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Die neue Welt · 1931-11-13 · Heft 217 (13.11.1931) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 217 (13.11.1931)
Date
1931-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 DIE NEÜE WfeLT Nr. 217 Allgemeine Versicherndes - Gesellschaft »Phönix« Zusammenschluß von „Phönix" „Wiener" Gegründet 1860 und „Providentia" Oegründet 1898 Oegründet 1881 Direktion und Generalrepräsentanz: Wien IX. OHo-Waanar-Plat* 5 / Alaarplatz 3 Telephon: B-43-5-80 Serie Uebernahme sämtlicher Schadenversicherungen zu den kulantesten Bedingungen und Prämien zige gut organisierte Teil des Jischuw ist — auch kein Wunder. Denn Organisation kostet Geld und. wohin das Geld der zionistischen Mitläufer durch die Kanäle der beiden zionistischen Fonds ging, wissen alle. Aber all das ist kein genügender Grund, um erklären zu können, warum die Arbeiterparteien bei den Wahlen in die Assefat Hänifcharim (Jüdische Nationalversammlung) '47 Prozent der Stimmen erhielt. So zahlreich und so stark sind sie ja'nicht. Die Erklärung heißt —"Mitläufer. Das weiche Herz der bourgeoisen Intelligenz, Halbintelligenz und vor allem ganz besondersder Viertel* Intelligenz. Zum Teil stehen sie noch unter dem Einfluß der langbegrabenen russischen Erinnerungen daran, daß eine Arbeiterpartei eine „progressive" Partei sei, eine •„demokratische", die alle Menschen und alle Freiheiten beschützt. Undzum Teil wirkt eine Art Snobismus mit, eine Mode, eine neue Sorte von Assimilation. Man will .sich an irgend eine große Weltbewegung anlehnen und Zionismus hat in ihren Augen längst'aufgehört, groß, •Weltbewegung zu sein oder überhaupt eine Bewegung. •Hauptsache aber ist, sie halten den Spaß nicht für ge* fährlich. Soziale Revolution kann die Histadrut nicht machen, wenn sie auch Dreiviertel der Assefat Hanif* charim wäre . . . * ■ Wir brauchen kein englisches Beispiel. Nur das Bei* 'spiel des heutigen Zustandes im Zionismus. Jeder weiß,; •"daß alle bisherigen wirtschaftlichen ''Methoden-' des wirtJ: schaftlichen Aufbaus -falsch und' schlecht warfen, und alle;: mit Ausnahme der Arbeiterparteien sagen, es darf nicht' weiter so gehen. Aber die Arbeiterparteien wollen, daß auch weiter dieselbe Wirtschaft beibehalten werde, denn wenn sie auch für den Zionismus schädlich ist, so ist sie nützlich für ihre eigene Klassenwirtschaft. Und da sie Einfluß haben in der Assefat Hänifcharim und besonders auf den Kongressen, kann kein Schritt vorwärts getan wefden. Es bleibt immer beim alten. Dem Volk werden selbst jene Bemühungen verekelt, die sogar in einer Krisenzeit gemacht werden können. Und wir nähern uns nicht etwa der sozialen Revolution, sondern zu etwas Schlimmeren. * Jabotm9ky knüpft nun an die in der „Neuen Welt" Wiedergesehene Affäre des Leiters des palästinensischen Ärbeiterschulwesens Jawneeli an, der bekanntlich im Unterrichtsausschuß erklärt hat: „Wir werden euch die Pardassim und die Häuser wegnehmen und sie unter unsere Arbeiter verteilen," und schreibt weiter: „Das welche Herz hat esdiesmal nicht ausgehalten. Die beiden, denen diese Worte galten, haben protestiert. Andrerseits aber versucht man den Skandal abzu* schwächen.. Man tröstet den Jischuw damit, daß Herr Jawneeli schwache Nerven habe, nicht wisse, was er plappert. Soziale Revolution werde es in Palästina sobald nrcht geben, der Mittelstand, den man für Palästina heranziehen will, brauche sich nicht zu fürchten. Im übrigen, was sei schon dabei I trider Galuth werde es doch dann auch einen sozialen Umsturz geben, ,und viel* leicht noch früher und vielleicht obendrein noch mit Pogrom — nun, lieber bei sich zu.Hause zugrunde zu gehen, wo euch vor jeder Unannehmlichkeit die Jewsekzia mit Herrn Jawne*eli an def Spitzte öder einem anderen Herrn beschützen wird und die freundliche ritterliche Seele unserer arabischen Nachbarn*-, :, - : Das sind leere Worte . '. '. Die Lage ist doch nicht so einfach. Im Jischuw, wo eine solche Arbeiterbewegung eine domlnierendere Rolle als in jedem anderen Lande mit Ausnahme Sowjetrußlailds spielt, bedeuten solche Stimmungen einen ungeheuren sozialen Druck, der es unmöglich macht, die lokale Wirtschaft den wirk* liehen Verhältnissen der zionistischen Kolonisation anzur., passen. . . Kolonisieren bedeutet Menschen heranziehen und unter den Menschen y d jene die wichtigsten, die Kapital bringen — nicht weil sie bessere Menschen sind, sondern weil ein Jude, der 'mit seinem Vermögen eine Fabrik mit 10 Arbeitern errichten kann, die Möglichkeit zur Kolonisierung für 11 Familien schafft, sein koloni* satorischer Wert also llmal größer ist als der eines Menschen, der bloß seine eigene Arbeitskraft herein» bringt. . . Kommt aber;ieln"solcher Mensch ins Land, sieht er zunächst, dnß die stärkste soziale Gruppe des Landes ihn als Blutsaurer und Ausbeuter an* sieht und daß jede Tätigkeif mcht von den Interessen der Kolonisation-. diktiert %ir£%s'ondern. von jenen, die.. ■. * 1 ". ^rv...\v" *' •... "".«._ „denkenvwie sJ-awneeliAv- * ' i ^t.iv">^ ,mSV■f «vv,- Gut. Dem •'Orängenpflärtzer seinen •' Besitz weg* 'nehmen, 'das' ist. kl^/'Aberf^mi^^e'r'teilen'' unter unsere• Arbeiter" beginnt .die 'Schwierigkeit.: Was1 -heißt „unsere!'? Werden die arabischen Arbeiter nichts bekommen? Un* möglich. Das verbietet dieproletarische Solidarität. Beim Herrn X geht das Verteilen unter die jüdischen Arbeiter Wollen Sie iu Reichtum gelangen Dies können Sie nur durch ein Klassenlos der Glücksstelle E9NA DEUTSCH I,, Kölnerhofgassa 6 V.-Los S 6—, S 12--, V, Ö 24--, »/. S 48'-; Beginn der 1. Klasse: 17. und 19. November Eilen Sie daher I vielleicht noch, denn bei ihm arbeiten nur Juden. Aber .beim Herrn Y arbeiten auch Araber. Und was bei jenen, bei denen nur Araber arbeiten? Die Fragen interessieren mich nicht vom Standpunkt-der Wirklichkeit. Ich habe schon gesagt, daß „Verfeilen" ein leeres Geplapper sei. Aber wie klingt dieses Geplapper in den speziellen Schulen der proletarischen Kinder (die unter der Leitung des Herrn Jawneeli stehen)? Ja, meine Herren Mitläufer, ihr habt all das ehr* Hch verdient und es ist noch nicht das Ende. Nofstand§ak*Bon I93l|32 der israelitischen Kulhisgemeinde und der jüdischen Organisationen in Wien Ein Winter,''filr" Hunderttausende so schwer wie seit langem nicht, steht bevor. Hunger und Kälte, die grimmigsten Feinde der Menschen, drohen mit. .ihren Schrecken den,einzelnen Notleidenden, drohen über auch der Gesamtheit mit den unabsehbaren Folgen der Verzweiflung. Unter Führung des Wohlfahrtsamtes der Stadt Wien hat sich die Aktion „Winterhilfe" konstituiert, in deren Kuratorium auch 'die Juden Wiens durch die „Z e n t r a l.k o m m i s s i o n für soziale Fürs o r g e d c r israelitischen K tt 11 u s g e m e i n (1 c Wie n" vertreten sind. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Judenschaft, wie immer bisher, auch in diesem Falle als ein pflichtbewußter und opferbereiter Teil der Gesamtheit die allgemeine Aktion in M'citestgehcnd'em Malle Tinlerstützen wird. Aber diese Aktion muß sich damit bescheiden, in erster Linie den ausgesteuerten A r b e i t s 1 o s.e n zu helfen, dann, erst kämen die anderen Notleidenden eventuell in Betracht. Gerade aber unter diesen anderen Notleidenden befindet sich ein sehr g r o Ii e r Teil erwerbsloser Jude n, die entsprechend der sozialen Schichtung der jüdischen Gesamtbevölkerung Angehörige der freien Berufe, Handelsqder Gewerbetreibende sind und daher niemals im Bezüge einer Arbeitslosenunterstützung waren.' D'esTi.älb' mu ß die jüdische G ern e i n 's c h a:f t w i e i m m e r f ti r d i e b e s 6 *ri d ere Ju d eunot ein weitercs O p f e r b r in gen;.Diese Not ist unbeschreiblich groß; sie wirkt um so drückender, als es sich vielfach um Menschen handelt, die — bis vor kurzem noch wohlhabend und' gebefreudig — jetzt-auf fremde Hilfe angewiesen sind. ' Zu dieser Hilfeleistung rufen wir die Juden Wiens auf! Einfachste Nahrungsmittel' und ein wenig Kohle F.j c M.SPI W% Jfls\ Wien -ff 4, 'Amerlingsträil Oft G&QRÜNDEY 1873 flifl HERRE^-ftMSS.ATELI le 1 Qualitätsware, beste Austuitrung Wir kauten Kassa ein und v*r« kr « kauten nur gegen Barzahlung, fc. It Demzufolge billige Preise. Meine Bekanntschaft mit Mendele Modier Sforim Von J. L. B e r'k o w i t s c h (New York). Schalom Alejchems Schwiegersohn J. L. Berkowitsch erzählt im nachstehenden von ' seinen ersten Begegnungen mit dem Schöpfer der modernen hebräischen und jiddischen . Literatur Mendele Mocher Sforim, dessen bürgerlicher Name bekanntlich Schalom Ja* kob Abramowitsch war. Meinen ersten Besuch bei Mendele machte ich auf briefliche Veranlassung Schalom Alejchems -aus London und ich muß eingestehen, daß mir dieser Besuch ebenso interessante wie schwere Aufgabe war. Abgesehen von der fast ungeheuren Ehrfurcht, den die jungen jüdischen Schriftsteller vor dem „Großvater" hatten, und abgesehen;davon, daß der „Großvater" in Litöraturkreisen aU; strenger, scharfer Kritiker der Jungen weithin bekannt war, hatte ich persönlich besondere Ursachen der Scheu. \ In Warschau noch hatte mir B i a 1 i k einen Gruß übergeben, dahingehend, daß Mendele gegen mieb Feuer und Flamme sei, einer Erzählung wegen, die in dem unter Bialiks Redaktion stehenden „Haschiloach" er* schienen war. Die Erzählung hieß „Ben Sochar" und der Inhalt bestand in . der Beschreibung eines armen klein* gtldtischen Juden,' dem das achte Kind geboren wurde, der Freude des Vater« und wie ' der älteste Sohn, ein „externer" Student, ihm die Freude, verdirbt. Dieser ist '■ nämlich über die armen Eltern sehr aufgebracht, daß sie in solcher Armut nicht zu „kindein" aufhören. Die Er* Zählung gefiel den hebräischen Lesern damals durchaus und am meisten der junge Externist, und ich konnte nicht verstehen, welchen Fehler Mendele an ihr gefunden habe, daß er über mich nahezu in Wut geriet. Da ich mit meiner Frau zum ersten Besuch zu ihm ging, gürtete ich mich mit Mut und war bereit, eine tüchtige Portion Tadel von ihm anzuhören. Es kam aber etwas anderes. Mendele tadelte mich nicht ob meiner Schriftstellerei, er schenkte mir über* haupt sehr wenig Aufmerksamkeit. Wir trafen die Familie Abramowitsch, die beiden alten Leute und ihre Tochter in trüber Stimmung vor. Es war ihnen gerade einen Tag zuvor eingefallen, wegen des kalten Frühlings in der Schweiz, den eisernen Ofen zu heizen, um ihre kleine Wohnung mit den kärglichen Möbeln und den nackten Wänden gemütlicher zu machen, und sie waren von den Kohlengasen so benebelt, daß ein Arzt gerufen werden mußte. Jetzt waren sie alle bleich, müde,. mißgelaunt. Doppelte Traurigkeit blickte aus ihren Augen: das Ver* schlagensein in der Fremde, fern vom eigenen gutjeheizten russischen Herd, und das Altsein, wiewohl sich in .der Familie auch zwei jüngere Menschen befanden, Mendeles jüngste Tochter und ihr Mann. Ueberaus traurig*alt sah Mendeles Frau aus. die ein wenig abseits1 saß, gebückt in Gedanken versunken; ihr altes, gerunzeltes, fast kindi* sches Gesicht blickte tief hinab oder von unten hinauf. Mendele selbst saß im kleinen Speisezimmer am Tisch wie irgend ein Fremder, mit dem griesgrämig nachdenk* liehen Gesicht eines alten vornehmen, gefangenen Vogels inmitten gewöhnlichen Geflügels. In seinem Gesicht; in seinem Blick, seiner Nase und den kleinen scharfen Augen lag etwas, das an einen großen seltenen Vogel gemahnte. Da wir nun immerhin Gäste waren und die Damen meine Frau mit lebhafter Teilnahme empfingen, aus der eine gewisse Dosis Verwandtschaft herauszuspüren war, taute allmählich auch Mendele auf. und wurde .langsam warm. „Ei, ei," sagte' er, während wir uns zum Tisch setzten, und blickte auch schon meine Frau mit der großväterischen Wärme und den nachdenklichen trau* rigen Augen an. „Die Welt bleibt nicht stehen und Kinder wachsen. Aus Kleinen werden Große. Na, wie lang war sie noch ein so kleinwinziges Kind." „Pessenju," wandte er sich an seine Frau, „du erinnerst dich an sie aus den jungen Jahren". „Wunder, warum soll ich mich nicht erinnern/', antwortete die Alte mit einer Frage von unten hinauf. „Na und Sie?", wandte sich Mendele an meine Frau, „Sie erinnern sich noch irgendwie von einsther an uns Von Odessa?" „Gewiß" sagte meine Frau, ,;ich erinnere mich, wie Sie zu uns ins Haus zu kommen pflegten, um mit meinem Papa zu sprechen. Sie sprachen immer so laut, daß . ich Angst hatte, Sie würden ihn schlagen." Hier lachte Mendele auf und seine trübe Stimmung wich immer mehr.. Sehr sanft* nahezu bittend sagte er zu .seiner Frau: „Pessenju, es wäre vielleicht recht und, billig, ,ihnen Tee hinzustellen?" . Nach mir sah er sich noch .immer nicht um. Erst nachdem man, den Tee gebracht hatte, richtete er von der Seite her einen Blick durch die Brille auf mich. „Na, warum, trinken Sie ihren Tee nicht? Nehmen Sie Zucker und trinken Sie. Benehmen Sie sich nicht wie ein Fremder," und. nach einer Weile: „Na, meinethalben, gut, Sie sind also nach Genf wohnen ge* kommen, und was zum Beispiel gedenken Sie hier an* zufangen?" - Da diese Frage plötzlich und in kühlem Ton ge* richtet wurde, war ich ein wenig unangenehm überrascht. Aus meiner Antwort war zu ersehen, daß ich noch selbst nicht wisse, was ich hier anfangen werde — wahrschein* lieh schreiben. „Schreiben," sagte Mendele und krümmte die Nase. „Ich .frag nicht, nach Schreiben, ich frage nach Verdienst. Schreiben ist bei Juden, keine Profession ... Meinet* wegen, wenn's einen drängt zu schreiben, schreibt man eben,.davon aber kann man einem Weib kein Brot geben. Ein . junges Ehepaar darf sich .aufs Schreiberglüok nicht verlassen." Auf solche Art Tadel war ich nicht gefaßt. Und ich beeilte mich, Mendeles Haus zu verlassen, in noch gedrückterer Stimmung, als ich gekommen war. „Trotzdem,", sagte Mendele beim Abschied, als hätje er meine Gedanken, gelesen, „benehmen Sie sich nicht wie ein Fremder, kommen Sie manchmal herein, bitte, wir werden ein bißchen plaudern." Als bald darauf Schalom Alejchem aus London nach Genf kam, fragte er mich mit großem Interesse über meinen Besuch bei Mendele aus, begriff, aus meinen

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