Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 220 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 220 DIE NEUE WELT Seite S Die Tagung wurde von Dr. D. B n k 6 p a n eröffnet, der auch den Vorsitz führte. Er und Robert Stricker beschlossen den Tag mit einer programmatischen Ansprache. Das neugewählic Präsidium besteht aus: Oberbaurat Rotbert Stricker, Präsident, Leopold Sitzraann und Dr. David Bukspan, Vizepräsidenten, Fritz Richter, Schriftführer. Femer wurde ein Patt ei rat gewählt, dessen Konsiintierung demnächst erfolgen wird. Der Revisionistentag', auf dessen Verlauf wir noob zurückkommen werden, beschloß u. a. Folgende Resolutionen: „Der Revisionisten-Tag stellt fest, daß die Bettitigung auf dem Gcibietc der nationalpolitischen G c g e n w a r t s a r b e i t in Oesterreich einen w c s c n tliehen Bestandteil der politischen Arbeit bildet. Die Mitglieder der Union sind verpflichtet, allen Aiktionen, welche den Schutz der bürgerlichen und nationalen Rech-te der österreichischen Juden, ihre Vertretung in den öffentlichen Körperschaften, die Ausgeötaltung der Kultusgemejnde in eine jüdische Volksgemeinde, Rechtsschutz und Förderung des Wirtschaftslebens der österreichischen Judensohaft zum Ziele haben, tätigen Anteil zu nehmen." „Der Revisionisten-Tag dankt dorn Präsidenten der revisionistischen Weltorganisation, Vladimir Jabotinsk y, aber auch allen Mitgliedern der Exekutive für die bisher geleistete, verantwortungsvolle Arbeit. Die österreichischen Revisionisten bitten unsere Führer, in ihrer Arbeit und in ihrem Bemühen nicht zu erlahmen, in dem klaren Bewußtsein, daß nur der Revisionismus jene Bewegung ist, die den Zionismus zur Verwirklichung Herzischer Gedankengänge bringen kann. Die österreichische Mitgliedsehaift ist sich, ihrer Verpflichtung bewußt, daß sie durch die Dinarleistung dazu beiträgt, ihre Weltorganisation in die Lage zu versetzen, alle Maßnahmen zur Erfüllung des ersehnten Zieles ergreifen zu können. Sie beauftragt daher die kommenden i Parteibehörden, besorgt zu sein, daß alle Mitglieder ihrer Dinarpflicht nachkommen. „Der Revisionisten-Tag beobachtet mit Befriedidung dif erfolgreiche Entwicklung der revisionistischen Jugendorganisationen. Die Mitgliedschaft sieht in der erzieherischen und organisatorischen Entwicklung der jüdischen Jugend jenen maßgebenden Behelf, das revisionistische Endziel zu erreichen, und beauftragt die Parteibehörden, diesen Organisationen die weitestgehende Unterstützung der Gesamtorganisation teilhaftig werden zu lassen." „Der Revisionfeten-Tag anerkennt die große Bedeutung des Te 1 - Ha i - F o nd s, jener Einrichtung, die geeignet erscheint, die für die körperliche und geistige Heranbildung der jüdischen Jugend notwendigen Mittel aufzubringen. Die Mitgliedschaft fordert die kommenden Parteibehörden auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, die notwendig und geeignet sind, dem Keren Tel-Hai größtmögliche Popularität in der jüdischen Oeffentlichkeit zu verschaffen. Die Mitgliedschaft wünscht, daß die Parteibehörden die Initiative zur Schaffung eines T c I- H a i - K o m i t c e s in Oesterreich ergreifen und fordert die lebhafteste Unterstützung dieser Institution durch die österreichische Organisation." „Der Revisioni6ten-Tag anerkennt die ungeheure Wichtigkeit jener Arbeit, die den Absatz paläst inensischer Produkte in der Galutii zur Hebung der wirtschaftlichen Prosperität des Jischuw zur Aufgabe hat (Tozereth baarez). Die Mitgliedschaft dokumentiert durch Annahme dieses Beschlusses den Willen jedes einzelnen Mitgliedes, an dieser Aktion mittätig sein zu wollen, und beauftragt die kommenden Parteibehörden, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, die dieser revisionistischen Kardinalforderung gerecht werden." „Der Revisionisten-Tag ist überzeugt, daß die Forderung der Mittelstandskolonieation eine geeignete Maßnahme bildet, die Ueberwanderung jüdischen Klein- und Mittelkapitals nach Palästina zu bewerkstelligen und so die wirtschaftlichen Bedingungen eines erfolgreichen Aufbaues des Jiscbuws zu erleichtern. Die Mitgliedschaft begrüßt ebenso die Schaffung der Ucberw an derungs kooperativen, die die später erfolgende Ueberwanderung von jüdischen Kleinkapitalisten ermöglicht. Die Parteibehörden mögen daher diesen Institutionen die weitestgehende Unterstützung zuteil werden lassen und besorgt 6ein. daß alle notwendigen Maßnahmen zur Schaffung solcher Körperschaften getroffen werden." Bei Magen-, Darm- und Stoffwechselleiden führt der Gebrauch des natürlichen „Franz-Josel'-Bitterwassers die Verdauungsorgene zu regelmäßiger Tätigkeit zurück und erleichtert so, daß die Nährstoffe ins Blut gelangen. In Apotheken und Drogerien erhältlich. - - - •- --......-.........-................-- —.....-..... ) (Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlags „Die Neue Welt" gestattet. Der Wille, national Jude zu bleiben Erinnerungen an Hans Herxl, IV. Wie schon in den vorhergehenden Auf» sätzen angedeutet, nimmt Hans Herzls religiöser Zwiespalt auch in seinem weiteren Lebenslauf kein Ende. Wir hören nun von seinen Sympathien zur englischen Quäkergemeinde, der er sich aber — charak» terjstisch für den Sohn Theodor Herzls — nicht anschließen konnte, um nicht „Engs länder" werden zu müssen. Denn Hans wollte Jude bleiben. In jeder religiösen Verkleidung beharrte er hartnäckig darauf, national ein Jude zu sein. Immer wieder stellte er das fest: gegenüber den Katholiken, gegenüber den antinationalen liberalen Juden, gegenüber den englischen Quäkern. Diese Feststellung war geeignet, Herzls Uebertritt mit versöhnlicheren Augen ansehen zu lassen, wie das in einer Be* urteilung durch 'Israel Zangwill am Schluß dieses Abschnittes zum Ausdruck kommt. Der vornehme Prediger Rabbi Joel Blau hatte ebenfalls einigen Einfluß auf ihn und Hans HerzI bat ihn von Joseph Leftwich (London) einmal, ihn in seine Reform-Synagoge aufzus nehmen, machte aber gleichzeitig klar, daß er sich hier nicht ganz wohlfühlen würde, da er sich vom liberalen Judentum mächtig angezogen fühle. „Unter diesen Um« ständen", schreibt Joel Blau im Jahre 1926 an ihn, „halte ich es nicht richtig für Sie, Ihren Namen dem Vorstand der Synagoge zu unterbreiten. Wenn Sie ganz sicher wissen, in welche Gruppe Sie aufgenommen zu werden wünschen, so können wir die Sache neuerlich behandeln. Wenn es Ihr letztes Ziel ist, sich dem übe* ralen Judentum anzuschließen, warum denn sollten Sie es nicht tun?" „Das richtige Verfahren für mich ist, den Anschluß an die liberale Jüdische Synagoge zu vollziehen", schreibt Hans Herzl lange vorher. Und anderswo: „Ich, bin nun Jude kraft meines eigenen Zugeständnisses. Laßt mich hier eine Tatsache registrieren, mich selbst als solchen mit Würde zu geben." Aber er war trotzdem niemals seines Glaubens gewiß. Rund um den Winkel seines liberalen Juda* Wenn Sie mit wenig Geld viel Freude machen wollen, dann schenken Sie zu Weihnachten eine Voigtländer-Jubl ar- Kamera Die Volgtländer-Jubilar ist eine praktische 6x9 Film-Klapu-Kamera und kostet in einer hübschen Geschenk-Packung (Samt 2 höchstempftndlichen 23° Sch.-Filmen) nur S 63*— Ist das nicht billig für so ein schönes Geschenk? Voigtländer-Kameras erhalten Sie in jeder Photohand- . lung Kostenlos erhalten Sie den neuenJubilai-Prosp. dort od-r von Scherlng-Kahibaum A. u., Kepr. WteiiiVf., Webgasse *a, Abt. 29 ismu s hörte der Katholizismus sozusagen, ja mehr noch das Quäkertum, nicht auf, ihn zu rufen. „Ich bin nicht sicher in meinem Innersten", schreibt er. „Wiewohl ich gar sehr Respekt habe vor der katholischen Kirche, rebelliert meine Vernunft gegen jede christliche Theologie. Ich pflichte absolut den QuäkersDoktrinen bei, kann mich aber dieser Körperschaft nicht einreihen, da ich kein Engländer bin. Meine geheimste Anhänglichkeit gilt der Synagoge." Selbst in den frühen Tagen seiner Taufe hatte ihn das Quäkertum angezogen und er schrieb: „Ich bin ein dtrenger Katholik und voll Dankbarkeit für die katho* iische Mission für Israel, die mich anheimelte, als ich nicht aus noch ein. wußte, aber aus Ueberzeugung bin ich ein Quäker. Ich erzähle jedem immer, der mein Vertrauen verdient, daß ich ein Quäker sei." Der Quäker- Gedanke „In der Ruhe meine Kraft" ging ihm unaus« gesetzt durch das Gemüt, und eines Tages wurde er Bewohner einer Quäkersiedlung.. Bs ist sonderbar, daß er, obwohl in England seit seiner Kindheit lebend, an einer großen englischen Unis versität (Cambridge) erzogen, später naturalis sierter britischer Untertan, während des Weltkrieges als Freiwilliger in der britischen Armee die« nend, im Besitze der Service Medal und der Vi es tory Medal, sich in der Einwohnerliste der Siedlung als „aus Wien" eintrug. Das stimmt damit überein, daß er sich mit den Quäkern als „Nichtengländer" nicht vereinigen konnte. Es gab sogar eine Zeit, da er daran dachte, an das Innenministerium zu schreiben, sein „Naturalisierungszertifikat rückgängig zu machen". Worin immer Hans Herzl ungewiß sein mochte, ein Ding stand für ihn ohne Zweifel fest, und das ist, daß seine Nationalität die jüdische sei. Er war ein jüdischer Nationalist, wenn er sich auch nicht Wir fielen in Ohnmacht — — Das geschah so: * Am nächsten Tag — Chanukka. Chaim Jossef Dovid vergaß nicht, die Kerzen vors schriftsgemäß anzustecken. Er zündete die Kerzen an, sagte seinen Spruch, sang, sang mit Inbrunst, mit Freu« den, mit heiliger Stimme, ja mit aufgelöster Seele. Wir saßen im Todesgraben, ringsum saßen wir, betrachteten ihn, hörten auf sein Singen — und er sang, sang aus dem Innersten heraus, mit Demut, mit unges heurer Liebe, in Erbarmen und Ewigkeit. Da kam Leutnant Stubna daher. Alle standen wir zum Salut auf — und Chaim Jossef Dovid sah ihn nicht, spürte ihn nicht und hörte im Singen nicht auf. Darauf sahen wir, wie die Glotzaugen des Obers leutnants rot wurden, wie ihm ins Gesicht Blut stieg und wie seine Hände bebten. Er ließ einige Worte fallen, ohne daß wir sie gehört hätten. Und ging hinaus —- mit einem Entschluß. Das erkannten wir an ihm: er ging hinaus mit einem Ent* Schluß. Und fast wußten wir es alle schon im vorhinein: Chaim Jossef Dovids Schicksal ist entschieden. Tagsdarauf gegen Abend war der Befehl da, Chaim Jossef David dem Wachtposten einzureihen. Und noch in derselben Nacht brachte man Chaim Jossef Dovid gefesselt ein. Der Oberleutnant selbst brachte ihn. Und dann die furchtbare Nachricht; Ober* leutnant Stubna hat höchstpersönlich den Gefreiten Chaim Jossef Dovid in dem Moment ertappt, als er in die Richs tung des Feindes zu schleichen begonnen hätte. Was jetzt? Jetzt die Strafe. Ohne Gericht. Nach jenem Befehl. Keine Todesstrafe selbstverständlich. Eine Strafe — irgendeine. Und unser aller Gesichter erblaßten in Vorahnung dieser Strafe, schon in der Vorahnung selbst. Wir ers blaßten und unser Herz begann mit sonderbarem Schlag zu schlagen, nicht wie gewöhnlich. Wie eine verdorbene Uhr. Und der Oberleutnant gab den strengen Befehl: Ohne Lärm! Kein Getu und kein Gemurmel! Still! Alles in Ruhe, in Schweigen. Es ist eine Schmach, Schande und Spott, daß es zwischen uns solche Kreaturen gibt, die sich dem Feind übergeben wollen, eine Schande ist es und es muß geheim bleiben, in unserem engsten Kreis, und in unserem engsten Kreis wollen wir den Sünder bestrafen. Zu uns her brachte der Oberleutnant den „Sünder", in unseren gemeinsamen Raum, stellte ihn an die Wand und hielt ihm eine Ansprache. Wir hörten nicht, was er zu uns redete. Unsere Ohren waren von der schmutzigen Gemeinheit verstopft; von, der schmutzigen Gemeinheit dieses Menschen, der uns mit frecher Seele eine Predigt über Recht, Ehrlichkeit und Heldenmut hält. Wir hörten nicht — aber einige Worte drangen unwillkürlich hinein zu uns: Wenn Leiden den Menschen reinigen, sagte dieses Menschenscheusal, wenn sie rel» nigen, wie du mir, Chaim Jossef Dovid, in Freuden gesagt hast — da hast du jetzt die Gelegenheit, dich zu reinigen. Und ich will dir Gelegenheit geben, just jüdische, deinem Sinn entsprechend . .. damit sollst du in einem ein Gebot erfüllen. Na, Chaim Jossef Dovid, fühlst du dich schuldig?" Chaim Jossef Dovid, der wie ein Dieb gebunden dastand, blickte ihm nicht ins Gesicht, sondern hinunter zum finsteren Boden und sagte fast singend: „Vor dem König aller Könige — ja; aber vor dir, vor Fleisch und Blut, hochwohlgeborener Herr — nicht." „Was??" schrie der Oberleutnant ihn mit wildem Lachen an. „Was?? Vor mir nicht? Gut. Wenn dem so ist, Chaim Jossef Dovid, mußt du dich vor deinem Gott reinigen. Jetzt wirst du gereinigt werden, Chaim Jossef Dovid. Ich werde dich nicht töten. Nein. Dazu hab' ich weder Befehl noch Erlaubnis. Mir geht es auch nicht darum, aber es geht mir darum, dich zu reinigen . Du, Chaim Jossef Dovid, wirst deine Lichter anzünden," „Ja", sagte Chaim Jossef Dovid. „Wirst deinen Spruch sagen mit lauter Stimme/4 ,Ja." „Und wirst dich von deinen Sünden reinigen." Und sofort auf seinen Befehl — da kam ein Soldat, in der Hand einen Kübel voll schwarzen Breies. Wie Pech oder etwas ähnliches. Fast noch kochend. Man stellte den Kübel neben Chaim Jossef Dovid, löste die Kette des Gefesselten, und der Oberleutnant erteilte Befehl: „Tauch deine beiden Hände! Deine Fingerl" Chaim Jossef Dovid wußte scheinbar nicht, wie dieser Stoff sei. Er wußte nicht, ob heiß, ob kalt, er wußte gar nichts, Chaim Jossef Dovid. Er taucht seine Finger, beide Hände — — und ßtieß einen stillen, bitteren Seufzer hervor, der das Innere der Herzen ringsum zersägte.