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Die neue Welt · 1931-10-02 · Heft 211 (2.10.1931) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 211 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seife 6 .DIE NEUE WELT Mr. ffl % ^MMMMMMMlIIMMHMWntnninM^ SIEGM. KORN MEHL 1} OROSWLIIKHHAUIftll Ii Zentrale: IX., Bergga«ge 19, Tel A-17-3*9V q. A-16-9*34 I L i e f e r a n i ö r He iianstalten i] Abteilutiflen fflr «^«PleUch || unter Aufsieht des Ehrwürdigren Kabbinata der lsr. Kulf Ii tusyemeinde Wien AutosuatvIlHitg koatantoa ig (j IX., Barggats« 13 ✓ XVIIi., Wlhrlngaritr. »7 ff £ ['i*r""TT*T"****""*iTTr'irr*'iftmiiiiiii *> imtnni'Tniiiiwii im in ninwiii inm nwn Du hibii ihii hhh ■■iim—wumw .iwiii i 'iiihij i ww hu hiih i i.ijujj.^ M MmmuiuuuarMiiAjfimmuuHiiKiw^ leben von Staat und jüdischer Bevölkerung. Die Juden, denen noch der Schreck der kurzen, aber gründlichen ßolschewikenhcrrschaft des Jahres 1919 in den Gliedern lag, bejahten das neue Lettland und fühlten sich wohl in ihm ... biß die forcierte eowjetrussische Ausfuhr kam. Mit einem Schlag war sowohl der Holzals auch der Flach&markt völlig zerstört und ein in seiner Plötzlichkeit nie dagewesener Preissturz auf dem Weltmarkt schaltete den loü- UiiuMsclten Flachs und das lettlündische Hol/ last ganz aus. Und nun geschah etwas sehr Typisches. Der Staat erklärte: „Wir dürfen unseren Flachs nicht vom Weltmarkt verdrängen lassen", und verkaufte den Flachs zu dem von Sowjetrußland diktierten niedrigen Preis, zahlte aber den f la c h s p r o d u z i c r e Ilde n Bauern den früheren vollen Preis für ihre Produkte — einfach aus der Staatskasse. Der Staat erwies sich in einem kritischen Moment als fürsorglicher Vater für die Söhne der Staatsnation und gab die Haltung des kühlen ..Geschäftspartners" auf. Doch den Juden gegenüber bewahrte der Staat die Haltung des kühlen, „objektiven" Geschäftspartners: die Staatsbank verweigerte den " Juden weitere Kredite, die von den Juden unter ganz anderen .Weltmarktsbedingungen gepachteten Wälder nahm er in der Regel nicht zurück (erst nach vielen Bemühungen ließ er einige Ausnahmen von der Regel zu, indem er die Wälder nnter Verfall der 10 Prozent des Gesamtpreises beirn- . genden Barangabe zurücknahm). Er ließ den Großteil der'jüdischen Bevölkerung erbarmungslos verarmen ...; Diese Gegenüberstellung Flachs—Holz Letten— Juden, ist nur der typischeste Ausschnitt aus dem Verhalten des Staates zur jüdischen Minderheit in Zeiten der Krise. Auf anderen Gebieten der Wirtschaft läßt sich dasselbe Prinzip herausarbeiten, wenn auch die Situation im Falle Flachs — Holz durch das Auftreten des Staates als direkten Geschäftspartner viel eindeutiger ist. Oder: Der verflossene Bankenkrach in Deutschland gab deji Anlaß zu Schwierigkeiten der meisten in jüdischen, zum Teil in deutschen Händen befindlichen Banken Lettlands. (Die lettländischc ßankenkrise hatte anich ih'nerletiländische Ursachen, doch würde ihre Darstellung über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen.) Die Banken schränkten Auszahlungen ein und die jüdische und deutsche Industrie des Landes stand plötzlich kreditlos da. Eine Sanierung wäre nur mit Hilfe der Staatsbank möglich. Doch will'diese von der ganzen Angelegenheit nichts wissen, unter dem Vor wand, ein direktes Eingreifen ihrerseits würde die Stabilität der letÜändischen Währung gefährden. In der Luft hängen neue Termini: „Minorität e n ba-nken" im Gegensatz zu „lettischen Banken" usw. — So ist Lettland das einzige Land, das die Bankenkrise noch nicht überwunden hat, weil — die Banken „Minoritäten banken" sind . . . Dabei kann von einer bewußten Feindseligkeit gegen die Juden oder die Minderheiten überhaupt wohl kaum die Rede sein; es ist, möchte ich sagen, der „objektive" Antisemitismus, der Antisemitismus der (Galuth-) Umstände, der sich hier quasi „anonym" auswirkt Der Prozeß, der sich in Mittel- und Westeuropa im Laufe von Jahrhunderten vollzog, das Eindringen der „Wirtsvölker" in die von den Juden geschaffenen und besetzten Wirtschaftsgebiete, vollzieht sich in Lettland zusehends. Ein kurzer. TJeberblick über die Ergebnisse der Volkszählungen beweist eindeutig, wie rapid von Jahr zu Jahr der Einfluß der Juden in Handel und Industrie dem Einfluß der Letten weicht Das agrarische Lettland „industrialisiert" siel». Der in der Landwirtschaft beschäftigte Teil der Bevölkerung ging im Laufe von fünf Jahren um 2 Prozent zurück, in derselben Zeit stieg die „industrieRe" Bevölkerung um fast 3 Prozent. Alle Völker Lettla-nds haben Teil an diesem Prozeß, tfech während in der erwähnten Zeitspanne die Zahf der „industrialisierten" Juden 500 betrügt, macht die entsprechende Zahl bei den Letten 41.500 aus. Der Zuwachs der Juden in der Industrie verhält sich zu dem der Letten wie 1:80, während die jüdische Bevölkerung »ich mt lettischen wie 1 :18 verhält! Dasselbe, wenn auch in geringerem Mafie, geschieht im Handel: Den 75 neuhinzugekommenen Juden, die im Handel beschäftigt sind, stehen über 2000 neue Letten gegenüber, die — wie die Rigacr jüdische Zeitung „Friinorgeu" schreibt — „mit einem Enthn- Von der Union der Zionisten- Revisionisten Klavierunterricht Beilegung aller Differenzen Am 28. und 29. September fand in Calais eine Sitzung des Exekutivkomitees der Union der Zionisten-Revisionisten statt, an welcher die folgenden Herren teilnahmen: V. Jabotinsky, der den Vorsitz führte, A. Angel, M. Groflmann, I. Rosoff, J. Schee htm an n, Dr. S. E. Sosk in, R. Stricker, I. Trivus: die Sekretäre des Exekutivkomitees A. Abrahams und Dr. H. Rosenblum; als Gast das Mitglied des Direktoriums des Tel-Hai-Fonds, Herr Ch. Belilowsky. Gegenstand der Beratung waren in erster Linie die nach dem Basler Kongreß 193t innerhalb der Union entstandenen Differenzen in der Auffassung des Verhältnisses der Union zur Zionistischen Weltorganisation. Nach eingehender Behandlung kam es zu einer völligen Einigung in allen schwebenden Fragen. Die Union der Zionisten-Revisionisten bleibt als eine einheitliche Organisation bestehen. Dem Unistande, daß ein Teil der Mitglieder der Union seine Zugehörigkeit zur Zionistischen Weltorganisation weiter nicht aufrechtzuerhalten gewillt ist. wurde dadurch Rechnung getragen, daß künftighin ein Teil der Mitglieder ans N i c h t - S c. h e k e 1 z a h 1 e v n bestehen w ird. Infolgedessen soll der Absatz VIH der „Grundsätze des Revisionismus", welche die Union in ihrer Gesamtheit als integralen Bestandteil der Zionistischen Organisation bezeichnet, in der neuen Fassung der „Grundsätze** aufgehoben und durch die am Schlüsse dieses Kommuniques wiedergegebene Fassung ersetzt werden. Anderseits wurde vereinbart, daß die Frage der Gründung einer „Unabhängigen Zionistischen Organisation" nicht aufgerollt werden soll. Die Vertreter des Exktttivkomitees werden die in der Sitzung angenommenen Vorschläge den bevorstehenden Landeskonferenzen der Union zur Annahme empfehlen. Im Dezember 1931 soll eine a u 11 e r o r d e n tliche Tagung des Parteirates stattfinden, der diese Vorschläge zur Ratifikation vorgelegt werden. Die V. Ordentliche Weltkonferenz der Zionisten- Revisionisten wird im Laufe des Sommers 1932 abgehalten werden. Die vom Exekutivkomitee angenommenen Resolutionen lauten: Absatz VIII der „Grundsätze" wird durch die folgende Fassung ersetzt: I. Die Union der Zionisten-Revisionisten wirbt ihre Mitglieder in allen jüdischen und zionistischen Kreisen, unter der Voraussetzung, daß diese Mitglieder das Programm der Union annehmen, die hieraus entstehenden Pflichten erfüllen und sich der Disziplin der Union unterwerfen. ' Die Mitgliedschaft der Union der Zionisten- Revisionisten wird künftighin nicht auf Schekelzahler beschränkt. II. Die Revisionisten, welche den Schekel entrichten, üben die sich aus ihrer Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation ergebenden Funktionen unter der Leitung der schekelzahlenden Mitglieder des Exekutivkomitees der Union aus. Der Verkehr mit den: Organen der Zionistischen Organisation wird im Namen der Revisionistischen Fraktion des A. C. besorgt. < Die Ausgaben, welche sich aus der Ausübung der in diesem Paragraphen erwähnten Funktionen ergeben, werden aus dem allgemeinen Budget der Union der Zionisten-Revisionisten gedeckt. Die Regelung des Verhältnisses der revisionistischen Gruppen zu den zionistischen Landesverbänden, resp. Arbeitsgemeinschaften^jrHd auf der nächsten Konferenz der Union erfolgen, lit ..te'r Zwischenzeit gilt der Beschluß der Basler Konferenz von 1931 (Zirkular des E. K. Nr. 15/11), demzufolge den revisionistischen Landesverbänden bis zur Konferenz in dieser Frage freie Hand gelassen wird. s d a s mu s von Pionieren bewaffnet sind (genau wie wir in der Landwirtschaft!) -und vor allem mit — billigen Krediten! . . ." II. ' 1 Diesem unaufhaltsamen, „anonym" .sich vollziehenden Wirtscbaftsprozeß, der die Juden als eine Einheit behandelt, steht die jüdische Minorität Lettlands innerlich zerspalten und zerklüftet gegenüber. Ein permanenter Personenkampf der jüdischen Parlamentsabgeordneten schwächt die Position der Juden im vorhinein und lenkt ihre Aufmerksamkeit von dem Ernst der gemeinsamen Interessen auf das kleinliche Kehille-Geplänkel der einzelnen „Führer" ab. So ist zum Vorkämpfer für die Minoritätenrechte, die vom lettländischen Staate in hohem Maße gewahrt werden, die als nationale Minorität kleinste, aber geeinte und disziplinierte Gruppe der Deutschen geworden, die es versteht, ihre Meii nungsverschiedenheiten intern auszutragen und gej schlössen nach außen aufzutreten. Die Deutschen besitzen daher z. B. eine größere Anzahl an Abgeordneten (sechs) als die sumerisch bedeutend größere jüdische Minorität (fünf Abgeordnete) und spielen im Parlament als unabhängige, kleine, aber festgefügte Fraktion eine viel bedeutendere Rolle als die Juden. Sie haben teil an so manchem Koalitionskabinett und entsenden einen Vertrete? in den Rat der Staatsbank. Die Juden und Russen (bei denen die innere Lage der der Juden sehr ähnlich ist) versuchen einzeln, durch jeweiligen Anschluß an einen der großen Parlamenteflügel „etwas herauszuschlagen", wobei sich die jüdischen Abgeordneten nachträglich öffentlich darüber Streiten, ob durch den Anschluß an den rechten Flügel mehr „herauszuschlagen" sei als durch einen Anschluß an die Unke oder umgekehrt... Es ist selbstverständlich, daß unter einer solchen „Führung" die Juden kaum ihre Positionen schützen, geschweige denn erweitern können, ja auch kaum 27(1 einer minimajen Reife in der. Abnützung der ihnen verfassungsmäßig verbürgten Rechte gelangen werden. erteilt staatl. geprüfte Klavierpädagogin (mit Matura) in und außer Hans. Lotte Ederer Wien, XX., KarLMetfif-StraB« 4, n. Stock, Tür 56. Da die .jüdische Minorität auf diese Weise kein parlamentarisches Individuum ist, beschränkt sich die Tätigkeit der Abgeordneten (abgesehen von den kläglichen Kombinationen jedes einzelnen Abgeordneten im Parlamentssaal) auf reine „Fürsprech"-TätagkeiL Zu einer ganz außerordentlichen Fertigkeit hat es auf diesem Gebiet der Vertreter der „Aguda** gebracht. Er ist zu einem „Fürsprecher" ganz großen Formats geworden. Er „hilft" durch „Fürsprache" jedem Juden und jedem „jüdischen Zweck**. Er hat quantitativ sehr viel geleistet. Es kommt, aber weder ihm noch seinen sehr zahlreichen Anhängern zum Bewußtsein, daß jeder „Fürsprache"-Akt eine indirekte Sanktionierung der jüdischen Rechtlos ygk e i t ist und den Weg für eine zukünftige, vernünftige national-kollektive Politik immer mehr erschwert! Jm kommenden Oktober gibt es wieder Parlaiucntswahlen. Unsere Abgeordneten beginnen bereit« ihre Propaganda, wobei ein jeder viel weniger sein rasch zusammengestückeltes „Programm" als die Zahl seiner „Hilfeleistungen" und „Fürsprachen" anführt und seinem „Gegner" allerhand Nachteiliges nachzuweisen versucht. Angesichts der schweren wirtschaftlichen Krise wuchsen innrhalb der Bevölkerung die Tendenzen, eine jüdische Einheitsliste zu schaffen. Eine Gruppe a>us der Provinz lud Vertreter aller jüdischen Parteien und Gruppen zu einer Beratung über die Schaffung einer Einheitsliste ein. Der sehr „beliebte" Vertreter der „A g u d a*\ seines Separaterfolges ganz fidier, kamüberhaupt nicht zur Beratung. Der „Mi s räch 5", der zmrzeit zwei Abgeordnete besitzt, wollte amf sein Recht, in einem bestimmten Wahlbezirk selbständig zu kandidieren, nicht 'verzichten. So kam die Einigung nicht zustande. Die Revisionisten unterstützten aufs eifrigste die Einigungsbestrebungen, und als sie mißlungen waren, versuchten sie, wenigstens eine zionistische Einheitsliste zustande zu bringen. Doch scheiterte auch dieser Versuch an der Ablehnung des „Misraehi" und der „Hitachduth". Interessant ist hiebei die Motivierung der — nunmehr mit den „Poale- Zion" vereinigten — Hitachduth", sie dürfe von nun an nicht mehr mit bürgerlichen Gruppen zusammengehen!! Die Revisionisten Lettlands hatten sowohl bei der Beratung über die all gemein-jüdische als auch über die zionistische Einheitsliste das alte zionistische Programm der Gegenw* a r t s a r b e i t als Plattform vorgesehlagen: Unabhängigkeit von fremden parlamentarischen Gruppen, Kampf um politische, national-kulturelle und wirtschaftliche Rechte auf verfassungsmäßiger Grundlage (im Gegensatz zum „Fürspmchc"-System)ä Schaffung eines Wirtschaftsbeirates aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung, Forderung nach Vertretung im Rat der Staatsbank usw. Dieses Programm war bereits in allen Gruppen (mit Ausnahme der Assimalanten, die gegen das national-kulturelle Programm waren) akzeptiert worden und könnte mit eineim Schlag das Niveau der jüdischen Politik in Lettland bedeutend heben, als die Abgeordneten und ihre Gruppen .alles vereitelten . . . Wir werden also bis ziu den Wahlen wieder den „Kampf* der Abgeordneten um ihre Sitze über uns ergehen lassen und jeden Kandidaten die Zahl seiner „Leistungen" rezitieren hören müssen und bedauern, daß wir wieder einmal einen mehr oder minder geschickten Fürsprecher wählen müssen — statt einer, nationalen, geeinten Vertretung. Die kräftige revisionistische Gruppe wird( sieb, bei diesem „Wahlkampf" notgedrungen reserviert verhalten. Doch bietet sie zumindest eine Hoffnung für die Zukunft. Denn es scheint, daß diese Wahlen eine gewisse Klärung bringen werden. Die „Aguda** ist stark im Kurs gestiegen; ihr Vertreter hat seine fttTsprecherische Funktion am vollkommensten erfüllt. Sie wird wahrscheinlich ein Mandat dem „Misrachd" abgewinnen. Die „Hitachduth** wird es wob! kann» diesmal zu einem Mandat bringen. Der „Bund" wird sein Mandat von seinen geschworenen Anhängern und von der Gnade der sozialdemokratischen Partei wieder erhalten. So wird die Klärung kommen: Zionismus — ein junger, kräftiger, aufsteigender Zionismois, den die Revisionisten vertreten —, Anschluß an die Sozialdemokratie („Bund") und „Fürsprechsebnorrerei** (Aguda) werden einander gegenüberstehen. Dann wird es ein reines Feld geben; dann werden drei Systeme miteinander ringen. Heulte „ringen" aber noch einzelne Fürsprecher untereinander und der Unterschied »wischen ihnen ist im wesentlichen mir ein „quantitativer" . . ,

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