Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 216 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 216 DIE NEUE WELT werden kann, so ist es das Verdienst seines Arrangeurs, des Leitungsmitglieders des Verbandes demokratischer Zionisten David N e b e n z a h 1. Er hat in der Auswahl der Künstler und des Programmes und an Umsicht und Energie bei der Regie das Bestmögliche geboten. Professor Guido Holxhnedil Ein jüdischer Nachruf ~ Von. Primarius Pr. Isak Roblnsohn (Wien) In der Zeit, als der verstorbene Oberrabbiner C h a j e s aus Triest nach Wien kam, kursierte in jüdi* sehen Zeitungen eine Anekdote über seinen berühmten Großvater, der vor langen Jahren als Rabbiner in Zolkiew gewirjet hat. Er war night nur ein großer jüdischer Ge* lehrter, sondern für seine Zelt und sejn Land auch ein Mann von umfassendem weltlichen Wissen, Eines Tages kommt er in die Synagoge und sagt: „Hört, Juden, Goethd ist gestorben 1" „Goethe ist gestorben? Burach dajan emes. Muß man Kaddisch sagen 1" * Am 30. vorigen Monats wurde der Wissenschaft, der leidenden Menschheit und seinen Schülern, von denen der größte Teil Juden waren, ein Mann entrissen» der au den Zadikai umoth haolam gehörte, die es verdienen, daß man nach ihnen einen guten jüdischen Kaddisch sagt, ihren Namen in heiliger Erinnerung hält. Holzknecht war N i c h t j u d e, nicht jüdischer Abstammung. Er war nicht Antisemit, er war nicht Philosemit, er war gleich vorurteilsloser Werter der Juden und Nichtjuden und — bevorzugte die Juden. Dem Antisemitismus ist an den Juden nichts recht, am wenigsten recht sind ihm ihre guten Eigenschaften. Es soll unter den Nichtjuden auch Philosemiten geben,' die imstande sind, über die schlechten Eigenschaften der Juden wegen ihrer guten Eigenschaften hinwegzusehen. . Es gibt aber auch einzelne wenige Menschen, die frei sind von Antisemitismus und Philosemitismus Und die erkennen, daß die Fehler der Juden nicht, größer, oft kleiner sind als die Fehler der Angehörigen der eigenen Nation, ja,.die die Juden, trotz ihrer Fehler, ja, wegen ihrer Fehler, die vielfach bloß abweichende Eigen* Schäften sind, schätzen- Ein solcher Mann war HQl*kn.e<sht. Holzknecht war, wie gesagt, keine Jude, aber fast auch, {leiblich, sicher seelisch die Inkarnation eines Juden. In Holzlcnephts Erscheinung war Jüdisches, er wurde von vielen für einen Juden gehalten, in seinem Wesen, Gs* haben, Denken, Sprechen und . Handeln war viel Jüdisches, Sein-<hauptsächliche^ -Umgang-; waren Juden, Seine Schüler waren und blieben zum größten Teil Juden und er ließ sieh von der Wahl eines Juden zürn Schüjer oder zum, Umgang nicht einmal dann abschrecken, wenn dieser Jude getauft war. Charakterfehler verzieh er leichter als Un* tüchtigkejt. Und sp kam es, daß urn Holzknecht, der einer der Mitbegriindert der medizinischen Röntgen* Wissenschaft war» und eine der größten Röntgen« schujßn ins Leb«m gerufen hat — die Röntgenärzte der ganzen Weit zählen zu seinen, direkten oder indirekten Sehnlern —eine; große Zahl .jüdischer Rö_nfe>. gernolpgen eiwuchs. Heute ist dank zweier Gründer der Wiener Schule, Holzkneoht und einem zweiten in de.r Rgntgenwissenschaft Die Jiidigche Telegraphenagentur (J. T\ A.) im Dienste der jüdischen Gemeinschaft Ende August dieses Jahres wurde die J. T. A. vom Präsidenten der Bucir-JBrith* iUehter Alfred fyL, Cohen, in New York telephonisch, benachrichtigt, dflß eine Anzahl yon Juden in Xft Pnz (Bolivien) verhaftet wurden, we|l sie von einigen weiflrussischen Emigranten des Kömmunismüs beschuldigt werden. Diese Juden sollen, in pechs Tagen das Land verlassen, ahgjeioh sie solide Geschäftsleute sind und die plpt&liche Ausweisung ihren wirtschaftlichen Ruin bedeutet. . " Die J. T. A. telegraphierte allsogleich an den Botschafter .Boliviens, Mr. L, O. Abelli in. Washington, und erßuqhte ihn um schleunigste Erhebungen in La Paz, Gleichzeitig wandte sich die J. T. A. auch an den Außenminister Boliviens telegraphisch um Ausschluß. In* zwischen erhielt die J. T. A. von ihrem Berichterstatter in Buenos Aires, die Meldung, daß c-ie verhafteten Juden polnische Staatsbürger sjnd, w«s die J. T, A. unverzüglich ihrem Fiiiälmjro in Warschau Und der pofnisehen Gesandtschaft in Washington zur Kenntnis, brachte. t>as Warschauer J,r.T,-A,*Bttro übergab am 1. September den Bericht über den Vorfall der gesamten Presse Polens und ersuchte gleichzeitig das polnische Außenministerium, um weitere Mitteilungen» Indessen verständigte die polnische Gesandtschaft in Washing" ton das New Yorker J«-T,-A.-Büiq, daß Polen keine diplomatische Vertretung in Bolivien nnterhalte und daher der polnische Geschäftsträger in. Rio de Janeiro beauftragt wurde, alle erforderlichen Schritte zun* Schutze der Verhafteten zu unternehmen, Am 2. September erhielt die J, T. A, ein vom . Außenminister Boliviens gefertigtes Kabel« i telegramm, daß keinerlei Maßnahme gegen irgend eine \ Nationalität oder Rasse gerichtet gei. Tags darauf meldet : das Warschauer J.-T.-A-Büro an die Ji-T.-A.-Zentrale in London, daß auch der polnische Konsul in Buenos Aires wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen habe. Schließlich erhielt die New Yorker J. T. A. am & September ein amtliches Radiogramm wonach das Verfahren gegen die unschuldigen Juden in Bolivien eingestellt und einige Polizeibeamte, welche die leichtfertlffe Verhaftung der Juden verschuldeten, selber in üiazmlinarhaft genommen wurden. I ebenso hochstehenden Mann, der sich von jedem Vor« urteil freigehalten hat, obwohl er Halbjude ist, in Wien die Röntgenologie noch „verjudet". Aber leider ist die Zeit nicht mehr fern, wo ein jüdischer Röntgenöloge von Stellung genau so selten sein wird wie ein jüdischer Chirurg oder Vertreter eines anderen „exklusive n", d. h. wirklich oder vermeintlich lukrativen Faches. Wir Juden haben wie auf allen Gebieten so auch am Ausbau der medizinischen Röntgenologie redlich unsern Teil mitgearbeitet. Aber dje Früchte werden in Zukunft nicht wir, sondern d'e anderen genießen, wenn nicht die Welt sich gründlich ändern wird und wenn nicht wir Juden die Verteidigung unserer Interessenten selbst in die Hand nehmen w e i1 d e n. Wir werden nicht immer Männer der Wissenschaft finden, die die Juden aus Vorurteilslosigkeit herangezogen und gefördert haben, noch weniger ejfien Mann wie Hblzknecht, der für seine Vorurteilslosigkeit im Interesse der Wissenschaft Op.f.er gebracht hat. Nie* mand ist ungestraft Jude oder Judenförde» rer. Auch Holzknecht hat für. sein Standhalten gegen die Zeitströmung gebüßt, So ttulttqrier seiner Schüler, einer auch im Inlaode, ist seit Jahren ordentlicher Professor der Röntgenologie. In Wien wu'rde dem weltberühmten Be* gründer uricl Führer der Röntgjäfiwiss,ensohaft eine Lehr« S 18«*^ S 24«— S 30._ Uli., Ktilserstrgße 123 1X„ Alserstrnße 6 k a n z e 1 v e r s a g t, die unausweichlich schon lange be» standen hätte, wenn man die Ernennung Holzknechts hätte umgehen können. Ueber die Wissenschaftlichen Verdienste Holz» knechts wird man in allen Sprachen und Blättern der Welt lesen können. Iph will hier nur das gesagt haben, was in den anderen Nachrufen gar nicht oder verschämt und ver< schieiert gesagt werden wird. Secher Zadik liwrachah! Die luden ui Brasilien Die heroischen Jahre Von Jakob Nachbin. I.? ( Die Juden lebten in Brasilien, seitdem es ent* deckt wurde, also seit dem Jahre 1500, da Don Pedro Alvarez de C a b r a 1 es betrat'. Die Zahl der Juden, die als Matrosen. Aerzte, Astronomen, Astrologen, Ueber* setzjer orientalischer Sprächen,' Techniker allerlei Art an Don Pedros Expedition teilnahmen, ist erstaunlich groß. Die häufig zu vernehmende Behauptung, daß die Juden unter den ersten waren, die in irgend einem neüentdeck* ten Territorium landeten,' enthält hier einen gewichtigen Nachdruck. Diese Tatsache wird' 'zu ihren Ehren in Ur» künden gebucht. Um die Wesensart der Wilden zu erproben, um sich zu vergewissern, welchen 'ßrhpfängs man gewärtig zu sein hat, befahl, C a b ra l\ einige ''jüdische Sklaven über Bord zu werfen, auf daß sie ertrinken oder zur fremden Küste schwjmmen,, die ,"von pWaffnefeh Eingeborenen besetzt war, Das geschah1 an' jeneVj Stelle der Küste,;wo •\ - -> " «.•• °& :> i « 7 a .•? fi"-\ » >f.>#T! «^-v«. ,*, , beute Bahia liegt. Unter diesennTodgewei^ten befahd sich' auch, wie der Nachruhm es verkündet, ein'gewisser Diego Alvarez C o r r e o, der nicht nur das Glück hatte, die Küste zu erreichen, sondern äüM in äußerst freundlicher Weise von den Eingeborenen': empfangen zu werden, die ihm an Ort und Stelle den Namen Caramüru gaben, d. h; qin „Fisch zwischen den Felsen"; Dieser' Name ist heute noch in den bräsilianiscne'n? Ärinalen lebendig, denn Cor reo wurde von den Indianern als einer der Ihren aufgenommen und heiratete sogar eine indianische Frau, welche Verbindung es ihm ermöglichte, mit indianischen Stämmen weit ins Innere des'*Lahdes vorzudringen und ein ähnlich gutes Verhältnis zum' Land und seinen Ein* wohnern aufrechtzuerhalten. Er war so sehr von der Gast* freundschaft und der Vorurteilslosigkeit der Eingeborenen beeindruckt,. daß er im Jahre 1503 nach dreijährigem Le* ben unter ihnen einen Bericht zugunsten seiner Verfolgten B r ü de r "in Europa abfaßte; in dem er sie aufforderte, die neue und: freundliche Welt aufzu* suchen. Das einzige Beförderungsmittel seiner Botschaft war ein französisches Schiff a,us Dieppe, das bei Santa Cruz Anker geworfen hatte. Da die Botschaft in einem portugiesischen Jargon abgefaßt war, übergab sie der Kapitän des Schiffes dem portugiesischen Ge* sandten in Frankreich, der Einblick nahm und die Botschaft nicht weitergab, Mehr als hundert Jahre Schenkte die portugiesische Monarchie ihrem neuerworbenen Territorium in Brasilien wenig Aufmerksamkeit, Aber die Juden aus Portugal hatten in dieser Periode auf eigene Initiative sich in an* sehnlicher Zahl längs der Küste angesiedelt, hauptsächlich Allgemeine Versicherung* -Gesellschaft P h ön i x« Zusammenschluß von „Phönix" „Wiener" ww Qegrlindet 1860 Gegründet 1881 ■v , und,.... Providentia" Gegründet 1898 Direktion und. Qsneralrepräsentanz: Wien IX. OUp*Wagner-Piatz 5 / Alserplatz 3 Telephon; B»4frfr8Q Serie Uebwnahms «amtlicher Scbadfroverslciwrungen au den inüantwten , Bedingungen un« Prämien | bei Bahia und Pernambuco, in der Hoffnung, in diesem neuen Lande vor christlicher Verfolgung sicher zu sein. Als zu Beginn dos 17. Jahrhunderts Holland gegen Portugal Krieg führte und einen großen Teil des nördlichen Brasiliens annektierte, nähmen die Juden an der Kriegführung aktiven Anteil — auf selten Hollands. Unter der Herrschaft der liberalen Holländer fanden die Juden in der ersten Zeit freie Möglichkeit religiöser Uebung, genau so wie die Juden in Holland selbst. Die Holländer waren weitaus geschickter in der Exploitierung der ökonomischen Möglichkeiten des neuen Landes als die Portugiesen. Mit der ansehnlichen Hjlfe der Juden gründete Holland die berühmte West« indische Korporation, genannt Campania des Indjas Occidentais, die viele Juden, die wegen der Verfolgungen von Portugal geflüchtet; waren, nach Bra* silien brachte und ihnen half,. Gemeinden längs der Küste Und im Innern des' Landes > zu gründen, wo sie als Hand^ werker und Farmer lebten. Die Juden nahmen auch aktiven Anteil awb o fean .i s c h e tb und z p o 1 p g.i s c h e ji Expeditionen und an den Anfängen der Industrie im Lande. Der holländische Gouverneur Graf Moritz von Nassau garantierte den jüdischen Kolonisten soziale, religiöse und wirtschaftliche Privilegien, und es begannen Juden, aus verschiedenen Teilen der Welt dort? hin auszuwandern. Die Juden, die aus Nordafrika kamen, pflanzten Zuckerrohr an und begannen eine große' Zuckerindustrie in Pernambuco zu entwickeln, die heute noch die Hauptindustrie der Stadt ist. Sie führten die Kultivierung von verschiedenen anderen östlichen Produkten ein und entwickelten den Handelsexport der Naturprodukte Brasiliens, Heilpflanzen, Seidenraupen, Früchte u. a. Längs der Ufer der großen Flüsse ent* wickelten sie das Schiffahrtswesen bis weit ins Innere des Landes, errichteten '■ Handelspunkte, bauten große Transportschiffe. Ihre Operationen nahmen internationalen Charakter an, und nicht nur holländische Kaufleute, sondern solche? aus allen europäischen Ländern waren auf den Märkten | vertreten, die die Juden in. Pernambuco geschaffen hatten Der Hafen selbst wurde als Caes dos Judios (der Hafen der Juden) und seine Hauptstraße, die auch heute noch die bedeutendste Gschäftsstraße der Stadt ist, als Rua des Judios (die Straße der Juden) bekannt, Die Wohlhabenheit der jüdi* sehen Gemeinde war so groß, daß der bekannte Jesuit Antonio Vieyra klagte: Die Pracht ihrer Lebensweise und ihre religiösen Prozessionen sind höher einzuschätzen,- als der portugiesische Monarch bei seinem Besuch in Afrika vorzuführen imstande war. Gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Aktivität ent« wickelte sich ein Gemeinschaftsleben von ansehnlicher Kraft. Rabbi Menasche ben Israel, einer der Führer der Juden des damaligen Amsterdam, war der erste, der an der geistigen Entwicklung der jüdischen Siedlung in Brasilien zu arbeiten begann. Durch seinen, Schwiegersohn Avraham S o e i s o nahm er an der da* mals gegründeten Handelskorporation teil und erkannte die Möglichkeit, durch sie mit den überseeischen Brüdern Kontakt zu haben. Er beabsichtigte sogar, selbst einen Besuch Brasiliens, um die jüdischen Gemeinden dort zu beraten; da ihm dies aber selbst nicht möglich war, ver* anlaßte er die Amsterdamer Judengemeindq, z w e \ R a b b i s zu entsenden, Moses R a f a e l d e Ä g u i I a v und Isaak A b o a. Im Jahre 1642 schiffte sich diese rab* hinische Delegation zusammen mit 600 jüdischen Emi* granten nach Pernambuco ein. Duroh. die Berührung mit den kulturell hochstehenden Juden Amsterdams blühte die jüdische Gemeinschaft in Brasilien auf wie in den glücklichen Tagen vor der portugiesischen Inquisition^ Man nimmt an, daß die jüdische Gemeinschaft zu diese*