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Die neue Welt · 1931-11-13 · Heft 217 (13.11.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 217 (13.11.1931)
Date
1931-11-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 217 DIE NEUE WELT Seite 5 Semester zu beziehen und daher gezwungen sind, von ihrem Wohnsitz entfernt gelegene Universitäten aufzu* suchen, was mit großen moralischen und materiellen Schädigungen verbunden ist. Im Rahmen einer Veranstaltung des jüdischen Studentenverbandes „Menorah" in Toronto (Kanada) machte der Professor für Staatswissenschaften \V. Frankel auf den Antisemitismus an der Universität Toronto aufmerksam. Er erwähnte die Tatsache, daß unter 8517 inskribierten Studenten sich zwar 900 Juden be> finden, aber nur drei jüdische Studenten Aemtcr in den Studenteninstitutionen besitzen. Die Aversion gegen die jüdische Studentenschaft sei im Anwachsen und man wisse nicht, welche Formen sie in Zukunft annehmen werde. Zersplitterung der jüdischen Gemeinden in Rumänien Bukarest, 9. November. Das Tribunal von O r a d e a Mare (Großwardein), wo bisher, wie in den ineisten Städten Transsylvaniens, zwei jüdische Gemeinden, eine neologe und eine orthodoxe, bestanden, hat soeben die Registrierung einer dritten jüdischen Gemeinde, einer sephardischen, auf Grund des vom seinerzeitigen Minister für Kultus und Unterricht Aurel V1 a d gegen den Widerstand der berufenen Vertreter des rumänischen Judentums erlassenen jüdischen Gemeindegesetzes vorgenommen. Die Entscheidung des Tribunals von Oradca wird allgemein als ein v e r Ii ü n gnisvoller Anfang der von der Judenschaft Rumäniens als Folge des Vladschen Gesetzes befürchteten Zersplitterung der jüdischen Gemeinden angesehen, denn sie schafft einen gefährlichen Präzedenzfall, indem sie vor Erlaß der Ausfiihrungsbestimmungen zu dem Vladschen Gesetze die Gründung von Splittergemeinden zuläßt. Es ist zu befürchten, daß Elemente, die sich ihren materiellen Verpflichtungen gegenüber den schwer kämpfenden jüdischen Gemeinden entziehen wollen, sich nunmehr des Vladschen Gesetzes für diesen bedienen werden. Hans Herzls Entschluß zum Freitod Erinnerungen an Hans Herxl, von Joseph Leftwidi (London) (Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlages „Die Neue Welt" gestattet.) In Hans Herzls Aufzeichnungen, mit deren Sichtung sich Joseph L e f t w i c h, der Autor der nachstehenden Artikelserie, als Freund des Verstorbenen beschäftigt, liegt der Schlüssel zur Seelenstimmung, die zur Katastrophe von Theodor Herzls ein6 zigem Sohn führen mußte. Den unmittelbaren Anlaß zum Selbstmord bildete der Tod der geliebten Schwester Pauline, angesichts dessen er seinem Leben ein Ende zu bereiten als Pflicht empfand. In den Erläuterungen Leftwichs und den zitierten Stellen aus Hans Herzls Letztem Willen kündigt sich bereits Charakter und Krankheit des unglücklichen Wahrheitsfanatikers an. I. Ein« Anzahl überaus sonderbarer Geschichten umrankt Hans Herzl und seinen Tod. In jeder jüdischen Zeitung, in solchen, die ihn kannten, und in solchen, die ihn nicht kannten, kamen Vermutungen über das G es heimnis seines Todes zum Ausdruck. Man konnte sogar in einer cnglischsjüdischen Wochenschrift in phantastischer, melodramatischer, unwahrscheinlicher Manier die Gedanken des Sterbenden beschrieben finden, wie sie zwischen den qualvoll zusammengezogenen Stirn« falten hervorbrechen. Ich kannte Hans Herzl gut. Wenn ich nicht früher über ihn geschrieben habe, so nur deshalb, weil es schwer ist, über einen erst früh dahingegangenen Freund zu schreiben. Nun, da ein Jahr vorüber ist, mag es vielleicht angebracht sein, etwas von dem, was ich weiß, niederzu* schreiben. Um es vorauszuschicken, Hans Herzls Tod ist nicht unerwartet jäh gekommen. Was ich von ihm selbst und aus seinen Schreiben und Aufzeichnungen weiß, macht es klar, daß es nicht ein plötzlicher Anfall von Lebensmüdigkeit war, der seine Beine versagen machte. Wenn irgend etwas, so war es ein lang auf* gespeichertes, kaltes Resultat seines Mißverhältnisses zum Leben, ein sich steigerndes Wachsen der Enttäuschung und des Unbefriedigtseins, dessen er sich vollkommen er (es war in Bordeaux, wo er die tote Paulinc gesehen hatte), „und ich fühle, daß es geschah, weil ich sie vernachlässigt habe. Ein Mann, der vor sich selbst verurteilt dasteht, darf nicht, so glaube ich, die Exekution anderen überlassen. Das, so scheint es mir, ist ein ausschließliches Argument zu« gunsten des Freitodes, wenn es überhaupt Sühne für ein Verbrechen gibt; es ist, wie in diesem Fall, sogar Pflichtgebot." Hans Herzl wat? ein von innen heraus sich selbst betrachtender Typus. Und in der Tiefe dieser Selbste analyse lag etwas Abnormales. In diesem Sinne haben jene recht, die sagen, daß etwas Krankhaftes in ihm war. Er fürchtete sich davor selber. „Es gibt Tage, da Krankheit plötzlich über einen kommt", sagt er in einem früheren Letzten Willen, der fast ein Jahr vor seinem- Tod abgefaßt ist, im selben Monat Seps tember. „So mag es kein Fehler sein", fährt er fort, „daß ich mich in einem Moment, wo ich ,eine Verwirrung der Sinne' spüre, hinsetzte, um einige letzte Wünsche aufzu* zeichnen, mein Testament." Der Gedanke, Selbst* mord zu begehen, scheint damals schon in seinem Geist aufgetaucht zu sein, denn er fährt fort: „Ich habe bis zum Aeußersten meiner Kräfte gelebt — moralisch und materiell. Ich habe das mitbekommene Erbe verausgabt. Wenn das, was ich zurücklasse, verwertet sein wird, so glaube ich, niemandem etwas schul* dig zu ein. Das Größte, das ich augenblicklich in meinem Leben schuldig bin — schulde ich der gött« liehen Gerechtigkeit. Wie immer mein Abgang ausfallen möge, mein Weg wird erfüllt sein. Möge Gott in seinem großen Wohlwollen mir die Gnade geben, mich vorzubereiten, daß ich, wenn der letzte Augenblick gekommen ist, dahingehe im Geiste eines Mannes, der seine Schuld zahlt." Gewiß, in Hans Herzl lag die Entschlossenheit, der Wille, „seine Schuld zu zahlen", in allen Dingen, die der irdischen Welt angehören — ein wenig abnormal, irgend* wie besessen. In der Tat, es war der Wille nach u n b e* bewußt war in der ruhigen Manier des Melancholikers 'dingter Ehrenhaftigkeit, der ihn zu seiner und nicht etwa in manischer Besessenheit, was seinem Leben ein Ende machte, von dem er nur noch nach seiner eigenen Aussage einen höheren Grad von Hilflosigkeit erwarten durfte. Er dachte schon früher daran, ein Ende zu machen, und der Tod seiner Schwester, für den er in zunehmendem Maße sich gewissermaßen schuldig fühlte, im Glauben, sie vernachlässigt zu haben, gab ihm einen Grund mehr zur Selbstanklage, vergrößerte das Gefühl der Minderwertigkeit, so daß er in wahrem Freimut beschloß, sich von einem so unzulänglichen Leben zu befreien. Er war einer der g ü t i g s t e n, y o r* nehriisten, subtilst ehrenhaften Menschen, die ich kannte, aber umklammert vom Geist der Ünzu* länglichkeit und Minderwertigkeit, was in starkem Kon« trast stand zu seiner unzweifelhaften Ambition, zu seiner — wie er sagte — von der Vorsehung bestimmten Be> tätigung in Größe. Es besteht, so möchte ich sagen, in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Parallele zu seinem großen; Vater Theodor Herzl, dem er auch sonst in maoehern ähnelte. Man mag von einem Mann, der bis auf den Grund der Seele deeillusioniert ist und keinen weiteren Weg mehr vor sich sieht, sagen, er sei nicht gesund vom Standpunkt der Normalität, aber er ist immerhin noch fähig, vernünftig zu denken im Sinne des Nichtkranken; und weit davon entfernt, die Gedanken zwischen qualvoll zusammengezogenen Stirnfalten hervorbrechen zu lassen, setzte sich Hans Herzl hin, ausführlich seinen Letzten Wille» niederzuschreiben, nachdem er beschlossen hatte, „mein Lebenslicht in dieser Abendstunde noch auszulöschen", indem er ganz regelrecht seine Wünsche betreffs seines Besitzes präzisierte, mit der erklärenden Bemerkung, daß er bei v o 11 e r g e i* stiger Klarheit sei. Und der Grund, den er in seinem Letzten Willen für seine Tat angab, ist nach Hans Herzls hypersensitivem Charakter zur Genüge plausibel. „Ich habe meine teure Schwester verloren", schreibt; Taufe führte und zur Abkehr von ihr, und der schwerste Abschnitt der Gewissenspein fällt in die Zeit, bevor die Tatsache seiner Taufe bekannt wurde, und er sich bedrückt fühlte „von der Lüge, der Lüge, daß dem Volk nicht in einem von meiner Taufe erzählt wird".- Der Skandal, den sein U ebertritt in der Judenheit hervorrief, war nichts gegenüber der Befreiung für Herzl, zu wissen, daß er nicht länger in einer Lüge lebe. (Weitere Artikel folgen.) Tüchtige Kindergärtnerin aus Palästina, mit Hebräischkenntnissen, 3ucht Halbtagsbeschäftigung zu Kindern. Gell. Zuschriften unter „Bescheidene Ansprüche" an die Administration „Neue Weit", 11., Untere Aus>artenstr. 38 Wetterharte Menschen fürchten keinen Regen, keinen Sturm, keine Anstrengung, denn sie verwenden ständig zur Pflege und zur Stählung ihres Körpers den vielfach bewährten DIANA FRANZBRANNTWEIN mit Menthol Kräftigt durch tägliche Einreibungen (Massagen) Muskeln und Sehnen, erhöht Elastizität und Ausdauer, erfüllt mit verjüngender Frische. Ebenso wertvoll zur Mund« und Haarpflege In Jedem netteren Geschalte erhältlich Verlangen Sie ausdrücklich „DIANA" und nehmen Sie nur „DIANA"! IttnlirwHlfgi HadukuraDgen »toi inffgitdi znMMstB Metro-Goldwyn-Mayer bringt die große amerikanische Ausstattungsoperette Mad ante Satan mit Kay Johnson, Reginald Denny9 Lillian Roth, Roland Young Regie: Cecil de MiXie B u rß »K I n o I., Opernring 19 Tel.: B-20-3-99 Schweden ■ Kino U., Taborstraße 1 Tel.: A-49-060 Große Kundgebung der Zs€>nx§ten»9le^i§flonist^n4 Am i. November fand in Wien ein großes Balfour- Meeting statt. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden der Versammlung Leopold Sitzmann sprachen Dr. D. Bukspan, Dr. S. Wolf und Robert Stricker. Es wurde folgende Resolution gefaßt: .,Die am 4. November in Wien tagende Massenversammlung österreichischer Zionisten gedenkt in dankbarster Verehrung des verstorbenen Lord Balf o« r, dessen Nnme für ewige Zeiten mit der Anerkennung der Ansprüche des jüdischen Volkes auf sein Heimatland verknüpft ist. Die Massenversammlung kann nicht umhin, alle Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß die Maiidatarmaclit trotz der ständig wachsenden Not der jüdischen Massen auf der ganzen Welt während der Jahre, die seit der Erlassung der Balfour- Dekkuation vergangen sind, nicht nur nicht jene Politik verfolgt hat, die im Einklang mit der im Mandat eingegangenen Verpflichtung steht, sondern im Gegensatz hiezu die Einwanderung jüdischer Massen nach Palästina geradezu unmöglich macht. Die Massenversammlung fordert und erwartet von der Regierung Seiner Majestät, daß nunmehr der Mandatsverpflichtung vollste Genüge getan und durch freie, uneingeschränkte jüdische Einwanderung nach Palästina dem Rechte des jüdischen Volkes nach Errichtung der durch die Balfour-Deklaration garantierten nationalen Heimstätte in Palästina Rechnung getragen wird." * . Diese Resolution wurde dem britischen Gesandteft in Wien übermittelt, welcher die Weiterleitung der Resolution an seine Regierung in London zusagte. Jabotinsky in einer Pariser Balfour-Kundgebung Paris, 9. November. (J. T. A.) In einer aus Anlaß des Jahrestages der Verkündung der Balfour-Deklaration am 2. November in Paris stattgefundenen revisionistischen Kundgebung gab der Führer der Revisionisten Wladimir Jabotinsky als der Hauptredner eine Uebersicht über die grundlegenden Palästina-Fragen. Er ging insbesondere auf die Frage ein, ob England sein dem jüdischen Volke gegebenes Versprechen erfüllen will und — was noch wichtiger ist — unter den jetzigen Verhältnissen, die seine Energie und seine Macht als Kolonialreich gelähmt zu haben scheinen, erfüllen k a n n. Jabotinsky erklärte, es sei notwendig, den Engländern den Standpunkt der Juden klarzumachen, die unter keinen Umständen von ihrer legalen Position weichen werden. Unter den heutigen Umständen gäbe es keine Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen Juden und Palästina-Administration. Die jetzt durchgeführte Volkszählung sei nichts anderes als ein politisches Manöver zur Schwächung der jüdischen Position und müsse von den Juden boykottiert werden. Nach Jabotinsky sprachen noch der französische Schriftsteller Pierre Bonardi, Dr. S. Tiomkin und Rabbiner Dr. Eisenstadt. Stellung der neuen englischen Minister zum Zionismus London, 9. November. (J. T. A.) Lord R e a d i n g, der bisherige Minister des Aeußern, hat sein Amt an einen zweiten liberalen Führer, Sir John Simon, ab* gegeben. Lord Reading wird auch weiterhin Ratgeber der Regierung in wichtigen Angelegenheiten bleiben. Sir John Simon, der berühmte Jurist — früher, wie einst Lord Reading, Solicitor«General — ist ein konsequenter Verfechter der Balfour*Deklarati o n. Nach Erscheinen des Passfield»Weißbuches im Herbst 1930 ver* öff entlichte er mit noch anderen hervorragenden Juristen einen Brief in den „Times", in welchem er das Weißbuch, als mit der Balfour*Deklaration in e k 1 atantem Widerspruch stehend, entschieden verwarf. Minister für die Kolonien ist Sir Philipp C u m liffe Lister, der bisher noch kein politisches Regie* rungsamt innegehabt hat und dessen Ansichten über Zionismus und jüdisches Nationalheim noch unbe* kannt sind.

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