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Die neue Welt · 1931-11-20 · Heft 218 (20.11.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 218 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 219 DIE NEUE WELT Seite 5 l$nnz ffllller Berta Stetkel Wien II. Wien II. Verlobte kämpfens. Es gelang ihm auch, einen Mittelweg zu fin* den, auf dem alle Unannehmlichkeiten, die er zu ver* meiden wünschte, vereinigt waren." Noch heute hat sich die englische Regierung nicht zu einer deutlichen Erklärung über die Stellung der Judenschaft in Palästina herbeigelassen. Während BaU fours Deklaration ausdrücklich „eine jüdische nationale Heimstätte in Palästina" verspricht, halten die ZionUten in den Synagogen Dankgottesdienste für „Palästina als jüdische nationale Heimstätte". Lloyd George wiederum gratulierte dem Zionistischen Kongreß offiziell „zur Wiedereinsetzung des jüdischen Volkes in seine nationale Heimstatt e". Es ist ganz unmöglich, mit diesen WortsTaschenspielereien Schritt zu halten. Jede Version steht im Widerspruch zu den -anderen, und keine entspricht den "Tatsachen. Es ist natürlich geltend gemacht worden, daß Politik die Kunst des Möglichen sei und daß sich der Zionismus, indem er sich der englischen Politik sowie den arabischen Forderungen anpaßte, als sehr vernünftig und staatsklug erwiesen habe. Aber möglichst wenig Widerstand zu leisten, ist weder der Pfad wahrer Staatsklugheit noch der Weg zum nationalen Heil. Unter der Fuchtel von General Dyer mußten die Hindus kriechen. Bei den Zionistenführcrn jedoch — mit der versöhnlich stimmenden Ausnahme von J a b o* tinsky — bedurfte es gar nicht erst des Befehles von General Allenby, daß sie krochen. Disraeli sagte, von O'Connell, er habe jedes Verbrechen begangen, zu dem kein Mut nötig ist; Dr. Weizmann hat jede Tugend geübt, zu der kein Mut nötig ist. Man kann Lloyd George und B a 1 f o u r nicht den Vorwurf ersparen, daß sie die ganze Angelegens heit schlapp und leichtfertig behandelt haben. Aber es dient ihnen zur Entschuldigung, daß sie in fast allen Teilen der Erde überwältigend in Anspruch genommen waren. Das Fiasko des politischen Zionismus ist daher wohl weniger einer mala fides ihrerseits zuzuchreiben als dem Mangel an natipnalcm Schwung und schöpferischem Mut bei den Zionistenführcrn. Diese hingen unglücklicherweise dem kuls turellen und wirtschaftlichen, nicht aber dem politischen Zionismus an; blinzelnd standen sie vor dem strahlenden Fernblick, der sich ihnen so plötzlich eröffnete, und sie wichen zurück wie jener Mann in der Aesopschen Fabel, der den Tod gerufen hatte und tief bestürzt war, als der Tod dann kam. Es ist dies eine historische Tragödie, denn ein falscher Anfang kann fast niemals wieder guts gemacht werden. Kurz, was der verstorbene Begründer des Zionismus immer befürchtet hatte, ist eingetroffen: der große Augenblick hat ein kleines Volk gefunden. Gegen die Volk§zähIung j nun wieder einmal die revisionistische Aktion zu diskredi« '. tieren als Ausfluß zerstörerischer Kampfcsfrcudc. Sie; sagten dasselbe, als die Revisionisten vor der Shaw* j Kommission (ShawsBerieht!) warnten, vor der Mit« | arbeit der zionistischen Exekutive mit Sir John Hope I Simpson (Simpson«Bericht!) vor dem Mac Donald* ü Brief und dem projektierten, überaus gefährlichen Lands entwicklungsplan. Aber heute leugnen nicht einmal diese Kreise, daß die revisionistische Opposition in allen diesen Fragen gerechtfertigt war. Die Revisionisten warnen wieder einmal. Sic warnen vor dem gefährlichen Schritt der Kooperation mit der Palästina»Regierung in der Durchführung der Volkszählung. Vladimir Jabotinsky hat bereits in der „Neuen Welt" in einem Aufsatz auf die gefahr« vollen Folgen der palästinensischen Volkszählung für die Juden aufmerksam gemacht und zu deren Boykott auf* gerufen. Die Gründe lassen sich klar und logisch zusammenfassen, wenn man in Betracht zieht, daß die Palästina-Regierung elf Jahre hindurch bei keiner Maß» nähme ohne politische Hintergründe vorgegangen ist. Deshalb muß jede Aktion und jedes neue Vorgehen seitens der palästinensischen Regierung mit äußerster Vorsicht verfolgt werden, bevor sich die Juden zur Ko=> Operation oder Ermunterung der Aktion entschließen. Die ZionistenxRevisionisten bekämpfen die Volkszählung in Palästina aus folgenden Gründen: 1. Die gegenwärtige Volkszählung erfolgt nicht auf Grund wissenschaftlich oder administrativ einwandfreier Bedürfnisse. Wir haben klare Anzeichen dafür, daß sie bloß als Basis für den vorgesehenen Gesetz geben* den Rat (Parlament) dienen soll, der ganz offen die Errichtung des Jüdischen Nationalheims obstruieren würde. 2. Fast die ganze zionistische Bewegung erklärte ihre Opposition gegen den vorgesehenen Rat. Es ist deshalb nur logisch, daß die Opposition auch auf jeden Schritt und jede Maßnahme ausgedehnt wird, die zu dem Rate f ii h v c n könnte. Die Opposition gegen die Volkszählung sollte die erste aktive Gegenmaßnahme gegen den ge* planten Rat sein. 3. Eine Opposition gegen den Zensus wird, sofern der ganze Jischuw dahinter stellt, der Regierung beweisen, daß keine Maßnahme gegen den Willen der jüdischen Bevölkerung Palästinas und die öffentliche Meinung der ganzen jüdischen Welt durch« geführt werden kann. 4. Die Kontrolle bei der Volkszählung ist in Händen einer Verwaltung, welche sich zur Genüge als dem Zionismus feindlich erwies, die Zählung zum großen Teil in Händen arabischer Dorfoberster. 5. In dem Bericht der Palästina*Regicrung über den von ihr unternommenen IndüstrielZfcnsüs vom Jahre 1928 wurde der jüdische Anteil an der palästinensischen Indu* strio von der Regierung verschwiegen. Es wurde nicht auf Warnung und Aktion der ZionistenxRevisionisten Die Opposition der ZionistcnsRevisionisten ge^cn die Volkszählung in Palästina, die im Lande selbst durch die Propaganda unter den Juden, die Zählung zu boykottieren, zum Ausdruck kommt, erweckt bei den Juden der ganzen Welt lebhaftes Interesse. Die dem Revi* sionismus gegnerischen Kreise und ihre Presse versuchen ^5<fex c^^£x2^20 femfre englifctie Stoffe ALBERT HARDT ' gtegfr.l^ÖI? -s*s. WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o Z ^i Werdende Mütter müssen jegliche Stuhlverhaltuflg durch Gebrauch des natürlichen „Franz-Josef'-Bitterwassers zu vermeiden trachten, fn Apotheken erhältlich. den überwiegenden jüdischen Anteil am Wachs« tum der palästinensischen Industrie hin« gewiesen. u. Die Tatsache, daß nie eine richtige Kontrolle ".rabisener Einwanderung aus Transjordanien, Syrien und Aegypten stattfand, während die jüdische Einwanderung scharf überwacht wurde, zerstört den Wert der Zählung afs Angabe der tatsächlichen Anzahl der rechtmäßi* V, c n Einwohner. 7. Die Tatsache, daß der palästinensische Landent« wicklungsplan die Verteilung von Ländereien an söge* nannte „landlose A r a b e r" vorsieht, lockte in letzter Zeit eine beträchtliche Anzahl von Arabern über die Grenze, die nun versuchen werden, im Zensus als cinge* borene Palästinenser zu erscheinen. 8. Das Hauptrcsultat der Zählung wird darin be* stehen, zu zeigen, daß die Juden eine verschwin» dende Minderheit sind, ohne in irgend einer Weise auf den ökonomischen Einfluß hinzudeuten, der zu der Anzahl der jüdischen Bevölkerung in gar keinem Verhältnis steht. Wir können der Regierung nicht dabei behilflich sein, das Nationalhcim in seinem gegenwärtigen Zustande durch die Unterstellung unter ein arabisches Paria* m e n t, das auf Basis des Zensus geschaffen werden soll, zu kristallisieren. Wir glauben aufrichtig an den Nutzen eines voll» ständigen Boykotts des palästinensischen Zensus und wir fordern die Juden allerorts auf, unsere Aktion gutzuheißen und den in Palästina im Interesse des Zionis* mus durchgeführten Kampf durch eine einheitliche Stellungnahme zu unterstützen. Ein erfolgreiches Beispiel j ü d i s c h e r N i c h t> kooperation würde in der Folge zu einem nützlichen Instrument bei zukünftigen Verhandlungen mit der briti* sehen Regierung werden können. Die Palästina-Regierung bewilligt nur den fünften Teil der angeforderten Einwandcrerzertifikate Jerusalem, 16. November. (J, T.-A.) Von den von der Jewish Agency für ein halbes Jahr angeforderten 17 0 0 E i »i w a n d e r e r z e r t i f i k a t e n für Chaluzim und Angehörige von Palästina-Einwohnern hat die Reicrung, wie verlautet, nur etwa ein Fünftel bewilligt, das auch nur z u m g c r ingen Teil f ü r Clia 1 u- /,im verfügbar sein wird. Die Jewish Agency führt die Verhandlungen über Erhöhung der Quote fort. Die am, 15. November erscheinende „Official Gazette" wird die entsprechende Regierungsverordnung publizieren. ' Es besteht nicht viel Aussicht, daß die Regierung diesmal den Wünschen der Jewish Agency entgegenkommen wird. Noch zwei Juden in der englischen Regierung» London, 13. November. Sir Philip Sassoon (konservativ), der in der letzten konservativen Regierung <• Baldwin und in der ersten Nationalen Regierung Mac Donalds Unterstaalssekretär für Luft Verkehrswesen war, ist auf den gleichen Posten in die zweite Nationale Regierung berufen worden. Lesly H o r e - B e 1 i s h a, Vorsitzender der Exekutive der Liberalen Nationalen Partei (Simon-Gruppe), erhielt das Amt des Parlamentssekretärs des Board of Trade. Sassoon und Hore-Bclisha sind Juden. Juden und Katholiken im neuen englischen Parlament- London, 12. November. Im „Evening Standard" vermerkt ein Mitarbeiter, daß im neuen britischen Parlament 2 t Katholiken sitzen, die — nach Schätzung von katholischer Seite — eine katholische Bevölkerung Der Lehrer stammte, wie ich wußte, aus einer kleinen Stadt im Ausiedlungsrayon, deren Namen wir GroGstädter niemals gehört hatten und deren Luge uns ganz unbekannt war. Der Student war, wie es aus seinen Worten hervorging, aus Bobransk; sein Freund, den er besuchen kam, hatte anderwärts seine Heimat, aber sogleich war klar geworden, daß sie an allen Orten gemeinsame Bekannte haben, und nun infDirniertcn sie •sich gegenseitig über sie und ihren Wohnort. Ja, noch mehr, auch andere Leute an verschiedenen Enden der Welt waren ihnen scheinbar gut .bekannt und deren Tun spielte in ihrem Gespräch eine bedeutende Rolle. „Man sagt, Ä. sei nach Palästina gefahren." „Nein, er ist noch iu Paris. Erst vor kurzem ist er von seiner Amerikareise zurückgekehrt." „Und wo ist ß.? Wissen Sie es?11 „Meine Freunde hüben mir geschrieben, daü er in AVien ist." „Und N. kennen Sie?" „Gewiß. Ich habe ihn vor zwei Jahren auf dem Haager Kongreß getroffen. Auch A. habe ich dort kennengelernt." „Ah, den kenne ich sehr gut, er ist aus meiner Stadt.. .** Dies schien mir wunderbar. Fürwahr: siizeu da zwei Leute vor mir, zwei gewöhnliche Menschen wie ich, die nicht bedeutender sind als irgend jemand, deren Namen niemand bekannt ist. Aber was verbindet sie mit all den Leuten in den feineu Großstädten und Ländern, über die sie wie über Freunde und Genossen sprechen? Was ist das für Wunderding, vor dem alle Grenzen und Schranken der Welt fallen und verschwinden — ein Ding, das alle die fremden und Fernen mit unsichtbaren, aber doch starken Banden aneinander schmiedet? Denn in allen ihren Worten, im Ton ihres Gespräches lag es deutlich und klar, daß es sich hier um etwas Großes handelt und daß sie wirklich etwa« Gemeinsames mit diesen Fernen und Fremden halben. Und der aus ßobransk wird vielleicht, wenn er naeh Paris kommt, bei dem einkehren, der dort wohnt, und auch mit ihm wird er sprechen wie mit einem guten alten Bekannten. Und ich? Wer kennt mich auf der ganzen AVeit und wen kenne ich? Auch in meinem engen Kreis stehe ich wie allein, Scheidewände zwischen mir und denen, die mich umgeben, und um wieviel mehr noch jedem gegenüber, der von außen kommt! Werde ich bei meinem ersten Zusammentreffen mit ihm auch nur ein AVort im Munde haben? Mein Neid nahm neue Gestalt an. Etwas wurde mir klar: nicht nur meine Vereinsamung und das Unbefriedigtsein in meinem privaten Leben und der Mangel jener „Liebe", deren AVesen ich noch nicht kannte, bedrückte mich. Nicht nur danach sehnte ich mich; ich trug Verlangen nach jenem wunderbaren Band, das Menschen aus allen Enden und Ecken der Welt zueinanderbringt und verbindet, und das die AVeit ganz zu der „ihren" macht, zu einer großen und wunderbaren geistigen Heimat... Nach einigen Stuudeu verließ icli das Haus und der Student, der Zimmerherr, begleitete mich nach Hause. Ich weiß nicht mehr genau, warum sich uns diesmal meiue Freundin nicht angeschlossen hat. AVir gingen die Straße entlang, auf der es wenig Passauteu gab, und die nebligen Punkte der Laternen blinkten durch das dünne und weißglänzende Netz des Schnees, der zu fallen begann. ,Die verwaiste, gleich mir trauernde Straße — so fühlte ich mich iu jenem Moment — war mir lieb und noch teurer waren mir die voneinander entfernten Lichter, die sieh gegenseitig durch die Finsternis zuwinkten. Wie diese Lichter da schienen auch jene über alle AVeit Verstreuten, die sich an einander erinnern und sich gegenseitig durch die lerne zuwinken. Beinahe hätte ich vergessen, daß diese Lichter in meinem privaten Leben noch fehleu — und das Sehnen war süß. Mit meinem Begleiter sprach ich wenig und auch das Wenige nur über belanglose Dinge, wie mit einem Menschen, dem man nicht nahe steht. Plötzlich aber erinnerte ich mich au etwas und ich fragte ihn: „Sagen Sie, bitte, ist es nicht sonderbar? Heute begegneten einander die beiden zum erstenmal in ihrem Leben, und wie kounten sie sogleich soviel Gemeinsames finden, das sie miteinander verbindet, und auch jene, deren Namen erwähnt wurden, haben so viele Nahestehende in aller Welt?" ..Kein AVunder" — erwiderte er so nebenbei, und wie es mir schien, mit einem Ausdruck leichten Spottes, — „die beiden sind doch... Zionisten" — und er fügte hinzu — „haben Sie noch nichts von diesen Dingen gehört?" Ich wußte wirklich nichts. Das AVort „Zionisten"' klang fremd und unverständlich in meinen Ohren und beinahe neu, obwohl ich es schon früher, ganz zufällig, im Hause meiner Freundin gehört hatie. Es fand über keinen Eingang in mein Herz und ich hatte auch kein Interesse, seine Bedeutung zu ergründen. Auf die Worte des Studenten erwiderte ich nichts; ich fühlte, daß es mir nicht gelingen werde, ihm meine verwirrten Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die seine kurze Antwort nicht geklärt, sondern uoch wirrer gemacht haben. Ich betrachtete die Laternenreihe, die sich am Ende deri^ langen Straße verlor, und ich dachte mir: „Zionisten" sind Leute, die ihre Seele vor den* Fluch der Einsamkeit retteten, indem sie etwas Gemeinsames und Verbindendes gefundeu haben, ein Wuuderwort, das Entfernungen näherbringt und Scheidewände niederreißt. Wohl kenne ich das Wesen dieses Wunderdinge* nicht und werde es wahrscheinlich auch fernerhin nicht kennen, und möglich, daß es auch wert- und belanglos ist, aber wie dem auch sein mag: Heil ihnen, den „Zionisten". (Autorisierte UöberseUung au» d«m Ho bräiechen von S. D.)

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