Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 217 (13.11.1931)
- Date
- 1931-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. M* DIE NEUE WELT Seffe t Aus Deutschland Beilage der »Neuen Weif« für Deutschland Filialredaktion und Administration: »Neue Weif«, Berlin €2/ Burgstraße 29/IV, Nr*07 Reichspräsident Hindenburg fährt nidtt nach Palästina« —r. Berlin. Einige jüdische Zeitungen brachten eine Meldung der „Havas", welche auch in der englischen Presse veröffentlicht wurde, die besagte, daß Reichspräsident Hindenburg bei seiner geplanten Winterreise auch Palästina besuchen werde. Der Berliner Korrespondent der „Neuen Welt" wandte sich mit einer Anfrage an die Reichspressestelle des Auswärtigen Amtes, ob diese Nachricht, an welche vielfach Bemerkungen über die geplante Reise und ihre Absichten geknüpft wurden, den Tatsachen entspricht und ob der geplante Besuch Palästinas realisiert werden wird. Die Reichspressestelle erklärte unserem Korrespondenten, sich selbst nach den Veröffentlichungen dieser Nachricht an die kompetenten Stellen gewandt zu hoben, welche von einem solchen Besnche nichts zu wissen erklärten. Ihr Korrespondent wurde ermächtigt, dieses Dementi der Oeffentlichkeit zu übermitteln. Unser Austritt aus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Von Richard Lichtheim (Berlin) I. Die Revisionisten Deutschlands haben beschlossen, aus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (Z. V. f. D.) auszutreten, weil die Haltung dieser Gruppe und ihres Organs, der „Jüdischen Rundschau", von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, unerträglicher wurde. Dieser „deutsche Zionismus" ist die europäische Geistesquelle des Brith Schalom, des a n t i p o 1 itisehen Zionismus. Die Z. V. f. D. war die Schutz« trappe Dr. Weizmanns und will es bleiben. Diese Haltung des deutschen Zionismus kann durch Dutzende von Beis spielen belegt werden. Schon vor vielen Jahren schrieb die „Jüdische Rundschau", die Forderung der jüdi» sehen Majorität in Palästina habe genau soviel Sinn, als wenn ein Spieler in der Lotterie von seiner Hoffnung auf das große Los rede. Damals erregte diese Aeußerung der „Jüdischen Rundschau" noch Aufsehen und Protest — heute ist man Schlimmeres gewohnt. Von dem feindseligen und verlogenen Bericht der ShaweKommission wurde im Leitartikel dieses angeblich zionistischen Blattes am 16. Mai 1930 gesagt, man müsse „bei einem gründlichen Studium des Berichtes zu der Ueberzeugung kommen, daß die Koma mission keine tendenziöse Voreingenom* menheit hatte, sondern das ihr unterbreitete Material gewissenhaft bearbeitet hat". In einer kurz nach den Unruhen herausgegebenen Flugschrift der Z. V. f. D. wurde behauptet, die Araber hätten genau das gleiche Recht auf die „nationale Heimstätte in Palä* s t i n a" wie die J u d e n! Sir Herbert Samuel, der Verderber der Balfour#Deklaration, galt und gilt dem amtlichen deutschen Zionismus als der „große Staats» mann", der immer und immer wieder gefeiert wird. Daß Dr. Magnes, der Brith Schalom*Inspirator in Palästina, ständig von der „Jüdischen Rundschau" in Schutz ge* nommen und seine Angreifer kritisiert werden, versteht sich von selbst. Das sind nur ein paar Beispiele, um zu zeigen, wie der Zionismus der Z. V. f. D. aussieht. Daß wir Revisio* nisten ständig angegriffen und bekämpft werden, bedarf keiner näheren Erläuterung. Warum — so fragten wir uns — müssen wir uns dies alles gefallen lassen? Warum Mit* glied bleiben und Beiträge entrichten an eine zionistische Landesorganisation, die uns als den „inneren Feind" behandelt, die alles verneint und mißachtet, was uns Sinn und Ziel des Zionismus ist? Als nun nach dem 17. Kongreß klar wurde, daß die Z. V. f. D. trotz der Kongreßbeschlüsse, die gerade ihre politische Haltung verurteilten, an ihrer bisherigen Linie festhält, als die „Jüdische Rundschau" in jeder Nummer ihre proarabischen Bemühungen fort« setzte und als die Leitung der Z. V. f. D. beschloß, in öffentlichen Kundgebungen Dr. "Weizmann und seine Politik zu feiern — da faßten wir den längst fällig gewordenen Beschluß, unseren Freunden in Deutschland den Austritt aus der Z. V. f. D. nahezulegen. Wir beriefen eine Landeskonferenz der deutschen Revisio« nisten auf den ir. Oktober nach Berlin ein, und diese entschied im Sinne unseres Antrages. II. Unser Austrittsbeschluß wurde noch am gleichen Tag der Z. V. f. D. übermittelt und auch in der nächsten Nummer der „Jüdischen Rundschau" abgedruckt. Gleich* zeitig setzte eine Kampagne gegen uns ein, die mit falschen Darstellungen des Sachverhaltes, mit Schirru pjereien und Entstellungen unserer Absichten arbeitete. Eine «achliche Berichtigung, die ich der „Jüdischen Rundschau" sandte, wurde nicht gebracht, Auf mein Er« suchen um Rücksendung des Manuskriptes erhielt ich dieses mit dem folgenden Begleitbrief vom 28. Okto* ber 1931 : „Sehr geehrter Herr Lichtheim t Ihrem Wunsche gemäß senden wir Ihnen beiliegend Ihre Zuschrift zurück, da diese nach Ansicht der zuständigen Stellen nicht den Charakter einer Berichtigung hat, und die Redaktion daher von der zuständigen Stelle angewiesen wurde, von der Veröffentlichung abzusehen," Man ersieht aus diesem Schreiben, daß der Redak* tion bei ihrem ablehnenden Bescheid nicht ganz wohl war. Sie verschanzt sich hinter die „zuständigen Stellen", nämlich den geschäftsführenden Ausschuß der Z. V. f. D. Diese Körperschaft hält es für passend, einer Kongreß« Partei, die in Deutschland immerhin 1200 Stimmen auf sich vereinigte, die Aufnahme einer Berichtigung gegen über Angriffen und Verleumdungen zu verweigern. Ich lasse diese Berichtigung im Wortlaut folgen, um zu zeigen, daß sie nichts als tatsächliche Feststellungen ent« hält: „Berichtigung. Zu dem Artikel der „Jüdichen Rundschau" in Nr. 80 vom 16. Oktober 1. J. stelle ich folgendes fest: 1. In dem Artikel, der sich mit der Austrittsreso» lution des deutschen Landesverbandes der Revisionisten befaßt, wird behauptet, daß im Zusammenhang mit den Beschlüssen von Calais „gleichzeitig die Parole des Austrittes aus den Landesorganisationen ausgegeben wurde". Die ist unrichtig. Richtig ist, daß in Calais be« schlössen wurde, bis zur nächsten Parteiratssitzung den revisionistischen Landesgruppen in der Frage des Aus» trittes aus den Landesorganisationen völlig freie Hand zu lassen. 2. Daraus ergibt sich, daß die weitere Behauptung der „Jüdischen Rundschau", der Austrittsbeschluß in Deutschland beruhe auf dieser „allgemeinen Parole" und nicht auf den angegebenen Gründen, ebenfalls un« richtig ist. Richtig ist, daß bereits vor der Tagung in Calais ein einstimmiger Beschluß des Land es Vorstandes der deutchen Revisionisten vorlag, der Parteikonferenz vom 11. Oktober den Äustrittsbeschluß zu unterbreiten. Dieser Beschluß beruht auf keinem anderen Motiv, als auf , dem von uns angegebenen, d. h. auf der Ansicht des deutschen Revisionismus, .daß die politische Haltung der Z. V. f. D.. und ihres Organs, insbesondere die von ihr geübte systematische Bekämpfung des Revisionismus, ein längeres Verbleiben der deutschen Revisionisten in der Z. V. f. D„ unmöglich mache. Im Rahmen dieser tatsächlichen Berichtigung kann ich auf diesen Punkt nicht näher eingehen. Es genügt, zu sagen, daß angesichts der durch keinen Bes Schluß der Revisionistischen Union eingeengten vollen Entschlußfreiheit der deutschen Revisionisten gar keine anderen Motive für unsere Entscheidung auffindbar sind als eben diejenigen, die wir in unserer Kritik an der Z. V. f. D. mitgeteilt haben. 3. Die „Jüdische Rundschau" behauptet, unser Be* Schluß bedeute weder den Austritt hoch das Verbleiben, sondern: „man will gleichzeitig austreten und drinb leiben". Es wird unterstellt, daß die deutschen Revisionisten „die große Geste des Austretenden machen", gleichzeitig aber „durch eine Hintertür in der Z. V. f. D. bleiben, oder gewisse Teile der eigenen Partei in der Z. V. f. D. belassen"; wollen. Auch diese Behaup* tungen sind unrichtig. Richtig ist, daß der vom Landes« vorstand des deutschen Revisionismus einstimmig gefaßte Beschluß von der am 11. Oktober tagenden Parteikons ferenz zwar mit großer Mehrheit, aber nicht einstimmig angenommen wurde. Um keinen Zwang auszuüben, wurde daher der Austritt empfohlen, aber nicht zur unbedingten Pflicht gemacht. Es war jedoch der klare und unzweideutige Wille der Konferenz, den Austrittsbeschluß durchzuführen, und der Landesvorstand der deutschen Revisionisten wird in diesem, Sinne handeln. Mit Zions» grüß hochachtungsvoll Richard Lichtheim." III. Nicht genug mit dem Versuch, die seit Jähren verfolgte revisionistische Opposition mundtot zu machen, holte die Leitung der Z. V. f. D. nun zu einem „großen Schlage" aus. Sie verkündete, daß sie ihrerseits die Revi« sionisten ausschließe! Diese müßten sich innerhalb vier Wochen entscheiden, ob sie Mitglieder des deutschen Landesverbandes der revisionistischen Union bleiben wollten oder nicht. Wenn ja — so würden sie aus der Z. V. f. D. ausgeschlossen werden. Man könnte diese „Retourkutsche", wie der Ber« liner sagt, mit Lächeln übergehen, denn es ist kein Zweifel, daß fast alle Revisionisten Deutschlands der Parole ihrer Führung folgen und aus der Z. V. f. D. aus» treten werden, soweit es noch nicht geschehen ist. Wenn wir diesen Austritt nicht obligatorisch gemacht, wenn wir niemanden gezwungen haben, entgegen seiher Ueber* zeugung die Z. V. f. D. zu verlassen, so wird dennoch die Zahl der Verbleibenden so gering sein, daß die fUrchter- C&skhMa. »kIA CD S 18.- S 24.- S 30.- Vll„ KalserstraBc 1Z3 IX., fllserstrnße 6 liehe Drohung der Z. V. f. D. praktisch ganz bedeutungs* los ist. Aber die Sache hat eine moralisch'politische Seite. Es ist das erstemal, daß eine zionistische Landesorgani* sation es wagt, einzelne ihrer Mitglieder auszuschließen, weil diese zugleich Mitglieder eines zlo* nistischen Sonderverbandes sind, der als solcher dem Landesverband nicht angehören will. Es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, daß der Beschluß. der Z. V. f. D. rechtswidrig ist. Ein Landes* vorstand kann nicht die Mitgliedschaft einem Schekelzahler verweigern, gegen den persönlich nichts vor* liegt. Die revisionistische Union ist vielleicht kein „Sons derverband" im technischen Sinne, weil sie bisher keinen Antrag auf Anerkennung als Sonderverband beim Aktions* komitee gestellt hat. Das hängt wiederum mit der ver* alteten Bestimmung der Statuten zusammen, wonach ein Sonderverband über 20.000 Schekelzahler verfügen muß. Diese Bestimmung stammt aus der Zeit der Partei» schekel, die vor einigen Jahren durch den Einheitsschekel ersetzt wurden. In der Praxis aber ist die revisionistische Union längst als „Sonderverband" anerkannt und als solcher behandelt worden. Bei den letzten Kongreßwahlen wurden über 60.000 Stimmen für die revisionistischen Listen abgegeben, die Union hatte 52 Kongreßdelegierte und ist im Aktionskomitee als Fraktion mit 10 Mit» gliedern vertreten. Seit drei Kongreßperioden hat sie praktisch alle Rechte und Pflichten eines Sonderver» bandes. . . .„ Es ist daher niemandem eingefallen, das Recht der Revisionisten auf Bildung eigener Landes« gruppen im Sinne der statutarischen Bestimmungen über die Sonderverbände zu bestreiten. Solche bestehen in einer ganzen Reihe von Ländern. Ob diese Landes« gruppen für sich bleiben oder ob sie einen Teil der betreffenden Landesorganisation bilden wollen, ist überall Sache der freien Entscheidung oder Vereinbarung. Der Revisionismus nimmt jedenfalls das selbstver« ständliche Recht aller anderen Kongreßgruppen (Poale Zion, Hitachdut, Misrachi) für sich in Anspruch, nach seinem Bedarf und Ermessen Landesgruppen zu bilden. In Deutschland wird diese Landesgruppe künftig nicht, mehr der Z. V. f. D. angehören und an ihren Delegierten« tagen nicht teilnehmen. Dies ist der Sinn unseres Beschlusses vom 11. Oktober. Die Z. V. f. D. hat uns nun — gegen alles Recht und gegen alle zionistische Tradition —. den Krieg erklärt. Sie will es ihren Mitgliedern wohl erschweren, den An* Schluß an den Revisionismus zu vollziehen. Darum erklärt sie die Mitgliedschaft in dem revisionistischen Landesverband für unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der Z. V. f. D. Wir werden keine Schritte gegen diesen Beschluß unternehmen, der ja praktisch für uns von keiner Be* deutung ist. Wir werden unsere Ortsgruppen gründen, wir werden unsere Sitze im Palästinaamt, in der Schekels kommission, in der Kongreßwahlkommission verlangen und unsere Listen für den Kongreß aufstellen. Die Z. V. f. D. mag weiter Krieg mit uns fuhren-*- wir werden uns garnicht darum kümmern. Wir haben unsere Jugend, wir werden —- frei vom Alpdruck der „Jüdischen Rundschau" und ihrer vorgesetzten Behörde— in Deutschland zionistische Arbeit tun. Die deutschen Zionisten sind jetzt freilich vor eine Wahl gestellt — nicht durch die ungültigen Beschlüsse der Z. V. f. D., die aus Wut und Ohnmacht stammen, sondern durch die Erwägung, daß der deutsche Zionismus zugrunde gehen muß, wenn er weiter von jener Gruppe geleitet wird, die ihn seit Jahren beherrscht. Der Revisionismus in Deutschland hat die Aufgabe, den deutschen Zionismus zu erneuern. Er ist der deutsche Zionismus von morgen. Die Not der Juden in den Klein- und Mittelstädten Im Novemberheft des Gemeindeblattes der Jü&i* sehen Gemeinde zu Berlin ist ein „Die Not der jüdischen Klein* und M i 11 e 1 g e m e i n d e n"