Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-10-23 · Heft 214 (23.10.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 214 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711833--2787-2716108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seife 2 DIE NEUE WELT Nr. 214 Revisionistischer Studentatiklub Donnerstag, den 29. Oktober, um 8 Uhr abends im Helm, II, Untere Augartenstraße 38 ©rofees Stuöenten SDleetiiiQ Protest gegen die Volkszählung und die Va< Haftungen In Palästina - Die Lage der Jüdischen Studenten und die hebräische Universität - Die Beschlüsse von Calais Referenten: Dr. D. Bukspan, Josef Frankel, Robert Stricker Auch Nichtstudenten als Gäste willkommen I schule, um kurze Zeit darauf den naturalistischen Stil zu verlassen und sich der impressionistischen Richtung hin* zugeben. Für sein künstlerisches Wesen charakteristisch ist sein Drang zum Monumentalen, das. er in den zahl« reichen biblichen Motiven (Jerusalem", „Jeremias") zum Ausdruck brachte. In der Schweizer Galerie Henneberg und in der Berliner Nationalgalerie ist Ury mit zahl« reichen Werken vertreten. Lesser Urys Einstellung zum jüdischen Volk und zum Zionismus war klar und eindeutig. Schon zu Herzls Lebzeiten stellte sich der verstorbene Künstler an die Seite jener, die für die Renaissance des Judentums und für die Wiedererrichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina kämpften. Taktlosigkeiten und Plattheiten Mut hinterm Schreibtisch — Die Versorger des deutschen und französischen Volkes Während das Anwachsen der nationalistischen und antisemitischen Bewegung in Deutschland und Oesterreich die um ihre Existenz hart kämpfende jüdische Bürgerschaft mit Bangigkeit erfüllt, gibt es der so zahlreichen Sorte liberaler und sozialistischer Journalisten jüdischer Abstammung und entjudeter Gesinnung Stoff zu ödester Lustigmaoherei. Geschniegelte Bucsohen, denen ein zwölfjähriger (Junge.-mit,vHaken^ kreuz -die Knie j 6 chlotfer n nta ch t, üb er gieß eh.vom »siehe reu Schreibtisch her, die national-deutsche ^Bewegung mit Hohn und Spott. Am den langen Haaren der deutschnationalen Frauen und den Barten und Brillen deutscher Professoren tobt sich ihr platter Wdtz aus. Die Berliner „Jüdische Rundschau" findet die richtigen Worte für dieses Treiben. In ihrem Leitartikel heifit es: „Wir haben es immer für recht bedenklich und anfechtbar gehalten, wenn von jüdischer Seite und zumeist* von solchen Juden, die nur durch das Schicksal der Geburt dem Judentum zugezählt werden, sonst aber weder in ihrem Verhalten, noch in ihren Ueberzeugungen und Empfindungen sich auch n ur imgeringsten dem J udent am verbunden und für die jüdische Gemeinschaft verantwortlich fühlen, . eine Verhöhnung und Bagntellisierung aller Faktoren« die in der nationalistischen Opposition Deutschlands eine Rolle spielen, versucht wird. Zum Teil kann man heinahe von einer Irreführung der Leser -der liberalen Zeitungen sprechen, die nicht darüber unterrichtet werdr-n, wie stark heute im deutschen Bürgertum die nationalen Anschauungen, man mag sie als Außenstehender so oder so bewerten, bereits sind. Manche Literaten (namentlich vom sicheren Port im Ausland) haben es 6ehr leicht, über diese Bewegung Witze zu machen. Betroffen aber werden die arbeitenden Juden in Deutschland, die man für diese Auslassungen mitverantwortlich macht. Wenn man sich nicht nur mit jüdischen „Wi r t sc h a f ts f ü h r'ern" nnd entwurzelten jüdischen Intellektuellen, sondern mit der schwerleidenden Masse der jüdischen Bevölkerung in Deutschland schicksalsverbunden fühlt, dann wägt man sorgsam seine . Worte und hütet sich davor, die bestehende Gegnerschaft noch affektbetoriter zu machen. Gerade in Zeiten höherer Gefährdung unserer Gemeinschaft sollte das V e r a n t w o r t u n g s g e f ü h l jedes einzelnen besonders wach sein." In mehreren jüdischen Zeitungen findet sich die Nachricht, daß der bekannte Berliner Journalist Georg Bernhard und der ebenfalls schriftstellernde Doktor Bruno Weil — auch aus Berlin und dazu Vizepräsident des Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glanbens — in hochwichtiger Missdon nach Paris gereist sind. Vielleicht in einer hochjournalistischen Angelegenheit oder gar in einer jüdischen? Nein! In Paris haben die Herren dem Berichterstatter einer großen jüdischen Tageszeitung den Inhalt ihrer hohen Mission dargelegt: Sie wollen die d e ut seh -f rä n z ös ischen Beziehungen inniger gestalten, das heißt die große deutsche Nation mit der großen französischen Nation versöhnen, verbrüdern. Wirklich keine Kleinigkeitl Welcher Teil der großen deutschen Nation hat die Herren Weil und Bernhard mit seiner Vertretung betraut? Das katholische Zentrum? Schwerlich. Die deutschen Sozialdemokraten und Kommunisten? Nicht anzunehmen. Vielleicht die Deutschnationalen und Hakenkreuzler? Bei der Firma wirft man sie doch über alle Stiegen hinunter, wenn sie sich nur ins Vorhaus wagen. Niemand vertreten sie, diese Herren mit der „hohen Mission". Sie tun das, was unsolide Geschäftereisende tun, welche die Namen einer,großen Firma unberechtigt auf ihre Karten drucken lassen. Die nennt man Hoohs<tapler und Zudringlinge öder .noch was ärgeres. Die Sache wäre eine Privatangelegenheit der Herren Bernhard und Weil, wenn nicht die jüdischen Zeitungen sich dazu hergeben würden, eine große jüdische Sache daraus zu machen. Das gibt der Welt den Anlaß, die Herren Weil und Bernhard beiseite zu lassen und wieder einmal von jüdischer Vordringlichkeit und jüdischer Hochstapelei zu sprechen. Drohender Boykott Segen die österreichische und tschechoslowakische Industrie Sonderjbericlit der „Neuen Welt" aus Palästina. Tel-Awiw, Mitte Oktober. Die . Lage der von den Juden in Palästina geschaffenen Industrie ist eine sehr schwere. Sie hat unter der Krise des englischen Pfund, mit welchem das palästinensische eng verbunden ist, sehr zu leiden. Von keiner Seite wird ihr Hilfe zuteil. Die Reg i e r-u n g rührt keinen Finger und die B a n-k e n sperren-.... d i e K.r ed i tfe statt ..ihrer Kundschaft — und die jüdische Industrie ist ja ihre Hauptkundschaft — durch Entgegenkommen zu helfen. Die Sünde, welche die frühere zionistische Leitung an der jüdischen Industrie begangen hat, tritt in diesen Krisentagen zutage. Unzählige .Male wurde die Gründung einer unter nationaler Kontrolle stehenden Indus tr i e b a n k beschlössen. Die Beschlüsse blieben am Papier und das für die Industriebank bestimmte Geld wurde anderen Zwecken zugeführt. Für die Forderung der Industrie, von welcher direkt und indirekt über ein Drittel der Bevölkerung lebt; war nie Geld da, für verschiedene kulturelle und soziale Experimente und für den bürokratischen Apparat waren immer Mittel da. Die Lage wird auch durch das skrupellose Vorgehen gewisser ausländischer Firmen verschärft. Während die deutschen Finnen ihren Ve:rpf Iichtun gen im allgemeinen anständig nach-"; «kommeri/ <#5eigefti; > sieh-, die' ösft e*4 e i« hiircit'e mzl « und ' t s c h e c h o s 1 o wakisc H'te n Firmen "kura^ '■■ weg, die in Pf und Währung rechtskräftig abgeschlossenen Lieferungsverträge zu erfüllen. Insbesondere die Papierfirmen gehen rücksichtslos vor. Das sind dieselben Firmen, die es im Vorjahre trotz eingetretenen Preissturzes in Papier ablehnten, ihren palästinensischen Kunden auch nur den geringsten Nächlaß bei abgeschlossenen Verträgen zu gewähren. So die Neusiedler, die Leykamer Papierfabrik und andere. Dieses Vorgehen ist nicht nur rechtswidrig, F.&M.SPRA Wien VI, Amerlingstnaße f GEGRÜNDET 1873 HER REN-MASS-ATELIER Qualitätsware, beste AnstB&rDog Wir kaufen Kasaa ein und verkaufen nur gegen Barzahlung. Demzufolge b i 111 g e Preise. Sdialom Alejdiem al§ reh'gi©§e Natur Von J. D. Berkowitsch. Im nachstehenden setzen wir Auszüge aus J. D. Berkowitsch' Erinnerungen an seinen Schwiegervater Schalom Alejchem fort. Schalom Alejchem stand allezeit außerhalb der Sphären der frommen, religiös umzäunten „Jüdischheit", sowohl in seinem privaten Leben als auch in seinen Werken. Er führte weder sein Haus in frommsjüdischer Art gemäß den Vorschriften des „Schulchan Aruch," (wenn man den koscheren Tisch außer acht läßt, über den die alte „Babuschka" gebot) — darüber ist nicht zu reden — noch fühlte er eine besondere Liebe oder offen» barte besondere romantische Beziehungen zu über* triebener, aufdringlicher jüdischer Frömmigkeit. Er blieb sein ganzes Leben lang fremd dem neuchassidischen Romantizismus, der in der jüdischen Literatur von Perez und seinen Nachläufern in die Welt gesetzt wurde. Sein einfacher, direkter Zugang zu der Quelle, aus der er künstlerische und dichterische Begeisterung schöpfte, ließ nicht zu, daß er Dinge verherrlichte, von welchen er in seinem privaten Leben entfernt war, an denen er selbst nicht mit Leib und Seele beteiligt war. Selbst geboren und aufgewachsen in einem beschei* denen wohlbürgerlichsweltlichen Milieu, unter halbauf* geklärten Kaufleuten und Provinzintelligenzlern, anfangs unter dem Einfluß seines der Aufklärung zuneigenden Vaters, später in der Nächbarschaft seines Schwieger* vaters, des jüdischen „pomeschtik" (Gutsbesitzers) und ausgesprochenen Realisten, der die Feldarbeit liebte und ein Gegner überchassidischer Fanatiker war, fühlte sich Schalom Alejchem sein Leben lang hingezogen zu jenen breiten Volksschichten, die mehr mit „dieser" Welt -als mit „jener" Welt zu tun haben. Seine Kassriliwker und Jehupetzer Menschen sind wahrlich fast ausnahmslos von der alten traditionelbfrommen jüdischen Welt, obendrein in der Mehrzahl „Kenner des Buches", solche, denen die kleinsten Fußnoten nicht fremd waren. Ihre Frömmigkeit aber war keine solche, die man wie ein feuchtes Tuch umbiegen kann, keine nebulose, ihre Thora keine in den Lüften schwebende, die vom Himmel die Sterne herunter* holt. Sogar Reb Josefei, der Kassrilewker Row, der feine Prototyp alter lauterer „Jüdischheit", starrt nicht mit den Augen zu Gott und erschreckt seine Leute nicht durch die Tiefe der Thora. Seine Moralpredigt ist rein weltlich, hat nichts zu tun mit Dingen um Mensch und Gott, sondern mit solchen, die zwischen Mensch und Mensch liegen ... Natürlich hatte all das keinen Einfluß auf die tiefen seelischen religiösen Strömungen, die, Schalom Alejchem sehr oft ergriffen. Daß Schalom Alejchem eine religiöse Natur seiner spezifischen Art noch natürlich war,'. darüber herrscht bei mir kein Zweifel Auf seinem Nacht* tisch lag immer eine Bibel in Kleinformat, in der er von Zeit zu Zeit blätterte, hauptsächlich in schlaflosen Stunden. Und ich hatte ihn im Verdacht, daß er meistens in das Buch Hiob blickte, just in jenes Buch, das sich in den Wolken religiös*philosophischer Probleme bewegt..,. Hier war er nicht nur gläubig, sondern oft sogar aber*! gläubisch. Physisch zart gebaut, von starken Nerven, aber groß im Verbrauch geistiger Energie, war er in Momenten der Erschöpfung oder der Depression von allerlei dunklen Vorgefühlen und Phantasien beherrscht. So sah er oft den Tod nahe vor sich. Er war Fatalist, glaubte an Vor* bestimmung, an höhere Bestimmung, fürchtete manche Träume, ja sogar die Zahl 13 ' (und starb gerade am 13. Mai^ . , , Er hatte aber seine eigenen Mittel, sich von seelischer Gedrücktheit zu befreien: Er schrieb sie sich vom Herzen herunter. Er tat es manchmal in erstem Stil, der in alten Bibeltönen erklang, und manchmal auch in leichtflüssigem. Er schrieb mehr als einmal an seine Freunde in jüdisch*witzigem Ton von seinem Tod — so die niederdrückende Angst abreagierend. . Aber das Herrlichste am Jüdischen erblickte Schatom Alejchem in den jüdischen Feiertagen, -*den Tagen der Erneuerung. So bereicherte er die jüdische Literatur mit ganzen Bänden von Feiertagsgeschichten. Er begnügte sich aber nicht damit, den jüdischen Feiertag in seinen Werken zu besingen — er beging ihn selbst in seinem Haus in aller traditionellen Form, wie er sie aus dem Vaterhaus überkommen hatte. Er tat das nicht nur seiner Kinder wegen, um sie bei der Volks* tradition zu halten, sondern auch seiner selber wegen. In Lemberg hatte ich zum erstenmal zusammen mit Schalom Alejchem Pessach gehalten, und ich war über* raseht, zu sehen, mit welch feierlichem Ernst bei inra. im Hause Pessach gefeiert wurde. An den Tagen vor Pessach ging es dort nicht weniger bunt zu, als es in seinen Pessach*Erzählungen der Fall ist. Ich glaubte anfangs, daß das wegen der Babuschka geschehe, sah aber sogleich meinen Irrtum ein: Schalom Alejchem selbst fühlte sich sozusagen pessachgemäßer als alle anderen. Er hielt sich in so väterlicher Vorpessach*Stimmung, ging mit so auf* geräumtem, feiertäglichem Gesicht daher, daß alle anderen, ob sie wollten oder nicht, von seiner Stimmung angesteckt wurden. Am Vorpessachtag morgens rief er mich, mit ihm Pessach*Wein einkaufen zu gehen — er sagte nicht: Wein, sondern ausdrücklich „Arbe Kojsojss" —, wir gingen in die jüdischen Gassen, wo der Vorpessach hohe Wogen schlug. *. i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.