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Die neue Welt · 1931-11-27 · Heft 219 (27.11.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 219 (27.11.1931)
Date
1931-11-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 219 DIE NEUE WELT Seite 5 Blutvergießen kam. Und eines Tages wird es wohl dem Unterhaus „plötzlich" klar werden, daß die britische Politik im Laufe der letzten Jahre ein anderes Doppelspiel spielt: Irgend jemand, z. B. der britische Nach* richtendienst, führte einen Kampf gegen die Sowjetpolitik des Anzündens islamischer Brandherde, während jemand anderer — auch auf Kosten der britischen Staatskasse (und der jüdischen Steuerzahler in Palästina) — auf dieselben Brandherde eifrig und planmäßig Feuer legt. Der Londoner „Daily Telegraph" hat sich vor kurzem bitterlich darüber beklagt, daß im Orient sowjetische Provokateure Brandstiftung verüben. Stän* dige offizielle Agenten der Sowjets befinden sich in Djedda (dem Hafen von Mekka), in Jemen — für die ganze Westhälfte der Arabischen Halbinsel, in Massaua (der italienischen Erythrea), im Sudan und in Abessinien. Mit IbnWSaud pflegen die Bol* schewiki herzliche, freundschaftliche Beziehungen und verkaufen ihm Waren auf Grund langfristiger Kre* dite. Die Londoner Zeitung zweifelt nicht daran, daß all das zum Zweck der Brandstiftung geschieht, und sie hat ganz recht. Aber womit, wenn nicht mit demselben Spiel, befaßt sich jene Bande englischer Orientamateurpolitiker, deren Inspiratoren der religiöse Hysteriker Philby, der Komödiant Lawrence, der böswillige stille Intrigant Richmond sind? (Herr Richmond ziert noch immer die Spitze der Palästina« Administration mit seiner Anwesenheit; doch befaßt er sich — wie die Engländer behaupten — „nur noch mit Archäologie".) Die türkische Regierung ist überzeugt, daß der kurdische Aufstand, dessen Ziel die Erhaltung des Harems, des Frauenschleiers und der Frömmigkeit war, aus derselben Quelle Geld und Begeisterung schöpfte. Und daß die afghanischen Wasserträger, die Amanullah im Namen der Reinheit des Islam stürzten, bedeutende Hilfe von derselben Seite erhielten, war seinerzeit in der ganzen europäischen Presse zu lesen. Doch alles verblaßt gegenüber der zügellosen provokatorischen In* trigue, die in Jerusalem eingefädelt wurde: Die offi* zielle Duldung und Patronanz sind in diesem Fall so augenscheinlich, daß eine offizielle Initiative schwerlich geleugnet werden kann. Die Gefahr dieses Spiels mit dem Feuer scheint durchaus nicht geringer, wenn "wir hören, daß die mos* lemischen Mächte ein Kalifat in Jerusalem gar nicht wünschen. Den letzten Nachrichten zufolge, wünscht auch Schaukat AH nicht ein Kalifat in Jerusalem. Dies bedeutet nur, daß der Kongreß in der OmarsMosch.ee bezüglich eines Punktes seines Programms keinen konkreten Beschluß fassen wird. Doch handelt es sich gar nicht um konkrete Beschlüsse. Wenn solche auch gefaßt und auf Pergament verewigt werden sollten, so werden sie auf dem Pergament bleiben. Das Reden von einer vereinigten, organisierten Tat des gesamten Islam in internationalem Maßstab ist unverwirklichs bares Geschwätz und wird es noch lange bleiben, ungeachtet der Hilfe sowjetischer und englischer Hetzer. Wozu überhaupt die vereinigte, organisierte Tat? Man braucht von Zeit zu Zeit große, konzentrierte Feuer« werke, in der Hoffnung, daß der Wind die Funken in alle Himmelsrichtungen tragen wird. Diesmal soll die OmarsMoschee in Jerusalem den Schauplatz des Feuerwerks abgeben. Zu welchem Zweck die Sowjets den Islam in Brand setzen wollen, ist allen klar, und auch die Logik dieses Planes ist klar und vom Standpunkt der Bol* schewiki unanfechtbar. Sie verfolgen geradlinig eine Aufgabe: Die Schwächung Europas. Der Plan der Engländer dagegen ist kompliziert und verworren. Ihr Ziel ist patriotisch: Die Rettung der britischen Hegemonie im Osten. Dazu scheint ihnen notwendig, daß England sich mit dem traditionellen Geist des Is 1 am identifiziere, d. h., daß die Derwische und der Marktpöbel zum Schutz ehrwür* nicht im ganzen Umfang, aber mitunter scharf paradox entgegengestellt wird. Die praktische Mystik sollte dann durch die motorische Kraft des Beseht (Bai Schern Tow) als Lebens- und Rituallehre in die Volksschichten dringen in Form und Inhalt des Chassidismus. Der Auswähler der Uebertraguug der Sohartexte geht von zwei Prinzipien aus: der Kontinuität der Idee und der historischen Umrahmung und dem Gesichtspunkt des Aesthetisch-Sprachliohen. Gedanke, Wort, Rhythmus des Sohar will sich in einer originären deutschen Uebertragung finden. Ernst Müller ist ein gründlicher Kenner der überaus schwierigen Materie. Deutung dunkelster Stellen durch die Uebersetzung, Nachspüren philologischer Zusammenhänge als religiös-mystischer Tendenz, historiographische und kommentierende Hinweise, die als Anmerkungen und Marginalien den übersetzte« Text schrittweise begleiten, müssen als hohe Leistung gewertet werden. Die Arbeit eines Jahrzehnts ist allenthalben deutlich spürbar. Nach der vergriffeneu französischen Uebertragung durch Jean de Pauly liegt nun in Hochdeutsch zum erstenmal eine Uebertragung des „Sohar" vor, von der schon Inhaltsverzeichnis und Index im Anhang die Vorstellung des Umfassenden geben. Das äußere Gewand, der sorgfältige Druck» der stilgerechte Bildschrauck von Uriel Birnbaum im Verein mit der Drucktype, die den Charakter des Buches wahrt, stellt eine Neuerscheinung von bibliophilem Wert dar. o. r. diger Traditionen, patriarchalischer Lebensweise, der Einsperrung der Frauen, des Turbans, der orientalischen Kleidung, kurz — all dessen, wa9 die englischen Touristen ,,picturesque" (malerisch) nennen — aufgerufen wer« den — gegen das Moderne, gegen westliche Bildung und westliches Staatswesen. Es ist außerdem notwendig, daß hinter diesem hochqualifizierten ..Kulturwerk" die Hand Englands merkbar sei. Dann werden die Derwische und Wasserträger, wenn sie Kemal Pascha, Amanullah und die andern Westler besiegt haben, immer und ewig an England gebunden und ihm dankbar sein. Nur politische Verblendung kann diesen Gedanken« gang als „patriotisch" bezeichnen. Wir haben in Ruß* land erlebt, wie das zweideutige Spiel mit den In» stinkten der Schwarzen Hundert zwangsläufig ganz anderswo endete: Wir haben gesehen, wie es zum g. Jänner 1905 kam, wie aus den Teestuben der Schwarzen Hundert plötzlich Bolschewiki herausströmten. Die Spekulation auf den Buchstaben des Koran, ausgerechnet im zweiten Viertel des gottlosen Jahrhunderts, ist für die spezifische Selbstverblendung der „höheren" englischen Gesellschaft, die in der City und im Volk den Ton angibt, bezeichnend. Vor unseren Augen hat England seine Märkte verloren, weil es starrsinnig veraltete Waren nach veralteten Prinzipien erzeugte. Und auch der Versuch, im Verkauf von orientalischen Frauenschleiern en gros ein politisches Nationalvermögen zu erwerben, gerade in dem Augen« blick, wenn die Nachfrage nach dieser Ware rapid fällt, kann nur das zur Folge haben, was wir alle voraussehen und mit Sicherheit prophezeien können: Durch die englische Brandstiftung wird in erster Linie England selbst lei* den. Vielleicht werden auch wir Juden darunter leiden. Aber ich betrachte gerade die letztere Gefahr durchaus nicht als erwiesen. Aber interessant, sehr interessant ist die internationale Seite dieser Perspektive. Indem dieser provokatorische Feldzug den „alten" Orient gegen den Westen aufhetzt, legt er Feuer auch an Syrien, Tri« Der elegante Hetr — det erloigre'che Mann — der anspruchsvolle Kenner — sie altta sieren 9 ch nur ml" Der einzigen schwedischen Weltmarke In höchster Eile irgend ein Geschenk für Weihnachten zu besorgen, ist unpraktisch denn dann kauft man meist Dinge, de wenig Freude bereiten Sehen Sie sich deshalb jetzt schon in einem Photogeschäft die Voigtländcr»Jubilar«Kamera an, und Sie werden finden, daß sie „Das Geschenk" ist Die Voigtländerjubilar ist eine praktische 6X°*Film»Klapp.-Kamera und kostet in einer hübschen Geschenk*Packung (samt zwei höchstempfindlichen 23° Sch.*Filmen) nur S 63'- Ist dies nioht billig, für so ein schönes Geschenk? VoigtländersKameras erhalten Sie in jeder Photohandlung. Kostenlos erhalten Sic den neuen Jubilar^Prospekt dort oder von Schering*Kahlbaum A. G., Repr. Wien, VI., Wcbgasse 2a, Abt. 29 politanien, Marokko, Java und die Philips pinen. In Frankreich und Amerika fürchtet man die Moskauer. „Komintern", welche die Inder, Araber und Neger zu Aufständen aufhetzt. Aber auch die „Mosintern" (Moslemische Internationale), die jetzt in Jerusalem begründet werden soll, verfolgt dieselben Ziele. Und dies geschieht in demselben Augenblick, da England gezwungen ist, bei diesem Frankreich und diesem Amerika um finanzielle Hilfe zu bitten. Man weiß nicht, was erstaunlicher ist: Die Verblendung des Verstandes oder des Gewissens. (Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlags „Die Neue Welt" gestattet.) Hans Herzk Kampf um Göll Erinnerungen an Hans Herzt von Joseph Leflwi'ch (London) III. Wenn Joseph Leftwich im letzten Artikel seiner Erinnerungen an Hans Herz! auf das Ringen mit dem allzu heftigen Gel* tungswillen hinwies und die seelischen Grundkräfte von V a t e r und Sohn miteinander konfrontiert hat, so schildert er hier # den inneren und äußeren Weg, der den unglücklichen Hans zu den v e r s c h i es densten religiösen Strömungen geführt hat. Kaum Katholik geworden, beginnt er sich den Fesseln der katholischen Dogmatik zu entwinden und läßt sich, an* gezogen von der Persönlichkeit des Dr. Claude G. Montefiore, vom liberalen Juden* tum fesseln. Aber immer wieder bricht der Drang durch, Jude sein und sich öffentlich Jude nennen zu dürfen — über die Neigung zum religiösen Inhalt des liberalen Juden* tums hinaus. Ich erinnere mich, daß Hans Herzl mit Bezug auf seines Vaters publizierte Tagebücher zu mir sagte, er habe das Gefühl, sie seien nicht vollständig wahr, da sie einen großen Teil seines Lebens unterdrückten, sein häusliches Leben, sein Verhältnis zu seiner Frau und seinen Kindern, als hätte er außerhalb des Zionismus kein Leben geführt. In dem Tagebuchmanus skript seiner Jugend ist kein Teil seines Lebens ver* schieiert, und Theodor Herzl steht in einem furchtbaren Licht von Selbstmißbilligung und Unglauben an seine eigenen Kräfte und seinen eigenen Wert. Viel von diesem Gefühl des Unwerts und des Zwei« felns an sich, gepaart mit einer starken Dosis Ambition, vergeblicher, unfruchtbarer Ambition, ist Hans Herzl ver* erbungsmäßig zuteil geworden. Er verbrachte Nächte in Gebet und Kasteiung und geißelte sich selber ob der Schwäche der Eitelkeit, der Ambition. Oft, lange bevor es geschah, kam die Verzweiflung so mächtig über ihn, daß er die Empfindung hatte, es bliebe ihm nichts anderes übrig, als „den Schwamm auszu* pressen". „Tatsächlich", schrieb er nicht lange nach sein Taufe, „ich weiß nicht, wo ich landen werde, wenn ich in dieser Weise fortfahre. Wenn Gott sich mir nicht selbst fühlbar machen wird, wenn er nicht zu mir in der Gestalt irgendeines menschlichen Wesens kommen wird, das mich vor mir selbst emporreißt, aus meiner Tier* haftigkeit, dann werde ich noch tiefer sinken in den Sumpf." Von Anfang an gab'ihm die Taufe, von der er sich Hilfe erhoffte, keine Befriedigung. Bald nachher schrieb er bereits: „Ich bin in die Hände jener katho« lischen Wirrmacher geraten, als ich uneins war mit meinen alten Freunden. Sie wollten nach allem nicht mir, dem Individuum Hans Herzl, helfen, sondern für die Kirche einen Rekruten werben. Die Wiener Geistlichen waren ebenso arg in ihrer Art." — „Es sind die Fanatiker in der Jüdischen Missiontfaewegung", | schreibt er einige Tage später, „die mich aus der Kirche verscheuchen", und bald darauf: „Ich bin von der Uns geistigkeit der Katholischen Liga für Israel herausgetrieben worden. Es war für mich ein schrecklicher Durchfall." Und in einem Brief an Pater D a y, der wohl der Grund war, weshalb dieser mir Hans als „Wackler" bezeichnete, schreibt Hans Herzl: „Ich stimme damit nicht ülierein, daß die Leugnung von Jesus' Messiastum notwendigerweise ein Irrtum ist. Messias bedeutet für viele Christen Gott, und ich halte es mit der jüdischen Lehre, die die Körperlichkeit bei dem leugnet, der gemäß dem christlichen Glauben Gottes Inkarnation war. Ich halte dafür, daß es ein Sprachmißbrauch ist, wenn» man dort Gott sagt, wo man göttlich (oder gotthaft oder Gottes Stammes) meint, so daß ich in der Er* wägung der hervorragenden Bedeutung vom Studium der Lehre Christi das orthodoxe Christentum nicht als philo* sophisch wohlbegründet akzeptieren kann. Ich glaube, an* nehmen zu können", fährt er fort, „daß es jedem frei* steht, dem Meister zu folgen, ohne von seinem Volk zu desertieren. Daher kommt auch die Art, wie Juden, die in jeder Hinsicht gut sind, Christi Lehre beherbergen und sie leben, die Apostasie betrachten. Mit ihr verkauft man seine Vergangenheit, denken sie. Es beleidigt mich tief, Sie zum Beispiel von einem jüdischen Sonntag sprechen zu hören. Für mich hält das den Antisemitismus aufrecht, und ich habe das Gefühl der Verräterei, dem zuzuhören. Es sind das die kleinen Mißtöne, die mir die Inkompatibilität zwischen mir und der Kirche klar* machen. Glücklicherweise sind wir getrennt, und es ist gut so. Ein anderer Ausgleich würde zu einem bösen Bruch führen. Ich fühle es sehr bitter, daß bei der Aufdrängung einer bestimmten Religionsform — die etwas bedeuten mag oder auch nicht —-, ich mehr Grund haben müßte, die rechte Hand der Freundschaft und Kameradschaft den nächsten Anhängern meines Vaters hinzuhalten. Christentum in meinem Leben ist Negation der Religion gewesen. Es war kein ECKSTEIN'S FAMILIEN-PENSION Rettauration, Kalleehaus / Täglich 3-Uhr»Tee SEMMERING!SS?B&teBSf••4, Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12. - aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaliwasser in jedem Zimmer. / Auskunft unter Telephon U-27-6-24

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