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Die neue Welt · 1931-10-02 · Heft 211 (2.10.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 211 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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N*. 211 DIE NEUIS WELT SWfe % Festsaal 220 Sitzplfitee Vortragssaal zirka 150 Sitzplätze für Veranstaltungen, Versammlungen, Vor« träge, Konzerte, Konferenzen etc. Beratungszimmer gegen mäßiges Entgelt zu vergeben Auskünfte: Varbandshelm II., Untere Augorlenslr. 38 stisch gesinnten russischen Einwohner dieser Stadt sind den Juden feindlich gesinnt. Als nach Beendigung des chinesisch-rassischen Konflikts vor etwa zwei Jahren die russische Besatzung und die Beamtenschaft aus der Stadt zurückgezogen wurden, teilte die offizielle Sowjetagentur Taß mit, daß viele jüdische Familien aus Furcht vor einem von „weißen" Russen angedrohten Pogrom die Stadt verlassen. Es hieß, daß der Pogrom- General Semenow in die Stadt einziehen werde, auch befürchtete man, daß der berüchtigte Taschkeff, der unter General Denikin zahlreiche Pogrome in Südrußland veranstaltete und später ein Kommando in der chinesischen Armee übernommen hatte, Charbin besetzen werde. Bei der Ausdehnung des Konflikts würde auch Biro-Bidschan, das nicht weit von Charbin liegt — die Distriktshauptstadt Chabarowsk ist etwa 350 Kilometer von Charbin entfernt — in Mitleidenschaft gezogen werden. Farbstein über seine zukünftige Tätigkeit. Warschau. In einem Gespräch mit dem JTA.*Vertreter umriß der MisrachixFührer H. Farbstein, früherer Präsident der Warschauer Jüdischen Gemeinde und jetziges Mitglied der Zionistischen Weltexekutive, seine Aufgaben als Leiter des Kolonisationsdepartements der Exeku» tive in Palästina. Ich werde mich, sagte Farbstein, Ende Oktober oder Anfang November nach Palästina begeben. Mein Bestreben wird es sein, erstens alle Vorkehrungen zu treffen, damit die Palästina*Kolonisation nicht durch die ökonomische Weltkrise leidet, und zweitens eine Mittelstandskolonisation entwickeln zu helfen, d. h. Ansiedlung von jüdischen Familien in der Nähe von Plantagen, ihre Einwurzelung in Industrie, insbesondere Kleinindustrie, Handwerk und Handel. Dabei werden wir uns die Erfahrungen aus der vierten Alijah, sowie Ziffern und Informationen der besten Kenner djer praktischen Kolonisation in Palästina zunutze machen. Auch studieren wir die entsprechenden Verhältnisse in den Nachbarländern Aegypten, Mesopotamien, Syrien und Kh*ina»ien hinsichtlich des Exports und Im* p o r t s, der Materialpreise und der Arbeitslöhne. Wir werden uns dann entscheiden, in welchen Zweigen wir die neuen Palästina*Wanderer beschäftigen werden. Die Lage der Juden in den DiasporaoLändern, schloß Färb» stein, ist so kritisch, daß diejenigen, die sich zur Ein* Wanderung in Palästina entschließen, in ihren alten Län* dern nicht viel mehr zu verHeren haben. Trotzdem heißt es, mit großer Vorsicht zu Werke gehen. Zehn Jahre Ejn Charod. Die große palästinensi* sehe Kwuzah Ejn Charod beging in diesen Tagen die Feier ihres zehnjährigen Bestehens. In dem zum erstenmal zugänglichen Speisesaal herrschte festliche Stimmung: Etwa 1500 Mann waren anwesend.. Eine Aus* Stellung von Arbeiten der Schulkinder machte den Beginn; die Kinder hatten auch in monatelanger Ar* beit das „Buch von Ejn C h a r o d", eine Chronik aller wichtigen Ereignisse, zusammengestellt. Ansprachen hielten Tabenkin und Lawi (Lewkowitz), die an dem Aufbau Ejn Charods hervorragenden Anteil genommen und seine wirt* schaftliehe und geistige Entwicklung entscheidend beein« flußt haben. Die Entwertung des englischen Pfands. Jerusa- I e an. (J. T. A.) Der Mitteilung der Bank von England, daß in den nächsten sechs Monaten Pfundscheine nicht mehr in Gold eingelöst werden würden, und der damit verbundene Sturz des englischen Pfunds an den ausländischen Börsen um 15 bis 20 Prozent wird in ganz Palästina Aufmerksamkeit zugewendet, da das palästinensische Pfund Sterling mit dem englischen steht und fällt. Man ist sich noch nicht klar darüber, wie sich die Entwertung der Währung auf die Gesamtwirtschaftslage in Palästina auswirken wird. Ein Pionier der PaläsÜna»Koloniiation gestorben. Hochbetagt starb in Rechoboth der Palästina*Pionier Aaron Eisenberg, einer der ältesten Chowewe Zion und einer der Begründer der Kolonien Rechoboth und Chedera. Zuletzt war er Direktor der Agudath Netajim (Pflanzer»Verein). Dei Bestattung fand in Rechoboth unter sehr großer Beteiligung statt. Gestohlene Thorarollen. In der Nacht zum 20. Sep* tember drangen Einbrecher in die große Synagoge von Adjud (Bezirk Bakau, Rumänien) ein, brachen die Thoralade auf und stahlen sämtliche elf Thora»Rollen, die sich in ihr befanden, darunter einige, die über 150 Jahre alt sind und einen großen Wert repräsentieren. Der Ge* samtschaden belauft sich auf eine Million Lei. Am nächsten Tage wurde der Synagogenvorstand in einem Schreiben aufgefordert, an einer bestimmten Stelle 30.000 Lei zu erlegen, worauf die entwendeten Thota«Rollen zu« rückgebraeht werden würden. Die Behörden sind um die Aufklärung des Falles bemüht. Die 106. Friedhotsscftändung. Berlin, 24. September. Vor einiger Zeit tvurdett auf dem jüdischen Friedhof in Kirchen bei Lörrach Grabsteine durch Würfe mit schweren Steinen zerstört und Inschfifttefeln beschädigt Die Tat wurde erst spät entdeckt, so daß «ich die Verfolgung der Täter schwierig gestaltet. Auf ihre Ergreifung ist eine Belohnung von 100 Mark ausgesetzt worden. Hitlertum in Amerika. Die den Namen „Teutonia" tragende Organisation der de-u4,sehen Nationalsozialisten in Amerika hielt in diesen Tagen in Chikaso ihre erste Jahresversammlung ab. Uober 200 Hitler-Delegierte aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und Kanadas nahmen an derselben teil. Hauptredner war de/ 2nr Konferenz aus Wien eingetroffene Professor Eduard Leonhardt. Keine Ausweisungen in Litauen In Kowno und in der Provinz entstanden in der letzten Zeit im Zusammenhang mit Maßnahmen und Aeüfierüngen örtlicher Polizeibehörden Gerüchte, daß die Regierung die Ausweisung aller Auflländer und Staatenlosen zum 1. Jänner 1932 vonbereitet. Unter den Tausenden jüdischen Ausländern und Staatenlosen entstand große Beunruhigung. Der Innenminister Rüste iko erklärte aber auf eine Anfrage des J. T. A.-Vertreters, daß die litauische Regierung nicht daran denkt, die Ausländer und Staatenlosen auszuweisen, und daß sie auch keine weiteren gesetzlichen Beschränkungen gegen diese Kategorien der litauischen Einwohner einführen wird. Der Direktor des Polbeidepartemente, Dr. Nawakas, hat die ihm unterstellten Aemter entsprechend informiert. Verband der Völkerbundligen. Genf. Der Präsident der diesjährigen Völkerbundsversammlung, Herr Titulescu, empting eine Abordnung des Internationalen Verbandes der Völkerbundligen, der auch der Vertreter der palästinensischen Völkerbundsliga, Privatdozent der Genfer Universität Dr. N. Feinoeirg, angehörte. Der Führer der Abordnung, Herr Limburg (Holland), übergab Herrn Titulescu die vom Verband auf seiner letzten Kouferenz in Budapest gefaßten Resolutionen und gab ein Resümee dieser Resolutionen, wobei er auf die Entschließung hinsichtlich der Staatenlosen besonderen Nachdruck legte. In dieser Entschließung wird der Vonschlag gemacht, internationale Gerichte einzusetzen, die in allen Fällen der Staatenlosigkeit Entscheidungen treffen sollen. Polnische Nationaldemokraten fordern den Numerus clausus. Warschau. „Gazeta Warszawska", Organ der antisemitischen Nationaldemokratischen Partei, veröffentlicht einen Artikel des Sejmdeputierten Jan Kornecki, in welchem die Forderung nach Einführung des Numerus clausus für jüdische Studierende-an'allen polnischen Hochschulen und sogar an den Mittelschulen aufgestellt wird. Dabei gibt der Verfasser zu, daß viele polnische Mittelschulen nur deswegen jüdische Schüler aufnehmen, weil sie ohne da6 von den Juden geleistete Schulgeld nicht existieren könnten. Er gibt aber den Leitern der betreffenden Schulen den Rat, lieber die Schulen auf zu- Jüdische Eltern! Kauft Schulbücher (auch ariilquatische) für Eure Kinder in der JUdUchen Buchhandlung Herrn. Tuchner Wien M, Or. Stadtgutg. 7 (bin Tikerifc 52) Leihbibliothek Alte Neuerscheinung«« erhältlich. 10 Groschen täglich, keine weiteren Gebühren! Für Anfragen Telephon R-41-4-20 lösen, als eine jüdische Intelligenz heranbilden zu helfen, die für Polen eine Gefahr bildet Jeder vierte Intelligenzler in Polen, sohreibt Kornecki, ist Jude. Dagegen müsse die polnische Jugend ankämpfen Und von der Regierung fördern, daß diesem Zustand auf gesetzlichem Wege ein Ende gemacht werde. Ch. N. Blallk In Warschau eingetroffen. Der be* rühmte hebräische Dichter Chaim N. B i a 1 i k ist am 25. September in Warschau eingetroffen. Er wird sich an der Aktion zugunsten der Schulen der hebräischen Kultur* Organisation Tarbuth beteiligen. Bialik wurde auf dem Bahnhof von einer ungeheuren Menschenmenge begrüßt; es hatten sich Vertreter des hebräischen, jiddischen und polnischen Pen*Klubs, des Zionistischen Zentralkomitees und des TarbuthoZentraikomitees zum Empfang Bialiks ein* gefunden. Glückwünsche der bulgarischen Regierung. Der Justizminister Warbenow und der Vorsitzende des Bundes der bulgarischen Reserveoffiziere General a. D. L a s a r o w wohnten dem Gottesdienste im großen jüdi* sehen Tempel am Vorabend des Jörn Kippur bei und sprachen dem Sofioter Oberrabbiner und dem Vorsitzen« den des jüdischen Zentralkonsistoriums der Gemeinden Bulgariens persönlich ihre Glückwünsche aus. Der Justiz* minister schickte anläßlich der jüdischen Feiertage ein Begrüßungstelegramm an das Zentralkon&istu* rium, in welchem er seine Wünsche für die enge Zusam« menarbeit der bulgarischen und jüdischen Bevölkerung für das Wohl des Landes aussprach. Neueinrichtung des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde. Der J. T. A. wird mitgeteilt: Das Krankenhaus der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Exerzier* Straße IIa, das mit seinen 350 Betten Patienten der JU 2. und 3. Klasse beherbergt, hat seit kurzem eine neue „Mittelklasse" eingerichtet. Sie dient solchen ein* heimischen Kranken, denen der Aufenthalt in der ersten oder zweiten Klasse schwer erschwinglich ist, die aber doch auf gesonderte Unterbringung und pflegerische Be* treuung außerhalb der größeren Krankensäle Wert legen. Durch einen mäßigen, die Selbstkosten kaum deckenden Pflegesatz werden Aufenthalt, ärztliche Behandlung ein* schließlich etwaiger Operationen usw. abgegolten. Daß eine solche Einrichtung den heutigen Bedürfnissen entspricht, lehrt die lebhafte Inanspruchnahme der Mittelklasse in der kurzen Zeit ihres bisherigemBestehens. Brief aus Lettland (Von unserem B. L.-Korrespondenten.) R i g a, im September. Der junge Necbkrtegsstaat Lettland gehört zu den am wenigsten bekannten Staatsgehilideya, die das Jahr 1918 hervorbrachte. Er liegt weder so zentral wie die Tschechoslowakei noch besitzt er eine sq alte nationale Tradition wie Polen oder Litauen. Dennoch ist Lettland vom jüdischen Standpunkt ein sehr interessantes Land. Gerade, weil die Letten ein „unhistorisches" Volk sind, weil sie, bis zur Staatsgründiung politisch völlig passiv, sich' fast ausschließlich auf den Bauernstand beschränkten und vom Jahre 1918 ganz plötzlich vor die Aufgabe gestellt waren, Staatsnation, Träger eines modernen Staates, zu werden — gerade deshalb ist der Prozeß der Auseinandersetzung der bodenständigen Bevölkerung mit der jüdischen Minderheit, den wir „Jiuden- Bei Regen, Wind, Kälte wird man leicht von Erkältungen befallen. Man muö daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß Im Haus» nie feh e oer in seiner schmerzlindernden Wirkung einzige DIANA FRANZBRANNTWEIN Mit Mtntfcol welcher für Massage, Einreibung, Umschläge lind als Gurgelwasser gleich unentbehrlich ist, Nehmen Sie nur Diane! Worflet« Naclwhmung«* w«lf«n Um •ntochlvdon BtirUckl Uebtrall «rhlltllch. frage" nennen, hier noch gahs frisch und in all seinen typischen Konturen deutlich zu erkennen. L Lettland zahlt rund 2 Millionen Einwohner, davon 12 Prozent Russen, 5 Pr o z e n t (etwa iOO.000) Juden und 3,5 Prozent Deutsche. Der Rest sind Letten. Letten und Russen sind in ihrer Mehrheit Bauern, Juden — fast ausschließlich Kaufleute, Industrielle tund zum Teil Handwerker, Deutsche — vorwiegend Kaufleute und Industrielle. (Der vor der Staatsgründung aus ausschließlich deutschen Adeligen, den „Baronen", bestehende Stand der Großgrundbesitzer ist seit der Agrarreform, die alle Großgüter parzellierte, von der Bildfläche verschwunden.) Die Ausifuhr Lettlands besteht hauptsächlich aus Holz und landwirtschaftlichen Produkten (Flachs, Fett, Butter). Der sehr reiche Waldbestand Lettlands, der bis zur Staatsgründung den deutschen „Baronen" gehörte, ist jetzt Eigentum des Staates, während die Wälder zur Abholzung und zum Holzexport vom Staate an private Firmen verpachtet werden. Demgegenüber geschieht der Flachsanbau privat, in eigener Regie der Landwirte, während der Flachsauflenhandel - einer der wichtigsten Exportzweige dei Landes — Staatsmonopol ist. Die flachsanbauenden Bauern sind Letten; die Hölzhändler sind fast ausschließlich Juden. Ein sehr großer Prozentsatz, vielleicht mehr als die Hälfte, der Juden Lettlands (ich konnte leider keine genaue Statistik ermitteln)» lebete bis vor kurzem direkt und indirekt vom. Holzexport. Auf diese Weise hatte ein großer Teil der lettischen Bauernschaft sowie der jüdischen Bevölkerung den Staat als „Geschäftspartner", Die flachsanbauendeu Bauern verkauften dem Staat den Flachs; die jüdischen Holzexporteure pachteten vom Staat die Wälder. Es war ein friedliches, gedeihliches Zusammen-

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