Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-10-23 · Heft 214 (23.10.1931) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 214 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711833--2790-2716111
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 214 DTE NEUE WELT Seile % Blind und taub Der jüdische Ideal-Hindenburg — Jud bleibt Jud Im Bemühen, um den Begriff einer jüdischen Nation herumzukommen, werden sonst ernste jüdische Menschen possierlich. Wenn sie einerseits an ihrem Judentum festhalten und anderseits die Nichtexistenz ihres jüdischen Volkstums erhärten wollen, geraten sie ins Stolpern und die sonst würdig Einherschreitenden vollführen ergötzliche Bocksprünge. Im „Hamburger isr. Familienblatt", einem sehr ernsten und ausgezeichnet redigierten Blatte, wird auf Seite i der Fall des Berliner Gerichtsschöffen Lothar Stark behandelt. In einem Prozefi gegen die Pogromisten vom Kurfürstendamm lehnte der deutschnationale Abgeordnete Dr. E v e r 1 i n g als Verteidiger diesen Schöffen als befangen ab, mit der Begründung, Herr Stark gehöre, nach seinem Aussehen zu schließen, der jüdischen Nation an, das religiöse Bekenntnis (Herr Stark könnte ja getauft oder konfessionslos sein!) sei nicht maßgebend. Dazu schreibt das „Familienblatt": »Die Motivierung dieser Ablehnung mufl das stärkste Aufsehen erregen! Herr Dr. Everling muß doch wissen, daß das religiöse Bekenntnis das Entscheidende ist und niemand Jude sein kann, der sich nicht zur jüdischen Relifion bekennt." (Tm Original fett gedruckt.) Die eitung belehrt also Herrn Everling, daß Art und Blut, also nationale Merkmale, im Jüdischen unwesentlich sind. Es gibt kein nationales Kriterium. Wenn einer das i'üdisch-religiöse Bekenntnis nicht leistet, dann ist er ein Jude. Was ist er dannP Etwas muß er doch sein? Darauf hat die Zeitung nur eine Antwort. Wer sich nioht zur jüdischen Religion bekennt, ist kein Jude, und Herr Everling befindet sich in einem Irrtum oder begeht eine Fälschung, wenn er, abgesehen von der Religion, an irgendeinem Menschen etwas Jüdisches zu sehen behauptet, wenn er von jüdischer Nation, jüdischer Art spricht. So auf Seite 1. Auf Seite 7 der gleichen Nummer der gleichen Zeitung wird der Fall der Berühmtheit des Tages, des Schriftstellers Emst Ludwig (er hat früher Cohn geheißen), behandelt. In einer Selibstanzeige rückt Ludwig von seinem Judentum ganz ab und macht sich darüber lustig daß deutsche Kritiker an ihm und seinen Büchern etwas „Jüdisches" entdecken wollen. Das „Familieniblatt" erteilt dem Renegaten die verdiente Züchtigung. Es schreibt: „Es hat Augen-Cohn (Anm. d. R.: Der Vater Ludwigs war ein bekannter Augenarzt) so wenig geholfen, wie es Ludwig-Cohn helfen wird, dieses zynische und betont selbstbewußte Lächeln des Renegaten. Vater und Sohn und noch Urenkel können so laut als sie wollen, auf ihre Fähigikeiteu hinweisen — es wird ihnen nichts nützen. Denn die „Anderen" wissen es besser. Daß nämlich auch diese Fähigkeiten nur jüdisches Erbteil sind. Sie haben sich Taufscheine verschafft, billige Entreebille-tts für eine Well, in der, der Sage nach, nur die absoluten Geisteskräfte gelten sollen Und sie merken' nicht, daß sie sieh mit jeder Spur von Begabung „verraten" und ihnen sofort niemand mehr ihr ganzes schönes Christen- oder Dissidenten-- t um gla übt.; ." > „Emil Ludwig hätte klug genug sein müssen, das zu sehen. Er ist sicher einmal in Lissabon gewesen und hat da vor einem Denkmal gestanden, das sie dem Dichter Antonio Jose da-Silva. dem portugiesischen MoUere. gewidmet halben. Vielleicht auch weiß er, daß dieser Mann 1739 gestorben ist, Sohn einer katholischen Mutter und selbst strenger •Katholik war, vielleicht sogar ist Emil Ludwig nioht unbekannt geblieben, daß es, als da-Silva starb, schon etwa 250 Jahre lang keine Juden mehr im Land gab. Und doch, wenn man einen Passanten fragt, wer der Mann auf dem Denkmal da ist, antwortet man: 0 Jüdeo, der Jude . ." „Emil Ludwig hätte wissen müssen, daß so nun einmal unser Schicksal ist und also auch das seinige " So au.f Seite?! Jüdisches Erbteil! — Die „Anderen" wissen es besser! — Vererbte jüdische Begabung! — Schönes Christenum nützt nichts! — Jude bleibt Jud, strengster Katholizismus nützt nichts, auch wenn er 250jährig ist! — Welch ein Sprung von Seite 1 auif Seite 7! Ist das kein Bockssprung? * Das Berliner „Centralvereins-Blatt", auch eine ernste Zeitung und das Blatt der größten jüdischen Organisation Deutschlands: „Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", behandelt in seinem Leitartikel den Empfang d«s Pogromverkünders Hitler beim Reichspräsidenten Hindenburg. Es schreibt an leitender Stelle: „Wir haben es als überaus schmerzlich empfunden, daß der Reichspräsident einen Mann empfängt, Festsaal 220 Sitzplätze Vortragssaal zirka 150 Sitzplätze für Veranstaltungen, Versammlungen, Vorträge, Konzerte, Konferenzen etc. Beratungszimmer gegen mäßiges Entgelt zu vergeben Auskünfte: Verbandsheim II., Unter« Augartenstr. 38 #u dessen Parteifolattern der wöchentlich erscheinende Nürnberger „Stürmer" gehört, ein Blatt von einer politischen Niedrigkeit und abstoßenden Schlafstubenriecherei, wie es kein anderes in Deutschland gibt ..• daß der Reichspräsident einen Mann empfängt* dessen offiziöses Blatt, der „Völkische Beobachter", kurz vorher behauptete, das Judentum habe das entsetzliche Eisenbahnattentat in Ungarn gerade am Neujahrsfeste veranlaßt, weil die Juden an diesem Tage die Bahn nicht benützen und somit vor körperlichen Schäden bewahrt werden . . . daß der Reichspräsident einen Mann empfängt» dessen Parteigänger am jüdischen Neujahrsfeste friedfertige Passanten planmäßig überfallen und zu Boden schlagen . . . daß der Reichspräsident einen Mann empfängt, dessen Zeitungen sich nioht genugtun können, religiöse Schriftwerke des Judentums und selbst Stellen der Bibel aufs niedrigste zu beschimpfen, cxbsthon sie dafür empfindliche Geld- und Gefängnisstrafen erhalten haben ... Wir wollen nicht glauben, daß dem verehrungswürdigen Reichspräsidenten diese Tatsachen vorher unterbreitet worden sind Wenn dies geschehen ist, zweifeln wir nicht daran, daß der Reichspräsident als Hüter der Verfassung in seiner Abgeklärtheit und Gerecditigkoit seiner Verurteilung jeder religiösen Verhetzung klaren Ausdruck gegeben hat. Bedauerlich ist nur daß die OeffentHchkelt lediglich die Tatsache des Hitler-Empfanges und nicnt den Inhalt der Aussprache erfährt." Himmlische Barmiherzfgkeitf Sind diese Herren Judenführer blind und taub? Sind sie gestern vom Mond auf diese Erde heruntergefallen? Sie nehmen überaus schmerzlich bedauernd die Möglichkeit an, daß Herr Hindenburg nichts vom Berliner Pogrom weiß und nichts davon, daß die Millionen starke Hitlerbewegung gewalttätigen Judenhaß als Hauptinhalt hat. Dann die noah rührendere Annahme: Wenn der Reichspräsident von diesen Dingen doch Kenntnis haben sollte, dann hat er gewiß d.ie Unterredung mit Hitler dazu benützt, um diesem eine strenge Lektion in Judenliebe zu erteilen ... Hitler! Laß mir meine lieben Juden in Rubel . . . So hat er gewiß gesagt, aber die bösen Amtsblätter verschweagen das. Taub und blind. \ Der Monumental-Tonfilm nxuK fidmond ßo^cuud's «L'Al$on" £ [Mit d^gro^oi StcüüwsdSuw^ |^ REGIE : W. v.TURJAN^kY >k \ %' _ Vorher-. w V GROSSE RÖHW^SCH^U f p A5CMÄ ~ PALAXT i 7 TEL* U TO-2-20 / U 10-4-34 f Sm VERLEIH DEUTSCHER TONFILME L. BARTH Hitlers neueste Legende: Weizmann-Offensive gegen Harzburg Berlin, 19. Oktober. Der nationalsozialistische Pressedienst teilt mit: „Wie wir aus zuverlässiger Quelle hören, ist der berüchtigte Zionistenf ührer W e i z m a n'n in Berlin eingetroffen, um gemeinsam mit den deutschen Zionistenführern Stellung zu der Tagung der Nationalen Opposition in Harz.burg zu nehmen. Ein Zeichen, wie das Ergebnis der Harzburger Tagung bereits 24 Stunden danach die verängstigte Judenschaft in Bewegung gesetzt hat. Auf der Tagesordnung stehen die Abwehrmaßnahmen des Judentums gegen die Absichten der Nationalen Opposition." Der „Völkische Beobachter" druckt diese parteioffiziöse Mitteilung auf der ersten Seite unter der Ueberschrift „Jüdische Offensive .gegen H a r z b u r g" ab. Auch die übrige nationalsozialistische Presse nimmt von der Mitteilung Kenntnis, die, wie man in ernsthaften politischen Kreisen glaubt, zu dem Zwecke verbreitet wird, um der wehig gelungenen und auch in Rechtskreisen unpopulär gewordenen Harzburger Tagung der nationalen Opposition Bedeutung au verleihen. Der thüringische Landtag lehnt ein Schächtgesetz ab Weimar, 13. Oktober. Auf der Tagesordnung der ersten Sitzung der Herbstsession des thüringischen Landtages stand der von den Nationalsozialisten vor längerer Zeit eingebrachte Antrag, das Schächten nach jüdischem Ritus zu verbieten. Die nationalsozialistische Fraktion blieb der Sitzung zum Protest gegen die ihr angeblich ungünstige Platazuweisung fern, sie verließ sich darauf, daß es den deutschnationalen Freunden gelingen werde« die Verschiebung des Schächtverbotgesetzes auf eine spätere Sitzung zu erreichen. Diese Bemühungen schlugen fehl. In Abwesenheit der Nationalsozialisten wurde das Schächtgesetz mit 21 Stimmen der Sozialdemokraten, Jüdische Eltern! Kauft S<hulbttcher (auch antiquatische) für Eure Kinder in der Jüdischen Buchhandlung Herrn. Tuchner Wien II, Gr. Stadfgufg. 7 (Ecke Taborslr. 52) Leihbibliothek Alle Neuerscheinungen erhältlich. 10 Groschen tätlich, keine weiteren Gebührenl Für Anfraßen Telephon R-41-4-20 Kommunisten und Staatspartei gegen 16 Stimmen des Landbundes, der Deutschnationalen und der Wirtschaftspartei abgelehnt. Die Deutsche Volkspartei hatte sich der Stimme enthalten und der wirtschaftsparteMiche Albgeordnete, Hötelier F i r t h, verließ vor der Abstimmung den Saal, weil sowohl sein eigener Berufsstand wie auch das Fleischergewerbe die unbedingte Ablehnung des Gesetzes wegen der drohenden wirtschaftlichen Schäden gefordert hatten. Die Linksparteien begründeten ihre Ablehnung damit, dafi sie einen weltanschaulichen Wall errichten wollten gegen den Antisemitismus, mit dem allein das Schächtgesetz begründet worden sei. Zurücksetzung von Juden bei Anstellungen in Amerika New York, 18. Oktober. (J. T. A.) Rabbi J. K. Cohen, Vorsitzender des beim American Jewish Con« gress bestehenden Komitees zur Bekämpfung der Benachteiligung von Juden im Anstel* lungswesen, veröffentlicht Zahlen, aus denen her« vorgeht, daß die Boykottierung jüdischer Angestellter im amerikanischen Geschäftsleben fortschreitet. Von ioo Ar« beitsnachweisen haben 91 jüdischen stellensuchenden Kontoristen und Kontoristinnen erklärt, daß ihre Gesuche wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum von den betreffenden Arbeitgebern nicht berücksichtigt worden sind. Von den 400 führenden Korporationen und Geschäftsunternehmungen New Yorks, die das Komitee zur Untersuchung herangezogen hat, stellen 89 Prozent grundsätzlich nur Christen ein. Rabbi Cohen erklärt, daß, wenn nicht entschiedene Maßnahmen gegen die Zurücksetzung von Juden bei Anstellungen ergriffen werden, die Verhältnisse mit der Zeit noch viel ernster, werden würden. Räuber tiberfallen die Brooklyn-Synagoge — 10.000 Dollar geraubt New York, 20. Oktober. (J. T. A.) Eine Räuibertruppe überfiel gestern die Synagoge in New Y 0 r k - B r o b k 1 y n, terrorisierte und beraubte die in der Synagoge weilenden Andächtigen. Den Räubern fielen Geld und Jüwelen im Gesamtwerte von etwa 10.000 Dollar in die Hände. Es ist dies der zweite Ueberfall auf eine Synagoge in Amerika in den letzten 14 Tagen. » Die Juden im neuen lettländischen Parlament — Zwei Sitze verloren Riga, 18. Oktober. Die in diesen Tagen in Lettland durchgeführten Wahlen zum Parlament haben den jüdischen Parteien Verluste gebracht. Der Führer der zionistisch-sozialistischen Partei, Professor Lasereon, und der Führer der jüdisch -sozialistischen Partei „Bund", Dr. M e i s e 1, seit mehreren Jahren Mitglieder des lettländischen Sejm, sind nicht wiedergewählt worden. Prof. Laserson fehlten zu seinem Mandat etwa 50 Stimmen. Im neuen Parlament werden statt, wie bisher, fünf, nur noch drei Vertreter der jüdischen Bevölkerung sitzen: Zwei Repräsentanten der Agudas Jisroel, unter ihnen Rabbiner Dubin, und der Misrachi-Führer Rabbiner Dr. Nu r 0 k. Dem zweiten Misrachi-Kandidaten fehlten im ganzen 25 Stimmen zum Mandat. Die jiddische Tageszeitung „Frimorgn" bedauert die verminderte Vertretung der Juden im Parlament, weist aber andererseits darauf hin, daß* es der faschitisch-antisemiHsehen Partei nicht gelang, sich auch nur ein Mandat zu sichern. Diese Partei hatte den Wahlkampf ganz auf Judenhetze eingestellt, ihr Führer, Berg, erklärte in den Wahlversammlungen, Lettland müsse von, der jüdischen Geißel befreit werden. Ein antisemitisch verhetzter Schuljunge ermordet seinen jüdischen Klassenkollegen Warschau, 18; Oktober. (J. T. A.) In dem Städtchen Dabrowice,' Kreis Woliin, hat sich eine schwere Schultragödie 'abgespielt. Der zwölfjährige Komar, der von Haus aus antisemitisch verhetzt ist, fiel im Schulhof ohne jede erkennbare Ursache über seineu Klassenkollag'en, den zehnjährigen Israel Fleiechon, her und schlug mit einem Stock! so lange auf ihn ein, bis der Tod infolgeSchädelbruches eintrat. Der jugendliche Mörder wird straflos ausgehen, Fürsorgeerziehung für jugendliche Verbrecher gibt es in Polen nicht,. An dem Begräbnis von Fleischen beteiligte sich die gesamte Schuljugend des Städtchens, Juden wie Christen, sowie die gesamte Lehrerschaft. A. L. Zissu gegen die Taufpropaganda in Rumänien Bukarest, 18. Oktober. In einem im „C u v a ntul", einem von dem orthodoxen Theologen Nae Jon es cu geleiteten, sehr angesehenen konservativen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.