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Die neue Welt · 1931-11-13 · Heft 217 (13.11.1931) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 217 (13.11.1931)
Date
1931-11-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 2tr Die Juden in Brasilien Von Jakob Nachbin. II. In den Unabhängigkeit »kämpfen — Die drei Gemeinschaften •Die Verfolgung setzte offiziell dem jüdischen Leben in Brasilien ein Ende. Aber im geheimen bestand die jüdische Gemeinschaft weiter. Unter der Führung der Neochristcn, die die Maske des Katholizismus benützten, gründeten die Juden, die der Inquisition entronnen waren, neue Kolonien, die sich später zu großen Städten entwickelten. So verdanict z. B. San Paolo, die zweitgrößte Stadt Brasiliens mit einer Bevölkerung von ungefähr 900.000 Einwohnern, ihre Entstehung einem Juden Jose Romalio. Der Weg zur reichsten Provinz Brasiliens Minas Geraes ist von einem Ncochristen Gareia Rodrigo Pa i s geöffnet worden, der hier die erste Kolonie gründete. Die Juden gründeten auch Gemeinden in Nordbrasilien und Handel und Industrie blühten hier. Als die Inquisition in Portugal von Marquis de Pombai im Jahre 1773 offiziell beendet wurde, konnten sich die Neochristen in Brasilien freier bewegen. Aber Verfolgung und gewaltsame Assimilation hatten ihre Zahl wesentlich eingeschränkt. Nichtsdestoweniger spielten sie auch weiter eine bedeutende Rolle in der brasilianischen Geschichte, hauptsächlich, und dies ist vielleicht ihrer jüdischen Tradition von Freiheit und Gerechtigkeit zuzuschreiben, in den brasilianischen R evolten gegen die Tyrannei Portugals. Der Heldengeist der Makkabäer fand seinen Niederschlag in der edlen Teilnahme der Juden an diesen Kämpfen. Wie die Geschichte von Channah und ihren 3ieben Söhnen hört sich die Geschichte einer jüdischen Frau, einer Neochristin, an, Maria de Seva. Nachdem sie zwei ihrer Söhne und einen Schwiegersohn im Kampfe für die Freiheit Bahias verloren hatte, sandte sie einen dritten Sohn in den Kampf gpgen die Unterdrücker. Und als auch er getötet worden war, rief sie die zurückgebliebenen beiden Söhne zu sich, einen 13- und einen 14jährigen Knaben, kleidete sie in Uniform und sandte sie mit einem Brief zu dem Rebellenführer General Matthias de Albuquerque, worin sie ihn aufforderte, die beiden in seine Armee aufzunehmen. Jüdische Namen — Jose de Barros, Falcon de Lazere, Emissar Labatut —• tauchen oft in den Freiheitskämpfen auf. Ein Jahrhundert vor der erfolgreichen Rebellion von 1822 führte ein brasilianischer Jude, Bernardo Vieyra, einen Aufstand gegen Portugal an. In der Tat, er wird mit Recht der Vater der brasilianischen „Bodenständigkeit" genannt, da er es war, der dem Gedanken zur Geburt verhalf, daß angesicht des neuen ethnischen Typus, der eich in Brasilien durch die Fusion von portugiesischem, schwarzem Und indianischem Blut herauskristallisierte, das Land ein Recht auf Selbständigkeit habe. Es gelang ihm nicht, das ganze Volk der großen portugiesischen Dominions zusammenzuschließen, und er beschränkte daher die Revolution auf Pernamb u c o, das er als unabhängigen Staat proklamierte. Seine Revolte war kurzlebig. Er selbst wurde gefangen und unter fürchterlichen Torturen hingerichtet. Trotz Verfolgung und Isolierung von den blühenderen Zentren des jüdischen Lebens blieben die Juden Brasiliens treu der heroischen Tradition und richteten ihr Leben und Denken im Einklang mit der alten jüdischen Ethik ein. Und diese Ethik, diese von alters her übernommene Sehnsucht nach Gerechtigkeit, schlug Wurzel in der furchtbaren brasilianischen Erde, drang ein in das Blut der Massen, die die portugiesische Monarchie zu versklaven trachtete. Sie wurde eine vitale Kraft in jener Bewegung, die ein unabhängiges Brasilien proklamierte und die Geburt einer neuen mächtigen lateinischen Rasse bedeutete. Nach den Unabhängigkeitskämpfen gab es ein mächtiges Aufkommen in Wohlhabenheit und Einfluß der brasilianischen Juden, der Großenkel nach der ersten und zweiten Generation, vornehmlich in Nordbrasilien. Zunächst ging eine offene Rückkehr zum jüdischen Glauben vor sich. Die wachsende Gemeinde wurde mit anderen sephardischen Juden aus verschiedenen Teilen Südamerikas und marokkanischen Juden vereinigt. Die Namen Olivero, Franklin, Barros, Levi und Perez wurden bald in den größeren Städten Para, Cearä und Amazonas geläufig. Die brasilianischen Juden entwickelten wieder einen großen Handelsexport nach allen Teilen der Welt. Eines der Exportschiffe wurde „S a b b« t" genannt — so offen demonstrierten dessen Besitzer ihr Judentum. Der Magen David ist selbst heute in Gegenden tief im Innern Brasiliens zu finden, wo niemand die Anwesenheit von Juden vermuten würde. Welch erhabene Rolle die Juden im Nationalleben Brasiliens spielten, ist in der früheren und modernen brasilianischen Literatur, in der Folklore, Kunst und Musik der Nation zu finden. Das heroische Zeitalter der J uden in Brasilien, über das wir einen kurzen Ueberblick gegeben haben, ließ einen tiefen Eindruck in der Seele des brasilianischen Volkes zurück. Es gab eine ganz und gar offenherzige Aufnahme selbst der neuen jüdischen Einwanderer. In der Tat, es gibt kein Vorurteil gegen die Juden in Brasilien, weder seitens der Regierung noch des Volkes. Nicht nur sind die Namen einiger der größten Bürger Brasiliens jüdischen Ursprungs, sondern sogar ist man in den höchsten Kreisen stolz auf die jüdischen Ahnen. Heute gibt es hier drei Typen von jüdischen Ge« meindcn: sephardische, westeuropäische und osteuropäi* sehe. Die ersten stammen von den frühesten Siedlern, deren Nachkommen von sephardischen Juden ergänzt wurden, die später aus anderen südamerikanischen Kolonien kamen, ferner aus Marokko. Spanien, Arabien und der Türkei. Die sephardischen Juden sind in der Industrie und im Handel tätig. Sie haben ihre eigenen religiösen Organisaf ionen und nehmen aktiven Anteil an n a t i o* na 1 en und zionistischen Unternehmungen. Sie besitzen ein schönes Gebäude in Rio de Janeiro, wo die Organisation B n e H e r z 1 verschiedene kulturelle und religiöse Tendenzen verfolgt. Auch in N o r d b r a s i Ii e n besitzen die Juden zahlreiche Synagogen sowie soziale und Erziehungsinstitute. Von Zeit zu Zeit gab die sephardi« sehe Gemeinde Zeitungen und Zeitschriften jüdischen Inhalts in portugiesischer Sprache heraus, keine von ihnen jedoch konnte von der sephardischen Gemeinde lange aufrechterhalten werden. Die bedeutendsten waren Kol J i s r o e 1 und H a e m e s s. Durch diese zwei Journale bemühte sich die sephardische Gemeinde mit einigem Erfolge, mit den hier neu errichteten osteuropäi* sehen Gemeinden Kontakt zu erhalten. Beide Zeitschriften enthielten Artikel über religiöse und nationale Probleme, Diskussionen über jüdisches Gesetz und! jüdische Tradi» tion, die quafitativ höheren Arbeiten der sephardisch« jüdischen Autoren und der brasilianischen Schriftsteller im allgemeinen. In Aufsätzen und Leitartikeln gab sich der starke Wunsch nach Vereinigung aller j ü d i* sehen Gemeinden Brasiliens kund. Der geistige Führer der sephardischen Juden, Dr. David Perez, ist ein bedeutender Gelehrter, Philologe und Professor an einem katholischen Seminar in Rio de Janeiro. Dr. Perez ist ein vollendeter Redner und Schriftsteller. Er liest häufig über jüdische Geschichte, jüdische reli* giöse Ethik und Judentum im allgemeinen. Als eifriger Verfechter der Philosophie des Kiddusch Haschern (Heili* gung des Gottesnamens predigt er das göttliche Gebot als Richtschnur für die Handlungen des Menschen. Er gab seinerzeit ein Journal unter dem Namen „Ha'emod" heraus, das in kulturellen Zirkeln stark verbreitet war. Die zweitgrößte Gemeinschaft' Brasiliens ist die westeuropäische. Ihre Mitglieder kamen aus Frankreich, England, Holland, Deutsch* land und Oesterreich. Sie haben keinerlei Be« ziehung zu den sephardischen oder osteuropäischen Ge« meinden. Sie sind zum größten Teil Repräsentanten des fremden Kapitals in Brasilien und hauptsächlich im Ex* und Import von gefaßten und ungefaßten Juwelen tätig. Soweit bekannt ist, haben sie keine Organisation untereinander. Aber es gibt Berichte darüber, daß sie in der Vergangenheit organisiert waren. Im Jahre 1887 besuchte, wie der Schreiber dieser Zeilen gefunden hat, eine Gruppe französischer Juden als Repräsentanz der jüdischen Gemeinschaft Brasiliens den brasilianischen Herrscher Dom Pedro Tl., um t ihn zu seiner Rettung vor einem Attentat zu beglückwünschen. Im Zusammen* hang mit diesem Besuch wurde mir von einem Mitglied der Delegation eine interessante Geschichte erzählt. Aus ihr ist zu ersehen, daß Dom Pedro großen Wert darauf legte, mit den Mitgliedern der jüdischen Rasse hebräisch zu sprechen, und daß er die hebräische Sprache liebte und lernte. Er lud die Delegation in seinen Privat« salon ein und begann mit ihr in Hebräisch über die hebräische Literatur zu konvenieren. Aber die Delega« tion hatte keinen, der Hebräisch verstand, und war gezwungen, sich zu entschuldigen. Diese Geschichte beleuchtet den äußerst kleinen jüdisch«kulturellen Stan« dard der französischen Juden, was wohl ihrer Separierung von den anderen zwei jüdischen Gemeinschaften zuzu« schreiben ist. (Weitere Artikel folgen.) Aus der zionistischen Organisation Parteitag in Wien Ausscheiden der Hitachduth — Wen vertritt die neue Leitung? Am 6. und 7. November fand in Wien der Delegiertentag der im Landesverband für Oesterreich vereinigten Zionisten statt. Referate erstatteten Adolf Böhm (Wirtschaftslage in Palästina) und Professor Dr. Kellner (Das Schicksal des jüdischen Geistes), Dr. Oskar Grünbaum (Tätigkeit der Leitung). Als Gäste aus Palästina sprachen Frau Elischewa und Frau Chajuta Bussel. Die neugewählte Leitung besteht aus Dr. Oskar Grünbaum (Präsident), .Dr. Steinberg, Dora Schwarz, S. Picker, Dr. Horowitz, Dir, Epstein, Dr. A. Löwy, Dr. I. Löwenherz, Sabine Paßweg, Dr. Finkelstein, Dr. D. Friedmann und einem Vertreter 4er Jugend, Es wurden mehrere Resolutionen angenommen, darunter eine, welche dem früheren Präsidenten Dr. Weizmann den Dank für seine Arbeit im Dienste der zionistischen Sache ausspricht, und eine weitere Resolution, wonach dem Verband demokratischer Zionisten der Charakter eines Sonderverbandes aberkannt wird. (Dieser Beschluß war überflüssig, da der Verband demokratischer Zionisten schon seinerzeit die Teilnahme am österreichischen Delegiertentag abgelehnt hat). Schließlich IWWUHIiilltWittrtttlHMMltlllWUlHlHWimilMWHBW ' SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX., Bcrgga«« 19, Tel A-17-3-9V a. A-16-9-34 Llefeian 1 >ür Heilanstalten A5*2JiJ^2ILilJl^22il£lLch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien Autosustollutig kostenlos IX., Berggatse IS / XVIII., Wührlngarstr. 97 tii m iimmitMHMitiwi nmftrtwf tmif trtmff mrtmttfmrt mmmnr mrmmmiM^ mo)«immtwHi»itmtmtiHitiimHWiiH^ wurde die Schaffung eines Territorialverbandes, welcher samtliche in Oesterreich existierende zionistische Gruppen umfassen soll, angeregt. Im Verlauf der Debatte gab der Vertreter der Hitachduth, Herr Weinreb, die Erklärung ab, daß seine Gruppe aus dem Landesverband ausscheide und daher keine Stelle in der Leitung annehmen könne, weil die Vereinigung seiner Gruppe mit der Poale Zion unmittelbar bevorstehe. Er empfahl die Auflösung des Landesverbandes in der heutigen Form und Gründung eines Territorial Verbandes, an welchem alle Gruppen zum Zweck gemeinsamer zionistischer Arbeit, aber ohne jede politische Bindung teilnehmen können. Als Vertreter der Jugend kritisierte Herr Lustig die Leitung, insbesondere aber die Führung des offiziellen Organs in schärfster Form. Die Znsammensetzung und der Verlauf dieses Delegiertentages haben mit aller Deutlichkeit die Tatsache aufgezeigt, daß der Zionistische Landesverband für Oesterreich nicht die Vertretung der österreichischen Zionisten darstellt, sondern lediglich die Vertretung einer Gruppe österreichischer Zionisten. Misrachi und Poale Zion gehören dem Landesverband nicht an. Die Hitachduth ist, wie oben zu ersehen, aus dem Verband ausgetreten. Der Verband radikaler Zionisten, der Verband demokratischer Zionisten und die Union der Zionisten-Revisios t e n haben an dem Delegiertentag und selbstverständlich au der Bildung der Leitung nicht teilgenommen. Verblieben ist lediglich die Gruppe der Allgemeinen Zionisten, die nach dem Ergebnis der Wahlen zum Baseler Kongreß auch nicht den ziffernmäßigen Anspruch darauf haben, als Repräsentanz des österreichischen Zionismus anerkannt zu werden. In Erweiterung dieser Feststellung muß darauf hingewiesen werden, daß der „Zionistische Landesverband" nicht legitimiert ist, die Gesamtheit der österreichischen Zionisten außenpolitisch und innenpolitisch zu vertreten. Es wird notwendig sein, daß diese Tatsache auch in einer Aenderung des Titels zum Ausdruck kommt. Der Landesverband und seine Leitung sind nur Organ der „Gruppe der Allgemeinen Zionisten". Eine Klärung in diesem Sinne läge im Interesse der Gesamtheit der Zionisten Oesterreichs. Jüdischer Hodisdiiikpori in Wien Von cand. iur. Fritz Stein«Sigall, Sektionsleiter der akad. Sektion Hakoah. Die jüdischsakademische Jugend Wiens, die einen großen Prozentsatz der hiesigen Akademikerschaft repräsentiert, hatte in den letzten Jahren keine Möglich« keit, sich in akademischen Sportvereinen zu betätigen, zumal die „Judäa" selbst nicht die nötigen Eigenmittel hatte, noch genügende Unterstützung seitens der Judenheit fand. Vor Jahren gab es zwar in Wien akademische Sport« Sektionen innerhalb der unpolitischen Vereine, bei denen jüdische Akademiker eine große sportliche Rolle spielten, aber allmählich unter dem Druck der Verhältnisse ver« loren die größeren Klubs' die Ambition, bis schließlich all diese akademischen Sektionen, soweit sie innerhalb der Vereine tätig waren, zerfielen. Als zionistischer Student habe ich die vor Jahren bereits bestandene „Akademische Sektion Hakoah4 reaktiviert. Wir verfügen bereits über zwei spieltüchtige Fußballmannschaften, die stolz sind, mit dem „Magen David" Sportkämpfe auszutragen. Unser Pro« gramm lautet: „Schaffung eines Hochschul« Sports für die jüdische Akademikers chaft, der nicht hauptsächlich auf Spitzenleistungen hinzielen soll. Wir benötigen Massensport, um allen Aka« demikern die Möglichkeit zu bieten, Sport auf gemein« samer Basis zu betreiben, Es steht der akademischen Sektion Hakoah die Sportanlage in der Krieau zweimal wöchentlich zur Vor« fügung, der Trainer und die Sportlehrer der Hakoah leiten unser Training und wir genießen bei den diversen Ver« anstaltungen der Hakoah«Sektionen die weitestmöglichen Begünstigungen. In nächster Zeit wird bereits mit dem Hallentraining begonnen. Der Anfang ist also gemacht, und zwar mit größtem Erfolg, und es ist nun zu wünschen, daß sowohl der F. C. Hakoah als auch die jungen Akademiker weiter genügend Energie und Ausdauer für die jüdische Sache aufbringen, Wenn auch die Schaffung des Hochschuleports, wie ihn die Amerikaner oder Engländer besitzen, nicht von heute auf morgen möglich ist, so ist doch die Reakti« vierung der „Akademischen Sektion Hakoah" ein Beweis dafür, daß das Interesse für Sport besonders in den Kreisen der jüdischen, der zionistischen Hochschüler noch keineswegs erloschen ist.

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