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Die neue Welt · 1931-10-30 · Heft 215 (30.10.1931) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 215 (30.10.1931)
Date
1931-10-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seife 2 DIE NEÜE .WELT Nr. m sehen Bankbeamten, als stramme Sozialdemokraten, immer hervor. Heute werden auch die jüdischen Beamten der Credit#Anstafc nach der politischen Vertretung der öater* reichischen Juden rufen. Alles redet bei der Credit»Anstalt drein. Befugte und nicht Befugte» Fachleute und das Gegenteil von Fachleuten. Nur eine Sorte von Leidtragen* den ist gänzlich unvertreten: die Juden. Es wäre zu wünschen, daß wenigstens ein Notbehelf geschaffen werde. Die jüdische Beamtenschaft der Credit« Anstalt soll den Weg zu jenen finden, die leider vergeh« lieh die These der politischen Vertretung der Juden ver* kündet haben. Not lehrt beten. Herzl hat gemeint, daß die Not die Juden zur Selbstbesinnung bringt. Die Be* amtenschaft hat das Wort. Ein deutsches Gericht über den Talmud Es erklärt seinen Inhalt für unsittlich Vor dem Nürnberger Schwurgericht hatte sich der verantwortliche Redakteur der nationalsozialistischen Wochenschrift „Der Stürmer", Karl Holz, wegen Be< schimpfung der jüdischen Religionsgesell* schaft zu verantworten. Gegenstand der Anklage war ein Artikel: „Spezialarzt Dr. Wassermann, Berlin, Kur* fürstendamm, läßt eine Nichtjüdin verbluten und schafft die Leiche in den Kohlenkeller. Der „Stürmer" hatte angebliche Talmudzitate gebracht und erklärt, die jüdische Rasse ziehe aus ihren Geheimgesetzbüchern Talmud und Schulchan Aruch ihre Lehren. Die zitierten Talmudstellen, seien Beweis dafür, von welchem verworfenen Geist die Juden beseelt seien. Zur Gerichtsverhandlung waren drei Sach* verständige geladen: Rabbiner Julius Eschelbacher, Düsseldorf, Prof. Dr. Götsberger, Beubiberg bei München, und der bekannte Antisemit und „Talmudforscher" Dr. Erich Bischoff, Leipzig. Rabbiner Eschelbacher wurde vom Angeklagten als Sachverständiger abgelehnt, er wurde vom Gericht nur als „sachverständiger Z e u g e" vernommen. Dagegen wurden die Gutachten der Sachverständigen von Karl Holz, Bischoff und Göts« berger, vom Gericht zur Grundlage für das Urteil genommen. Nach dreitägiger Verhandlung wurde Karl Holz freigesprochen. Aus der Begründung des freisprechenden Urteils sind die folgenden Stellen hervorzuheben: „...Es ist aus der Fassung (des „Stürmer"*Artikels. Red.) ohne weiteres zu erkennen, daß durch die Worte „Dr. Wassermann ge* hört der jüdischen Bastardrasse, an" und aus der weiteren Folgerung, daß diese Rasse sich nach dem Talmud und Schulchan Aruch richtet, die einen rohen und Viehischen Inhalt haben, selbstverständlich eine Kollektiv* beleidigung sämtlicher Juden gegeben. Gekennzeichnet ist jedoch nur Dr. Wassermann, deswegen sind folgende Fragen zu stellen: 1. Sind die angeführten Stellen tatsächlich zu finden? 2. Sind Talmud und Schülchan*Aruch Religions« bücher, nach denen sich die Juden in Deutschland richten, die bindend sind, nach denen Religionsunterricht er« teilt wird? 3. Haben die Stellen religiösen Inhalt? 4. Läßt der Aufsatz erkennen, daß damit die Lehren der jüdi* sehen Religionsgesellschaft gemeint sein sollen? Zu 1: Die Gutachten haben das mit Ausnahme eines Satzes bestätigt Welche Stellen es sind, ist gleich« gültig. Die Stelle« sind endgültig nicht zu erklären. Es gibt Stellen im Talmud, die* den'sittlichen An« gehauungen widersprechen. Zu 2: Talmud und , SchuIchan«Aruoh sind k: ei ij $;R e 1 i g i o rt; s b ü c h e r, nach denen Religionsunterricht erteilt wird. Soweit reli* giöser Inhalt vorhanden, ist er nicht kanonisches Recht. Von den 1 i b er a le n Juden /wird er überhaupt nicht gekannt. Für sich allein beträchtet, sind kritische Äeuße« rungen über diese Bücher noch keine Beleidigung der Religion. Zu 3: Die beiden ersten Stellen enthalten weder ein Verbot, noch ein Gebot. Also kommt der § 166 nicht iü Frage. Es besteht keine Beziehung zur Religion. Dies würde nicht hindern, daß aus dem Umstand, daß die Juden nach diesen Grundsätzen erzogen werden, eine Be» Ziehung zur Religion geschlossen werden könnte. Aber die Erziehung erfolgt nicht nur im Religionsunterricht. Sie liegt auch in der Hand der Familie mit ihrer mündlichen Ueberlieferung und ihren Traditionen, und man kann nicht sagen, daß die Familienerziehung religiösen Einschlag habe. Es muß also nicht die religiöse Einstellung gemeint sein. Dazu kommt die vorsichtige Abfassung des Auf* satzes, der keine Bezugnahme auf Religion und religiöse Einrichtungen enthält." * Der „Völkische Beobachter" berichtet in Fettdruck über den Freispruch des „Stürmer"*Redakteurs Karl Holz durch das Nürnberger Schwurgericht und über* schreibt den Bericht mit den Worten: „Der Rassenkampf der N. S. D. A. P. vom Gericht anerkannt. Talmud und Schulchan Aruch sind keine Religionsbücher." Der „Völki* sehe Beobachter" fügt seinem Bericht noch den folgenden Satz hinzu: „In diesem Prozeß wurde auch von Dr. Erich Bischoff die Richtigkeit des sogenannten Menschen* s c h ä c h t g e s e t z e s. (enthalten jn dem von den Juden als heilig >apgesehenen BucK „Sohar;") unter Eid bestätigt." an ziomitasdi<e Exekutive Was msI Zionismus t Von Benzjon Katz < Der alte führende russische Zionist Benzdon K<alz, einer jener Männer, der die heroische Epoche des russischen Zionismus mit all ihren Begleiterscheinungen durchgemacht hat und1 -in der russisch-jüdischen Publizistik von damals eine beachtenswerte Rolle gespielt hat wie heute in der-jüdischen, gehört der revisionistischen Bewegung keineswegs an, wofür schon die Einleitungszeilen seines .iOffeneh; Briefes" sprechen. Wir haben Ge^egenjkejt,;gejial#, ^uns mit .dem-Monstrum eines offiziellen' zionistischen^ Organs wie „Haolam" zu beschäftigen, allerdings ungörn und. sporadisch. Hier in diesem Offenen /Brief äst 4er.. C^fakierVäets Zentralorgans endgültig enthüllt. Weder den mutigen Daxlegungen noch der — weiß Gott — ßerechtigten Schlußfolgerung-- de« «ehr vorpiohtie^n Publizisten ßenzion Katz ist etwas hinzuzufügen, es sei denn, daß wir neugierig sind auf die Antwort dpr Exekutive. * Die Frage, wa6 Zionismus eigentlich ist, wurde auf dem letzten Kongreß vielleicht sogar in zu großem Ausmaß behandelt. Der Debatten über das Endziel des Zionismus wegen ist die normale Kongreßarbeit gestört worden. Es wurde eine Resolution angenommen, die der Not halber die Mehrheit des Kongresses befriedigte, aber alle Resolutionen scheinen Fetzen Papiers zu sein. Kurze Zeit nachher, nach der Annahme der Resolution über das Endziel des Zionismus, die nicht im Geiste Weizmanns war, hat der „Haolam", das Zentralorgan der Zionistischen Weltorganisation, einen Artikel von A. Steinmann unter dem Titel „Tikunim" (Haolom, Nr. 29 d. J.) abgedruckt, einen Artikel, der ausgesprochen antizionistisch ist. Steinmann hat normalerweise das Recht, kein Zionist zu sein. Es steht ihm frei, zu denken wie es ihm liegt, und niemand kann ihm einen Vorwurf machen, ebensowenig wie wir unserem geschätzten Historiker Simon Duibnow einen Vorwurf machen. Aber der Redakteur des „Haolam", Herr Mosche Klednmann, hört nicht auf, in der Nr. 36 desselben Zentralorgans zu versichern, daß die. Thesen des A. Stcinmann zionistische sind. Man könne gegen diese polemisieren, aber sie stünden nicht im Widerspruch zu den Prinzipien des Zionismus. Die Thesen Steinmanns dm erwähnten Artikel sind folgende: 1. Wegen der ökonomischen und psychologischen Gründe ist von zehntausenden nur 1 Jude bereit, seine Lebensweise umzugestalten und nach Palästina zu übersiedeln. 2. Man muß die Wahrheit sagen: Palästina wird im Verlauf von Generationen ein anmes kleines Land sein, das in Not lebt und auf die Hilfe der Welt angewiesen ist. 3. In der Gallith werden die Juden höher steigen, jedoch in Palästina werden wir nur niedriger und niedriger sinken, wir werden einen kleinen Zwerg darstellen, der sich „Merkas" (Zentrum) nennen wird, kein stolzes Zentrum, denn es wird auf die Hilfe anderer Länder angewiesen sein. 4. Wir bauen in Palästina keinen „Merkas Ruchni" (Geistiges Zentrum), nicht das Zentrum, sondern ein Nooh-Zentrum, eine Draufgabe zu den vielen Zentren, die wir haben — für jenen Teil der Juden, die sich in Palästina ansiedeln wollen. 5. Wir dürfen keine außerordentlichen Hoffnungen .auf Palästina setzen. Ich glaube, daß wir nach diesen Thesen nicht unxhin können zu sagfen, daß ,das keine zionistischen sind. Wenn Palästina für. die jüdische Gesamtheit nur soviel Wert hat wie andere jüdische Zentren , auchi dann lohnt sich wahrhaftig der Aufwand an Opfermut für diese kleine Gemeinschaft nicht. Wenn uns klar, ist, daß im Verlauf von Generationen die palästinensischen Juden immer noch auf die. Hilfe des Auslands, angewiesen sein werden,, daß die Chalukka nicht aufhören wird, dann ist die ganze zionistische Arbeit eine Sisyphus-Arheit, und es ist gleichgültig, wieviel F.&M.JPIRA Wien VI, Amerlingstraße I GEGRÜNDET 1873; H ER fflk II-MAS 8« ATE LI ER Qualitätsware, teste Aostührnng Wir kaufen Kassa ein und verkaufen nur gegen Bärzahlung. Demzufolge billige Preise. Eh'sdiewa Kurze Autobiographie Die berühmte hebräische Dichterin Elischewa, die seit Jahren in Palästina lebt, kommt dieser Tage nach Wien. Sie wird in einer großen Festakademie aus eigenen Werken lesen. Elischewa entstammt einer christlichen Familie und widmete sich, wie aus der Selbstbiographie ersichtlich, später der hebräischen Dichtung und1 der Arbeit am zionistischen Ideal. Ich bin in Rußland, in der Stadt Rjasan, am 20. September 1888 geboren. Mein Vater, Iwan Schirkow, war früher Volksschüllehrer in einem Dorfe, nachher Kaufmann und Herausgeber russischer Schul- und Volksbücher. Er starb im Jahre 1917. Meine Mutter, die einer in Moskau wohnenden englischen Familie entstammte, starb in meinem dritten Lebensjahre. Meine Jugendjahre verlebte ich in Moskau im Hause meiner Tänte, einer ' Engländerin, meiner Mutter ältester Schwester. Ich besuchte das Moskauer Mädchen-Gymnasium, nachher die pädagogischen Kurse des „Virbandes der Lehreinnen und Erzieherinnen". 1910 beendete ich mein Studium. Verse verfaßte ich noch in meinen jüngsten Jahren, aber die ernste und vollbewußte Beschäftigung begann erst viel später. 1907 schrieb ich meine ersten, mehr ernsten Gedichte (in russischer Sprache). In derselben Sprache entstanden ungefähr 200 Gedichte, die ich aber nicht veröffentlicht habe. Ein kleiner Teil bloß erschien 1919 in Moskau in einem Buche, das ich „Minuten" benannte Russisch schrieb ich auch einige Erzählungen, die ebenfalls nicht veröffentlicht wurden. Ueberdies liebte ich es, Gedichte zu übersetzen, und ich übersetzte auch viel aus dem Englischen. In den Jahren 1907708- -.hätte ich oft Gelegenheit, in jüdischen Kreisen, im Hause einer jüdischen Schulfreundin, zu verkehren. Ich begann das jüdische Leben kennenzulernen und fand auch Interesse an der hebräischen Sprache. Anfangs lernte ich der Pikanterie wegen Jiddisch lesen. Schwer war es für mich nicht, denn ich verstand schon ein wenig Deutsch. Die hebräischen Buchstaiben lernte ich aus einem deutschen Lehrbuch der hebräischen Sprache, das meinem Bruder — einem Philologen, Kenner vieler orientalischer Sprachen — gehörte. Beim Lesen jiddischer Bücher stieß ich auf mir unverständliche hebräische Wörter, die mich interessierten und in mir den Willen wachriefen, sie aus dem Original zu-verstehen. Kurz darauf, im Jahre 1913, begann ich, hebräische Abendkurse zu besuchen, die vom Moskauer Verein „Chowewe Sefat Ewer" („Freunde der hebräischen Sprache") organisiert wurden. Ich lernte dort, mit viel Unterbrechungen, zwei Jahre lang. Systematischen Unterricht im Hebräischen nahm ich keinen mehr, die Sprache erlernte - ich ausschließlich durch Lesen und Sprechen.; Um dieselbe Zeit begann ich aus dem Jiddischen und später auch aus dem Hebräischen ins Russische zu übersetzen. Die Uebersetzurigen blieben infolge rein technischer Schwierigkeiten (Kriegsverhältnisse u. dgl.) größtenteils Manuskript. Aus! dem Jiddischen übersetzte ich einige Erzählungen von Nomberg, Anochi lind Gedichte von Jehudä Balevy in der Bearbeitung Von Chäim Nachman Bialik. Diese Uöbersetzungen sind 1915 in Moskau erschienen **- es waren meine ersten Veröffentlichungen. Aus dem Hebräischen übersetzte ich viele Erzählungen von Schofmann, Brenner, Berkowitsch, Gnessin und Jebuda Steinberg. Im Jahre 1920 machte ich den ersten Versuch, ein hebräisches Gedicht zu schreiben. Meine ersten Ger dichte schrieb ich in der aekenesischen Aussprache, obwohl ich meinen Unterricht im Hebräischen in der sephardischen Aussprache genossen hatte und nur diese Aussprache verstand unrf benützte; denn mein Hebräisch-Lehrer in den Abendkursen war selbst Palästinenser. Der Einfluß der hebräischen Poesie, die bis dahin askenesisch akzentuiert war, wirkte auf mich derart, daß ich mir anfangs kein hebräisches Gedicht in anderer, nichtaskenesischer Akzentuierung vorstellen konnte. Mein erster Versuch befriedigte mich nicht. Ein zweiter Versuch, original-hebräisch zu dichten, diesmal in der mir gewohnten, heute gebräuchlichen sephardischen Aussprache, gelang. So kam ich zur hebräischen Poesie. Meine ersten hebräischen Gedichte erschienen im dreizehnten Bande des „Hathekufa". 1922 veröffentlichte ich meine ersten hebräischen Prosaarbeiten: Zwei kleine Erzählungen in „Hathekufa", Band 19, hierauf Erzählungen im „Hathoren" (New York), „Peret" (Wien). „Haolam" (London) u. ai In „Hathekufah" und „Ejn Hakorej" erschienen auch meine Essays über russische und hebräische Dichtung,*) Meine russischen Uöbersetzungen aus dem Hebräischen und Jiddischen zeichnete ich mit meinem Familiennamen: Schirkowa. Für meinen russischen Gedichtband wählte ich als Pseudonym meinen hebräischen Namen E. Lischewa — sämtliche hebräischen Veröffentlichungen gehen unter den biblischen Namen Elischewa. Der jüdisch-nationale Gedanke und später die zionistische Idee hatten auf mich derart tief gewirkt, daß ich den Beschluß faßte, mich ausschließlich der *) Diese autobiographische Skizze ist 1926 geschrieben. Seither sind von Elischewa in Buchform erschienen: Zwei Gedichtbändchen, ein Band Erzählungen, ein Roman, ein Bändchen Kritik. Demnächst erscheint ein neuer Gedichtband, ein Roman und ein Band Kritik. Der Uebersetzer.

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