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Die neue Welt · 1931-10-16 · Heft 213 (16.10.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 213 (16.10.1931)
Date
1931-10-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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ffr. 215 DIE NEUE WELT Seite 3 Ausland wandern muß", d. i. für den Fall, daß unsere Israeliten zu Weihnachten, dem jüdischen Fest, ins Atisland Verden Skiläufen gehen müssen, wenn der Tiroler Gastwirt bei seiner Judenanimosität verharrt. Wie undankbar! Der israelitische Beschwerdeführer will um jeden Preis seine Schillinge im Lande anbringen und wird von einem Tiroler Bauer gehindert, seinen Patriotismus zu betätigen — und er beschwert sich. Er beschwert sich und dnmit auch Ludwig Hirschfeld. Das steht nicht im Baedeker. Die anderen beschweren sich auch Andere wieder sind darüber unzufrieden, was wohl im Baedeker steht, in dem Baedeker, den Ludwig Hirschfeld unter dorn Titel „Was nicht im Baedeker sieht" geliefert hat. Dieses Büchel erzählt natürlich von Wien, hauptsächlich naturgemäß über Theater, Theaterkultur, Theatertechnik, die feinen Bars, das Derby und die Derbytoiletten und eine kleine Dosis Sport. Vor allem haben es ihm die geistigen Profile angetan. LTnd liier besehwert sich wieder jemand, ein Mann, der anscheinend mit der österreichischen Kultur enger verknüpft ist als Hirschfeld, über Hirschfelds Baedeker.- Er schreibt nämlich in einer Kritik über Uirsohfelds Baedeker in der Zeitschrift „Berichte zur Kultur- und Zeitgeschichte" vom 26. Juli 1931 (Verlag Reinhold, Wien IX.) unter anderem: „Es fällt zum Beispiel auf, daß Ludwig Hirschfeld sowohl im Burgtheater als auch im Volkstheatcr nur jüdische Theaterkritiker oder genauer die Thoatcrkritikcr der jüdisch-liberalen Presse auffallen... Warum ist nur der Kopf Raoul Auernlieimers als „fein und schmal" beachtenswert? . Warum „blüht" nur Felix^ Saiten „lebensfreudig" und „lächelt"? Warum ist die „graue Künstlermähnc" „Eigentum" nur Marco Brocinens? Die ..Berichte" stehen gewiß nicht im Verdacht des Antisemitismus. Aber es geht einfach nicht an, das exklusive Kulturnivcau jener Presse, deren typischer Sproß and. Zeuge Ludwig Hirschfeld ist, zum Brennspiegel der Wiener Geistigkeit zu machen. Wir müssen uns (für Wien) entschieden und mit allergrößtem Nachdruck-dagegen verwahren. Und warum kann man zu einer Premiere im Burgtheatcr „als einen unserer berühmten Dichter" nur Schnitzlcr, Hofmannsthal und Beer-Hofmann sehen? Und sonst niemand?" Also zwei Beschwerden, beide rund um einen Ludwig Hirschfeld. Um einen, der zu Weihnachten in den Tiroler Bergen unter Heimischen skilaufen will; und gegen einen, der über „deutsche Kultur" rapportiert. Wae schaffen doch diese beiden Hirschfclds für Kalamitäten. Dort wollen sie. Geld» . hier Geist ausspielen. Beide Hirschfekls rufen aus: Laßt mich euch nur um Gottes willen assimilieren, denn ich hab' Geld und ich hab' Geist. Aber beidos wird grob von der einen, höflich von der zweiten Seite abgelehnt. o. r. ♦•n Ghetto-Politik Der bekannte Berliner sozialdemokratische Abgeordnete Dr. M ö S e s, ein Jude, gewährte anläßlich seiner Reise durch Rumänien dem Vertreter der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung" ein Interview über jü.di sc he Politik. Dr. Moses vergleicht die Politik der national bewußten Juden (Zionisten) mit derjenigen.; der assimilatorischen Juden (Union) und gelangt zur Ablehnung der letzteren. Er sagt u. a.f ,?r; '„Ifch habe in Bukarest mit den jüdischen Vertretern der verschiedensten Richtungen gesprochen. So bin ich auch mit dem Kreis um die -Film, 23° SA der Film mit der Prüfungs- Urkunde \ in einigen Tagen bei jedem Photohändler erhältlich! \ „Union" rumänischer Judeu" in Berührung gekommen. Die Vertreter dieser Gruppe haben mir offen erklärt, je w e n i g e r man in Deutschland über die Juden in Rumänien, spreche, desto besser wäre es für die rumänische Judenschaft, und je mehr man sich mit ihr befasse, desto schlimmer wären die Rückwirkungen im Lande. Ich muß aber sogen, daß diese Auffassung nicht zutrifft. Diese Gruppe steht auch auf dem Standpunkte, daß die jüdische Bevölkerung nicht unbedingt durch jüdische Parlamentarier, sondern auch durch die Vertreter der n i c h t j ü d i s c h c n Parteien, die die Interessen der gesamten Bevölkerung wahrnehmen, im Abgeordnetenhause vertreten sein können. Ich bin nun nach Gzernawitz gekommen, um Der elegante Herr — der erfolgreiche Mann — der anspruchsvolle Kenntr — sie alle tu sicren s cli nur mit Oer einzigen schwedischen Weltmarke in der Mitte einer kompakten jüdischen Bevölkerung zu weilen. Warum soll sich, frage ich nun, eine so geschlossene Volks masse nicht durch ihre eigenen Männer vertreten lassen? Es ist ein GhettostandpnM'^'jl,der. überwunden werden: muß. In de? Poetik hat es sich immer gezeigt, daß man jenen Bestrebungen die meiste Ächtung entgegenbringt, die offen und ehr lieh auf die Erfüllung der eigenen Forderungen hinzielen." * Die Ansichten des Herrn Dr. Moses aus Berlin unterscheiden sich wohltuend, von denjenigen seiner engeren Gesinnungsfreunde in Polen, der Tschechoslowakei und insbesondere in Oesterreich. Diese fdnjre enalifchc Stoffe ALBERT HARDT v^*^ gfegfr. WIEN I. FREISINGERGASSE I Telephon U 2o-3-4/ segeln ganz im assimilatorischen Fahrwasser, sind geschworene Feinde jeder jüdischnationalcn Politik. Wenn Juden es unternehmen, ihre eigene Vertretung zu fordern und „offen u n d c h r 1 i c ih" jüdische Politik betreiben wollen, dann schreien die Sozialdemokraten „Ghettopolitik". Sie sollten bei ihrem Freunde Dr. Moses aus Berlin eine Lektion über „Ghettopolitik" nehmen. Sdiulsperre in Palästina Die jüdischen Kindergärten, Volks- und Mittelschulen aus Geldmangel gesperrt — Dafür eine neue überflüssige Lehrkanzel an der Universität eingerichtet Aus Jerusalem wird am n. Oktober gemeldet: Die hebräischen Schulen der Jewish Agency, die am vergangenen Sonntag hätten eröffnet werden sollen, sind immer noch geschlossen. Eine Wieder* einstellung der generell gekündigten Lehrer ist noch nicht erfolgt. Die Exekutive der J. A. teilt mit, daß sofort eine Reduzierung des Budgets um 50.000 Pfund gemacht werden muß, wovon 20.000 Pfund auf das Unterrichtsbudget ent« fallen. Der Direktor des Unterrichtsdepartements der J. A. und Mitglied der Agency-Exekutive, Dr. Berks son, hat seinen Rücktritt bekanntgegeben. Die Exe« kutive teilt mit, daß durch die Budgetreduktion die Eins heit des zionistischen Unterrichtswesens> nicht gefährdet sei, eine solche Reduktion mußte aber vorgenommen werden, weil sonst die landwirtschaftlichen Siedlungen gefährdet sein würden. Die Gefährdung des jüdischen Schul Werkes in Palä* stina ist gewiß durch die Wirtschaftskrise in der ganzen Welt und den hieraus folgenden Rückgang der zionistischen Fonds bedingt. Aber das von der alten Leitung etablierte System des Schulwerkes trägt die Hauptschuld an der unsicheren Lage. Die größten Nationen kommen mit einem Schulwerk aus. Das kleine jüdische Palästina hat dreierlei Schulen: A11 g e* meine, misrachis tische und Arbeiterschulen! Ueberall sorgt die Regierung für den Volksunterricht. In Palästina läßt die Regierung die Juden Steuern zahlen, erhält aus diesen Steuern die arabischen Schulen zur Gänze und gibt für jüdische Schulen einen Bettel, einen Bruchteil! Der Protest der zionistischen Opposition gegen diese Zustände wurde immer als „reaktionär", kultur* und arbeiterfeindlich zurückgewiesen. Jetzt ist die Krise da! Gleichzeitig mit dieser erschütternden Meldung ist auch eine „erfreuliche" aus Jerusalem eingelangt: Die hebräische Tageszeitung „Haare z" teilt mit, daß,der bisherige Chef des Justizdepartements der Palästina?Rcgierung und Oberstaatsanwalt Palästinas, Norman Bentwich, zum Inhaber des Weizs gleich; denn das, was in Wirklichkeit geschah, kam mir nicht in den Sinn. Ich war einfach erstaunt, als ich die Freude des Reichen bemerkte, die ihm während meiner Erzählung auf dem Gesicht aufschien, und er sagte mir: „Dein Vater ist zwar ein feiner Mann, aber ein Stümper bleibt ein Stümper. Eins von beiden: ich kann ihm borgen oder auch nicht. Aber Pfänder hätte er mir nicht .schicken müssen." Und dann: „Hör. Bares Geld hab'. ich gerade nicht bei mir. Ich werde dir aber etwas statt baren Geldes geben, das du irgendwo versetzen kannst. Und du wirst dafür nicht nur einen Dreier, sondern vielleicht zwei öder gar drei bekommen. Ich hab* einen Sabbatkaftan, der mir ein wenig zu eng ist, er ist fast neu, erst vor zwei Jahren angefertigt, und bat 30 Rubel gekostet. Hörst du, was ich dir sage? 30 silberne Rubel hat er gekostet, der Kaftan. Das sollst du dem Vater sagen, hörst du? Und sag' ihm, deinem Vater, daß er auf ihn mir so viel borgen soll, wie er braucht und nicht mehr, damit er ihn rascher auslösen kann. Nicht meinetwegen — seinethalben. Vielleicht will er ihn für sich behalten, er kann ihn haben. Hörst du, was ich dir sage?" Als ich mit dem Kaftan vor meinem Vater erschien und den Auftrag Reb Dovidls ausrichtete, wurde mein Vater grün und gelb, und ohne das Kleidungsstück auch nur zu berühren, schickte er mich zu Lebl, dem Wucherer, es zu versetzen. Ich sollte nicht sagen, wieviel ich verlange, sondern was er geben wolle, jedenfalls nicht weniger nehmen als fünf Rubel. Lebl der Wucherer gab auch nicht mehr. Für dieses Geld wurden der Arzt bezahlt, die Rezepte und der volle Preis für das Totenleinen. .... Ein Monat verging, zwei und drei Monate, Den Kaftan löste der Vater nicht aus, wiewohl er mehreremal die Möglichkeit hatte, er zu tun. Ich glaubte, daß er an das versetzte Kleidungsstück überhaupt nicht mehr dachte, aber ich hatte mich geirrt. Dies sagte er mir, als ich ihn einmal an den Kaftan erinnerte: „Nicht erleben, nicht erharren wird er das. Das werd' ich ihm nicht zuliebe tun, daß er sich rühmen kann, ich trage sein Kleidungsstück. Er hat das absichtlich getan. Hatte er denn kein Geld? Er glaubte, daß es ihm so gelingen wird, aber fehlgegangen. Meinetwegen kann der Kaftan dort verfaulen." Aber wenn jemand etwas beschieden ist, so kommt es früher oder später. Diesmal hat es sich zwar etwas verspätet, aber es kam doch das Beschiedene. Und es geschah so: Ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter brach bei uns im Städtchen eine Typhus-Epidemie aus. Unter den vielen Opfern befand sich auch mein Vater, und das ganze Kapital, das nach meinem Vater zurückblieb, bestand in drei Goldrubeln und zehn Kupfergroschen, was nur für Kerzen und ein wenig Schnaps für die Chewra Kadischa hätte reichen können. Also ging ich zu Lebl, dem Wucherer und verlangte fünf Rubel mit der Zusicherung, daß der Kaftan nun ihm gehöre. Der Prozeutmann lachte auf und sagte, der gehöre ihm ohnehin. Die Prozente für das halbe Jahr seien bereits größer als der Wert des Kaftans. Ich weinte los und er erschrak vor des Waisen Tränen und gab mir drei Rubel, womit mein Vater eingekleidet und bestattet wurde. Er hatte ein schönes Begräbnis. Lobeshymnen wurden ihm gesungen, aber in fremden Totenkleidern war er doch begraben worden. Außer dem großen Sohmerz nach dem plötzlich verlorenen Vater hatte ich großes Leid darob, daß er in die Welt der Wahrheit in fremden Totenkleidera einlangen werde. Welche Schande! * Und jetzt, viele Jahre nachher, als ich hörte, daß auch „er" selbst, Reb Dovidl, in fremden Totenkleidern zur ewigen Ruhestätte geleitet wurde, bedauerte ich, nicht gläubig zu sein. Wäre ich das, könnte ich nicht umhin zu glauben, daß mein Vater sich „dort" darum gemüht habe, daß auch „er" in fremden TotenkleidcKi ankomme. Trotz meines Nichtglaubens sehe ich in dieser Geschichte ein Stück Geheimnis und bin geneigt, anzunehmen, daß es ganz so planlos doch nicht zugeht. Nochmals jüdische Musik Von Joachim Stutschewsky, Wien Wer die Entwicklung und die Auswirkungen der jüdischen Musik im letzten Viertel jähr hundert tütig und gewissenhaft verfolgt hat, dem fällt die überraschende, jedoch nicht mehr wegzuleugnende Tatsache auf, daß der jüdischen Musik seitens des jüdischen Publikums nur geringes Interesse entgegengebracht wird. Ist es schon bedauerlich, daß Kreise, die außerhalb der jüdischen Gemeinschaft stehen, die Existenz einer „Jüdischen Musik" geflissentlich übersehen, so ist es betrüblich, ja unbegreiflich, daß die Juden selbst vom Vorhandensein einer eigenen Kunstmusik keine Notiz nehmen, unsere Komponisten kaum dem Namen nach kennen. Der jüdische Musiker ging treu seiner Berufung dem Volke voran. Als er sieh jedoch nach einiger Zelt die Welt der Wahrheit in fremden Totenkleidern m*>

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