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Die neue Welt · 1931-10-02 · Heft 211 (2.10.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 211 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 211 DIE NEUE WELT Seile 3 Bei Hämorrhoidalleiden, Verstopfung, Darm rissen, Abszessen, Harndrang, Stauungsleber, Kreuzschmerzen, Brustbeklommenheit, Ilcrzpochen, Schwindelanfällen bringt der Gebrauch des natürlichen „Franz-Josef-Bitter - wassers immer angenehme Erleichterung. In Apoth. erb. Von der ungarischen Judcnhefze In den letzten Monaten war im Zusammenhang mit der zunehmenden Wirtschaftskrise auch in Ungarn die antisemitische Propaganda neu aufgelebt, ungeachtet dessen, daß der jüdische Mittelstand in Ungarn unter der Wirtschaftskrise am meisten zu leiden hat und verarmt ist. Diese Propaganda wuchs in den allerletzten Wochen zu einem Terror an, unter dem die jüdische Bevölkerung sehr zu leiden hat. Nach dem Bombenattentat gegen den internationalen Schnellzug Budapest—Ostende bei Bia-Torbagy in der Nacht vom 12. zum 13. September, der ersten Rosch-Haschanahg Verband demokratischer Zionismen § | Mittwoch, 7. Oktober 1931, um V,9 Uht E abends im Herzl-äaal des Verbands- E E heims, II., Untere Äugartenstraße 38 E I VORTRAG I . Referent; | Dr. Armand Kaminka E Gegenstand: 5 i Abbe tiregoire, der Kämpfer | | für jüdisches Recht | 1 Zum 100. Todestag | 5 ' ' Regiebeitrag 20 g ■ ~ 7|llIlIIf!niIIIlllIIII!II!IIII!IIII!IUHI!I!IIIin!inillll]IIIIIIIIII||? Nacht, nahm der antisemitische Terror gefährliche Fprmen an. Agitatoren hetzten die Massen gegen die Juden auf, inde» sie erklärten, daß jüdische Kommunisten das Attentat verübten, dabei aber ihre jüdische Solidarität dadurch bekundeten, daß sie sieh die Zeit der jüdischen Feiertage, an welchen Juden keine Eisenbahnfalirten unternehmen, für das Attentat ausgesucht haben. Dabei ist zu bemerken, daß unter den 22 durch das Zugattentat getöteten Personen auch ein Jude sich befindet. Die antisemitische Propaganda und die von Erwachenden Ungarn immer wieder gegen die Juden ausgestoßenen Drohungen erzeugten bei der jüdischen Bevölkerung eine starke Nervosität. Am Abend und am Morgen des jüdischen Versöhnungsfestes wurden größere Polizeiposten zur Bewachung der Synagogen aufgeboten, da Gerüchte im Umlauf waren, wonach Antisemiten Bombenattentate gegen Synagogen vorbereiten. So wird die Situation der ungarischen Judenheit geschildert. Aber die ungarischen Juden selbst wollen alles dazu tun, daß die übrige jüdische und nichtjüdische Kulturwelt die Lage nicht so zur Kenntnis nehmen, wie sie in Wirklichkeit ist, nämlich gefahrvoll, ja pogromdrohend. Der Ministerpräsident Graf Karolyi hat sich in der Person des Abg. Geza Dcksi einen Hausisraeliten bestellt, den einzigen „jüdischen" Abgeordneten der Regierungspartei, der die bekannten Phrasen von den Juden als integrierendem Bestandteil der ungarischen Nation herunterplapperte und als Revanche, für die weite Öffentlichkeit bestimmt, folgende Enunziation, wie die ungarischen Blätter berichten, zu hören bekam: „Wer mich kennt und mein Wirken im öffentlichen Leben mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, kann wiesen daß ich weder im privaten, noch im gesellschaftlichen Leben, noch auch in der Ausübung der öffentlichen Gewalt, beispielsweise bei Ernennungen. Unterschied^ /wischen Mensch und Mensch nach Glaubensbekenntnissen gekannt habe, daß mich vielmehr lediglich die Kriterien der Tauglichkeit und der individuellen Eigenschaften bei der Beurteilung und der Vergleichung der Individuen geleitet haben. Ich kenne die Bedeutung der patriotischen ungarischen Judenheit im Leben der Nation, und ich weiß, wie sehr sie in ihren Gefühlen sich mit der ungarischen Nution verschmolzen hat. Die Ungarn jüdischer Konfession haben diese Empfindungen nicht nur unter günstigen Umständen im Ungarn der Friedenszeit bekundet, sondern auch in schwierigen Zeiten, als die Berufung auf die Zugehörigkeit z u r ungarischen Nation eine sei» were Belastung bedeutete und mit einem Risiko verbunden war." Ministerpräsident Graf Julius Karolyi erklärte ferner, „daß für die Wiederherstellung des allgemeinen Vertrauens und für die Gewährleistung der öffentlichen Ruhe alles getan werden muß. Von welcher Seite immer", fügte er hinzu, extreme Kundgebungen kommen mögen, die geeignet sein könnten, die nationale Eintracht zu stören, sie werden auf den Widerstand der Regierung stoßen und an diesem Widerstande auch brechen. Weder vom wirtschaftlichen noch vom kulturellen oder vom' sozialen Standpunkt kann es begründet sein, daß konfessionelle Gesichtspunkte den nationalen Zusammenschluß und die einträchtige Kräfteentfaltung gefährden. Eben deshalb betrachtet die Regierung derartige Tcn- Der elegante Herr — der erfolgreiche Mann — der anspruchsvolle Kenner — sie alle lasieren s'ch nur mit Oer einzigen schwedischen Weltmarke denzen als im Gegensatz zu ihrem Programm stehend, und wenn solche auftauchen sollten, so wird die Regierung deren Geltendmachung verhindern." Diese Erklärung des Regierungschefs ist an und für sich reichlich verschwommen und nur für solche Gemüter' berechnet, die so gerne eine tiefe Kniebeuge vor ihrem Herrn machen, wenn er von ihren patriotischen Gefühlen spricht und sie einer — Audienz würdigt. Aber die Welt weiß aus den früheren Erfahrungen, was man von ungarischen Regierungserklärungen und Maßnahmen zum Schutze der Juden zu halten hat. Die Empfindlichen In der ^Gerkhtssaalrubrik der Wiener Tageszeitungen sind immer wieder Ehrenbeleidigiiingsiklagen verzeichnet, die sich um das Wort „Jud" drehen. Irgendeinem Juden hat irgendein Nicht jude das schiede- Wien eröffnete seinen bhkr Tonfiimpalait am 30. September ftiwftt engUftt)* Stoffe ALBERT HARDT de0r.t^91 WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon t/2o-3-4/ Eine Charell - Inszenle- >Vmr rung der Erich-Pommer- Produktion der Ufa, verfaBt von Norbert Falk und Robert Liebmann, mit LH Dagover Regie: ERIK CHARELL Musik und musikalische Leitung: Werner R. Heymann unter Verwendung von Alt-Wiener Kompositionen Vorstellungens %B. 7, 7,10, Sonntags 3« 5, 7, 'htO liehe Wort — „Jud" zugeworfen, und jener, nicht faul, läuft zum Kadi, anif daß ihn diesier von solchem Schimpf reinige und den Schimpfer gründlich (bestrafe. Der Kadi hinwiederum befindet sich in schlimmer Situation. Findet er, daß das Wort Jude kein Schimpfwort sei, so ist er natürlich ein Antisemit und hat das Recht gebeugt. Bestraft er den Jud-Rufer, so hat er anerkannt, daß die Tatsache, daß jemand Jude sei umd ails solcher bezeichnet werde, ehren rührigen Charakter trage. Jude sein und Jude genannt zu werden, ist in solchem Fall ein Zeidien von Inferiorität. Gewiß gibt es Situationen, jn denen der Zuruf „Jude" den Akt des Beleidigenwoillens beinhaltet, ungefähr so wie ein Bayer angesichts eines Preußen diesem das Wort „Preuß!" entgegenizischt. Aber es ist noch kein Preuße darob schamrot geworden, noch hat er seinen sdiknpfenden Reichsgenossen von den Richterisiuhl gezerrt. Die unappetitliche individuelle Empfindlichkeit ob des Wortes „Jud" hat aber hierzulande kollektive Resonanz. Eine ganze Organisation von erwachsenen Juden gerät in Aiufregiung, wenn sie in der Gerich tssaalruibrdk das Wort „Jud" liest, tritt in Aktion und „wehrt den Antisemitismus ab". Erst jüngst wieder hat sidi eine derartig schreckliche Geschichte z-wgc-tmgen. Da /hatte sich ein nichtjüdischer Beamter an seinen jüdisdien Ohof in einer Uriaubsangelegeniheit zu wenden und lehnte das einem Kollegen, gegenüber mit den Worten „Zu dem Juden gehe ich nicht bitten" ab. Der Angestellte wurde deshalb fristlos entlassen, klatgte und der Richter gab der Klage mit folgender Begründung statt: „In der grob ungehörigen Acußcrumg „Zu dem Juden gehe ich nicht bitten" kam«-noch, kein .En.fclasß.u.ngsgrund erblickt werden, denn das Gesetz verlangt eine erhebliche Ehrenverletzung. Eine solche 'liegt aber unbedingt nicht vor, weil die Bezeichnung „Jude" audi bloß als Personsbeschreibung und nidit in herabsetzender Weise gebraucht sein kann und der Grund, warum er nicht den Direktor bitten gehen wollte, keineswegs in Abneigung wegen seiner Rassen Zugehörigkeit, sondern in einer anderen Ursache gelegen sein kann." Die Union österreidvisdier Juden ist darob schrecklich empört, ganz außer Rand >und Band geraten. Einer der Hauptfunktioinäre dieser Union empfindlichey und gekränkter Israeliten setzte sidi auch richtig hin und verfaßte ein Elaborat in der Union-Wochenschrift „Die Waihrheit". in der er dem Richter gründlich die Leviten liest. Es ist auch wirklich Schreckliches geschehen. Juden! Antisemiten über euch! Ein österreichischer Richter hat es .gewagt, von den Juden zu bohaiupten, sie seien Juden, und weiter« zu behaupten, daß er nichts Ehrenrühriges daran finde, wenn man es sa.gt. Man stelle sidi vor. so ein Richter hat die Frechheit, der deutschisraelitischen Union direkt ins Gesicht zu sagen, sie sei eine Rasse, nichts anderes als eine Rasse. Und die Union hat Phantasie, Rasse ist Fremdvolk, dazu läßt säe sich nicht stompein, sie war deutsch, Der Redakteur Humoreske von Tunkeier. „Panje Redaktor, ich ha:b* eine glänzende Idee eine Karikatur für die humoristische Ecke unserer Zeitung „Der Ferwelschlingcr"." So sprach der bekannte Karikaturist Pinselspitz zum Redakteur der Tageszeitung „Kurrier", Merchotipcho, und schleckte sich die Lippe ab über diese Idee wie von feiner Marmelade. „Heraus damit! Was für Idee? Laßt uns hören", sagte der Redakteur Merchotipcho. „Wir werden aufzeichnen, wie ein Schwiegersohn seine Schwiegermutter zur Bahn begleitet, hahaha, verstehen Sie die Situation? Ein Schwiegersohn begleitet seine Schwiegermutter zur Bahn, glaubt, sie losgeworden zu sein und bleibt mit langer Nase zurück. Ein goldener Einfall! Eine Rarität von einer Karikatur! So witzig und so originell. Die reinste Ironie des Schicksals. Der Leser wird vor Lachen sterben." Der Redakteur griff sich an die linke Sehnurrbartseite und dachte nach. „Glauben Sie, daß die Karikatur niemanden beleidigen wird? Wird sie bewahre niemanden aufregen?" „Gott bewahre, was sprechen Sie, pauje Redaktor, ein unschuldiger Witz, ein Schwiegermutter witz." „Vielleicht ist er politisch nicht ganz einwandfrei," „Wae bat das mit Politik zu tun?"4 ^Vielleicht geeelisciKiftlich au schärft" „Was soll da die Gesellschaft? Es ist ein einfacher gutmütiger Witz rund um ein nagelneues Thema — Schwiegermutter." „Hm... ich glaub' auch, daß nicht viel Gefahr drin steckt. Ich glaub', daß man darf. Aber... wissen Sie, so der Sicherheit wegen wollen wir so zwei, drei Stellen anrufen." Er griff nach dem Telephonliörer und läutete an. 11-305 — hallo! Die Zionistische Organisation? Wer spricht? Deputierter Tröttling? Hier bin ich, Redakteur Merchotipcho. Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nur fragen. Es ist uns ein ausgezeichneter Gedanke für eine Karikatur eingefallen, die in der humoristischen Ecke unserer Zeitung gedruckt werden soll. Die Karikatur soll einen Sdiwiegersohn darstellen, der seine Schwiegermutter zur Bahn begleitet und den Zug versäumt, hahaha! Begreifen Sie die Ironie des Schicksals? Ein Schwiegersohn begleitet seine Schwiegermutter zur Bahn, glaubt, sie losgeworden zu sein und bleibt mit langer Nase zurück. Eine gelungene Karikatur, nicht wahr? Was glauben Sie nun vom Standpunkt der Zionistischen Organisation, ist sie vielleicht etwas taktlos? Wird sich die Zionistische Organisation bewahre nicht etwa von dieser Satire getroffen fühlen? Wird sie die Schwiegermutter nicht etwa als Symbol des vierten Alijah nehmen? Nein? Und der Waad Hairenu, wird der nicht beleidigt sein? Und der Keren Hajessod! Und der Keren Kajemeth lTsrael! Auch niejit? Bestimmt nicht? Wir können 's also machen! Ganz kühn!... Und vielleicht würden Sie dennoch Zentral-) K(omitee) darüber sprechen und mir Antwort geben? Macht nichts, ich kann bis zur Sitzung warten. Und vielleicht würden Sie selbst eine Generalversammlung oinberufern! Lohnt sich nicht? Gut, anf Ihre Verantwortung. Dan^f. Auf Wiedersehen, lehitraoth!" Hörer aufgehängt und wieder angeklingelt. „17-7-28... Hallo! Rabbinat? Guten Morgen. Entschuldigen Sie, Herr Rabbiner, daß ich Sic störe, ich spreche, Redakteur Merchotipcho. Wir wollen in unserer Zeitung eine Karikatur machen. Nicht Temperatur — Karikatur... Ein Schwiegersohn geht begleiten ... nicht töten .., begleiten ... er begleitet seine Schwiegermutter zur Bahn ... nicht seine Witwe... was auf einmal Witwen... es handelt sieh um eine Karikatur, nicht Schnur... Karikatur... so eine Gemalerei ... er führt sie zur Bahn, nicht zum Mann... zur Bahn ... nicht Mann ... Bahn ... Station, Bahnhof... will ich eine Entscheidung ... nicht Scheidung, nicht Scheidung, sondern Entscheidung,.. Sie sollen mir sagen, ob das nicht bewahre die Ehre des Rabbiuats tangieren kann, lind ob es nicht bewahre die religiösen Gefühle der orthodoxen Juden verletzt und ob es überhaupt nicht die Ehre der Thora berührt. Was? Sic sagen nein? Und Sie persönlich auch nicht? Weiß ich, vielleicht haben Sie eine Schwiegermutter. Sie haben keine Schwiegermutter? Vielen Dank, Herr Rabbiner. Der Herr soll Heil schicken allen Juden, Amen, Sela, Adieu!" Den Hörer aufgehängt, wieder heruntetgenommen, wieder angeläutet. „Sejm? Jüdische Fraktion* Depatiex^wr Mm**-'

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