Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 219 (27.11.1931)
- Date
- 1931-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 219 DIE NEUE WELT Seife» Aus Deutschland Beilage der »Neuen Weif« Ifir Deulsdiland Filialredaktion und Administrativ!» »Neue Welt«, Berlin C* BuradraHe »IV, Nr.« Große zionistische Kund* gebung in Berlin Fortsetzung und Schluß des Referats von Richard Lichtheim Es muß klar gesagt werden: Palästina wird jüdisch oder arabisch sein. Das heißt nicht« dafl wenn es jüdisch sein wird, keine Araber darin wohnen dürfen und umgekehrt. Es soLl das höchste Recht der Minorität in Palästina herrschen. Aber wir müssen uns klar darüber sein, daß die Einwanderung von Juden in ein von Arabern bewohntes Land, daß dieser Prozeß im Ringen zweier Völker um ein Land nur so enden kann, daß das eine oder andere nationale Element das Uebergewicht erlangt. Wer diese Alternative nicht sehen will, möge ruhig zu Hause bleiben; nur soll er sich nicht Zionist nennen. Das Ergebnis unserer Erwägung läßt sich daher in drei Sätzen formulieren: 1. Palästina kann nur ein jüdisches oder arabisches Land sein. 2. Zionismus hat nur Sinn, wenn er Palästina als jüdisches Land zu beiden Seiten des Jordan fordert. 3. Die Balfour-Deklaration und das Palästina- Mandat sagen nichts anderes als diese Zielsetzung. Das sind drei Grundpfeiler der revisionistischen Erkenntnis, die Grundpfeiler der zionistischen Politik. Mit der Wechselwirkung zwischen London und Palästina haben die zionistischen Füherer immer zu wenig gerechnet, haben sich Jahre hindurch nur auf das Regierungszentrum, also auf London, eingestellt, während sie der palästinensischen Administration nicht genügend Augenmerk schenkten. Die zionistische Führung zeigte sich immer höchst zufrieden mit den freundlichen und schmeichelhaften Worten, die man in London hörte, und übersah in ihrer Selbstzufriedenheit die Verhältnisse im Lande selbst. Erst Pogrome mußten kommen, um die Augen der zionistischen Führer zu öffnen. So erlebten wir in den verflossenen 14 Jahren vier Epochen, die zusammen die Weizmann-Aera darstellen; Die erste Epoche ist die Zeit der Militärherrschaft Allenbys, der ein entschiedener Gegner des Zionismus war. Die zweite begann, als er nach dem Pogrom von Jerusalem durch den Zjvilkoramissar Herbert Samuel ersetzt wurde. Dieser zunächst mit großen Hoffnungen begrüßte, leider sehr ängstliche, liberale Jude geriet bald völlig unter den Einfluß antizionistischer Elemente. Die Ergebnisse dieser Periode sind: Der Pogrom in Jaffa 1921; das Weißbuch 1922; die Lostrennung Transjordaniens; die Uebergabe von B eis an an die Araber; das ständige Zurückweichen vor den Forderungen der Araber, die so die Lektion erlernten, daß man Erfolg hat, wenn ein Pogrom ausbricht. Es folgte nun die dritte Epoche, die der Einwurzelung des Samuelschen Systems in Palästina; der permanente Antizionismus der Administration, die Förderung aller arabischen Bestrebungen, die Zurücksetzung der Juden; bis die Pogrome von 1929 die vierte Epoche einleiteten, in der wir uns noch heute befinden. Alle diese Vorgänge in Palästina blieben nicht ohne Wirkung auf London. Der Enthusiasmus vieler unserer Freunde in England schwand und dadurch auch unser Einfluß auf die politische Gestaltung. Erst die durch die Pogrome verursachten Proteste der Juden zwangen England zu einem Rückzug, der seinen Ausdruck im MacDonald-Briefe fand, dessen Einzelheiten freilich zur Kritik Anlaß geben. Wir stehen in einer neuen Situation, die jener vom Jahre 1921 ähnlich ist. Auch nach dem damaligen Pogrom gab England ein wenig nach. Es muß jedoch wahrheitsgemäß festgestellt werden, daß unsere heutige Situation schwieriger ist als die des Jahres 1921, trotz der 100.000 neuen Menschen im Lande, trotz des Aufschwunges Tel-Awiws, trotz der Kolonien im Emek. Die nationalen Kämpfe im Lande sind schärfer geworden, die Freude und die Begeisterung bei uns und unseren Freunden ist abgeflaut Dennoch sage ich: Wir müssen von vorne beginnen, mit England arbeiten und auch mit der neuen zionistischen Exekutive, die ich für besser halte als die Weizmann-Exekutive. Die Entwicklung der nächsten zwei bis drei Jahre wird zeigen, ob wir mit England zusammengehen können oder ob andere Faktoren für uns in Betracht kommen. Die mohammedanische Propaganda zeigt gegenwärtig sehr viel Rührigkeit (Konferenz in Jerusalem, Kalifatsfrage etc.). Unsere zionistische Politik muß rechtzeitig mit dem Alxwehrkampf heginnen, insbesondere in England selbst, an welches sich unser heutiger Protest gegen die Herstellung eines religiösislamischen Zentrums in Jerusalem, welches nur politische Interessen verfolgt, richtet. Des Bild, welches ich entrollte, ist nicht rosig. Werden wir durchhalten? Ich bin tief davon überzeugt, Wenn die 15 Millionen Juden auf der Welt wollen, so werden wir Palästina haben. Ihr, junge Freunde, an die ich nun meine Worte richte, werdet es haben, wenn ihr es haben wollt! Es gibt heute viele Tendenzen, die Jugend von uns wegzulocken. Es war immer Neigung der Juden, sich den fortschrittlichen Bewegungen anzuschließen. Besonders der Sozialismus zieht die Jugend an, die nicht ahnt, daß sie dasselbe Schicksal erleiden wird, wie es unsere Väter im Liberalismus traf. Kommen die sozialen Bewegungen zur Ruhe, steht der Jude wieder allein mit seinem messianischen Traum und muß erkennen, daß er doch nur Jude ist Wir nehmen die Bildung aller Zeiten und Länder in uns auf, aber Bildung ist nicht Kultur. Wir sind nur, was wir ganz sind.! Die Persönlichkeit läßt sich nicht lösen vom Volkstum, welches seit Jahrtausenden geworden ist. Dieser gewordene jüdische Mensch lebt. Weil er lebt, gibt es ein jüdisches Volk. Wenn ihr den jüdischen Menschen in euch entdeckt, werdet ihr Zionisten senil Viele werden abfallen. So war es immer in unserer Geschichte. Aber Schear jaschuw, der Rest wird zurückkehren und um das bessere Morgen unseres Volkes ringen. Die Zeiten sind schwer und vieles steht gegen uns. Aber wenn es möglich ist, nach fast 2000 Jahren der Galut, heute im Jahre 1931 hier in Berlin und in vielen anderen jüdischen Zentren Hunderte und Tausende von Juden um diese Idee zu versammeln/ so ist unsere Hoffnung wahr, so lebt sie, so wird der Zionismus sein! Stürmischer Beifall der zahlreichen Zuhörerschaft belohnte die Ausführungen des Referenten. Es gelangte sodann eine Resolution zur Annahme, in welcher festgestellt wird, daß die britische Mandatarmacht die ihr vom Völkerbund übertragene Pflicht der Förderung des Aufbaues des jüdischen Palästina nicht erfüllt und die Feinde des Aufbauwerkes direkt ermutigt. Die Resolution schließt mit den Worten: „Die Regierung duldet seit Jahren die skrupellose Hetze gegen die jüdische Bevölkerung und sieht un- III An unsere Auslandsabonnenten! Zur gefl. Beachtung I Unserer heutigen Ausgabe liegen Rechnungen bei tätig zu, daß der Mufti und andereUnruhe Stifter bestrebt sind, aus Jerusalem einen Brandherd religiöser Leidenschaft für die Mohammedaner auch anderer Länder zu raachen. Wir protestieren gegen diese politischen Machenschaften, wir fordern, daß diese Agitation, die nur dem Zwecke dient, die Errichtung des jüdischen Gemeinwesens in Palästina zu verhindern, rechtzeitig beseitigt wird. Wir fordern, daß England getreu dem Wort, welches es dem jüdischen Volke verpfändet hat, das Mandat strikt durchführt. Vor 14 Jahren schlugen die Herzen aller Juden in Dankbarkeit und Freundschaft für das englische Volk. Wir hielten die Balfour-Deklaration für das erete Kapitel in der Geschichte unseres Bündnisses mit England. Wir sind überzeugt, daß es auch im Interesse der Mandatarmacht liegt, ihre verfehlto Palästina-Politik radikal zu ändern, die Balfour-Deklaration im Goiste ihres Schöpfers durchzuführen und das geschwundene Vertrauen des jüdischen Volkes zur Mandatarmacht wieder herzustellen." Die Resolution wurde dem englischen Gesandten in Berlin übergehen. Alt werden und Jung bleiben möchte Jeder. So schwierig es scheint es ist dennoch leicht erreichbar durch ständige, sorgsame Körperpflege. Ein hervorragendes Mittel dazu ist DIANA FR ANZBR AN NT WEIN «II MorUioJ Massagen Einreibungen mit Dlana-Franzbranntwein erfüllen mit verjüngender Kraft. Ibana» wertvoll sur Hund« und Haarpttofjfj. Und d«b«l echr tolMg. Nehmen Sie nur Diana und weiten Sie wertlose Nachahmungen energisch zurück. Ueberau •rhiltllclil /sTy^g tichnicht... \ *t M IN (^ f| / wenn sl« In Vmrwtndun die Glühlampen.... Kra n< stehen, zeigt sieh die QU te einer Lampe. Schöne« und Wirtschaft Hohes Licht gibt OfRAM-MITRA P£M* Die Einheit der Judengemeinden Preußens bedrol Die preußische Regierung hat dem Landesverban der Judengemeinden einen Gesetzentwurf betreffen das Gemeindestatut zur Kenntnis gebraoht. Der En wurf erleichtert den Austritt aus den bestehende und die Bildung separater Gemeinden un richtet sich auch gegen das bisher unbesohränk Wahlrecht der Ausländer. Eine in Berlin al gehaltene Versammlung zionistischer Gemeinderaandi tare (Jüdische Volkspartei) nahm folgende Beschlüsse ai „Der uns vorgelegte Referentenentwurf eines G setzes über die preußischen Synagogengemeinden ist : allen Teilen ein unerträglicher Rückschritt gegenübt der bestehenden Rechtslage. Er ist unter völliger Mi! achtung des einhelligen Votums der berufenen Vertretung der preußischen Juden zustande gekommen. Die Einheit der Jüdenheit wird zerschlagen, indem noch stärker als bisher die Bildung von Sondergemeinden zugelassen wird. Die Erleichterung des Austritts bedroht den Bestand, die äußere Sicherheit und die innere Entwicklungsmöglichkeit der Gemeinden. Die Gleichberechtigung aller Gemeindemitglieder, diese für uns niemals aufzugebende Grundlage einer jüdischen Gemeinde, wird durch dein Entwurf aufs schwerste gefährdet. Der Entwurf macht es Gemeinden möglich, Juden nichtdeutscher Staatsangehörigkeit als Gemeindemitglieder zu entrechten. Wir erblicken in diesem Entwurf eine gegen den Bestand und die Entwicklung des Judenturas gerichtet« Vorlage und werden ihn entschieden bekämpfen." z/Judisdie Selb§tbesinnung'', Die kritische Lage der Juden in Deutschland Ein schönes, stolzes, brauchbares und wahrlich auch notwendiges Wort, das neiben der Ehrwürdigkeit seines Altere diesmal auch noch den Vorzug hat, in den Spalten eines Blatte« zu stehen, das den Interessen deutsohöst&rreichischer Staatsbürger mosaischer Konfeseion dient; in den Spalten der Wiener „Wahrheit", worin ihr reichsdeutscher Kollege jüdisethen Glaubens, ein Studienrat Dr. Willy Cohn aus Breslau, ü'ber die Leiden des deutschen Judentums im Krisenwinter 1931 klagt. Nun endlich! Auch der liberale, autizionistieche Zentralvereinsjude hat sich zur Parole „jüdischer Selbstbesinnung" aufgeschwungen, Und wie tut er das? Er, der Studienrat Dr. Colin aus Breslau, führt Tatsachen zur La>ge de*r Juden in Deutschland an, indem er u. a. schreibt: „Wie die Vorgänge aim Neujahrsfest in Berlin bewiesen, isiesimögl ich, daß esind erReichs» hauptstadt zu einem ausgesprochenen Pogrom kommt." Und in diesem Zusammenhang weiter; »Wer jüdische Geschichte kennt, deoweiß, aueih, daß der Pogrom eine uralte Einrichtung ist die der Neuzeit nur in der technischen Durchführung Aenderungen gegen ehemals aufweist, im Grunde aber eigentlich sich nicht geändert hat." Zu dieser äußeren Not konumt die innere, erzahlt uns der Herr Studien rat, und belegt sie out. der Tatsache, daß manchmal die Liebe des deutschen Judentums für deutsches Wesen bis zur Selb6taufgaibe ging und daß trotz der unerhörten Kulturleietuugen der deutecheu Judeu zwischen der jüdischen und christlichen Oberschicht fast gar keine gesellschaftlichen Besiehungen mehr bestehen und man die jüdische Mittel- und Unterschicht als lästige Fremde ansieht. Die Juden haben sich geopfert, Blut und Geist und Geld für deutsches Wesen hingegeben, konstatiert