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Die neue Welt · 1931-10-09 · Heft 212 (9.10.1931) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 212 (9.10.1931)
Date
1931-10-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 1 DIE NEUE WELT Nr. £12 mmmmmmmmmmmmmmmmammmmmmmmtmmmmmmmm H m S«Mn>WtM, «uek Tausa« I Mil—toiHa ■■bmmhmmhhmmm^^ beileibe nicht etwa aus Bescheidenheit — sondefn aus einfachem Am*Haarzuth, aus Unwissenheit. Es ist kein Zufall, daß wir an den Jichuß der anderen appellieren. Wir kennen ja nur den. Wir wissen nicht, was Jehuda Halevy für die Sprachwissenschaften, der Talmud für die Jurisprudenz, der Rambam für die Medizin, Gersonides für die Mathematik, Joseph Nassi für die Steuerpolitik der Welt bedeuten, weil sie ja schon in ihrem ureigensten, dem jüdischen Gebiet, uns selbst nichts mehr bedeutend. Es kann uns jeder imponieren. Jeder fremde Rowdy und jeder Schriftsteller. Denn unser eigener Adel imponiert uns nicht mehr." Prozesse in DeiitsdiBand „Auch Rathenau war ein freundlicher Herr!* Hamburg, 4. Oktober. Vor dem Hamburger Schwurgericht fand der Prozeß gegen den rechtsradikalen ehemaligen Po 1 i z e i o b erwach tmeister Pohl, der am 13. März d. J. im Hambungier Polizeipräsidium! den ihn in einer Disziplinarsache vernehmenden Regier.u-agsrat Lassa 11 y zu erschießen versuchte und schwer verwundete, statt. In seiner Vernehmung erklärte Pohl, daß er die Tat absolut nie »h t bereue. Ueber die Motive der Tat sagte Poilvl aus, er habe sich über die freundliche Art La ssallys, der ihn wagen seiner Propaganda für den Nationalsozialismus unter der Poiizeimamnsdiaft disziplinarisch zu vernähmen hatte, geärgert und habe sich dagegen gewehrt, daß ein Jude einen Nationalsozialisten in saldier Weise vernehmen dürfe, es habe ihan nicht gepaßt, vor einem jüdischen Republikaner stramm stehen au müssen. (Lassally ist Abkömmling einer angesehenen Hamburger jüdischen Familie, ist aiber aus dem Judentum ausgetreten.) Für die politischen Zusammenhänge des Attentats list bemerkenswert, daß Pohl der nationalsozialistische Abgeordnete Frank II (München) als Verteidiger angeboten worden ist. Nach der Tat eiihielt er eine Glfückwunschikarte, die die Worte erotihöelt: „Für Dich ist gesorgt, nieder mit der J u d e n r ep ub Ii k!" Der als Zeuge vennommene PolizeiWachtmeister Knoop kennzeichnete Pohl aito Judenhasser, der schon 1928 erklärt hat, die „Judenregderung" müsse aufgehängt werden. Dann wurde als Haupt zeuge der durch den Revolveraaischlag Pähls schwer verwundete Regierungsrat Lassally vernommen. Er erklärte, daß er beauftragt gewesen sei, drei Polizeibeamte wegen n a t i o na 1sozialistiscther Betätigung zu vernehmen. Er habe für Pohl sogar beiim Polizeipräsidenten eine mildere Bestrafung verlangt als die beantragte Dienstentlassiunig. Er seri also nidit voreingenommen gegen Poihl gewesen. Der Oberstaatsanwalt führte in seinem Plaidoyer aus, ursprünglich sei angenommien worden, daß Pohl öfter als einmal geschossen habe, deshalb beruhte die Anklage auf versuchtem Mord. Das hat sidi als unzutreffend erwiesen. Der Oberstaatsanwalt kommt au dem Schluß, daß Pohl des versuchten Totschlags schuldig sei und beantragte unter' Versagimg mildernder Umstände die Mindeststrafe von fünf Jahren Zuchthaus. Das Gericht verurteilte Pohl lediglich wegen Totscihlagsversucihs mit zwei Jahren Gefängnis, unter Anrechnung der Untersuchungshaft von 6echs Monaten, und führte in der Begründung aus, Pohls Attentat sei eine reine Affekthandlung gewesen. Auf die Frage, warum er den Regier-uugsrat Lassally, der doch so freundlich zu ihm gewesen sei, .habe töten wollen, sagte Pohl: „Auch Herr Rathenau war ein freund\ ich er Herr!' (Rathenau wurde bekanntlich von den Gesinnungsgenossen Pohls erschossen.) Der nationalistische Ueberfall vor Gericht Kassel, 4. Oktober. Vor dem Schöffengericht in Kassel fand der Prozeß gegen mehrere Schüler der Kolonialschule in Witzenhausen statt, die in der Nacht vom 4. bis 5. August 19? 1 das Lager der Brith Ilaolim (JiUiagjüdtiscber Wanderbund) in Wendershausen bei Kassel überfallen hatten. Vom 2. bis 5. August fand im Dorfe Wendershauseu bei Kassel der diesjährige Bundestag des Brith Haolim unter Beteiligung vou 460 Mitgliedern aus ganz Deutschland statt. Ein Teil der Delegierten übernachtete in einer Sdieune. Eine größere Gruppe nationalsozialistisch gesinnter Schüler der Kolanialsciiule de* benachbarten Witzeniiausen, in der Stärke von etwa 40 Mann vereuchte in der erwähnten Nacht in die Scheune einzudringen. Der Ueberfall konnte jedoch von Mitgliedern des Brith Haolim noch vor Eintreffen der Polizei erfolgreich abgewehrt werden. Die Angreifer wurden von den sofort alarmierten Mitgliedern des Brüh Hfurikn gezwungen, fluchtartig da« Weite zu MMtat wobei aia 4b den KkacVa** «üe Wmi durchschwimmen mußten. Bei dem Zusamiuienistoß gab es auf beiden Seiten einige Verletzte. Im Laufe der Nadvt führte die Polizei in der Witzenhattsener Kolonialschule eine Untersudiung durdi, wobei 60 Schiller, deren nasse Kleidung sie als Teilnehmer an dem Ueberfoll verriet, verhaftet wurden. Bei einem der Verhafteten wurde ein scharfgeladener Revolver gefunden. Die Angeklagten Sehelper, Lange-Beckmann, Dinkcilacker, Bhrhard, Hoffanann, Sedbert, Kannegießer und Birlbatiier wurden von der Anklage des Landf riedcnsbriuches freigesprochen; Krummbügel, Horst Otto, Fritz Otto, von Mohrensdiiklt und Schreiiber wurden wegen Landfriedensbruohes zu je vier Monaten Gefängnis, der jugendliche Hans Otto zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt Gandhi und die Juden Gelegentlich seines Gespräches mit einem Vertreter des „Jewish Chronicle", über das wir an anderer Stelle („Palästina und Rourid-Table-Konferenz") berichten, äußerte sich Mahatma Gandhi nach einer Mitteilung der J. T. A. noch folgendermaßen: „Meine Ansicht über die Juden ist die, daß ich mich zu ihnen sehr hingezogen fühle, zunächst aus selbstsüchtigen Gründen, denn ich habe sehr viele jüdische Freunde; dann aus einem viel tieferen Grund; da sie einen wundervollen Geist des Zusammenhaltens gezeigt haben. Wo immer man Juden findet, trifft man den Geist der Kameradschaft unter ihnen an. Außerdem sind sie, ein Volk mit einer Vision. Wenn icli das ohne Ueberhebung sagen darf, so realisieren sie nicht die ganze Bedeutung dieser Vision. Icli werde häufig gefragt, ob ich die Juden als auserwähltes Volk ansehe. In gewissem Sinne kann ich mit Ja antworten, aber jedes Volk betrachtet sich als auserwählt." Gandhi erklärt, daß er zu seinem s Bedauern noch nicht in Palästina war, aber hoffe, eines Tages hinzugehen. „Ich gehe gerne hin, denn ich habe so vier Uber das Heilige Land gelesen. Der A n t i s e m it is m u s ist wahrlich ein Ueberbleihsel des Barbarismus, Ich habe nie die Antipathie gegen die luden verstehen können. Ich habe Zangwills „Kinder des Ghetto" gelesen und daraus erfahren, welch ungerechte Verfolgung die Juden durchzumachen' hatten, und ich fühlte damals, wie ich heute fühle, daß diese Verfolgung, wie ich es mit allem Freimut sagen darf, ein Licht wirft auf die, die im Namen des C h riefe n t ü m s diese leidende Rasse verfolgen. Eine Heilung dagegen? Die Christen müssen die Tugend der Toleranz und der. Menschenliebe lernen und die J u d e n sich auf( den Ursprung besinnen, von dem sie gekommen sind." Judendebatte auf einer internationalen Studentenkonferenz Aus New York wird berichtet: Auf der Jahreskonfereuz des Internationalen Studenten- Di e n s t e s, die an der Mount Holyoke University in Mass achusetts abgehalten wurden „und. .der einige .hundert Delegierte aus 39 Ländern beiwohnten, war eine Sitzung der Aussprache über die Rassen p r o b 1 e m e gewidmet. Der Präsident des deutschen: Studentenverbandes H. Schulz, erklärte im Verlaufe der Debatte, daß 65 Prozent aller deutschen Studenten Nationalsozialisten seien. In Deutschland sei der Antisemitismus nur intellektueller Natur, es herrsche kein Numerus clausus, obwohl der Anteil der Juden an Presse, Theater, Literatur und Erziehungsinstitutionen den Anteil der Juden an der Bevölkerung übersteigt. Der Antisemitismus in Deutschland, werde schwinden, sobald die Juden aufhören, sich auf kulturellem Gebiete vorzudrängen. James Parkes, einer der Führer des Internationalen Studentendienstes, der nadi Sdiulz das Wort ergriff, gab seiner Verwunderung Ausdruck, daß die Deutschen ihre so starke Kultur von jüdischem Einfluß bedroht sehen. Alle diese wissenschaftlichen antisemitischen Theorien, sagte Parkes, seien ausgeklügelt worden, um dem militanten Antisemitismus eine Grundlage zu geben. Hinter all dem steckt Brotneid. Ein amerikanischer, jüdischer Student fragte Schulz, ob er glaube, daß Prof. Einstein mit seinen Entdeckungen hätte warten sollen, bis festgestellt Wird, ob die jüdische Quote für wissenschaftliche Entdeckungen ausgefüllt sei oder nicht. John W h i 11 a w schloß die Debatte mit der Erklärung, es könne nicht geleugnet werden, daß es auch in Amerika ein jüdisches Problem gibt. Jedermann weiß, wen und was Ku-Kux-Klan vertritt. Aber wenn schon ein Amerikaner seinem Haß gegen einen Polen, Italiener oder Juden Ausdruck gibt, wird es ihm nicht einfallen, 6ein Gefühl in ein i nt e 11 e k t u e 11 e s M ä n teJ c h e n z u hüllen. Er wird aufrichtig sagen: »Ich Uebe ihn nicht, weil er nicht meinesgleichen ist". Abermals 4 Haupttreffer in der abgelaufenen Kla§§enlotterie mit Schelhammer - Losen gewonnen I In der mit gestrigem Tage beendeten 25, Klassen' lotterte wurde sowohl der Haupttreffer von S 100.000.—, welcher mit dem Los Nr. 3733*. dann von S 4Q,ootW, welcher mit dem tos Nf. 3057? in der V, Klasse gewonnen, als auch der Haupttreffer der I. Klasse von S 40.000.—, der auf das Los Nr. 41764, dann der Haupttreffer der II. Klasse von S 60.000.—, der «nf das Los Nr. ,3692? eiitfiel, nebst «ahlreichen anderen Treffern mit vom Bankhause Schelhamtner & Schattera, Wien» I., Stefansplatz Nr. Ii, verkauften Losen ge- 30 jährige Frau Tüchtige Wirtin, mit Nähkenntnissen, sucht Stelle als Hausdame oder Wirtschafterin Unter: „Eventuell rituell" an die Adm. dieses Blattes Bedeckter Kopf und Staatshymne Aus Prag wird gemeldet: Vor dem Bezirksgericht in Uzhorod hatte sich der Kaufmann Jakob Tauber wegen Beleidigung des tschechoslowakischen Staates zu verantworten. Tauber hatte am 28. Oktober, dem Staatsfeiertag, dem Vortrag der Staatshymne auf dem Hauptplatze mit bedecktem Haupte zugehört, während alle anderen Passanten den Hut abgenommen hatten. Der Vorfall spielte sich an einem Freitag Abend ab und Tauber weigerte sich auf Aufforderung der Polizisten, den Hut abzunehmen unter Hinweis darauf, dafl er als orthodoxer Jude die Vorschriften, insbesondere am Sabbat, nicht übertreten wolle. Obzwar die Sachverständigen bestätigten, daß Tauber den orthodoxen Sitten entsprechend gehandelt habe, wurde er dennoch bedingt verurteilt, da das Gericht feststellte, dafl Tauber unter seinem Hut noch ein Schabbes-Käppchen getragen habe und daher, selbst wenn er den Bat abgenommen, sein Haupt nicht entblößt und den religiösen Gesetzen nicht zuwidergehandelt hätte. Jüdische Einwanderung nach Brasilien Paris, 4. Oktober. (J. T. A.) Wie die Direktion von ,,Hias-Ica-Emiigdirect** mitteilt, ist es dem Vertreter der Ica in Rio de Janeiro gelungen, ausnahmsweise Einreiseerlaubnisse fiiir Emigranten, die in Brasilien Verwandte halben, au bekommen. Die Verwandten der betreffenden Auswanderer in Brasilien müssen sich ddeabezügilich am die lokalen Komitees der „HICEM" (in Rio de Janearo, Sao Paulo und Porto Alegre) wenden; diese Komitees erledigen sämtliche Formalitäten, die zur Eriaaiguang einer Emreaseberwillftgumg unerläßlich sind. Gleichizextig wird a»B Bio mitgeteilt, daß das Immigratiomsamt beim Ministeriutm des Aeußern dem Komitee ,yHIGEM" eine Meldung zugehen ließ, laut welcher von nun ab das erwähnte Ann* keinerlei unentgeltliche Schliffssowohl wie Eisenbahnkarteji für die Weiterreise ans Rio de Janeiro in das Innere des Landes den Emigranten gewähren wird. Die Direktion von Haas-Jca-Bmig* direct ermahnt alle jüdischen Emigranten, die sich nach Brasilien begeben, sich noch vor der Abreise nach' Uejbersee (nicht n>w mit einer SchirSskarte, sondern auch, mit der nötigen Summe für die Reise bis aoan BeßtimmTingsort zu versehen. Die Juden im Burgenland Von Ludwig Bato. . Die Feier der zehnjährigen Zugehörigkeit des Burgen* kndes zu Oesterreich rückt wieder einmal diese anmutige, buntbevölkerte Landschaft in den Mittelpunkt des Inter« esses. Oft wird hiebei an die jahrtausendealte innige Verbundenheit der neugewonnenen Provinz mit Oester* reich, dem es schon einmal — es war in den Jahren 1491 bis 1647 — angehörte, erinnert. Die Beziehungen zwischen den Juden des Burgen« landes und denen der übrigen Österreichischen Bundesländer sind besonders eng geknüpft und — was historisch ganz merkwürdig ist — wechselseitig. Sind doch die Juden des neuen Bundeslandes zum großen Teile Nachkommen der im Laufe der Jahrhunderte aus Niederösterreich und Steiermark vertriebenen Juden, und zahlreiche jüdische Familien in Wien und an der ganzen Südbahnstrecke bis nach Graz hinunter führen ihren Ursprung auf das Burgenland zurück. Sie sind daher im Grunde genommen Rückwanderer. Nahezu dreihunderttausend Seelen zählt das Burgen« Und, davon viertausend Juden, deren Bedeutung für die österreichische Judenheit jedoch nicht nach der Zahl gemessen werden darf. Ihre historische Vergangenheit, ihre Verwurzelung im Boden des althergebrachten Juden* tums, ihre „Jüdischheit" geben ihrem Vorhandenseit ein Gewicht, das weit über das Zahlenmäßige hinausgeht. Sieht man sich den schmalen Landstreifen genau an, der vor einem Jahrzehnt der Republik Oesterreich ange* schlössen wurde, so fällt vor allem die strenge Teilung zwischen dem nördlichen und dem südlichen Burgenland auf. Und geht man dem Grunde nach, so merkt man erst, daß man es mit einem Lande waschechter magyarischer Feudalherrschaft zu tun hat, wo sich alles, was für die Gegenwart und Entwicklung des Gebietes aussahlag* gebend ist: Siedlungsstruktur, Verkehrswege und Wirtschaft* liehe Beziehungen, kurz und gut alles den .Besitzverhält' nissen zweier mächtiger Adelsfamilien anpaßt. Im Norden des Landes herrschte das Geschlecht der Fürsten Ester« hazy, im Süden führten die Grafen Batthyany das Zepter. Auch die jüdische Siedlung des Burgonlandes schmiegte sich in ihren äußeren Bedingungen diesen Ge* gebenheiten an und so entstanden im Laufe der Jahr* hunderte zwei Gruppen jüdischer Gemeinden, die mit* einander nur in lockerem Zusammenhang standen. Im nördlichen Gebiet, an beiden Ufern des Neusiedler Sees, sind die berühmten „Schewa Kehilot" (sieben Gemeinden) gelegen: Deutsch*Kreutz, das unsere Väter noch „Zelem" nannten, Eisenstadt, hebräisch ab* gekürzt „Asch", Frauenkirchen, Kittsee, Kunersdorf, Leckcnbach und Matteradorf, seit kursem „Matteraburg"

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