Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 213 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. m das Dienstmädchen ihm eines zu geben vergessen hat, und du zwei vor dir liegen hast, so wirst du es geben und sogar sagen: Aber mit Vergnügen, bitte! Warum keine Grube graben? An und für sich eine unschuldige Saehe, z. B. wenn einer einfach einen Baum pflanzen will. Faule Ausreden das alles, und nur ein Dummkopf läßt sich von solcher Logik verführen. Wenn du ausdrücklich weißt, daß ich dich erstechen will, so gib mir kein Messer, im Gegenteil: trachte mit all deinen Kräften, mir nicht nur das Messer zu entreißen, sondern auch eine Schere, einen Nagel, eine Stricknadel. Die Volkszählung, die man jetzt in Palästina durch« führen will, hat nichts mit normalen Volks« Zählungen zu tun, die man in zivilisierten Ländern durchführt. Das ist überhaupt keine Völkszählung. Das ist einfach der erste Schritt eines verbrecherischen Planes gegen den Zionismus, der Parlament mit arabischer Mehrheit heißt. Wäre dem nicht so, würde die Regierung gar nicht daran denken, für solche Dinge Geld auszugeben. Man hat sich einfach ein Szena* rium ausgedacht für einen häßlichen Film „Das Ende des Zionismus". Der erste Akt heißt Völkszählurig. Wie kann man da mitagieren, ganz gleich, ob als Akteur oder Statist? * ' l.W . . ..... „ Ich weiß, daß der V/aad Leumi (jüdischer National« rat) sich für eine Volkszählung ausgesprochen hat. Da mu$ man,auf eine Tatsache..aufmerksam, 'niaclyeri., im Waad Leumi herrscht eine Klassenpartei, keine Partei der nationalen Interessen. Vor einem Jahr habe ich die Frage »England* gestellt. Kann man die Fragender nationalen Interessen in die Hände einer Partei geben, die selbst zugibt, vor allem für die Interessen einer Klasse sorgen zu wollen? Was England betrifft, so hat es selbst schon die Antwort gegeben,-aber die Frage ist ebenso wichtig für uns Juden in Palästina. Der' Waad Leumi verlangt Garantien für die „Me* thoden der Volkszählung"; Man lese genau über diese Garantien und man wird sehen,'daß sie in der Hauptsache in einer einzigen Forderung bestehen: Die Regierung soll eine „entsprechende" Zahl von jüdischen Zählbeamteh beschäftigen — gemeint sind wahr» scheinlich Mitglieder der Arbeiterorganisation der Histae druthi Das ist seht schon. Aber was hat das mit der Sache selbst zu tun? Wo ist das Gegengift gegen die große Fäl* schung und das große Verbrechen? Nur Arbeit beschaffen für Histadruth-Mitglieder und schon, sind >,wta" zufrieden. Dajenu! Und der Waäd? Leumt-fordert alle* Juden-des Jischuw auf, zu erweisen, daß die Bemühungen der Regie* rung, die Tore Palästinas zu, versperren,; glänzend gelungen sind, daß der, Jischuw,in der Tat eine,kleine Minderheit ist und ihm nur eine kleine Vertretung im künftigen Pars lament. gebührt.. ... ..., . c Ich -muß ein bitteres Wort sagen —! eine Frage; die sich auch jeder ehrliche Linke stellen muß.- Was soll da*?; Wenn morgen ein Scheiterhaufen für Juden errichtet wird, wird auch dann die einzige Forderung die sein, daß man auch jüdische Arbeiter dazu verwende? Zehn Jahre lang kämpfe die Palästina^Regierung - ununterbrochen gegen die jüdische Einwanderung. Jetzt will sie sich vor der ganzen Welt dieses schönen konstruktiven Erfolges rühmen. Sie sammelt Material, um sich morgen auf die Käthe v.Nagy *» Fritz GrUnbaum und Heinz RUhmann n Meine Fraii, die Hochstaplerin El* übermütiger fy'™m^$£nnm Produktion« Bruno Ouday. Manuskripts E.Wolff. DK Pr. Zaoksndarf, Ph. L Mayrlng. Musik Willi Kollo, Regle t Kart Btrron Weitete Hauptdarsteller : Alfred Atief. Hermahn Wflllentln. Maly DelsöhS« AI hsutsi Oartonbaii-Klno, l. / Ufa-Ton»Kino, II. Stafa-Kino, VII. / Kolosseum-Kino, IX. Tatsache berufen zu können, daß die Juden weniger als ein Fünftel der palästinensischen Bevölkerung sind und demgemäß auch keinen Einfluß auf das Geschick des Landes haben dürfen. Und dazu soll man ihr noch helfen, alles nur deswegen, weil man einigen jungen jüdischen Leuten Arbeit gibt? Eine Volkszählung zu verhindern ist die einfachste Sache der Welt. Antworte nicht und sag' deinem ■Nachbar, daß auch er nicht antworte, und die Volks* - Zählung ist zerstört Wenn Taüsende nicht mitmachen, verliert die Volkszählung ihren ganzen politischen Wert als Beweis. Ich weiß, daß man für)lNichtbeantworten bestraft werden kann. Aber erstens kann man Tausende nicht in den Kerker werfen und zweitens denk daran: Wenn die Fälschung gelingt, werdet ihr teuer bezahlen. *.....■ Eines von beiden': •'W.^^^p. das Parlament zu* lassen oder ..es 'beimpfeni^^e|^ttiwort 'ist klär: Mit Ausnähme/>miger Dutzen<f, sj^ö^airenegaten (der Ausdruck ist scharf, aber ern gehört dem Ofterrn Nahum Soko» low noch . aus. den Tagen , des* .Krieges) ist jeder Jude gegen den Parlamentsplan der Palästina#Regierung. Wenn dem so ist, muß der Kämpf sofort beginnen, denn diese Volkszählung ist nichts Geringeres als der erste Akt des großen und häßlichen Verrats. < ' MacDonald Auf dem letzten 2iöriistehkohj|(reß -ifir Basel 'gä\5 es einen hef tigen Streit um "den öhglis^h^nj'Mmis%e^ ten Mac Don ä 1 d und seine^egiMüng^ o* n i s t i s c h e O p p o s i t i ö n und5 'der 1 Führeri:&8r' amen* kanischen Delegation, Dr. Stephan Wise, legten feier* lieh Verwahrung gegen die hinterhältige und wort« bruchige Politik MacDonaids^ein, Welche — \ allen;: 'Met* liehen" Versprechen; spottend H-s--:.die jüdische .'Arbeit in Palästina unmöglich macht. Diese Haltung erregte den Zorn der damaligen zionistisohen -Leitung undderzioni# stischen Linken. Präsident Weizmann forderte vom Kon« greßpräsidium, es möge Dr. „Wise das Wort entziehen Verband demokratischer 3SIon«sten Mittwoch, 21. Oktober 1931," üfir */• 9 Uhr afceftttfr:, im «erzl- Saal 4es Verbaridshßlms^U Uüterfr. Augwtenatfäße 38 ' V O R T R A Ö'tt- . "'RiäerentYijWilii^ .. "f ■' Gegenstand» s-. -n&s SSA'^^'^r.'^v- „Die Juden und die WirUchatt»Krlae" Regiebeitrag 20 g * v - und von der linken Seite her wurden die Revisionisten mit wilden Drohungen bedacht. Man fand es unbegrelf* lieh, daß Zionisten es wagen, die verehrten. Führet der großen englischen Nation zur Rechenschaft zu ziehen. Rabbi Dr. Stephan Wise entging knapp der körper* liehen Mißhandlung. Die Bezeichnungen „Lügner", „frecher Verleumder" mußte er allerdings in Kauf nehmen. Alles darum, weil er den Treubruch MacDonalds einen Treu« bruch nannte. * Das Zentralorgan der englischen Arbeiterpartei, „Daily H e r a 1 d'\ schreibt: „Der Premierminister Mac* Donald hat bewiesen, daß er der schwärzeste und schlimmste Verräter ist, den es jemals in diesem Bande gegeben hat..." „Es hat in diesem Lande schon Regierungen gegeben, welche die ärgsten politischen. Vers brechen begangen haben; Aber keine hat so zynisch den Wortbruch betrieben wie die Regierung MacDonalds." Das Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, „Arbeiterzeitung", sagt: „Ein Ueber* läufer, den die Geschichte richten wird..." * i Diese knappe Auslese dürfte dazu beitragen, den Zorn gewisser Zionisten,* welche durch die Kritik an der geheiligten Person MacDonalds damals so empört wurden, etwas zu besänftigen. Die Zionistische Opposition auf dem Baseler Kongreß ist eben den Engländern in der Erkennt* nis der Zuverlässigkeit und Treue MacDonalds etwas vorausgeeilt. Kein allzu großes Verbrechen. Was nicht im Baedeker sieht Die einen beschweren sich i Es gibt eine Sorte von Menschen bei uns, die sich immer wieder beschwert, mit vielen Dingen unzufrieden ist, in der Hauptsache mit jüdischen. Und diese Menschen melden sich, so oft die ersten Schwalben kommen und gehen, zur Sommers- und zur Winterszeit. Eis gibt nämlich iri Oesterreich einen Fremdenverkehr, der leidet, u. a. auch verteufelt am Judenproblem. Dje Zeitungen in Oesterreich haben Beschwerderubriken, eine dieser leitet ein Mann namens Ludwig Hirschfeld, ein Typus jeher israelitischen Schreiber, deren Tätigkeit auch darin besteht, einen bestimmten Kreis österreichischer Geistigkeit und Fremdenverkehrtheit zu repräsentieren. B«i dieser Gelegenheit nimmt er auch rein jüdische Beschwerden entgegen, natürlich'solche, die das israelitische Unbehagen in der österreichischen Kultur zum Inhalt haben. Da meldet sich in seiner Rubrik ,iBeschwerdebuch-'' („Neue Freie Presse") ein konfessionell verwandter Rechtsanwalt im Namen des Skitontistenklubs Oesterreichs und führt bewegte Klage über einen Tiroler Wirt, der sich geweigert v hat, bei sich zu Weihnachten auch die jüdischen Mitglieder des Klubs aufzunehmen — nach der Devise seines Prospekts. «Semiten unerwünscht". , Bisher pflegten sich die Israeliten darüber zu beklagen, daß man sie nicht gerne möge, obwohl sie vollberechtigte, gut deutschgesinnte Staatsbürger seien. Und das hat nichts genützt. Unser Beschwerdeführer bringt bei' unserem Hirschfeld eine Neuerung an. Er sagt: „...bedauerlich, daß in einer Zeit so großer wirtschaftlicher Not ein immerhin ansehnlicher Geldbetrag ins F.&M.JPIRA VI, AmerlingstpaBe I ■ OKORONDBT 18*3 : HER REN-MAS8-ATELIER Qnalitätswire. besle AustOhrnng Wir kauten Kassa ein und verkaufen nur gegen Barzahlung. Demsufolge billige Preise. In fremden Totenkleidern Von Jona Rosenfeld. . (Schluß) Aiber den richtigen Triumph über Reib Do vidi feierte mein Vater während der hohen Feiertage; in diesen Tagen drückte er ihn ganz an die Wand, den armen Reichen. Mein Vater-war nämlich nichts: Geringeres als Vorbeter vor dem Schofanblasen, der Ansager der Tekioth, und das ist keine kleine Ehre. Außer, daß man überaus fromm sein mußte, um zu dieser heiligen Arbeit zugelassen zu werden, mußte man noch dazu ein edler Jude sein, und der reiche Weinschenker war keines von beiden. Es zitterte zwar an diesen Tagen die Haut "> auf ihm, .man konnte das sogar an den großen Spenden : erkennen, die er am Vortag des Jörn Kippur austeilte, ' und an den großen Almosen, die er in die am Eingang der Schul angebrachten Büchsen warf. Und noch etwas ' tat er, was zumeist ungebildete und emporgekommene Reiche tun: am ganzen langen Jörn Kippur-Tag stand er auf den Beinen. Aber gegenüber dem Vater kam er dennoch nicht auf. Denn wenn dieser die Tekioth ansagte, fiel Schreck und Ehrfurcht über die Betenden. Er sagte sie nicht, er weinte sie nahezu hinaus, in Klagelauten und mit zitternder Stimme. Eine andere Ehrung für den Vater war das Neila- Gebet. Er war zwar weder- Chasen noch Vorbeter, mein Vater, aber nach Brauch des Städtchens, mußte der frömmste und edelste Jude das Neila-Gebet sagen, und natürlich konnte Reb Dovidl diese Stufe nicht erreichen. So mußte man wirklich Mitleid mit ihm bekommen, wenn man sah, mit welchemj'Respekt und welcher Ehrfurcht er bei diesen Gelegenheiten meinen Vater ansah, und es traf sich obendrein, daß sie einander Gesicht zu Gesicht gegenüberstanden. Denn der Platz Reb Dovjdls war der erste beim Vorbeterpult, so daß sie unwillkürlich dann und wann einander mit den Augen streiften, diese zwei. Feinde im geheimen, die zwar nie miteinander stritten, aber auch nicht einmal am Vor-Jom-Kippur-Tag sich versöhnten. So ging das jahrein-jahraus, bis sich folgendes ereignete: Meine Mutter wurdex krank und im Haus gab es keinen Heller, und ein Kranker ist nicht Sabbat, den man mit einem Stück Hering abfertigt. Einen Kranken muß man laben, und man braucht sogar einen Arzt für ihn. Deshalb auch sah raein Vater damals nicht gesünder aus ais meine kranke Mutter. Er geht im Zimmer auf und ab, kaut am nicht besonders üppigen Bärtchen, und wie er es so in der Hand hält, das mißratene Bärtchen, sieht man es auch nicht mehr. Und es sieht aus, als hielte die knochige Hand das Kinn und nicht den Bart. Keine Rettung für die Mutter. Nirgendwo Geld zu borgen, es sei denn gegen ein Pfand. Und überflüssige Dinge im Haus gab es auch nicht. Höchstens konnte man ein Kissen oder eine Pfanne oder beides zusammen versetzen; denn was konnte man schon auf eines dieser : Dinge allein bekommen! Ein ganzer Tag verging, um die Mutter stand es schlimmer, und alle Anzeichen waren dafür da, daß sie in eine ernste Krankheit hineingerate. »Der Vater sah schlimmer aus als gestern, statt des gestrigen Bartbeißens kam etwas Neues: er schob „die Jarmulke auf dem Kopf hin und her, bald rückte er sie näher an die Stirn, bald schob er sie hastig zurück auf den Hinterkopf. Am selben Tag, nachmittags, rief mich der Vater beiseite in die Küche und raunte mir still ins Ohr, zu unserem Verwandten zu gehen, um drei Rubel zu borgen. Ich solle sagen, die Mutter sei krank geworden, ein Arzt sei nötig, man werde für ein Rezept bezahlen müssen und noch für andere Dinge, die ein Kranker braucht. Ich machte mich mit meiner ganzen jugendlichen Begeisterung auf den Weg, und als ich' bereits ein hübsches Stück Wegs hinter mir hatte, rief mich der Vater zurück. Als ich^wieder im Zimmer war, sah ich auf den Tisch unsere milchige Pfanne und drin in ihr lag unser ailter Kiddusoh-Becher, den mein Vater vom Ur-Urgroßvater geerbt hatte, und eine Gewürzbüchse, die auch ein Erbstück von irgendwem war und die mein Vater zur Hawdalah benützte. Diese drei Sachen waren in ein gut zusammengeknotetes Tischtuch gehüllt, das mein Vater mir auflud, worauf er sagte: „Nun, wirst ihm diese drei Pfänder geben. Er soll nicht glauben, daß er mir die drei Rubel schenkt Wirst .so zu Ahm sagen: „Reb Dovad, der Vaiter bittet Euch, ihm drei Rubel zu leihen, denn die Mutter ist sehr krank. Und hier habt Ihr Pfänder für Euer Geld. Wenn Gott hilft und die Mutter gesund wird, wird der Vater ohne Zögern vom ersten Verdienst, den ihm Gott zuschicken wird, es zurückzahlen mit Prozenten. Hast du dir'e gemerkt, oder soll ich dir einen Zettel schreiben?" Ich wiederholte alles, Wort für Wort, so daß der Vater lächelte, seine Hände auf meine Schultern legte, mich hinausbegleitete und mir lange, lange nachsah, und ich schon glaubte, er Wolle mich wieder zurückrufen w*e früher. Auf dem Wege machte ich mich auf alles gefaßt beim Reichen, auf das Beste und das Schlimmste zu-