Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 218 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 218 DDE NEUE WELT Seite f Aus Deutschland Beilage der »Neuen Well« 10» DeutmMand Ffliahedaktion und Administrationi »Neue Well«, Berlin CS, Burgilrafle 29IV, Nr.67 in Jahrestag Von Dir. Georg K a r e 8 k i (Berlin) Direktor Georg Kareski war bis vor •wenigen Monaten Präsident der Ber# liner Judengemeinde. Unter seiner Führung hatte die Gemeinde Berlin einen ungeheueren Aufschwung genommen. Als rückhaltloser Verfechter des Gedankens von der Umwandlung der „Kultusgemeinde" in eine „nationale Volksgemeinde" ist er selbst« verständlich der Mann, gegen den sich die Feindschaft der Berliner Assimilationsjuden konzentriert. Eine Feindschaft, welche ihn ehrt. Für die „Neue Welt" ist es Ehre und Freude, Kareski zu ihren Mitarbeitern zählen zu dürfen. Am 30. November jährt sich der Tag, an dem die Neuwahlen zur Berliner jüdischen Repräsentanten« Versammlung stattfanden. Die Wahlen brachten bekannt* lieh der Jüdischen Volpspartei einen Zuwachs von zehntausend Stimmen. Noch größer war aber — hauptsächlich unter dem das deutsche Judentum erschütternden Eindruck des Hitlerschen Wahlsieges vom 14. September — der Zuwachs der Liberalen, so daß die Volkspartei ihre ausschlaggebende Stellung in der Ge* meindeverwaltung eingebüßt hat. Es war kein leichtes Erbe, das die Liberalen anzutreten hatten, denn seit dem Hitlerschen Wahlsieg hatte sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland in ungeahntem Maße von Monat zu Monat verschlechtert. Die Fülle der Zusammenbrüche, Banken* sperre, Kreditrestriktionen, monatelanger Börsenschluß und dergleichen hatten insbesondere die jüdische Wirt* schaft auf das schwerste betroffen und damit auch die finanziellen Quellen der Jüdischen Ge« mein.de entscheidend verändert. Dazu kam die von Tag zu Tag wachsende nationalsozialistische Bewegung, die täglich roher und aggressiver sich betätigte und in zahl* reichen Fällen nur eine durchaus ungenügende Zurückweisung durch die zuständigen Gerichte er* fuhr. Angesichts dieser bedrohlichen Situation des deut* sehen Judentums und der Jüdischen Gemeinde hätte eine verantwortungsbewußte Führung der liberalen Partei eine besonders vorsichtige, alles Provokatorische ver* meidende Politik treiben müssen, um auf diese Weise möglichst alle in der Berliner Judenheit vornan* denen Kräfte für die Abwehr der ihr drohenden Gefahren zusammenzufassen. Von dieser selbstverständlichen Erwägung hat sich die liberale Partei nicht leiten lassen. Im Gegenteil, ihre Politik war auf der ganzen Linie auf schärfsten Kampf und auf Vertiefung der Gegensätze eingestellt. Schon vor Amtsantritt der neuen Verwaltung wurde, wenn auch nicht von den leitenden Führern, so doch von den Größen zweiten bis siebenundzwanzigsten Grades, eine gründliche Ausräucherung des zio* nis'tischen Giftes in der Gemeinde angekündigt. Die Handlungen der neuen Verwaltung zeigten, daß nicht die Führer, sondern die kleinen Schreier im liberalen Lager führten, und daß die in der liberalen Partei un* zweifelhaft auch vorhandenen einsichtigen und verant* wortungsbewuß.teren Elemente sich gegen die Scharf« macher' nicht" durchsetzen wollten oder konnten. Mit der Beseitigung des Palästina« Lehrstuhls fing es an. Es folgte die Kündigung der Jüdischen Volksschule in der Klopstock« straße- Weitere Abbaumaßhahmen im Schulwesen, das ja den Gegnern einer wahrhaft jüdischen Erziehung im be* sonderen Maße ein Dorn im Auge ist, sind angekündigt. Dazu setzte eine systematische Verfolgung und Drangsalierung.zionistischer Beamter ein. Der seit länger als zwei Jahrzehnten amtierende General» sekretär Dr. Mei s 1 wurde von seinem Posten ent* f ernt und auf die Bibliothek der Gemeinde abgeschoben. Der ebenfalls seit mehr als zwanzig Jahren im Gemeinde« dienst .stehende bisherige Kämmerer Dr. Ellenbogen wurde seiner Funktionen entkleidet und mit dem ein« flu ß losen Steuerreferat abgespeist. Noch schlimmer erging es denjenigen, die nicht durch feste Beamtenanstellung gegen Entlassungen geschützt waren. Ueber hundert Kündigungen von Ange* stellten wurden ausgesprochen. Ohne vor» herige Feststellung, welche Posten und welche Menschen entbehrlich waren, wurden ganze Abteilungen (Arbeits* naebweis, Statistisches Büro) gekündigt. Lediglich ein einheitlicher Gesichtspunkt war diesen Maßnahmen ge* meinsara. Die Gekündigten waren Zionisten oder solche, die dem Liberalismus nicht nahest ehen. Liberale Angestellte, selbst wenn sie erst ganz kurze Zeit im Gemeindedienst standen, wurden selbst dann behalten, wenn gegen ihre Leistungen und gegen ihre Person schwerste Einwendungen sich erheben ließen. Dr, Stein er t wurde in seiner Eigenschaft als Schularzt der Schule Rykestraße gemaßregelt, eine Maßnahme, die bereits zu einem Eingreifen der ärztlichen Standes« Organisationen gegen die Gemeinde geführt hat. , , Daneben läuft eine mit durchaus unwürdigen Mit* teln geführte Kampagne, die finanzpolitische Fehler der vorigen Verwaltung kritisieren soll, vielfach aber so auf« gezogen wird, daß der Uneingeweihte einen bedenklichen Korruptionssumpf in der Gemeinde vermuten muß. Der Kampf um diese Fragen ist in den letzten Tagen in die Qeffentlichkeit getragen worden. So sehr diese Auseinandersetzungen vom Standpunkt der Ge* meinde, die ja selbstverständlich wie alle anderen Körper* Schäften öffentlichen Rechtes in Deutschland kredit» bedürftig ist, als gefährlich angesehen werden müssen, so ist für die Jüdische Volkspartei die offent* liehe Austragung dieser Gegensätze er« wünscht, denn die unfundierte, mit Unterschlagung wichtigster Tatsachen arbeitende Kampagne muß natür* lieh im Lichte der öffentlichen Kritik kläglich zusammen* brechen. Es ist selbstverständlich, daß diese dauernden Provokationen von liberaler Seite die Volkspartei zu einer Aenderung ihrer politischen Haltung veranlaßt haben. War man vielfach innerhalb der Partei geneigt, den Liberalen mit Rücksicht auf die Schwierigkeit der jüdi« sehen Situation zunächst keinen scharfen Wider« stand zu leisten, sondern die Opposition bis zur Ab« Wendung der gegenwärtigen Krise zu dämpfen, so mußte der Kampf nunmehr aufgenommen werden. Schon die ersten Wdchen zeigen, daß die Volkspartei als solche diesen Kampf nicht zu fürchten braucht. Ueber* füllte Versammlungen, Hunderte von Neuaufnahmen und eine ungeheuer kampfentschlossene Stimmung in weitesten Kreisen ihrer Anhänger snid das Ergebnis von vier Wochen. Dieser Kampf wird fortgesetzt werden, bis das ins Jüdische übersetzte System F r i c k, das augenblicklich in der Gemeinde herrscht, gebrochen sein wird. Die Liberalen sollten sich aber je eher, je besser sagen, daß wer Wind sät, Sturm ernten wird. Große zionistische Kunde gebung in Berlin Referat Richard Lichtheims Die von der revisionistisdien Ortsgruppe Berlin veranstaltete zionistisdie Kundgebung aus Anlaß der 14. Wiederkehr der Balfour-Deklaration fand am Ii. November im Lo.genha<us> (Rleiststraße) statt. Der Abend würde durch ein hebräisches and ein jiddisches Lied gesungen von Betarim und Betaroth, eröffnet. Hierauf ergriff * Herr Richard Lichtheim das Wort zu seinem Referat: „14 Jah re ßalfou r-Deklaration: Jüdisches oder arabisch es Palästina?" Er führte aus: Während wir hier versammelt sind, werden in London die letzten Vorbereitungen getroffen für eine Kundgebung z u g u n s t e n der Araber Palästinas, die übermorigen unter dem Vorsitz von Lord Brentford in der Albert Hall abgehalten werden wird. Diese Tatsache beleuchtet die politische Situation, in der sich der Zionimus im Jahre 1931 befindet Viele von uns denken an jene große Versammlung zurück, die vor mehr als zehn Jaihren in derselben Albert Hall stattfand und bei welcher Lord Balfour vom „großen Abenteuer" sprach, „das war gemeinsam mit England unternehmen". Damals war jener Saal die Stätte einer p r o z i o n d s t i s c h e n Demonstration — Übermorgen wird der Amtiziouismus daselbst seine Stimme erheben. Uns, die wir einige Erfahrung in diesen Dingen haben, kann natürlich solch eine Demonstration nicht erschrecken. Aber man muß sich fragen: Wo stehen wir heute? Wie soll es weitergehen? In Basel wurde durch den Sturz Weizmamnö eine Epoche abgeschlossen, die etwa folgendermaßen charakterisiert werden kann: Die durch die Balfour- *r Deklaration und das Mandat mit Recht erweckten Hoffnungen sind nicht erfüllt worden. Weizmanas Sturz ist das äußere Zeichen der Erfolglosigkeit dieser Epoche. Es giU für die Zukunft alle die Fehler zu vermeiden, die wir Disuuu gemacht haben, die vor allem Fehler der zionistischen Politik sind. Es war der erste Fehler der zionistischen Führung, daß sie es nicht verstand, die in allgemeinen Worten gehaltenen Versprechungen der Baifour-Pekilarätion und des Mandats in körikrete Formen zu bringen. Dieses erste historische Versäumnis hat sich in den darauffolgenden Jahren inuner wieder gerächt. Aus diesem Fehler ergab sich ein .weiterer, den man als die Verschleierung unsere.r Jdee bezeichnen, kann. Die zionistischen Führer vertrösteten das jüdische Volk, sie predigten ständig O p t i m i s m u e, obwohl ei>n> jeder klar sehen Cf*4(UlLsi VJCSO iwrlga&kJl ü nilcii-TrlhK-nnd Speisehalle 22: umtausche und dlfitlscne Speisen M. Ellen Volkstümliche Preis« 13 Sin «nag II., Fftnterg. 1 Bl« 12 Uhr nacht* offen S 18.- $ 24.- $ 30.- Uil„ Kalserstrnße 123 IX., Alserclrafie 6 konnte, daß* unserer Arbeit die Basis fohlte und daß die Zustände in Palästina den Optimismus der Leitung Lügen straften. Diese Haltung führte schließlich zu der Behauptung, daß politisch alles geschehen sei und daß lediglich das Volk es sei, weldies versagte. Es mußte est wieder zu Pogromen kommen, um die wahre Situation aufzudecken. Damals, vor zwei Jahren, wurde schließlich durch die Umstände die zionistische Führung dazu gezwungen, offen gegen England aufzutreten. In diesem Kampfe wurde aber der weitere große Fehler seitens der zionistisdien Führung begangen. Sie gtauble nämlich, durch die Verleugnung der wahren Ziele und Absichten des Zionismus die Situation retten zu können. So opferte man die Idee des Judenstaates, ohne aber dadurch auch nur die geringste Besserung bewirken zu können. Im Gegenteil, dieser Verzicht inmitten des Kampfes wird sich in Zukunft noch in seiner ganzen verheerenden Wirkung zeigen. Die Geigenibeweguing zu dieser Haltung der Leitung stellt der Revisionismus dar. Dieser sagt: Wir wollen keine Verteidigung Englands, wo Klagen und Beschwerden am Platze sind. An Stelle der antiziomistischen Verwaltung muß eine andere gesetzt werden, die den zionistischen Bestrebungen positiv gegenübersteht und die ein ernsthaft gemeintes Kolonisationsregime durchführen will und wird. Um unser Ziel zu erreichen, bedarf es der Unterstützung des Staates,, bedarf es aller jener Maßnahmen, die den Aufbau des < Landes eichern. Und diese Forderungen müssen auch dann gestellt werden, wenn man weiß, daß sie nicht sofort erfüllt werden können. Denn unter dem, Maadatssystem kann die Regierung nicht passiv bleiben. In diesem Punkte hatten wir Revisionisten mehr recht, als wir selbst geglaubt hatten: In Palästina entwickelte sich allmählich ein an tizionisti sehe's und proarabisches Kolonisa tionsregime. Im Verzicht auf den Zielgedanken sahen wir deri schwersten Fehler innenwie außenpolitisch. Es ist ein trauriger Triumph für uns, wenn wir sehen, daß sich unsere Kritik allmählich durchsetzt Wenn Doktor Weizmama am 17. Kongreß keine Majorität für sich hatte und ihm von einer großen Mehrheit das Mißtrauen ausgesprochen wurde, gerade wegen der Verleugnung des Judenstaates, so zeigt sich, daß der Zionismus für unsere Gedankengänge reif geworden ist Nachdem nium durch den Sturz Weizmanns eine Epoche abgeschlossen wurde, stehen wir heute in einer Situation, in der es sich nicht mehr um Personen- oder Parteifraigen handelt Gerade weil wir so lange die Fehler Dr. Weizmanns bekämpft haben, müssen wir uns Rechenschaft darüber geben, welche anderen Faktoren etwa zu unserer Niederlage beigetragen haben Und was weiter zu tum ist. Zuerst gilt es, folgende drei Fragen zu beantworten: 1. Was bedeuten die Balfour-Deklaration und das Ma ndä t? 2. Weiche Faktoren hinderten England an der Erfüllung des Palästinamandats?. ........ 3. Besteht momentan die1 Möglichkeit, unsere; Idee; im Rahmen des Mandatssystems durchzuführen? Es' gibtmanche Zionisten, besonders ini Lager d^? „Jüdischen Ru n d s c h a u", welche behaupten, dl* Regierungen hätten unser Ziel niemals 'so aufgefaßt, wiä wir Revisionisten es definieren. Das ist falsch. fSs gibt eine Menge von Beweisen, die dafür sprechen, daß die Großmächte? an nichts a ud e r es dachten $ls an einen Judenstaat, in. P*a-lüstiua, , ÜJs gelit jetzt nicht darum, ob das richtig und ausführbar wai? oder nicht, sondern nur darum, was die Mächte sich unter der Balfour-Deklaration .gedacht ■ hatten,; ■ Mau sprach natürlich nicht über die Form dieses Staates* man er« örterte nicht die Frage der Souveränität, der Staats* macht und dergleichen mehr. Aber J"tir alle war:«> klar, daß sich Palästina d u r c h d i e J ud e n in ein jüdisches Land umwandeln wtiida. Dafür gibt es genügend Beweise. Referent bringt hier einig« derselben, wte: die