Seine Eindrücke beschrieb Herr Margosches in seinem Buche: „Als jüdischer Flüchtling in Vor de rasten" Außerdem hat Margosches eine ganze Reihe von Werken herausgegeben, u. a. „Die Verfolgungen der Juden in Rußland", „Die Juden in den Ostländern", u. a. Jakob Kahan 50 Jahre all Anm. der Red.: Professor Jakob Kahan zählt zu den ersten unter den hebräischen Dichtern. Er ist Präsident der Union der Zionisten-Revisionisten Polens. Jakob Kahan 50 Jahre alt? Er war mit zwanzig Jahren so reif wie heute, ist heute so jung wie mit zwanzig. Die Jahre haben ihn unberührt geTassen. Er lebt auf einer Bergspitze, sieht auf der einen Seite die ruhmreiche Vergangenheit, auf der anderen Seite die große Zukunft seines Volkes. Dort sieht "er den jüdischen Freiheitskämpfer, hier seinen Nachkömmling, den Neuen Juden, der der Welt Achtung einflößen und sein eigener Befreier und Erlöser sein wird. Ihm ist das Metaphysische fremd, er ist träumerischer Realist, realistischer Phantast Er sieht das Ghetto nicht, will es nicht sehen. Es ist ihm fremd und er versteht es nicht, hat kein Mitleid, haßt es uns ganzer Seele.' Weil die Galuth für ihn vor allem Sünde und nicht Strafeist. Was Wunder, . daß Jakob Kahan immer einsam war, alles in sich selbst ausgekämpft hat und den eigenen Weg gegangen ist. Was geht ihn äri, was andere sagen? Er ist eine Einheit und darum kann ihn niemand beeinflussen, ändern. Wer mit ihm in Berührung, bleiben will, muß ihm seelisch verwandt sein. Sonst trennen sich die Wege, denn Jakob Kahan will und kann nicht von Seinem Weg abbiegen; geht immer vorwärts, immer geradeaus. Alles ist so einfach, selbstverständlich. Es ist selbstverständlich, daß Hebräisch auch außerhalb Palästinas wieder leben ..wird, es ist nur Frage des Wollen«. Jakob Kahan hat es bewiesen. Seines Sohnes erste Worte waren hebräisch, es ist seine Umgangssprache, Muttersprache, Vatersprache geblieben, selbstverständlich, klar, einfach. Er liebt das Jiddisch nicht, es ist Galuth, und Galuth i?t Sünde. Man kann in der Galuth hebräisch sprechen, man muH nur wollen. Seine Beziehung zur Natur. Da er seelisch nie im Ghetto war, sehnt er sich nicht nach Natur,' er erlebt sie, ist eins mit. ihr, ist ihr Teil. Deshalb wirkt seine Lyrik episch, seine Epik lyrisch. Seine Poesie hat nichts von einer gebrochenen Seele, sie wirkt kosmisbh im Jüdischen, jüdisch im Kosmischen. Jude ist Mensch, Mensch ist Jude.' Alles ist klar, einfach, ' selbstverständlich. .' , . Wer die Natur s o erlebt, kann die nationale Renaissance nicht anders erleben. Zionismus ist Kampf um nationale Befreiung und . bedeutet für jeden klardenkenden Menschen, der nicht das Ghetto in sich trägt, das Vaterland' erkämpfen,' den jüdij sehen Staat bauen. Was Wunder, daß Jakob i Kahan, der Dichter, Begründer und Leiter der; zionistisch-revisionistischen Bewegung in seinem Wahnlande Polen ist... . Er kann nicht verstehen, daß es Gegner^ des Revisionismus gibt. Wie sollte er auch, er, der innerlich nie Ghettojude war, der ' sein poetisches Wirken init einem nationalen Frühlingslied begonnen hat? Er zürnt den Gegnern aus Liebe zu Zion. Dieser heilige Zorn nagt an seiner zarten Seele, ist.Quelle seines..Schaffen« und Wirkens, Wer das Glück hat, zu ihm zu .kommen, kann hur Liebe und Ehrfurcht empfinden. So sind auch diese Zeilen in Liebe und Ehrfurcht von einem Freunde und Schüler geschrieben. Dr. David Wdowinski. //Der Sohar // Das Standardwerk der jüdischen Mystik ist soeben im Wiener Verlag Dr. Heinrich Glanz zum erstenmal in deutscher Sprache erschienen. Ein diese bedeu« tende wissenschaftliche Erscheinung erklärender Prospekt ist der heutigen Nummer der „Neuen Welt'4 beigelegt.