Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 212 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mr. 212 DIE NEUE WELT Sciie 3 diese Vorschläge zvl diskutieren. Diese Vorschläge liefen darauf hinaus, die Wahl eines Präsidenten des Moslemitischen Obersten Rates alle neun Jahre neu stattfinden zu lassen. Die Unruhen im August 1929 haben jedoch die Veröffentlichung verzögert. Zuletzt wurde diese Angelegenheit wieder aufgenommen und es wird erwogen, die Vorschläge der Kommission zu verwirklichen und noch in diesem JaJirc die Neuwahl des Präsidenten des Obersten Moslemitischen Rates auszusehreiben. Es wird als illegal und als unratsam empfunden, daß die Aemter eines Mufti von Jerusalem und eines Präsidenten des Obersten Moslemitischen Rates in ein und derselben Person vereinigt bleiben. Schaukat Ali wird jedenfalls am 2. November, dem Jahrestag der Ba 1 f ou r - D ek 1 a r a ti o n, auf einer an tizdonis tischen Demonstrationsversammluug in der Londoner Albert Hall das Wort ergreifen und. wie er ankündigt, eine Botschaft des Groftmufti verlesen. Die arabische Offensive in London ist also in Gaivg. Jabotinsky hat kein Gesuch um Einreise an die Palästina-Regierung gerichtet Am 16. September hat der ehemalige Minister Oberst Josiah Wcdgwood im englischen Unterhaus den Kolonialminister Thomas aufgefordert, die Einreiseverweigerung, welche von dem früheren Minister Passfield gegen Wladimir Jabotinsky erlassen wurde, rückgängig zu machen. In dem Berichte über diesen Vorfall hatte die Jüdische Telegraphen- Agentur (J. T. A.) bemerkt, daß Jabotinsky nach Bildung der nationalen Regierung in England an den neuen Kolonialminister Thomas das Ersuchen gerichtet habe, ihm die Wiedercinreise nach Palästina zu gestatten. In einer Mitteilung an die „Neue Welt" teilt Jabotinsky mit, daß er die Bemühungen seines Freundes Wedgwood um Gutmaolrung des an ihn, Jabotinsky, begangenen Unrechtes zu schätzen weiß, aber feststellen muß, daß er weder an die Palästina-Regierung noch an Minister Thomas ein Ansuchen gerichtet hat. Auf Rechnung der Juden Das Abenteuer des Schauspielers Moissi — Stadträtlicher Luxus Antisemitische Ausschreitungen größerer Art sind jetzt in Oesterreich nicht zu verzeichnen. Aber die poYu tische Atmosphäre in diesem verelendeten Lande ist gespannt und Entladungen, gegen die Juden gerichtet, können jederzeit erfolgen. Jede „jüdische Sensation" kann sie auslösen. Solcher Sensationen hat es nun in diesen Tagen mehr als genug gegeben. So die schon besprochenen Affären der Credit*Anstalt und Amstclbank, in denen Finanzgcwaltige und. Direktoren jüdischer Abstammung eine unrühmliche Rolle gespielt haben, Letzthin die Ge* schichten des Schauspielers Moissi und des allge* waltigen Wiener Stadtrates und Finanzreferenten Br e i t n e r. * Der Schauspieler Moissi hat sich, als Arzt ver» kleidet, in die Salzburger Gebärklinik eingeschlichen und dort einer Entbindung beigewohnt. Zu Studienzwecken! Der auf Reklame« und Sensationssucht zurückzuführende Streich hat viel Staub aufgewirbelt. Unter den wildesten Auftritten und in den heftigsten Tönen zieht die deutsch* nationale und christlichsoziale Presse gegen den frechen: zynischen „Juden" Moissi los, bringt spaltenlange Auslassungen gegen die korrupte jüdische Moral, welche das sittliche Empfinden der christlichen Gesellschaft zersetzt, vor keiner Ausschreitung zurückschreckt und selbst vor dem Schmerzensbette deutscher Mütter nicht haltmacht. Dabei ist Moissi gar kein Jude. Er beeilt sich jetzt, das überall zu verkünden. Seine Frau ist sogar zum Erzbischof _ _ _ _. . J ftivfit engliTct)* tirofft ALBERT HARDT gegfr. 1191 -ss&_ WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o-3-4/ um seinen reichen Verwandten zu behalten. Er hat sie nicht behalten. Er pflegte es offen zu sagen und sich damit zu verantworten, daß er es jenem ans ganzem Herzen gönnen würde, wenn der nicht so unwissend wäre. „Wenn er nicht einmal den Zweck des Betens kennt", sagte er oft aus vollem Herzen, „was drängt er sich vor, was will er überall dabei sein!" Und als Beweis brachte er die anderen Reichen des Städtchens vor, gegen sie habe er nichts, denn die, wiewohl sie edle Juden sind, kriechen nicht aus der Haut, sind nicht überall dabei, wie dieser Niehtwisser, und drängen sidi nicht obenhdnauf wie der. Na, er verzeiht ihm den schönsten Pk<tz an der Misrach-Wand, die schönsten Gebeteshren an Sabbat- und Feiertagen, aber wo es eine Hochzeit gibt, eine Beschneidung, eine Bar-Mizwah oder gar eine Thora-Einweihung, überall ist er der Vorsager, tut den ersten, Segensspruch und nimmt sie den wirklieh Berechtigten weg. filier hätte zweifellos dem Vater der Vortritt gebührt, und deshalb war er nicht nur auf den frechen Nicbtwissev böse, sondern auch auf die gaaze Judengenaeinde des Städtchens, daß sie es zuläßt. „Es ist Schändung des Gottesnamens", pflegte er bei solchen Gelegenheiten zu sagen, „daß ein solcher..." Und er rechnete einen ganzen Zettel vor. Und wollte jemand Reb Dovidl verteidigen, rief mein Vater zornig ans: „Dem Götzen dient ihr, dem Goldgötzen!" Wde schon erwähnt, teilte mein Vater seinen geistigen Reichtum mit den geistig Annen and hiek so von Salzburg gelaufen, um sich ihr und ihres Mannes Christentum bestätigen zu lassen. Aber das nützt wenig. Der Pfeil gegen die Juden ist abgeschnellt. Die Moissi« Sache ist nun einmal eine Judensache. Um so mehr, als sich eine gewisse Sorte von Juden auf die Seite Moissis geschlagen hat. Die von Juden geleitete liberale und sozialdemokratische Presse, welche jede Ausschweifung pikant findet und verteidigt, witzelt über klerikale und nationale „Schnüffelei" und hebt Moissi als Opfer reaktionärer Rückständigkeit auf den Schild. Die anderen hauen zurück. Auf Rechnung der Juden. In den rechtsgerichteten Zeitungen Oesterreichs findet man immer Betrachtungen darüber, daß die jüdi« sehen Führer der Politik und Wirtschaft auf Kosten des armen, dummen christlichen Volkes verdienen, prassen und schlemmen. Der neueste Fall B r e i t n e r läßt jetzt aus diesen Betrachtungen eine Flamme antisemitischer j Entrüstung hoch zum Himmel schlagen. Brcitner, der Finanz« und Steuerreferent der sozialdemokratischen Mehrheit in der Wiener Stadtregierung, ist tatsächlich der wirtschaftliche Diktator Wiens. Er hat sehr schwere, vielfach unerträgliche Steuern auf die Industrie und den Handel gelegt. Man kann sich leicht vorstellen, wieviel Haß gegen den „Juden" Brcitner auf dieser Seite ange« häuft ist. Andererseits haben die Sozialdemokratische Partei und die von ihr abhängige Presse Breitncr mit dem Nimbus des gegen Luxus und Reichtum für das arbeitende Volk kämpfenden Volksführers umgeben. Nun berichten die Zeitungen gleichzeitig über zwei Vorkommnisse. Der in Wien populäre Besitzer eines Vcrguüngungslokals hat Selbstmord begangen und in seinem Abschiedsbriefe mit* geteilt, daß ihn der Stadtrat Breitner mit seiner rück* sichtsloscn Stcuerpraxis zur Verzweiflung und in den Tod getrieben hat. Anderseits wird über die luxuriöse Lebensweise Breitncrs, respektive seiner Frau — übrigens eine christliche Genossin — geschrieben. Schlafwagen* fahrten im Luxuszug, Aufenthalt in Luxushotels der Rivicra, zahlreiche Dienerschaft, Modekönigin usw. Breitner läßt eine Erklärung vom Stapel, die eigentlich eine Bestätigung ist. Ein christlicher Gewerbsmann, der unter den Verfolgungen eines unerbittlichen jüdischen Steuerschinders zusammenbricht. Ein jüdischer Steuer* Schinder und Proletarierführer, der in Saus und Braus lebt. Das gehörige Zusammengemisch gibt einen prächtigen Skandal. Auf Rechnung der Juden. * Die österreichischen Juden müssen bezahlen: Für die Schwindeleien der Bankdirektoren, welche teils ge* tauft, teils ausgetreten sind und insgesamt nie mit dem Judentum etwas zu tun haben wollten. Für den Zynis* mus des Christen Moissi. Für das Luxusleben des in jüdischen Dingen ganz uninteressierten Arbeiterführers Breitner und seiner christlichen Gemahlin. Für die cha* rakterlose Haltung der liberaler» und sozialistischen Presse. Kommen die österreichischen Juden ganz schuldlos in das Gleichgewicht gegen den reichen Verwandten. „Du teilst Geld, .ich teile Thora. Wir werden also sehen." Und es war auch so. Beide lagen auf derselben Waage. Bald senkte sich dem einen die Schale, bald dem andern. Die ganze Woche zum Beispiel, wenn man mit materiellen Dingen zu tun hatte, zog Reb Dovidl die Waagschale der, Aufmerksamkeit aller auf sich. Aber 1 am Sabbatnachmittag, wenn das ganze Städtchen — I außer jenen, die selbst lernen konnten — gekommen j war, um aus seinem Munde Tiiora zu hören, war der j Reiche in den Schatten gestellt. Er selbst kam zwar nicht, Thora zu hören, aber das machte nichts. Und selbst wenn er Sabbatnachmittag in Schul kam und meinen Vater mit den Juden um sich herum antraf, sah sich niemand nach ihm um, und man erkannte klar, daß dieser arme kleine Reiche sich nicht wohlfühle und nicht wisse, wohin mit eich. An den Tisch trat er niemals, sondern setzte sich auf seinen Platz, leimte sich an das Pult, schaukelte hin und her und blickte von ferne auf meinen Vater mit Neid und Verdruß, unaufhörlich an den Zipfeln seines schönen, wohlgepflegten Bartes zwischen zwei Fingern reibend. Bei meinem Vater, der so tat, als sähe er den Reichen nicht, glühten die Wa»genteile, die aus dem dichten Bartgestrüpp hervorguckten, die Augen glänzten vor Freude und Siegesgefühl, daß um den Reichen niemand ist und um ihn so viele Juden, die auf die Worte aus seinem Munde lauschen. (Schiaß folgt) Bltttwallungen, Herzbeklemmung, Atemnot, Angstgefühl, Nervenreizbarkeit, Migräne, Schwermut, Schlaflosigkeit können durch den Gebrauch des natürlichen .Franz-Josef-Bitterwassers oft beseitigt werden. dieses Gedränge? Nein! Man hat sie aufgefordert, jüdisch* bewußte Männer in die öffentlichen Vertretungskörper zu entsenden, und sie haben regelmäßig die nationalen jüdischen Kandidaten durchfallen lassen und Tauf* und Austrittsjuden ä la Breitner gewählt. Man hat eine jüdische Tagesprcsse gegründet, die der Welt schlichtes und ehrliches Judentum vor Augen geführt und dieses Juden* tum achten gelehrt hat, und die Juden haben diese Presse zugrunde gehen lassen. Was jüdisch und anständig ist, kann sich nicht halten. Was verlogen, unanständig und unjüdisch ist, wird gefördert. Und daran bildet sich die nichtjüdischc Welt ihr Urteil über das Judentum. Das Urteil sieht danach aus, und die österreichischen Juden haben eigentlich kein Recht, über unverschuldete Vcrur* teilung und Verleumdung zu klagen. Enkel.♦♦ Die antisemitischen Ausschreitungen am Berliner Kurfürstendamm hatten natürlich eine große Zahl von jüdischen „Protestkundgebungen" zur Folge. Da in Deutschland die zionistische, d. h. die jüdischnationale Organisation — in völliger Verkennung des Sinnes des Zionismus als jüdischer Renaissancebewegung — auf die Beeinflussung des täglichen und politischen Lebens der Juden verzichtet (man nennt das reinen Zionismus), gehen alle diese Proteste von nichtnationaler Seite aus. Es fehlt ihnen daher alles, was man unter „Wahrung nationaler Würde" versteht. Ein monotones Wchgcschrci! Nicht einmal ein Wehgeschrei über das den Juden angetane Unrecht. Nein, sie schreien Ach und Weh, weil diese Exzesse dem deutschen Volke im Auslande schaden könnten. Ach und Weh darüber, daß die Würde, des Volkes der Goethe, Schiller, Kant und Hegel verletzt wurde. Von der verletzten und besudelten Würde des jüdischen Volkes kein Wort. In feiner und kluger Art hebt Esriel C a r 1 e b a c h, der Redakteur des Hamburger Israelitischen Familien* blattes, diesen traurigen Umstand hervor. Es schreibt in einem Artikel „Enkel . . ." u. a. folgendes: „Ich habe alles abgewartet: die Protestsitzung der Berliner Gemeinde, den Thcodor*Wolff*Artikcl, den Erlaß des Innenministers, die Kundgebungen unserer Abwehr* Organisationen, die Urteilsbegründungdes Schnellrichters. Was ich gesucht habe, hat nirgends ge* standen. Es war die Rede vom republikanischen Geist, der Metropole der Moderne, dem Land der Kultur, den Enkeln Schillers und Goethes. Von R a s c h i s Enkeln» — kein Wort. Auch in der Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde haben sie nur von den Schlägern gesprochen, nur an ihren „Jichuß" appelliert, den Ruf ihrer Vorfahren, den ihrer Großväter. Von den Geschlagenen aber, von deren Adel, deren Großvätern, deren Erbe — nicht, gar nichts. An sich ist es ja belanglos, ob man in solchen Resolutionen Maimonides oder Weimar zitiert. Aber es ist doch bezeichnend. Und wert, festgehalten zu werden. * Es ist bezeichnend dafür, daß wir unseren eigenen Jichuß vergessen haben oder ihn zumindest nicht im Munde führen. Den der anderen aber — bei jeder passenden und unpassenden Ge« legenheit. Wenn man uns schlägt, regen wir uns nicht darüber auf, daß das am ersten Kulturvolk der Welt geschieht, am geistig regsten Bevölkerungsteil Deutschlands, sondern darüber, daß es Studenten sind, die das tun, Schüler von Kant und Hegel. Wenn man uns beschimpft, schmerzt uns nicht, daß man Enkel von Jesaja und Gabirol, Brüder von Einstein und Rathenau schmäht — sondern daß es in einem Land geschieht, das seinen „Knigge" hat . . . Und wir glauben, im Ausland würde unser Protest wirken, wenn wir davon reden, was aus den Enkeln von Goethe und Schiller geworden ist. Falsch! So bekommt das Ausland höchstens Mitleid mit den Deutschen. Wir aber wollen doch nicht Mitleid, sondern E n U rüstungl Und das kann man nur erreichen, wenn man zeigt, wer die Geschlagenen sind, wen man gewagt hat zu überfallen, nicht, wer es war, der überfiel. Denn wenn in einem Lande Messerstecherein an der Tagesordnung sind, braucht es deswegen allein noch nicht kulturlos zu sein, Wenn man aber Juden schlägt, dann heißt das: die Zivilisation schlagen, den Geist, die Kultur. Den Mut, so zu protestieren, uns auf unseren eigenen Jichuß zu berufen, uns offen, trotz alledem, das „auserwühlte Volk" zu nennen, haben wir nicht. Aber aillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll. Das Neuesie in der Pädagogik »Hanauer« von I. Herzberg für das Erlernen des Hebräisch-Lesens und -Schreibens und der Anfangsbegriffe der hebräischen Sprache in 38 Lektionen Das beste national-religiöse Unterrichtsbuch überall erhältlich ,"a1Trif"TTfTTT1f'T111TTf",TniTlini1llflll11lttTni11l11ll|lltlltlHir