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Die neue Welt · 1931-11-20 · Heft 218 (20.11.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 218 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 218 DIE NEUE WELT Seite Verband demokratischer Zionitten gratuliert seinem Mitglied Herrn J» B* Kalxcnellenbogen zu seiner am Dienstag, den 17. ds. stattgefundenen Vermähluni; mit Fräulein Biisia Horn. hänglichkeit an Theodor Herzl den menschenscheuen Hans Herzl veranlaßt hatte, gerade an mich heranzutreten. Knapp vor Abschluß des Vertrages erhielt ich folgenden Brief: „?. August t92i. Herrn Oberbaurat Ingenieur Robert Stricker, Wien. Hochgeehrter Herr! Im Hinblick auf die von Ihnen zu treffende Entscheidung bezüglich der Herausgabe meiner englischen Ucbersetzung der Tagebücher meines Vaters gestatte ich mir, Sie von meinem jüngst erfolgten Uebertritt ins Christentum zu benachrichtigen. Ich hatte es für unrecht gehalten, Sie in Unkenntnis einer Tatsache zu lassen, welche bei Ihren Entschlüssen stark ins Gewicht fallen dürfte, und zeichne, hochgeehrter Herr, als Ihr ganz ergebener Hans Herzl." Der Brief hatte mich begreiflicherweise aufs tiefste erschüttert. Ich überlegte, was zu tun, ohne in den ersten 24 Stunden zu einem Entschlüsse kommen zu können. Dann entschied ich mich dafür, den Präsidenten des Zionistischen Aktionskomitees Oberrubbiner Chajes und einige zionistische Freunde ins Vertrauen zu ziehen und ihren Bat einzuholen. Bevor es aber dazu kam, brachten die Wiener Tageszeitungen, zuerst die „Stunde", die Nachricht von der Taufe Hans Herzls. Die Meldung erregte um so größeres Aufsehen, als der Uebertritt am zwanzigsten Todestage Theodor Herzls erfolgte, zu dessen feierlicher Begehung man eben in Wien rüstete. Woher die „Stunde" die Nachricht erhalten hatte, habe ich bis heute nicht erfahren können. Erst nach dem Erscheinen dieser Meldungen veröffentlichte ich in der zionistischen „Wiener Morgenzeitung" eine Darstellung der Angelegt' ' dt. So ist der Sachverhalt. Ich will liier noch ein Detail bekanntgeben. Es soll bestätigen, was Herr Leftwich in seinen „Erinnerungen" wiederholt hervorhebt: die ins Pedantische gesteigerte Korrektheit Hans Herzls in Geldangelegenheiten. Da ich von dem Anwalt erfahren hatte, daß Hans Herzl schwer mit materiellen Sorgen zu kämpfen hatte, bewog ich ihn durch rlen Anwalt zur Annahme eines Vorschusses vor Abschluß des Vertrages. Als dann unsere Verbindung gelöst wurde, übermittelte mir der Anwalt im Namen Hans Herzls zwei silberne Leuchter aus dem Nachlasse des Vaters. Ich teilte dem Anwalt mit, daß ich die Leuchter nicht nehmen und es Hans Herzl überlassen wolle, die Differenz in der Abrechnung nach Gutdünken und erst nach Besserung seiner Verhältnisse zu regeln. Der Anwalt teilte mir von Hans Herzl mit, dal? dieser meine Weigerung, die Leuchter zu nehmen, als schwere Kränkung empfinde. Die Leuchter sind seither in meinem Besitze. Todesfälle Heinrich Reizes^ Nach zwanzig Jahre währender politischer Tätigkeit ist am 3. November der gewesene Abgeordnete Heinrich Re i z e s in Wtien gestorben. Mit dem Namen Heinrich Reizes ist im Vorkriegsösterreich der Typus eines Politikers verbunden, der aibseits vom Parteigetriebe und von Nationalitätenbader der alten Monarchie seinen Weg ging. Unbeschadet der Tatsache, daß sich der Verstorbene in keine festumrissene jüdische Partei einfügte, fühlte er sich dennoch für die Interessen der jüdischen Politik verantwortlich, eine Haltung, die besonders in «seiner scharfen Ablehnung der polonisierenden Tendenzen der offiziellen Politik in Galizien zum Ausdruck kam. Ueberaus verdienstvoll und unvergeßlich war die Tätigkeit Heinrich Reizes' in der Fürsorgearbeit für die galizischen Flüchtlinge, die der Weltkrieg in die westlichen Länder der alten Monarchie geschwemmt hatte. Auch im polnischen Sejm, in den er auf der zionistischen Liste gewählt wurde, wirkte Reizes in jüdischnationalem Geist. Dr. Simon Holdengräber Dem zionistischen Wien ist in Dr. Simon H o l d e ngräber ein treuer Mitarbeiter in der Vorwoche entrissen worden. Als Mitglied des Verbandes demokratischer Zionisten Oesterreichs tat eich Dr. Holdengräber, der schon als Student an jeder zionistischen Anbeit regeu Anteil nahm, besonders in der Organisierung hervor, ein Talent, das ihm ermöglichte, in den Bezirken VI bis VIII eine kräftige und überaus aktive zionistisch-demokratische Verbandssektion ins Leben zu rufen und zu leiten. Im frühen Alter von noch nicht 50 Jahren ist Dr. Holdengräber den Folgeu eines Schlaganfalles nach kurzer Krankheit erlegen. Seinen nächsten Zurückgebliebenen, seiner Gattin, die ihm auch als zionistische Mitarbeiterin zur Seite stand, und seiner jungen Tochter, wendet sieb die Teilnahme aller Zionisten Wiens zu. Dem tapferen, aufrechten und charaktervollen Herzl-Zionisten bleibt das treue Andenken seiner Freunde und Gesinnungsgenossen bewahrt. Die luden in Brasilien Die früheren und späteren Einwanderer Von Jakob Nachbin III. Die dritte und größte jüdische Gemeinschaft Bra; siliens setzt sich aus den neueren osteuropäischen Emi granten zusammen. Die Immigration dieser Juden fällt in die Zeit der kolonisatorischen Bestrebungen der Jewish Colonisation Association (Ica) in Nordbrasilien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Provinz Rio Grande do Sul besitzt die Ica zwei große Areale, Phüipson und Quarto Irmones, die annähernd 100.000 Hektar ausmachen. Das Klima ist für Agrikultur außerordentlich geeignet, und der Boden liegt nahe bei großen Handelszentren. Die Ica brachte ver* suchsvveise einige hundert jüdische Familien aus Bes sarabien dorthin, um sie anzusiedeln. Aber das Unter« nehmen war ein kompletter Mißerfolg, was, wie ich glaube, zum großen Teil Schuld der Letter der Ica ist Diese erwiesen sich als unzuverlässig für die philan* thropischen Intentionen des Barons Hirsch, des Grüna ders der Association. Die dorthin verpflanzten Juden waren an Landarbeit nicht gewöhnt und hätten einer besseren Führung und ökonomischer Leitung bedurft, als ihnen zuteil wurde. In einem fremden Land, in einer an Wildnis und Urwald angrenzenden Umgebung war es innen unmöglich, Fuß zu fassen. Die Ica*Leiter, mit denen sie zu tun hatten, waren unsympathisch und unduldsam hu Verlauf von zehn Jahren begannen die bessarabischen Juden in andere Kolonien, Provinzen und Städte BrasU liens abzuwandern. Unterdessen überließen die Ica*.Leiter, mit oder ohne Wissen des Zentraldirektoriums in Paris, uichtjüdischen Kolonisten diese Landflächen. Und so wurde geraume Zeit eine nichtjüdische Kolonisation mit jüdisch=philanthropischem Geld ins Werk gesetzt. Trotz der Tatsache, daß die Ica eine reinjüdische Kolonisation beabsichtigte, vermerkt der Bericht des Generaldirektor riums vom Jahre 1925, daß die Zahl der nichtjüdischen Kolonisten auf Ica*Boden das Dreifache der jüdischen Kolonisten betrug. Im Jahre 1925 standen in Quarto hmones 857 nichtjüdische 279 jüdischen Kolonisten gegenüber. Im Jahre 1923 gab es in diesem Distrikt eine bewaffnete Revolte, die den jüdischen Siedlungen viel Kummer machte, Die jüdischen Kolonisten, die zurück* geblieben waren, führten durch die Presse Klage über die Schwierigkeiten, die die nichtjüdischen Siedler auf dem lca*Boden ihnen bereiten, zum größten Teil Europäer mit antisemitischen Tendenzen, pi^. nichtjüdischen Kolo* nisten nützten ihre große •Uebqrzahl dazu aus, blutige Attacken gegen ihre jüdischen Nachbarn zu inszenieren. Die Zentralleitung intervenierte nicht, auch wurde kein Schritt unternommen gegen die nichtjüdischen Siedlungen, die sich auf früher jüdischem Boden befinden. Ein Untersuchungskomitee sollte von- Paris entsendet werden, um dieser beklagenswerten Situation auf den Grund zu gehen. Jüngst zeigen sich Anzeichen einer Aenderung der Politik von Seiten der Ica*Vertreter, die möglicherweise eine Besserung bedeuten wird. Vor vier Jahren Verlaufs harte die Ica einen Plan für eine neue Kolonisation auf ihrem Boden in S ü d b r a s i 1 i e n. Gleichzeitig wurde ein neuerlicher Kolonisationsversuch in jenem Quarto Irmones gemacht, das die Juden früher verlassen haben. Die neuen Kolonisten kamen aus der Ukraine und aus Litauen, waren für das Klima geeigneter, und der Ver* such war, wenn man dem letzten Bericht folgt, von Erfolg. Es ist aber nur ein Anfang. Die osteuropäischen Juden, die gezwungen waren, die ersten Kolonien zu verlassen, versuchten auf ver* schiedene Weise sich in das ökonomische Leben des Landes einzugliedern. Zum größten Teil versuchten sie sich im Straßenhandel, dem Beispiel der türkischen und arabischen Vorgänger folgend, aber mit besserem Resultat. Sie inaugurierten das System der Teilzahlung und zeigten eine erstaunliche Einfühlung in die Psycho* logie der brasilianischen Massen, mit dem Erfolg, daß die jüdischen Händler einen profitablen Geschäftszweig ins Leben riefen. Bis vor zehn Jahren nannten sich die, Neuankömm* linge Russen. Sie hatten dafür hinlänglich Grund. Vor Wie die Maschine den Dampf so braucht der Körper ständige rationelle Pflege. Aber ständig, denn sonst kann die erwünschte Wirkung nicht erzielt werden. DIANA FRANZBRANNTWEIN «!t Mtltthol ist das geeignetste Mittel zur rationellen Körperpflege, und deshalb soll jeder DIANA-Franzbranntwein .....ständig benützen. ÜBERALL ERHÄLTLICH! ihrer Ankunft gab es eine ansehnliche Gemeinschaft von jüdischen weißen Sklavenhändlern, die Mädchen, welche sie aus ihren Heimatländern Polen, Galizien und Rumänien entführten, zur Prostitution zwangen. Diese weißen Sklavenhändler waren streng organisiert unter dem Namen Societad Israelite. Sie besaßen ihre eigenen Friedhöfe, die von den Behörden als Cemetcria Israelite registriert waren. Am letzten Tag der Hohen Feiertage luden sie brasilianische Jour* nalisten ein, ihren Gottesdiensten beizuwohnen und an dem anschließenden Ball, der in der Synagoge selbst ab* gehalten wurde. Da dieses Element der Immigration des anständigen jüdischen Elements aus Osteuropa voranging und mehr als 1000 Köpfe betrug, kann man es verstehen, wie sie den ostpreußischen Juden in der Meinung der Brasilianer typisierten. So registrierten sich die neueren Einwanderer als Russen bis zu dem Zeitpunkt, da der Unterschied zwischen ihnen und den anrüchigen Ete* menten klar werden konnte. Sie gaben sich natürlich nicht damit zufrieden, sich von der weißen Sklavenhändler* gemeinde abzusondern, vielmehr begannen sie einen bitteren Kampf gegen dieses schändliche Gewerbe und dessen Vertreter zu führen. Dieser Kampf spielte sich sonderbarerweise rund um das jiddische Theater ab, das die weißen Sklavenhändler und ihre Prostituierten bis dahin unterstützte. Oft genug nahm dieser Kampf blutigen Charakter an. Die Neuankömmlinge waren durchaus nicht einzuschüchtern. Es waren bessarabische Juden mit starken Fäusten und starkem Charakter. Sie ruhten nicht eher, als bis sie den jüdischen weißen Sklavenhandel zurückdrängten und ihn von jedem jüdis sehen Tätigkeitsgebiet verdrängten. Im Jahre 1920 gab es die zweite große jüdische Tmmigrationswelle. Die bereits angesiedelten Juden brachten ihre Familien und Verwandten ins Land. Einige Jahre später gab es auch wegen der geschlossenen Tore der Vereinigten Staaten eine größere Immigration aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern. Im Jahre 1928 schloß die Vereinigte Emigrationsgesellschaft (Hias* Ica-Emicdirect) mit einer brasilianischen Immigranten» Hilfsorganisation einen Vertrag und übernahm die Auf» gäbe, die jüdischen Immigranten in den größeren Städten Brasiliens zu unterstützen. Die stattliche Zahl von 600 Immigranten monatlich landete in den Häfen von Pernambuco, Bahia, Rio de Janeiro und Santos. Gegen 80 Prozent dieser Immigration kamen aus Polen; die übrigen aus Litauen, Lettland, Ungarn, Rumänien und sogar aus Palästina. Das Resultat dieser Immigration ist, daß die jüdische Bevölkerung Brasiliens seit dem Welt* krieg von 5000 auf annähernd 40.000 Seelen angewachsen ist. Die Gesamtbevölkerung des Landes beträgt 40 Müs lionen. Es gibt 36 jüdische Gemeinden, zerstreut über Brasiliens Flächenausmaß von 9 Millionen Quadratkilo« meter. 16 dieser Gemeinden befinden sich in den größeren Städten, die größte in Rio de Janeiro mit 16.000 jüdischen Seelen. Andere jüdische Zentren sind Curi Tyba, Porto Allegre, Bahia und Pernambuco. Die anderen Juden leben zerstreut in kleineren Siedlungen. Die Immigranten fin* den ohne allzugroße Schwierigkeiten Arbeit in der Textil* industrie oder als Hilfsarbeiter. Die früheren Immigranten trieben den Handel als den leichtesten Weg, aber der kontinuierliche Zufluß zwang die später Korn* menden, in den Werkstätten und Fabriken Unterschlupf zu suchen. Nur ein kleiner Prozentsatz ergreift jetzt den Handel. Im allgemeinen hat die wirtschaftliche Lage der Juden in Brasilien eine entschiedene Wendung zum Besseren genommen. Die Immigranten der älteren Gene* ration sind gut daran. Aus kleinen Händlern sind große Kaufleute geworden, Im« und Exporteure, Fabrikanten und Finanzleute. Auch für die neuen Einwanderer gibt es Arbeit. Im allgemeinen, gemessen an ihrer kleinen Zahl, spielen die Juden dort eine außerordentlich aktive ökos nomische Rolle. (Ein Schlußartikel folgt.) Schweizer Antisemitismus Genf, 14. November. Im hiesigen Justizpalast kam es dieser Tage zu einem aufsehenerregenden Auftritt. Im Gerichtssaal rief der Advokat Duperrier seinem Gegner, Advokaten Sviatzky, die Worte „Schmutziger Saujude!" zu. Als der Beleidigte mit „Frechling" reagierte, stürzte sich der viel größere und stärkere Duperrier auf ihn und begann ihn zu schlagen. Gerichtsdiener und Anwälte traten dazwischen. Beim Ausgang überfiel Duperrier neuerlich den jüdischen Anwalt und verletzte ihu durch Fußtritte in den Bauch derart, daß der Ueberfallene das Bett hüten mußte. Ein Strafverfohren ist eingeleitet. — Bezeichnend ist die Haltung der hiesigen Tageszeitungen. „Tribüne de Geneve* ist entrüstet, wohingegen „Suisse" dem antisemitischen Rohling „gerechte Erregung" zubilligt. Schwere antisemitische Ausschreitungen in Rumänien Bukarest, 15. November, In Ungheni bei Jassy drang gegen Mitternacht eine Gruppe Cuzisteu in ein Lokal ein, in welchem eine jüdische Veranstaltung stattfand, deren Ertrag der .Schaffung einer Bibliothek dienen sollte. Die unter Führung eiues gewissen M a i e t c h i stehenden Cuzisten versperrten alle.

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