Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 220 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711790-2711839--2857-2716184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
feite * DDE NEUE WELT Nr. 320 ■MMMMnOMMMMMMMMMMMHii» PI m | Sehillplitt»«, »oh Taoj UilBfllBn immer als Zionisten ansah, da er den Zionismus als eine Spielart des jüdischen Nationalismus be* trachtete. „Die Politik des jüdischen Nationalismus muß nicht notwendigerweise Zionismus sein", sagte er. „Ich sehe die Diaspora als jüdisches Territorium an." In seiner Haltung gegenüber Dr. Claude G. Montefiore und dem liberalen Judentum war die Ablehnung des jüdischen Nationalismus (ungeachtet der Tatsache, daß viele führende liberale Juden Zionisten sind) für ihn der Stein des Anstoßes. Denn er kehrte konstant zu seiner Schlußforderung zurück, daß „meine geheimste Anhänglichkeit der liberalen Synagoge gilt, aber, was mich von ihr abhält, ist ihre Ablehnung des jüdischen Nationalismu s." Auch als Katholik trug er dafür Sorge, zu erklären, daß er „kein englischer Katholik, sondern ein jüdi» scher Katholik" sei. Er bestand immer darauf, als Katholik national ein Jude zu bleiben, und in der großen Anziehung der katholischen Kirche auf ihn lag seine Hoffnung, daß sie als Universalkirche eines Tages einen theokratischen internationalen Staat errichten würde, in dem die Synagoge einen konstitutiven Teil mit ihrem eigenen „Jüdischen Nationalheim" zu bilden bestimmt sei. Pater Day brauchte ein gut Stück Einfluß auf sein Gemüt in dieser Beziehung. Und Pater Days Streit« schrift „Juden und Katholiken", die ich unter Papieren Hans Herzls fand, muß ihn ziemlich stark zur Emphase gebracht haben und zum Verlangen, daß man für den Juden Ritualgewänder, Weihrauch und die Licht« effekte der katholischen Kirche haben müsse, die mit der Pracht des Tempelgottesdienstes überein* stimmen; ebenso zur Aufstellung von Parallelen zwischen „selbst dem modernen Synagogaldienst und dem katho« Ii sehen Ritus, wie z. B. das eindrucksvolle Herausnehmen der Thorarollen aus dem Schrein und die feierliche Pro« Zession zum Almemor, das Tragen der Tefilün und der Arba Kanfoth, die an das Skapulier erinnern, und der Kaddisch, den die Juden angesichts des Todes zu beten gewöhnt". Und wieder einmal: „Das Judentum brach nicht gleich dem Protestantismus aus dem Katholizismus aus, es machte nur plötzlich halt, das ist aber keine Rebellion. Wir haben die Fortsetzung der hebräischen Religion. Sie haben den ersten Band, wir haben beide." Die Sicherheit der katholischen Kirche nahm Herzl gefangen. „Ich bin ein armer kranker Menschengeist", schrieb er, „ich brauche eine Kirche. Wartim bin1 ich noch Katholik? Weil mein Geist verwirrt, meine Seele krank ist. Gesundung ist es, was mir das katholische Ritual gibt." Aber sobald er nachzudenken begann, fand er die Katholiken „zu einseitig in Dingen des Rituals und des Sakraments". Und wie sehr er auch andererseits die Quäker bewunderte, auch sie waten für ihn in anderer Richtung einseitig —• in der Betrachtung des Sakraments. So war es, daß die kleine Baptistengemeinde in Wien, der er sich für eine kurze Zeit anschloß (die erste Taufe, da er das Judentum ablegte), sich bei ihm als eine Art zentraler Partei empfehlend anbot, und gelegentlich wandte sich sein Geist wieder ihr zu, als „wahrscheinlich das Richtige". Es ist hier wert, zu erinnern, daß mein Freund Tenenblatt, als er den Baptistenpastor, der Hans Herzl getauft hat, interviewte (die Baptisten in Wien sind eine versteckte und kleine Gemeinde von ungefähr „Kusch, Hund elendiger! Stopf dir das Maul zu, Schacherer mit dem Vaterland, Nikolais Busenfreund! •— Hast du vielleicht geglaubt, da ist Honig drin?" Chaim Jossef Dovid stand und beide Hände, in das kochende Pech getaucht, bebten, taumelten vor Schmerz und Weh, und sein Gesicht verzerrte sich zu einer gespensterhaften, unglückseligen Fratze. „Hochwohlgeborener Herr," sagte er fast irrsinnig, „bochwohlgeborener Herr, das schmerzt, das schmerzt sehr, hochwohlgeborener Herr." „Heb' die Hände! Hinauf!" schrie der Oberleut« nant, „bis zum Kopf hinauf! Die Gelenke gerade! Die Arme hinauf! Noch! So. Jetzt stell' dich an die Wand, nach hinten) So! Und jetzt, Infanterist Kalmar! Bind' ihm die Hände an die Wand, daß sie nicht herunterrutschen." Infanterist Kalmar stieß vier Pflöcke in die Wand, je zwei für jede Hand, gab Chaim Jossef Dovids Hände zwischen die Pflöcke und band sie mit Eisendraht zu« sammen. So stand Chaim Jossef Dovid — — wie eine Menorah, mit zwei Armen. Und an der Spitze dieser bei« den Arme acht schwarze Kerzen ~ acht Finger — ohne die Daumen — mit Pech bestrichen. Wir wußten, was kommen wird. Wir wollten ein» zeln aus dem Zimmer schleichen. Der Oberleutnant schrie uns mit fürchterlicher Stimme an: „Niemand hat sich vom Fleck zu rühren, gemeine Schufte! Und, was glaubt ihr, für wen bestrafe ich diesen Verräter, wenn nicht für euch, für — — damit ihr seht und wiwetJ Und jetzt", wandte er sich an Chaim Jossef Dovid, „jetzt sprich dein Gebet" Und in diesem Augenblick — beachtete Chaim 350 Mitgliedern), fand, Herzl habe auch jenem gegenüber darauf bestanden, daß sein Religionswechsel nicht das Aufhören bedeute, national ein Jude zu sein." Ich erinnere mich, daß Israel Zangwill gerade auf diese Stelle in einem Brief an mich hinwies, zu der Zeit, da die jüdische Welt von der Neuigkeit der Herzl« sehen Taufe aufgerührt war. (Weitere Artikel folgen.) Am Samstag wurden noch vor der Wiener Universität einige jüdische Studenten von einer hakenkreuzlerischen Uebermacht Uberfallen, in rohester Weise mißhandelt und verletzt. Dann ist auf der Universität Ruhe eingetreten. Wie lange sie andauern wird, ist fraglich. Das ist nicht zuletzt davon abhängig, ob es gelingen wird, einen jüdischen Selbstschutz zu schaffen, mit Unterstützung der jüdischen Gesellschaft, eine Abwehrorganisation der jüdischen Akademiker zu schaffen, welche schon deshalb notwendig erscheint — von allen moralischen Gründen abgesehen — weil es in der Universität keinen Polizeischutz gibt Solange die einige Tausende zählende jüdische Studenteirrhaft ihre Angehörigen isoliert mißhandeln und verjagen läßt, werden die Hakenkreuzler immer dem billigen, gefahrlosen Sport des Juden verprügelns huldigen. * Als es auf der Universität lärmend zuging, haben die freiheitlich-bürgerlichen und sozialdemokratischen Zeitungen und Parteien ein wenig getadelt, aber sonst nichts getan, im ganzen und großen geschwiegen. Sie haben die jüdischen Studenten ihrem Schicksal überlassen. Die Freiheitlich-Bürgerlichen engagieren sich nicht gerne in jüdischen Dingen. Die Sozialdemokraten erklären ganz brutal, daß sie der Streit zwischen „Hakenkreuzlern und Hakennäslern" kalt läßt Die Formel „Bourgeoisie gegen Bourgeoisie" dient ihnen als bequeme Ausrede, besonders den jüdischen Führern. Sie schweigen ein schmähliches Schweigen! Aber in den letzten Tagen haben sie zu schreien begonnen. Jetzt, wenn es auf der Aula ruhiger geworden ist, schlagen sie gewaltigen Lärm! Warum? Weil der Der ehemalige sowjetrussische Volkskommissär für Kulturangelegenheiten, Lunatscharsky, weilte in der letzten Woche auf einer Vortragstournee in Wien. Herr Lunatscharsky empfing auch Vertreter der Presse, um 6ie über sowjetrussische Fragen z>\i informieren. Auch ein Vertreter der „Neuen Welt" hatte Gelegenheit, Fragen, die das russische Judentum betreffen, beantwortet zu bekommen. Beantwortet — ist allerdings ein wenig übertrieben, wenn wir auch, mehr der Pikanterie wegen, auf die Beantwortung unserer Fragen reflektierten. Eingangs machte Herr Lunatscharsky den Juden das Kompliment, daß ihre Brüder in Rußland „ein sehr begabter Bevölkerungsteil" seieu, was bestimmt wahr ist. Wahr ist auch, wenn Luuatsoharsky sagt, daß die Juden in der Krim und in BiroBid6 c ha n .js&ht ha r t e n Boden" zugeteilt erhielten, vielleicht auch, daß sie doch „trotzdem Verschiedenes geleistet" hätten. Und es ist sehr freundlich von Herrn Lunatscharsky, daß er der Behauptung der russi- Jossef Dovid den Oberleutnant nicht, in diesem Augenblick gab es für Chaim Jossef Dovid keinen Oberleutnant auf der Welt. Er wandte sich zu uns und sagte leise mit trauriger, doch fast singender Stimme hebräisch: „Das mir, weil ich den Tag von Chanukka ver* gessen hab\ Ich hab* ihn vergessen. Gestern war schon der siebente Tag und ich hab' den ersten gezählt. Um eine volle Woche hab' ich mich verrechnet. Zum ersten« mal in meinem Leben verrechnet Ihr habt Mitleid mit mir? Kein Mitleid haben. Ich leide, leide. — —•" Der Oberleutnant strich ein Zündholz an, hielt es zu den Fingern hin, zu den Fingern des Chaim Jossef Dovid, daß sie in Feuer gerieten — und Chaim Jossef Dovid sprach und sprach: „Ich leide, leide. Der Schmerz steigt von den Fin» gern zum Hirn. Das Hirn schmerzt. Das Gedächtnis schmerzt Weil ich vergessen hab*. Ein Mensch darf nicht vergessen, Freunde, Darf nicht. Und Chanukka darf man gewiß und gewiß nicht vergessen. Chanukka ist unser Kriegsfeiertag. Das Fest des Gotteskrieges. Und in diesem elendigen Krieg haben wir den Krieg des lebendigen Gottes vergessen. Matisjahu, den Hohepriester. Nein. Nicht im Traum hab' ich ihn gesehen, sondern mit den leibhaftigen Augen hab* ich ihn gesehen. Da im frostigen Fenster hab' ich ihn gesehen. Seht, dort am frostigen Fenster, zwischen den Blumen, den Eisblumen — — Seht, dort steht er--wartet auf mein Gebet. Ich bete und ihr antwortet mir: Amen.--" Und Chaim Jossef Dovid bub sein Gebet an. Sang, sang das Gebet mit heiliger Melodie, mit Inbrunst, mit Weh, mit brennendem, durchsichtigem Antlitz, in Kindertränen, in Ewigkeit. «üch Trink-und Spelseholle 2221 Oesetarische und mansche Speisen I MKilon HUntere logartMaSe 131 ■ KIIQH Eingang II.. Försters. 7 ■ Volkstümliche Preise Bis 12 Uhr nachts offen nj akademische Senat und die Regierung den Entwurf einer Studentenordnung im Parlament einbringen, welcher auf dem Prinzip des Bekenntnisses zur Nation, zur Volkszugehörigkeit basiert, also auch auf dem Bekenntnisse des jüdischen Studenten zur jüdischen Nation. Ob die Veröffentlichung des Inhaltes des geplanten Studentenrechtes authentisch ist oder nicht, steht noch nicht fesi Sie gibt aber zu keiner Aufregung Anlaß, denn es heißt ausdrücklich, daß alle Studentenschaften, also auch c?te jüdische, voltkommen gleichberechtigt sein wc. c». Jetzt heulen die getauften und ausgetretenen Journalisten des „Freisinns" und der Sozialdemokraten wild auf. Einen jüdischen Studenten verprügeln, bespucken, verjagen — Kleinigkeit Aber ihn zum Bekenntnis zu seinem jüdischen Volke veranlassen — gräßlichstes Beginnen! Man soll nicht mehr sein Judentum verstecken dürfen. Welche Schmach! Jetzt schlagen sie Lärm. Unwürdigen Lärm. Die Anregung zur neuen Studentenordnung geht von antisemitischer Seite aus. Die Studentenordnung selbst aber, soviel man eben bis jetzt von ihr weiß, spricht die Gleichberechtigung der jüdischen Studenten aus. Bei dieser Sachlage ist ein Kampf gegen die Studentenordnung unsinnig. Der Kampf gegen die Möglichkeit, daß eine gerechte Studentenordnung durch ihre antisemitische Urheber später gebeugt und mißbraucht wird, die Rüstung zu diesem Kampfe ist am Platze. Und diese Rüstung zum Schutze der jüdischen Hörer kann nur von einer vom Gefühle für jüdische nationale Ehre beseelten Gesellschaft besorgt werden. Nicht von den Herrschaften, welche unwürdig sind, unwürdig, wenn sde schweigen, und unwürdig, wenn sie lärmen. r. st sehen Bauern, die Juden hätten sehr guten Boden bekommen, energisch entgegentritt Warum aber in der völkerbefreienden Sowjetunion ausgerechnet die Juden die schlechten Böden bekommen müssen, ist eine Sache, die Herr Lunatscharsky nicht berührte. Was aber nun in Frage und Antwort folgte, zeugt von geringerer Wahrheitsliebe des Herrn Lunatscharsky. Frage: „Wird Hebräisch in Rußland verfolgt?" Antwort: „Nein. Ich hatte als Volkskommissär sehr viel mit dieser Sache zu tun. Es kamen Juden zu mir, die erklärten, daß Hebräisch eine lebende Sprache sei und daß man sie deshalb in den Schulen einführen solle. Die überwiegende Mehrheit hat aber Jiddisch verlangt und deshalb haben wir Jiddisch eingeführt und nicht Hebräisch. Privat darf selbstverständlich jeder Hebräisch lernen." Wir wollten Herrn Lunatscharsky nicht in Verlegenheit bringen und es daher unterlassen, ihm davon zu erzählen, daß diese jüdische Mehrheit aus ein Und die Finger flammten auf und das Antlitz Chaim Jossef Dovids entzündete sich flammenhaft — und wir, wir alle--das Blut stieg uns in den Kopf, es war uns einen Augenblick lang zum Umfallen, wir lehnten uns an die Wand und wurden einer und wieder einer ohnmächtig. Als wir erwachten, war Chaim Jossef Dovid nieht mehr unter uns. Auf einen Befehl hat man ihn an irgendeinen Ort gebracht Vielleicht ins SpitaL Vielleicht auf den Fried* hof. Und wir haben ihn nicht mehr gesehen. Am nächsten Morgen in aller Früh schreckt uns einer unserer Leute, rot und bleich zugleich, auf» zieht uns ans vereiste Fenster, das voll Bisblumen und ver« schiedener Zeichnungen war. Wir trauen unseren Augen nicht Zwischen den bunten Frostblumen, irgendwo im Winkel der Scheibe, erblicken wir das Gesicht einet greisenhaften Juden. Ein Zittern erfaßt uns. Wir stehen wie vom Teufel besessen — und starren. „Er selbst hat es gezeichnet", sagt einer von uns mit einer Stimme, die selbst im Zweifel ist „Narr", sagt ein zweiter, „sind denn da Hände gezeichnet?" Und alle haben wir in diesem Augenblick ver* gessen, daß des Chaim Jossef Dovids Hände keine Hände mehr waren. Chaim Jossef Dovids Hände sind aufgestiegen zur Heiligkeit der Menorah. (Autorisierte Übersetzung aus dem Hebräischen von D. R.) Lunalsdiarsky nassssdi-jüdfedhe Fragen Fragen des Vertreters der „Neuen Welt" und wie sie beantwortet wurden Um das nationale Sludenlenredit Pobeleien vor der Wiener Universität — Unwürdiges Schweigen, unwürdiger Lärm