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Die neue Welt · 1931-11-20 · Heft 218 (20.11.1931) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 218 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 218 BÜCHERSTUBE M. RATH WUn W, TaborttfaB« 20 a * Tai. IMfrMt Chanukka- Son deren gebot: Jutfalca und Hebralca iu auAaro dantlich tier herabgesetzten P»elian (bis zu 50V. des Ladenpreises) Sch&ne Literatur; Zionittlca; Wissenschalt t biblische und talmucfi*cho Literatur t modarne hebräisch« u. jiddische Literatur Nur so lange der Vonat reicht! Beachten Sie unsere Schaufenster und unsere Hreise! Besuchen Sie uns unverbindlich 1 mitglieder dränigten die Demonstranten hinaus. Di« Polizei «teilt« dde Ruthe her. Zwei Juden wunden enheb- Iich verletzt. Antisemitische Studentenunruhen auch im Fernen Osten Charbin, 9. Novemlber. (J. T. A.) Eime starke Bande russischer weißgardistischer Studenten des P o 1 ytechnikums in Charbin drang nechts mit den Rufen „Schlagt die Jaden, ret tet R ußland" in das Lokal der Talmud-Thora-Ssul.e, wo eine jüdische Hochzeitsfeier abgehalten wurde, ein und mißhandelte die Gäste, von denen mehrere stark blutende Verletzungen erhielten. Die Studenten zerstörten die Instrumente der Musikkapelle und deanalierten die. gesamte Inneneindchtumg der Schule. In der Nähe der Synagoge stellten sie Posten a<uf, die alle Passanten kontrollierten, ab sie Juden oder Nichtjaiden sind. Diejenigen, die sich, als . Juden legitimierten, wurden schwer jnißihaindelt. Die Ghanbiner Polizei verhaftete mehrere , Exizedenten, die 6ich damit verteidigten, daß sie-betranken waren und sich beredt erklären, den angerichteten Schaden wieder gutzumachen. Numerus clausus gegen Juden in Ungarn : Budapest, 12. November. Im Verlauf der Debatte ,über die Notverordnungen kam auch das Gesetz über den Numerus clausus an den Universitäten und Hoohschulen zur Sprache. Dieses Gesetz, das früher; Union der Zionisten-Revisionisten Verband demokratischer Zionisten Mittwoch, 23. Nov. 1931, um '/,9 Uhi abends im Hersl-aaal ,des Verbands« heims, II., Untere Augartenstraße 38 VORTRAG Gegenständ: Das Ende des zionistischen Landesverbandes für Oester* reich Referent: Dr. N. Samonsky Regiebeitrag 20 g Freier Zutritt I direkt gegen die Juden gerichtet war, wurde nach einor Novellierung seines konfessionellen Charakters entkleidet. Es erhielt eine Bestimmung, dafl Studenten mit vorzüglichen Reifezeugnissen aufgenommen werden müssen. Der demokratische Abgeordnete V a z s o n yi richtete nun an den Kultus- und Unterrichtsminister Dr. Ernszt die Frage: „Hat der Herr Minister Kenntnis davon, daß für das laufende Semester an den Hochschulen auch Studenten mit vorzüglichen Reifezeugnissen nicht aufgenommen worden sind?" Minister Dr. Ernszt erwiderte: Für die Aufnahme ist nicht ausschließlich das Reifezeugnis maß- FARI «JÜLICH Das weltberühmte Kölnischwasser Oberall erfiSItlloh' gebend. Ich begreife nur allzu gut, daß es für die Zurückgewiesenen sehr schmerzlich ist, ihre Studien nicht fortsetzen zu können, aber vom Gesichtspunkte der Allgemeinheit aus müssen wir in erster Reihe doch die Struktur der nationalen Gesellschaft berücksichtigen. Im übrigen bilden die Juden in Budapest an der juridischen Fakultät 10 Prozent, an der medizinischen 14, an der philosophischen 11, in Szeged an der juridischen Fakultät 13, an der medizinischen 22, an der philosophischen 13, an der mathematischen 14, ah der pharmazeutischen 18, in Debrecen an der juridischen 28, an der medizinischen 24, an der philosophischen 9, in Pees an der juridischen 10, an der medizinischen 22, an der philosophischen 23 und in Budapest an der volkswirtschaftlichen Universität 31 bis 35 Prozent aller Hörer. Es kann also durchaus nicht gesagt werden, daß eine gewisse übertriebene Tendens wahrnehmbar war. Die Antwort des Ministers wurde zur Kenntnis genommen. Israel Zangwill Jaboli'nsky und Wir bringen einen Artikel, welchen der verstorbene große englischajüdische Dichter, und Politiker Israel Zangwill im Jahre 102 1, vor zehn Jahren, schrieb. Der geniale Freund Herzls und Judenstaatler hat damals die Gefahren einer schwächlichen zionisti* sehen Politik prophetisch vorausgesehen. Was er damals über Weizmann und Jabo* tinsky, als die. Träger zweier politischszios nistischer Systeme sagte,' geht den Kämpfen, die heute im zionistischen Lager geführt werden, tief auf den Grund. Als C r o m w e 11 1656 die Juden wieder nach Eng« land, hereinließ, beherrschten ihn zwar Vorstellungen vom tausendjährigen Reich, aber diese hätten wohl seine Politik nicht beeinflußt, wenn er nicht den Wert der Juden als Vermittler und Förderer von Handels» planen erkannt hätte. In ähnlicher Weise fehlt es zwar Lloyd George nicht an gefühlvollem Verständnis für die zionistischen Hoffnungen, aber wir würden trotz» dem wenig von der „jüdischen nationalen Heimstätte" zu hören bekommen haben, wenn Palästina nicht Englands politischen Zielen dienlich gewesen wäre. Palästina mit einer jüdischen autonomen Bevölkerung als militärische Schutzwehr für die Verteidigung .vor* Aegypten war| vom. „Manchester .Guardian? .^länpsjdringencf gefordert, worden. Und dieses gegenseitige Interesse — do ut des — hätte einen soliden "politischen Handel ergeben, wenn nicht England einen zweischneidigen diplomatischen Streich geplant hätte. Es wollte Palästina sich selbst hörig machen und zugleich die Sympathien der Juden in der ganzen Welt erwerben; - ohne dabei aber in Israel etwas anderes zu sehen , als. ...einen bettelhaften Almosen e rn p f ä h g e r' -seines^ - eigenen Idealismus. Englands Strategie war um so bewunderungswürdiger, als die "erhabene Gestei in einern sehr dunklen Äugenblick des, Krieges gemacht wurde,'eiri eiriem" ÄügenBrlick;' in dem jede Kleinigkeit ins Gewicht fiel, in dem sogar Franks reich M. Picot heimlich -angewiesen hatte, „der Judenschaft die größtmöglichen Hof?« i nuiigen auf Palästina vorzugaukeln". Das einzige, was man der englischen Regierung zugute schreiben kann, ist politische Klugheit, eine Tugend, die hoch zu bewerten ist in diesen Tagen der stockblinden Politiker und die man auch den zios nistischen Führern nicht vorwerfen darf; denn diese haben von Anfang bis zu Ende die passive und unfruchtbare Rolle politischer Agenten über Weizmann/ Herbert Samuel für England g e s p i e 11, und jetzt müssen sie sehen, wie die weit und breit ausposaunte „jüdische nationale Heimstätte" zurechtgestutzt wird von einem englisch* jüdischen Hohen Bevollmächtigten, der als Gouverneur von Palästina ebensosehr englischer Beamter sein wird, wie er es vorher als Minister des Innern in Eng* land gewesen (Sir Herbert Samuel). Der kreißende Berg Zion hat ein Mäuslein geboren, wie ich es bereits vorausgesagt, als die Wiedergeburt feierlich angekündigt wurde. Das verhindert aber — wie wir gesehen — die zios nistischen Führer nicht, weiter in die Posaune zu stoßen, wobei als mildernder Umstand nur erwähnt werden kann, daß es ihre eigene Posaune ist. Wir sehen denn auch die merkwürdige Erscheinung, daß in dem Augenblick, in dem Hindus, Aegypter, Iren wetteifernd das englische Joch abzuschütteln suchen, die Juden eifrig ihren Nacken darunter beugen. Sie sind wie Schiffbrüchige, die überglücklich sind, von einem Sklavenschiff aufgenommen zu werden; ein eins dringliches Zeugnis dafür, daß sie 20 Jahrhunderte lang auf dem erbarmungslosen Ozean getrieben haben; aber auch ein Beweis, daß 20 Jahre Zionismus die unters grabene nationale Würde nicht -wiederherstellen konnten. Hinter der uralten, . beim ..Passahfest ausgesprochenen Sehnsucht: „Nächstes Jahr in Jerusalem 1", folgt im Ritual der Satz: „Nächstes Jahr Söhne der Freiheit!" Was Eng* land an Freiheit spendete, war kärglich genug, die jüdis sehen Oliver Twists aber verlangen noch weniger davon statt mehr. Sogar die Zionisten» führer haben versagt. Sie sind Kinder des russischen Ghettos; der Freiheitsluft ungewohnt Und eingeschüchtert von der fremden Bürokratie, bes nahmen sie sich nicht anders als die „Stadlamin', die unterwürfigen Unterhändler der Ghettozeiten. Dr. Weizmann, der so oft in Palästina war, berichtetes in London niemals .ein Wort über die' 'verächtliche Haltung der Militär« behörden gegen die. Juden, von ihren hinter* listigen Versuchen, die BalfoursDeklaration zu erdrosseln. Hätte er diese Dinge bekanntgemacht, es wären vielleicht englische Protest kund« gebungen veranstaltet und der Pogrom in Jerusalem verhindert worden. Man könnte auf ihn das Wort anwenden, das im alten frans zösischen Krieg Macauley über Admiral Torrington sagte: „Er schreckte vor jeder Verantwortung zurück, vor der des Kämpfens sowohl wie vor der des Nicht- Nadtaliditer Von E1 i s c h e w a Wer kennt die Vereinsamung der Jugend? Nicht jene Vereinsamung aus Zwang und müder Resignation, die in höherem Alter eintritt, die selbstgenügsame und selbstzufriedene; nein — eine Vereinsamung aus Dürsten und Sehnsucht und unaufhörlichem Verlangen, die so oft vom bittern Geschmack brennenden Neides begleitet wird; jenes Neides, der uns die Güter — und mögen sie auch nur in der Einbildung bestehen —, die wir im Besitze anderer glauben, in der Phantasie aufzählen und werten läßt und uns mit der ebenso unaufhörlichen wie müßigen Frage quält: „Und was besitzen wir?" Solche Vereinsamung kommt oft im Gefolge eigenartiger, unnatürlicher Lebensumstände — und wer kennt die Zahl jener jungen Leute, die unter dieser Vereinsamung still zusammenbrechen? Davon wird nichts erzählt, weder in der Leidenszeit selbst — aus jugendlicher Scham, hoch im späteren Alter — aus großmütigem Verzicht auf törichte Jugendwünsche, die dahin sind. Diese Vereinsamung begleitete mich stets in jenen Jugendjahren. Es war ein Winterabend. Die Straßen versunken in breiweißer Dunkelheit, in der die Feuer der Laternen verschwommen und umnebelt starrten. Draußen blies ein kalter verwaister Wind und drinnen, jenseits der beleuchteten Fensterscheiben und herabgelassenen Vorhänge, schien das Leben der andern so wurm, wohl und lichtüberflutet.; Ich trat in das Haus meiner einzigen Freundin, eines jungen jüdischen Mädchens, ein. ich trug das Verlangen, ein, zwei Stunden beim dampfenden Samowar im großen lichten Speisezimmer zu sitzen, die Zeit mit Nichtstun und müßiger Plauderei totzuschlagen und mich selbst zu vergossen. Mich mit meiner Freundin in den dunklen Salon zurückzuziehen, hatte ich jetzt keine Lust. Wir waren gewöhnt, dort die Abendstunden gemeinsam zu verleben, mit leiser Stimme geheime Dinge einander zu vertrauen; dort erzählte sie mir von ihrem letzten Beisammensein mit ihren beiden Verehrern — der eine: ein jünger, jüdisch *r, „heiratsfähiger" Kaufmann und der' andere: ein Christ. Dort pflegte sie mir auch die Briefe zu zeigen, die sie von ihrem russischen Verehrer erhielt von eben jenem, der voriges Jahr in der Stadt geweilt hatte und wieder abreiste. Aber gerade solche intime Stunden wünschte ich jetzt nicht. Ich war des unnützen Neides müde, . Im Speisezimmer fand ich die ganze Familie und auch einen ständigen Gast, einen jungen Mann aus dem Ansiedlungsrayon, der dem Bruder meiner Freundin hebräischen Unterricht gab. Er gehörte nicht zu meiner Freundin Verehrern und auch mir war er fremd und ferne wie ein Wesen aus ei'ier andern uralten Welt. Manchmal verstand ich soirar seine Sprache nicht — ich konnte mich an seine komische russische Aussprache nicht gewöhnen. Noch einen gab es, den ich in letzter Zeit an ihrem Tische zu finden gewöhnt war: einen Studenten, der ein Zimmer bei ihnen gemietet hatte. In diesem Winter konnte ich weder erkennen noch erfühlen, daß sich irgend etwas zwischen ihm und meiner Freundin anspinnt. Davon erfuhr ich erst später, nach einiger Zeit, als sie sich verlobte — was mich in nicht geringes Erstaunen versetzte. Dieser junge Mann, vorsichtig in Geste und Sprache, etwas trocken, den zukünftigen Philister verratend, gefiel mir überhaupt nicht; oft ließ ich miph von ihm nach Hause begleiten — aus bloßer Höflichkeit und aus Mangel an einem andern Begleiter. An diesem Abend aber war er nicht zugegen; er war von seiher Arbeit in der Universität noch nicht zurückgekehrt. Der Abend zog langsam dahin wie alle unsere müßigen Abende, und tief im Innern des Herzens, in einem verhüllten Winkel, brannte leise die Einsamkeit und das ständige Sehnen — jener Durst nach irgend jemand, nach der Gesellschaft naher, wirklich naher Menschen. Wer sind sie und wo sind sie? Ich wußte es nicht. Die Glocke klingelte. Jemand trat ins Vorhaus. Es ist nicht der Student, wie wir angenommen haben. Die Hausfrau geht dem Ankömmling entgegen und nach einem Augenblick führt sie ihn zu uns herein. Auch er ist ein jüdischer Student, den wir noch nie gesehen haben — ein Freund des Zimmerherrn. Da er diesen zu Hause nicht antraf, hatte ihm die Hausfrau vorgeschlagen, ins Zimmer zu kommen und seinen Freund zu erwarten. Der Gast setzte sich an den Tisch, nahm das Teeglas, das ihm die Hausfrau gefüllt hatte, und begann mit ihr eine belanglose Unterhaltung aus purer Höflichkeit, wie es Brauch ist zwischen Fremden, die der Zufall zusammenführt. Allmählich mischte sich auch der junge Lehrer ins Gespräch, das kürz darauf nur von den beiden: dem Lehrer und dem Gast, geführt wurde. Ich saß am Ende des Tisches und hörte so nebenbei auf ihre Worte. Sie begannen natürlich mit der traditionellen Frage: „Woher kommt ein Jude?" — jene Frage, die einem Nichtjuden, wenn er ihr in den Schriften Schalom Alejchems begegnet, so ungemein komisch klingt. Aber im Munde lebender Juden nimmt sie sich keinesfalls so absonderlich aus. Nach einigen Minuten waren sie schon in eine interessante und freundschaftliche Unterhaltung vertieft, als ob sie einander schon von lange her kannten. Anfangs berührte mich das nur wenig; ich war dessen sicher, daß der Inhalt ihrer Unterhaltung mir völlig tremd und fern Hege. Auch später zog sie mich nicht besonders an. Eines aber versetzte mich in Erstaunen und bannte meine Aufmerksamkeit, worin auch ein Tropfen meines ständigen Neides eingemischt war — aber in anderer Form.

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