Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 216 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seife i DIE NEUE WELT Nr. 216 mvommmmmmmmmmmmmmmmmmmaatmmmmmmmmmwmmm M | Saltaltplatton, «mbI Tautsn IUSIhAl raenten l>ei Behandlung der Palästina-Frage eine Rolle spielten, wurden die Arbeiterparteiler Dr. Drummond Shie 18 und Oberst Kenworthy nicht wiedergewählt, dagegen wurde der Arbeiterpart.eiler Oberst Joaiah Wedgwood oline Gegenkandidaten gewählt. Der Zionistenfeind Howard ß u r y kandidierte diesmal nicht. Aup Deutschland Ein Richter abgelehnt, weil er Jude ist Am 27, Oktober haften sich vor der Großen Straf* Kammer des Landgerichts Darmstadt die National* soziallisten Erich Berge? und Z e r b e s in der Berufung?« Verhandlung wegen verschiedener Vergehen zu verant* worten. Berger beantragte die Ablehnung des Beisitzers Amtsgerichtsrat Dr. Marx wegen Befangenheit, seine Verteidiger Matern und Kaeß legten dar, warum ein Nationalsozialst einen jüdischen Richter ablehnen müsse. Kaeß führte u, .a. aus: „Nicht nur nach national« sozialistischer Auffassung, sondern auch nach den Er* gebnissen der modernen Rassenforschung, wie sie durch ihren bekannten, von der Regierung eines deutschen Landes auf den Lehrstuhl einer staatlichen Hochschule berufenen Vertreter Prof. Günther bestätigt wird, kann ein Jude einem Andersrassigen gegenüber niemals eine objektive Haltung einnehmen." Wie der „Völkische Beobachter" heute meldet, hat das Gericht dem Antrag der Verteidigung stattgegeben und zur Begründung ausgeführt, es müßte bei der Beurteilung vom Standpunkte der Ange* klagten ausgehen und könnte das, was sich seelisch gegen den Amtsgerichtsrat Dr. Marx bej den Angeklagten ab* spielt, ob es, berechtigt oder nicht berechtigt erscheint, nicht übergehen. Wenn die Angeklagten von ihrem Recht durch eine Reihe von äußeren Ereignissen derart felsenfest überzeugt seien, so müsse man annehmen, daß das Mißtrauen gegen einen jüdischen Richter dann soweit begründet ist, daß über den zur Verhandlung stehenden Fall nur ein Gericht urteilen kann, das das volle Vertrauen genießt. Der „Völkische Beobachter" jubelt über diesen Ge* richtsbesphhiß und schreibt'» „Diese Entscheidung der Großen Strafkammer des. Landgerichts Parmstadt, die insbesondere eine Ergänzung zu. der Reiqhsgeriphtsentsehei? dung im 01. Band" (Seite 169) darstellt, ißt für das Rechtsleben von einschneidender B e d e u* tung. per .fCanipf um das Recht der Angeklagten, ins? besondere gegen jüdische Richter sich mit Äblehnungs* antragen zu wehren, ist mit dieser Entscheidung ein Stüpk weitergekommen» Wir Nationalsozialisten werden nicht eher ruhen, biß allgemein in Deutsch* land aberkannt wird, dsß ein jüdischer Richter über einen Natjpnalsozia listen nicht zu Ge* rieht; sitzen k a nn." Akademiker unter sich In Hamburg rät ein junger Arzt seiner Patientin ab, einen als medizinische Autorität anerkannten Pro* fessor zu konsultieren, weil eine deutsche Patientin nicht einen Juden aufsuchen könnte. Der Mann hatte sich in diesem Fall aber geirrt, die Dame, der er solches empfahl, war selbst Jüdin. Der Professor erfuhr von der Angelegenheit, und die Folge war eine Ehrenklage vor dem höchsten Aerztegerichtshof. nickys Kosaken 1648, bei denen Tausende von Juden als Sklaven verkauft wurden, rufen sie eine Gesellschaft zum Loskauf von Gefangenen (Chewrat Pdjon Schewuim) ins Leben, die alsbald alle Länder Europas mit einem Net? von Filialen überzieht und es versteht, die Juden überall zur tätigen Mithilfe heranzuziehen. Die Hauptfürsorge der Gesellschaft wendet sich in der Hauptsache den durch die Malteser ritt er, die das Piratenhandwerk betrieben, beraubten Juden zu. Bis Ende dßs 18. Jahrhunderts, dem Zeitpunkt, aU die Ordensritter die Herrsphaft über Malta verloren hatten, dauerte die Sklaverei auf der Insel an, und so lange war auch das großartige jüdische Hilfswerk in Venedig tätig, das nicht nur ein Denkmal edelsten jüdischen Wohltätigkeitssinnes ist, sondern auch den unzerbrechlichen jüdischen Lebensgeist herrlich erweist, Gegen Ende des 18, Jahrhunderts naht die politische Freiheit, die aber mit dem Ghetto znnäohst ein grausame» Spiel treibt, 1707 wird in der stolzen Patj"iziersta.dt die demokratische Republik &u> gerufen, welche die Tore des Ghettos ~- im wahren Sinne des Wortes ~* aus den Angeln heben läßt und so den Weg »ih Freie öffnet. Ich stand selbst beim Ausgang des alten Ghettos und suchte m ergründen» mit welchen Gefühlen wohl die Gefangeneu des Ghettos ihre Kerker verlassen haben mochten! Diese Freiheit ist aber nur von kurzer Zeit gewesen, denn schon nach einem Jahr kehrt dieüsterreiehiseueReaktion wieder. Von 1805 bis tsu gehört Venedig dem König* reich 11a 1 i e n an. und während dieser Zeit Haben die veneajanischaji Juden Zeit und Muße, gich an die Segnungen der Freiheit m gewöhnen, die ihnen selbst OttteKeioii nicht mvht mt Gim& entziehen, ia&n. Dieser Gerichtshof, der sich zusammensetzte aus drei Aerzten, drei Juristen und drei Laien, erkannte zwar an, daß der junge Arzt eine grobe Taktlosigkeit und Ungehörigkeit begangen habe, aber sprach ihn trotz* d e m f r e i. * Hitlers Hakenkreuzzug in Amerika Der vom Münchener Hauptquartier Hitlers nach Amerika entsandte Herr K. W. L i e d e c k e, der sich gerne den „amerikanischen Hitler" nennen läßt, erklärte in der Chicagoer nationalsozialistischen Zeitung „Vorposten", er werde im Dezember dieses Jahres einen F e 1 d z u g zur Vereinigung^ aller nordischen Elemente in den Vereinigten Staaten im Zeichen Hitlers und des Faschismus einleiten und werde Phila* delphia, Cincinnati, Detroit, Cleveland, Rochester und Albany besuchen- „Der Kampf zwischen Faschismus und jüdischem Bolschewismus", prophezeit Herr Liedecke, „wird jn nicht ferner Zeit das politische Feld in Amerika beherrschen." * Austrittsbewegung in Berlin Nach den von den Berliner Amtsgerichten fest* gestellten Zahlen hat sich die Austrittsbewegung mit geringen Schwankungen von Jahr zu Jahr verstärkt. Inwieweit es sich dabei um Uebertritte zu einer a n d e* ren Religionsgesellschaft handelt, ist nicht ersichtlich. In den sechs Jahren von 1925 bis einschließlich 1930 haben insgesamt 260.636 Evangelische ihre Aus* trittserklärung vor einem der Berliner Amtsgerichte ab* gegeben; von Katholiken liegen,in dem genannten Zeit* räum 40.4 75 .Austrittserklärungen vor. An Juden sind 33 93 aus den Synagogengemeinden aus* getreten. Im Jahre 1930 ist also die Austrittsbewegung bei den Evangelischen um 114,5 Prozent höher als im Jahre 1925, bei den Katholiken sogar um 147,9 Prozent, während bei den Juden nur ein Mehr von noch nicht einem % Pro* zent festzustellen ist. Im Jahresdurchschnitt sind, wie schon mitgeteilt, von 1925 bis 1930 ausgetreten: Evangeli* sehe 43.438, Katholiken 5079, Juden 566. Bezogen auf die Zusammensetzung der Berliner Bevölkerung nach der Volkszählung 1925, bedeutet das im Jahre auf 1000 Evan* gelische 14,1 Austrittserklärungen, auf 1000 Katholiken 12,6 und auf 'die gleiche Anzahl Juden 3,3 Austrittserklärungen. Die Frauen sind an der Austrittsbewegung in den sechs Jahren (1925 bis 1930) mit 44 Prozent beteiligt. Pie Austrittsbewegungder Frauen hat etwa im gleichen Umfang zugenommen wie bei den Männern. An evangeli* sehen Frauen sind 1930: 115 Prozent mehr ausgetreten als 1925, während diese Ziffer-für! die Männer hur 114 Pro* zent ausmacht, 'katholische Frauen haben im Jahre 1930- 147 Prozent mehr als im Jahre 1925 ihren Austritt erklärt (Männer 148 Prozent), judische Frauen 2 6 Pro* zent mehr als 1925 (Männer 35 Prozent). Bei zahlreichen Beschwerden des weiblichen Geschlechts bewirkt das natürliche „Franz-Josef'-Bitterwasser die allerbeßte Erleichterung. In Apoth, erhältlich. Der neue Nobelpreisträger^ Otto jH, Warburg Berlin, 31. Oktober, (J. T,. A.) Wie aus Stockholm gemeldet wird, wurde Her Nobelpreis für Physiologie und Medizin den# Direktor des Kaiser- Wilhelm-Instituts für Zellphysiologie Professor Otto H. Warburg verliehen. Warburg hat durch seine Studien über das Wesen der Atmung völlig neue Einblicke in die Lebenserscheinungen ermöglicht. Epochal sind auch seine Arbeiten über die Vorgänge in der Krebszelle. Otto H. Warburg, der Sohn des kürzlich verstorbenen Präsidenten der Physikalisch-Technischen Ob aber auch die alte .jüdische Gesinnung den Lockungen der Assimilation standhält? Der Rabbiner von Venedig, Jakob Cracovia, kommt 1807 auf dem Synhedrion in Paris mit seinen Amtsbrüdern den Bestrebungen Napoleons, den Juden als Volk den Garaus zu machen, auf halbem Wege entgegen, Seine Nachfolger gingen noch weiter. Da wird erzählt, daß 1848 bei einem Gefecht der Venezianer gegen das ver» haßte Oesterreich eine venzianische Freiwilligentruppe plötzlich, sei es vom Kampfe ermüdet, sei es entmutigt, stehenblieb, und niemand vermochte sie zum Vorwärts-1 stUrmen zu bewegen. Als alle Aneiferungen versagten und sich auf allen Gesichtern tiefe Niedergeschlagen« heit zeigte, sprang der italienische Patriot Rabbiner Salomen Olper von Venedig hervor, riß dem neben ihm stehenden Priester das Kreuz aus der Hand, schwang es in die Höhe und rief den K&uipfern zu „A vnnti in npmedi Gesü CristoP' Und die verblüffte Truppe ging wirklich vorwärts. Ob die Anekdote auf Wahrheit beruht, läßt sich heute schwer: erheben. Es ist aber für Olper bezeichnend, daß sie aufkommen, und sich Jahrzehnte hinduroh halten konnte. Viel wichtiger ist aber die, Rolle, dig im seihen Jahr ein Judenstätnwling, P a iu e. 1 § M a,n. in, Enkel des Samuel Modena, in der venezianischen Republik ge* spielt bat. Im Kampf gegen Oesterreich trat er an die Spitze der venezianischen Republik und wurde ihr erster und letzter Präsident. Zwei jüdische Minister gehörten diesem Kabinett an: Leone Pincherle und laaeco Maurogonato Pesaro. Die Nachkommen verachteter .Ghettqb&wobner, 4ie. Ja.hr* hunderte hindurch wie Aussätzige abgesperrt wurden, tretend« Erbe der flüchtigen. J)o^qü ft»» Der Verband radikaler Zionislen gratuliert heizlichst Herrn Oberkantor Jakob Wahrmann zu seiner Verlobung mit Fräulein Sophie Mehr Reichsanstalt Prof. Emil Wafburg, ist heute 48 Jahre alt. Er ist ein entfernter Verwandter der Hamburger Familie Warburg und des Professors der Botanik und ehemaligen Präsidenten der Zionistischen Organisation Otto Warburg. Noch als er ein Kind war, hat sein Vater seinen und seiner Familie Austritt aus dem Judentum erklärt. Aus Italien Professor Tulio Levi-Civita Mitglied der päpstlichen wissenschaftlichen Akademie Rom, 2. November. Ueber die Ernennung des be* rühmten Mathematikers Professor Tulio Levi* C i v i t a zum Mitglied der päpstlichen wissenschaftlichen Akademie teilt der römische Vertreter der Jüdischen Tetegraphen*Agentur mit: Als Mussolini vor etwa einem Jahre die „Italienische Akademie" nach dem Muster der „Academie Francaise" gschaffen hat, erregte es Verwunderung, daß kein jüdischer Gelehrter in die neue Akademie berufen wurde, obwohl 3as Juden« tum in der italienischen Wissenschaft verhältnismäßig stark, dazu noch durch einige Namen von Weltbedeutung vertreten ist. Man dachte vor allem an den Schöpfer des italienischen Handelsrechts Professor Cesare Vivante, den weltbekannten Physiologen Professor Sentalar Fano, den hervorragenden Volkswirtschaftler Professor Gino A r i a s u. a. m. Eine gewisse Genugtuung war es für das italienische Judentum, daß nun die päpstliche wissen« schaftliche Akademie (Pontificia Academia) den Pro* fessor für Mathematik an der römischen Universität Dr. Tulio Levi*Civita auf persönliche Initiative des Papstes zu ihrem „wirklichen" Mitglied ernannt hat. Pro? fessor Levi*Civitas wird „der italienische Einstein'* ge* nannt, er ist aber in gewissem Sinne ein Vorläufer Ein* Steins, der zur Begründung seiner Theorie sich auf ge* wisse, den Namen Levi*Civita tragende mathematische Formeln gestützt hat. Später wurde Civita ein Wegbereiter für Elmsteins Lehre in Italien. Bei der Eröffnung der Radiozentrale des Vatikans hielt Prof. Civita bei Anwesenheit des Papstes und des KardinabKollegiums im Radio einen Vortrag über E i n s t e i n s Theorie. Prof. Civita ist 60 Jahre alt. Er wurde, in Padua geboren, wo sein Vater, ein bekannter Advokat, mehrere Jahre Bürger« meister war. Prof. Levi*Civita, der Mitglied großer aus« ländischer Akademien und u. a. Dr. ing. hon. der Tech* nischen Hoschschule in Aachen ist, erklärte dem J.T.A.*Vertreter, er habe mit Freuden den Antrag, dem Kuratorium der Hebräischen Universität in Jerusalem anzugehören, angenommen. Er habe sich immer mehr davon überzeugt, daß dem jüdischen Geist eine Stätte zur freien Entwicklung seiner Eigenart nottut. Die Kosten der katholischen Judenmission Rom, 2. November. Soeben wurde die Bilanz der sogenannten „Propaganda Fi de", des Fonds für Missionspropaganda in der ganzen Welt, ver« öffentlicht. Aus der Bilanz ist zu ersehen, daß ein sehr beträchtlicher Teil des Missionsfonds für Zwecke der Judenbekehrungspropaganda, die sich in den letzten Jahren sehr verstärkt hat, aus* gegeben worden ist. Insgesamt wurden i. J. 1930 rund 63 Millionen Lire für Missionszwecke ausgegeben. Pontremoli-Inseln Rom, 29. Oktober. Wie aus Moskau n^ch Rom ge» meldet wird, hat die Regierung der Sowjetunion im Ein? vernehmen mit der russischen geographischen Gesell* schaft und dem Institut für Polarforschung in Moskau beschlossen, eine während der letzten Polarreise des Eis* brechers „Malygin" entdeckte Inselgruppe zu Ehren des auf der Nordpolluftfahrtsexpedition des Generals Nobile um* gekommenen hervorragenden jungen italienischen Forschers. Professor Aldo Pontremoli „Pontremoli* Inseln"?u benennen. Professor Aldo Pontremoli war ein bewußter Jude, und ein Enkel des verstorbenen hervor* Tagenden italienischen Volkswirtschaftlers und früheren Premierministers Luigi Luzzatti. Pas Dekret Uber die jüdischen Gemeinden Italiens; Rom, 31. Oktober, (J. T. A.) „Gazzetta Uffiel, ala", das Amtsblatt der italienischen Regierung* veröffentlicht soeben das Dekret über die neue territoriale Zusammenfassung der Jüdischen Gemeinden Italiens. Gemäß dem Dekret wird das italienische Judentum in 26 Hauptgemeinden, die territorial auf ganz Italien verteilt sind, eingestellt; jeder jn Italien wohnende Jude wird einer bestimmten Gemeinde zugewiesen. Die demnächst endende Ver-r waltungsperiode der jüdischen Gemeinden wird um acht I^onate verlängert; bis dahin werden die Gemeinden, wie bisher, durch vom Kultusministerium bestellte Regierungskommissäre verwaltet. '. In Rom fand in den letzten Tagen eine Zusammenkunft der Rabbiner der größten jüdischen Gemeinden Valien« und der die Gemeinden verwaltenden Regierüngekommissäre statt, Einberufet war der Regie*