Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 219 (27.11.1931)
- Date
- 1931-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT ■Nr 21* Zur Auffrischung des Blutes trinken Sie einige Tage hindurch frühmorgens ein Glas natürliches „Franz JoseT^Bitterwasser! In Apotheken u. Drog. erhältlich sagt, daß die jiklisöhe Minorität machtlos ist, so tat das unwahr. lausende jüdischer Studenten als ge schlossene Masse in und vor der Universität eine eine Kraft, über welche eine noch so große studen* tische Ueberzähl und vor allem die öffentliche Meinung nicht zur Tagesordnung üibergehen kann Wenn jüdische Studenten in Versammlungen prote stieren, ist das gut. Aber ein jüdischer Student, mit geraden Gliedern, hat erst dann das rüoralische Recht erlangt, in jüdischen Versammlungen zu sprechen und zu protestieren, wenn er vorher dem Rufe zur Selbstwehr entsprochen und in und vor der Universität seinen Mann gestellt hat. * Wo sind die politischen Parteien, welchen die österreichischen Juden ih re Stimmen gegeben haben, denen sie begeisterte Gefolgschaft leisten? In den letzten Jahren haben es die jüdischen Wähler abgelehnt, bewußten jüdischen Kandidaten ihre Stimmen zu geben. Sie haben vor allem sozial demokratisch, dann auch deutschdemokratisch, auch christlichsozial gewählt. Die Sozialdemokraten, mit ihrem akademischen Schutzbund, sind nicht zu sehen. Sie haben sich begnügt, gegen die Vergewaltigung von Sozialisten und Kommunisten an der Universität zu protestieren. Von den Juden kein Wort, für die Juden keine Tat. Die anderen schweigen ganz öder sind auf der Gegenseite zu finden. Der jüdische Wähler hatseine Stimme für diese Schweiger und Nichtstuer vergeudet, hat das Judentum dieser Stimme - beraubt. Wenn er jetzt schreit und protestiert, ist der Protest sinnlos, wenn er nicht von der politischen 'Einsicht hegleitet ist, daß jede jüdische Stimme dem jüdischen Volke gehört. r. st. Resolution, beschlossen vom Vorstände der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in der öffentlichen Plenarsitzung vom 18. November 1931. In'den Tagen, in welchen die Not unseres Landes die Gemüter aller mit tiefster Besorgnis erfüllen muß, in einer Zeit, in der alle maßgebenden Stellen bemüht sind und ibemüht sein sollen, unter Ueberfbrückung aller bestehenden sonstigen Gegensätzlichkeiten sich zusammenzuschließen, ist die Wiener Universität ' der Schauplatzvon k u lt u r w id r. i<g:en Vorgängen, von . , wüsten Hetzen, und von hrutalen Gewaltanwen- ' düngen gegen jüdische Studierende.' ■ \ Unverständlicher- und beschämetKierweise können jene Studentengruppen, welche durah ihr jahrelanges Ta-eiiben die Ruhe auf der Universität gestört haben und durch die geschilderten Handlungen den akademischen Boden entweihen, darauf pochen, daß sie ganz besonders 'in dem Verhalten des Prorektors und des akademischen Senates eine Stütze finden, jener Stellen, die es anordnen oder dulden, daß partei-. mäßig uniformierte und bewaffnete Personen in den Räumen der Universität während der Vorlesungszeit militärische ExeraJerübungen vollziehen, als die „Herren" der Aula auftreten und, mit den Befugnissen von „Ordnern*4 ■ ausgestattet, die Möglichkeit haben, BrutaLitäts.akie gegen die jüdischen Studenten 'zu begehen, "Schon in seiner Kundgebung vom 24. Juni 1931 hat der Kulrusvorstand mit Empörung festgestellt, daß die jüdische Studentenschaft auf akademischen Boden den. organisierten brutalen Gewaltakten einer rohen Uelbermacht wehrlos preisgegeben wiid und nirgends, insbesondere nicht bei den hiezu berufenen akademischen Behörden, Schutz findet. Neuerlich fordert die Israelitische Kultusgemeinde Wien mit allem Nachdruck die Staatsgewalt auf, die Sicherheit der jüdischen Studentenschaft endlich auch auf dem Boden der Hochschulen pflichtgemäß zu schützen und mit den entsprechenden Machtmitteln des Staates dahin zu wirken, daß die verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung aller Bürger auch endlich auf der Wiener Universität zur Geltung komme, damit die jüdischen Studierenden ohne Gefährdung von Leben und Gesundheit von-dieser aus den Mitteln aller Staatsbürger erhaltenen Bildungsstätte Gebrauch machen können, ■ # Protestversammlung in Wien Im Hotel Post fand eine vom Verband R a d U kaier Z i o n i s t c n einberufene, stark besuchte Protest« Versammlung gegen die Entrechtung der jüdi« sehen Hochschüler und Mittelschüler Oesterreichs und gegen die Judenverfolgungen in Polen statt Als erster Redner wies Dr. Leopold Plaschkes auf die Not* wendigkeit der Abwehr antijüdischer Angriffe hin und appellierte ah die jüdischen Ehern und an die Jüdische Jugend, sich zu gemeinsamer Abwehr» und Aufbauarbeit zusammenzuschließen. Stud. jur. Rathaus sprach Uber die Lage des jüdischen.. Studenten an den Wiener Hoch« schulen und über das Verhalten der akademischen Be* hörden, die es unterlassen, den Schutz der körperlichen Sicherheit der jüdischen Studenten' zu gewährleisten. Osias S ch ä cht er (Jüdische Mittelschüler]) sprach über die antisemitischen Angriffe gegen die jüdischen Mittel* schüler, Dr. O s t e r e r forderte die Organisation des Selbstschutzes der jüdischen Studentenschaft. Dr. Israel Waldmann machte<klaf, daß für das geeinigte jüdische Volk letzten Ende9 weder HochschuIauss,chüs9e noch Rektorate, noch Regierungen^ sondern der yö,l k e r b u h d die maßgebende Instanz sei.und. verlangte, daß bei Schaf« fung der Studentennatioriqh'däS freiwillige Bekennt* nis die Grundlage bilde und jeder Studentennation, die volle Gleichberechtigung zuerkannt werden müsse. , Nach einer Anspraphe des Majors Dr. Markus (Amerik. Liga für den Schutz ausländischer Studenten) und einer Begrüßung der Versammlung durch einen Ver* treter der „Kadimah" wurden zwei Resolutionen im Sinne der Ausführungen der Referenten angenommen. ■- * Vertreter der Kultusgemeinde bei der Regierung Knapp vor Blattschlüß erfahren wir, daß die Vertreter-der Wiener Kultusgemeinde beim Bundeskanzler Dr. B u re s ch-erschiene^;,sind, um. gegen die Verm Das weltbertthrilte Kölnischwasser überaljärbgltllohi folgung jüdischer Hörer an den Wiener Hochschulen zu protestieren. Der Bundeskanzler empfahl der Delegation, mit dem 'zuständigen Unterrichtsaiinister Doktor Izermak Fühlung zu nehmen. Die Delegation; begab sich hierauf zu Dr. Czermak. Dieser verwiesi' auf die Notwendigkeit; einer baldigen,' Regelung .derin'nerakademisclien: Verhältnisse durch ein z e i t g e m aß e s S t ü;de n t e h r e ch t, das ja auch den . A n,g,.e.hö rig.e nv -f;ü discher Volkszugehörigkeit volle Gleichberechtigung geben wird. Der Minister stellte "in Aussicht, nach Erledigung dieser .Angelegenheit im Ministerrat die interessierten Faktoren, üriif• äiich?"'äilP!>Vefti?eWr der israelitischen Kultusgemeinde ■ vöfi'dem 'Inhalt derif-VinHHge in Kenntnif zu setzen.'1 Der 'Minister hob' 'au6a die Bemühungen der deutschen Studentenschaft hervor, trotz einzelner unliebsamer Vorfälle die Ruhe und den ungestörten Studienbetrieb an den Hochschulen aufrecht zu erhalten, und richtete an die Deputation''-das Ersuchen, auch auf die Kreise der j ü d is e h e n $ t u deuten dahin zu'wirken, daß Mi r er s ei ts.-jeder Anlaß zur Entsteh uns: neuer Unruhen vermieden, werde. Wir wenden auf die Angelegenheit zurückkommen. Union der Zionisten-Revisionisten Oesterreichs Am Samstag, den 28. November, um1 8. Uhr abends im Verbandsheim, II, Untere Augartenstraße Nr. 38 1. Eröffnungsansprachen «Dr. D. Bukspan, Oä«»baurat »ober! Stricker) 2. Wahl der Partelbahörden 3. Beschlüsse und Resolutionen 4. Eventuelles^ Erscheinen ist Pflicht jedes Revisionisten 1 Union der Zionlsten-Revisionisten Verband demokratischer Zionisten mmmmmmtmmmmammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm Mittwoch, a.Oesember 1931, um >/,9Ühr abends Im Hersl-saal des Verbands* heims, II., Untere Augartenstraße 38 VORTRAG Gegenstand: Die Finanzpolitik meinde Wien Referent: Hans Kandl der Ge- Regiebeitrag 20 g Freie Aussprächet Brandstifter Von V« labolfasky Der Pariser „T e m p s" bringt folgende Nachricht aus London: „Der Jerusalemer Mufti, Husseini, hat zum 7. Dezember einen all-moslemischeri Kon* groß in die Omar*Moschee in Jerusalem ein« berufen. Die Tagesordnung des Kongresses umfaßt: Die . allgemeine Lage des Islam in der Welt, das Problem des Kalifats, der Panislamismus, das Eigentumsrecht auf -die HedjassBahn, die Klagemauerfrage, der Schutz der histo* rischen Denkmäler des Islam." Gegen Moslems polemisieren wir nicht. Es ist ihre Sache, ob sie Kongresse abhalten oder nicht. Aber die Tatsache, daß Jerusalem allmählich zu einem Zens trum panislamischer Brandstiftung wird, ist weder eine moslemische, noch eine arabische Erfindung. Das ist ein e n g 1 i s c h e r Plan. Die Besuche des Inders S c h a u k a t Ali, die Bestattung prominenter moslemischer Ausländer in der OmarsMoschee (die vorher nie ein Pantheon des Weltislam war), das Gerede von der Wiederherstellung des Kalifats in Jerusalem — all das wäre nie geschehen, wäre nicht eine britische Hand im Spiel. Wessen Hand es ist — wissen wir nicht, das ist auch nicht von Bedeutung. Es ist denkbar,, daß hiebei weder das britische Kabinett, noch der K 01 pn'i al*min i st e r 'eineführende -Rolle spielen. Vielleicht ahnen sie nicht einmal, was vorgeht und welchen Zwecken das; Ganze dient. Im britischen Teil der palästinensischen Administration gibt es sicherlich Mithelfer, doch muß es nicht gerade der Ob er kommissär sein. Infolge der homerischen, bewußten, von allen Barden besungenen Unordnung, die in den englischen Regierungskanzleien herrscht, besteht immer die Mög* lichkeit, daß irgend ein Untergebener oder auch ein Außenstehender, der zwei oder drei Sekretäre für seine Partei geworben hat, mit ihrer Hilfe seine „Linie" vers folgt, während die verantwortliche Behörde nichts merkt qder nichts merken will. Auf diese Weise haben sich schon erstaunliche Resultate ergeben, die für einen völlig gewissenlosen Leichtsinn zeugen. So wurde es „plötzlich" während des Krieges zwischen Mekka und den Wahabiten bekannt, daß einerseits Mekka von der britischen Staatskasse bewaffnet wurde, anderseits die Waha« biten von der Staatskasse Britisch»Indiens. Dieser Fall wurde nicht von der Presse aufgedeckt, sondern ist während einer Sitzung des Unterhauses zutage getreten. Das ganze Unterhaus lachte sehr amüsiert über diese „Komplikation", bei welcher es übrigens zu schwerem , •' , .■ " ' 1 ' " 1 Der deutsche „Sahar" Was der Uebersetzer erzählt Rund 370 Jahre nach der gedruckten Originalausgabe des „S o h a r" ist die deutsche Uebertragung dieses Standardwerkes der jüdischen'Mystik im Wiener Verlag Dr. Heinrich Glanz erschienen; aus der Feder des bekannten Gelehrten und Schriftstellers Dr. Ernst Müller, der sich schon durch die Uebertragung der- Gedichte Gh.. N. Bialiks einen Namen gemacht hat. Das Werk, das die bedeutendsten Teile, des Sohar zum erstenmal in deutscher Fassung enthalt, ist das Resultat fast zwanzigjähriger geistiger Vora>beit, der Niederschlag des Sich-Versenkens in die verschiedenartigen, ethisch und messiaaistisch gerichteten Strömungen, die für das mystische Judentum die hohe Bedeutung erlangt haben wie die Bibel für das gesamte und der Talmud für das feligionsgesetzliche Judentum. Ernst Müller hatte, wie er selbst erzählt, in dem entscheidenden Augenblick seines geistig-religiösen Lebens das Glück, sich der literarischen und der innere« Entwicklung der jüdischen'Mystik zuwenden zu können. Schon frühzeitig trieb ihn 3eine Neigung zur Befassung mit dem Okkultismus und der Anthroposophie, in denen er Elemente fand von Zusammenhängen, die nach Ansieht der okkultistischen Wissenschaft der rationalistisch betriebenen Methode verschlossen bleiben. . Auf diesem Wege kam naturnotwendig die Frage auf, oj) es im Judentum etwas Aehnliches. gäbe, ob der rabbinisch-rationalistischen Methode . des Kommentierens und Spekulierens eine mystische, des ansphauenden Erkennens entgegengestellt werden könne. Die geheimnisumwobenen, lange streng verborgen gehaltenen, da und dort zitierten Lehren der K a b b a 1 a zogen auch ihn in ihren.Banfe. „D e r S 6 h a r", das Büch, in das die kabbalistischen, Lehren des Altertums und der .mittelalterlichen Jahrhunderte einmünden, die Essenz jener Strömung, die" als „unterirdisches Judentum" bezeichnet wurde, erschien Ernst Müller als jener Fund, dem er Zeit seines Lebens bis auf heute verhaftet blieb.'';;- ' * '•;;;;;; Die Jahre 1907 bis 1909 verbrachte er in Paläs t i n a. In der Atmosphäre von S a f e t h stieß er auf den chassidisch-kabbalistischen Geist, der in dieser hochgelegenen Stadt sich verdichtet hat, „von wo kabbalistische Volkstradition die Ankunft des Messias'erwartet". Hier war es auch, wo Ernst Müller mit dem damals jungen hebräischen Dichter Agnon zusammentraf, der ihn auf die kabbalistische Tradition an der Stätte des Schimon ben Jochai Wies. ... Kurze Zeit darauf, im Jahre 1912, geht Ernst Müller zu erstenmal daran, einige Soharstellen zu übersetzen, die im Prager Bar, Kochba-Almanach „Buch vom Judentum" (Kurt Wolf-Verlag 1914) erschienen sind. Von da ab setzt eine intensive, systematische Beschäftigung mit dem „Sohar" und der sonstigen kabbalistischen Literatur und Geschichte ein. „Der Sohar und seine Lehre" (R. Löwit, Verlag, Wien), eine instruktive einleitende Schrift in die Gedankenwelt der Kabbala", ist zunächst das Produkt dieser StudijenY um sich dann zu einer textlichen und gedanklichen Uebertragung der Hauptpartien des Sohar selbst zu erweitern, Wesen und Form Es ist kein geringes Unterfangen, ein Werk-.vom Ideengehalt des „Sohar" in das Gewand der deutschen Sprache zu transponieren; die syntaktischen Schwierigkeiten zu überwinden; die abrupten Formulierungen, die schlüsselmäßigen Begriffe und beziehiingsreiohen Andeutungen des Sohar und seines Aramäisch durch.das deutsche Wort restlos wiederzugeben. Allerdings ist nicht zu leugnen, daß im letzten Jahrzehnt durch Theosöphie, Anthroposophie, Okkultismus, okkulte Psychologie das deutsche Wort über die philosophische Metaphysik hinaus begrifflich und inhaltlich um Vieles reioher geworden ist. Die jüdische gpttesbegrif fliehe Gedankenwelt, von aiißerjüdischen Mystizismen aller Art beeinflußt, hart an dem Mantel der Bibel, ihr mystischer Kommentar gleichsam, kristallisiert sich im Sohar als das, was der rab b i nis eben, talmudischen Deutung der jüdischen Lehre wohl