Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 210 (25.9.1931)
- Date
- 1931-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 210 DIE NEUE WELT Seite 5 Jüdischer Musikabend (Volkstümliches Konzert) Sonntag, den 27. September 1931, halb 8 Uhr abends, im Konzertsaale (Theatersaat) „Post", I., Flefeötlmarkt 24 J. Segal-Rosenbach (Tenor) Mitwirkend: Prof. Jos. Zimbfer, Sam. Schwager* Am F.ügel: Kapellmeister Rudorf Bock. ... Programm: Lieder, Volkslieder, jüdische Volksmelödieti, chascidische und Hochzeitstänze * Violine, jidd'sche Rezitai'onen. Karten von S -.80 bis 2.50 beirrt Jüd'schen Hochschulaussihuß. IX., Zimmermannp alz 8, Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20ä, i>eren Käjemeth, I., Kärntnerstraße 28. liehen Vertrages gedient hat. Er wurde gemacht, um den Arabern Land für eine angemessene Lebenshaltung zu geben, und nicht, um sie mit Flächen zu versehen, mit denen sie spekulieren sollen." Bei dieser Gelegenheit konstatierte M. R a p p a r d, daß der Regierungsbericht für das Jahr 1930 auf S. 39 zum erstenmal eine Erwähnung seitens des Man« datars über die Verwendung von Oedländereien für Zwecke der dichten jüdischen Siedlung macht. Er verwies dabei, daß die erste Zuweisung von Land schon vor dem Krieg durch die Türken gemacht wor» den sei, die andere während des Krieges und seitdem nur bestätigt wurde, die dritte ein Sumpf sei, die vierte habe mangels an Wasser aufgegeben werden müssen, während die fünfte, die er selbst zu besuchen das Vergnügen hatte, ein kleines Stück« chen Land von Tel -Awiw darstellte, welches für ein Badeetablissement mit einem Restaurant und einer Terrasse verwendet wurde. „Darum scheint in der Tat die Anwendung der dahinzielenden Bestimmung des Artikels 6 des Mans dats (Förderung der jüdischen Siedlung) äußerst be# scheiden zu sein." Es ist gewiß nicht gewagt, auf Grund der Stellung« nähme einzelner Mitglieder der Mandatskommission zu der Landfragc zu behaupten, daß wohl keines der Mitglieder mit der systemlosen, tastenden, den Be* Stimmungen des Mandats in keiner Weise gerecht wer« denden Art der Behandlung dieses grundlegenden Problems seitens der englischen Regierung zufrieden ist. Man hat den Eindruck, daß die Herren nach einer radikaleren Lösung streben und mit dem Flickwerk der „empirischen" Lösung der Frage durch die Engländer nicht einverstanden sind. Sind doch die meisten Mit* glieder der Mandatskommission Männer mit einer oft recht bedeutenden sozialökonomischen und kolonialen Erfahrung. Daß in diesem Kreise der Gedanke einer gründlichen Agrarreform für Palästina wird auf« kommen müssen, kann kaum einem Zweifel unterliegen. Wenn es bisher noch nicht geschehen ist, so tragen wir Juden selbst daran die Schuld. Seitens der bisherigen Leitung der Zionistischen Organisation ist man nie an diese Frage herangegangen, ds man die Kleinkolonisation wollte und niemals eine Mas* sen Siedlung. Bisnun gab nur der Schreiber dieser Zeilen, zuletzt in seinem Referat auf der IV. Welt« koiverenz df*r ZionistensRevisiomsien in Prag im Au%t st 1930, dieser Forderung Ausdruck. In der 9. Stizung der letzten Tagung der T/Tan» datskommission sprach der Portugiese Graf de Penha Garcia von der erforderlichen Agrarreform, indem er vorderhand dtn englischen Vorschlag der Besiedlung der vom Boden verdrängten Araber als einen ungenü» gen den und zu eng gefaßten Versuch einer Agrarreform, wenn der Vorschlag als solcher gewertet werden sollte, zurückwies. Die Schwierigkeit des Pros blems hinge mit der für die Verteilung verfügbaren Fläche von kulturfähigem Land zusammen. Man müßte sich erst vergewissern, ob es möglich sei, neues Land unter Kultur zu bringen, da das verfügbare nicht ausreicht, Erst nach dieser Untersuchung würde man sagen können, ob die Regierung genug Land zur Verteilung hat. Von diesen wichtigsten Punkte wird das Ausmaß der Agrarreform und ihre Wirkung auf die Lösung des Palästina«Problems abhängen. Nicht ohne Interesse ist in diesem Zusammen» hange die Erwähnung der Tatsache, daß auch unter den vom Kolonialministerium nach Palästina entsandten Ex« perten sich solche finden, die das Landproblem genereller anfassen, als es die Beamtenschaft Palästinas tut. Auf eine Anfrage von M. Rappard teilte Mr. Young mit, daß Sir E. Dowson in seinem der Oeffentlichkeit nicht zugänglich gemachten Bericht den Vorschlag der Einführung einer allgemeinen Landsteuer an Stelle der bestehenden landwirt» schaftlichen Abgaben macht. Daß ein solches Vorschlag von der Absicht diktiert ist, eine Lösung der Agrarfrage zu finden, unterliegt kaum einem Zweifel. Es ist zu bedauern, daß dieser Bericht der Öffentlichkeit vor» enthalten wird. Im Lichte der hier auszugsweise wiedergegebenen Diskussion hat auch der die Landfrage betreffende Teil des Berichtes der Mandatskomrai ssion an den Völkerbundrat gewertet zu werden. Es wird darin von einem Statement des akkreditierten Ver* treters des Mandatars gesprochen, welches besagt, „daß die. britische Regierung sich bemühe, die jüdische Immigration zu erleichtern". Dann begrüßt die Kommission die Erklärung des englischen Vertreters, daß die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Arabern und Juden von einem gerechten Vergleich abhängt, der auf einem detaillierten Studium einer Reihe von Fragen ökonomischer Natur basieren müsse. Nach alldem, was die englische Regierung über ihre Handlungen und Unterlassungen im Verlauf der Verhandlung zu hören bekam, bedeutet diese Höf» lichkeitsformel recht wenig, besonders wenn sie den Nachsatz erhält: „Die Mandatskommission, die nicht ohne ein gewisses Unbehagen die Schwan« kungen der Politik der Mandatarmacht in Palästina verfolgt hat, hofft nun ernstlich, daß die neuen Bemühungen, das Problem der Beziehungen zwischen den Arabern und Juden zu lösen, von Er* folg gekrönt sein werden." Es würde den Rahmen eines Zeitungsartikels bei weitem überschreiten, wollte ich noch ausführlicher auf die Behandlung der Landfrage durch die Mandats« kommission eingehen. Aber noch eine Behauptung von Dr. Shiels Verdient vermerkt zu werden. Auf die Frage von Mf< Sakenobe: Was werde der einwandernde jüdische Farmer tun können, solange der Entwick» rangsplan noch nicht auegearbeitet wurde, antwortete Dr. Shiels, daß die Zionisten übet bedeutende Landreeerven verfügen, „welche nicht voll ausgenützt sein werden zu dem Augenblick, da der Entwicklungsplan vollständig fertig: vorliegen werde". Wir sind bei Dr. Shiels an verschiedene gewagte Behauptungen gewöhnt, diese aber übersteigt das Maß des Zulässigen. Woher nimmt er die hiefür erforderliche Autorität? Auf welche Quelle sind diese Angaben zurückzuführen? Diese Behauptung vor der Mandatskommission in rechtem Lichte zu zeigen, wäre Pflicht der zionistischen Leitung. Roter Täufling — Schwarzer Täufling Aus Berlin wird gemeldet: Die deutsche fort* schrittliche und sozialdemokratische Presse und auch die jüdischen Zeitungen befassen sich seit einiger Zeit mit dem Fall des Herrn Solling, Präsidenten des Landgerichtes I in Berlin, der von der Sozialdemo* kratie plötzlich ins deutschnationale Lager übergegangen ist und sich offen reaktionär und antisemitisch betätigt. Solling ist als Jude geboren und hieß früher Seligsohn. Nach seinem Beitritt zur Deutschnationalen Partei be< trieb er eine eifrige Propaganda für den Volksentscheid des Stahlhelms und der Nationalsozialisten, wohnte einer nationalsozialistischen Kundgebung im Sportpalast bei. Nach Meldungen einiger Zeitungen soll er wegen seines jüdischen Aussehens von den Nationalsozialisten an die Luft gesetzt worden sein. Die „Frankfurter Zeitung" nimmt zum Fall Solling Stellung und schreibt: „Die für ihn anscheinend schmerzliche Behauptung, einer sehr achtenswerten israelitischen Familie zu entstammen, wehrt er mit der Feststellung ab, daß er ,e i n n a ti o n a 1 gesinnter Christ' sei und — welche Ehre! — eine nationalsozialistische Versammlung besucht und völlig unbehelligt verlassen habe. Im ganzen scheint er das Bedürfnis zu hahen, nunmehr „christlicher zu sein als der Papst" und vor allem jeden Zweifel Hoffenden Frauen und jungen Müttern verhilfi das natürliche „Franz-Josef'SBitterwaeser zu geregelter Magen- und Darratätig-keit. In Apotheken erhältlich. Jüdische Eltern! Schulbucher (auch alHqurttIsche) für Eure Kinder in der |0dl Chart Buchhandlung Herrn. Tuchner Wien M, Or. StaeJt*utt> 1 (Eckt Tnoriir. 52) Leihbibliothek uultUinn Ahe Neuerscheinungen erhältlich. 10 Groschen tätlich, keine weiteren Gebühren! Für Anfraaen Telephon R-41-4-20 darüber zu beseitigen, daß er seiner früheren Gesinnung Mißachtung schuld e." * Die Erregung der fortschrittlichen und sozialdemo* kratischen Presse über den charakterlosen Sölling*Selig* söhn, über dieses Subjekt, das aus dem Judentum gc« flüchtet ist, seinen jüdischen Namen abgelegt hat, stolz tut, weil man ihn nicht als Juden erkennt und seine frühere Gesinnung mißachtet, hat eine gewisse Berechtt* gung. Aber warum setzt erst jetzt der liberale und sozialdemokratische „Entrüsturtgs* und Verachtungssturm" ein? Warum hat man den Täufling Sölling*Seligsohn als liebwerten Genossen geachtet, gepriesen und gefördert, solange er Rot trug, und verdammt ihn erst jetzt, da er zu den Schwarzen gegangen ist? * Bei den Liberalen und Sozialdemokraten und ihrer Presse wimmelt es von jüdischen Ueberläufern, von getauften und ausgetretenen Juden. In den Parteileitungen, beim Berliner „Vorwärts", bei der Wiener „Arbeiter* Zeitung", bei Blättern von der Richtung „Frankfurter Zeitung", sind sie haufenweise anzutreffen. Sie haben ihr Judentum weggeworfen, um Karriere zu machen, wie Sölling'Seligsohn; ihr höchster Stolz ist, wenn man sie für Christen, für Nichtjuden hält, wie Sölling-Seligsohn, sie sind sozialdemokratischer und deutscher als die anderen, „christlicher als der Papst", als Sölling«Selig* söhn, sie tun gelegentlich gern in „Antisemitismus", mißachten ihre Herkunft, wie Sölling*Seligsohn. Jetzt aber nehmen sie den, Mund voll, schlagen den abtrünnigen Sölling*Seligsohn ans Kreuz. Anscheinend darf ein Jude in charakterloser Streberei sein Judentum wegwerfen, wenn er nur ein rotes oder ein liberales Parteibüchel nimmt. Nimmt er ein schwarzes, dann ist er ein Lump. Von der Judenverfolgung in Mexiko Die ant'Judi'sdi* Liga — Beschuldigungen Die Nachrichten, die über die antijüdischen Exzesse in Mexiko in die Oeffehtlichkeit gelangten, ließen er* kennen, daß es sich um mehr handelte als um einen plötzlichen und vorübergehenden Ausbruch mexikanischen Pöbels. Die amerikanische Presse beschäftigt sich immer noch mit dem antisemitischen Phänomen in Mexiko und führt es auf Ursachen zurück, die am klarsten in der „Nation" aus der Feder der bekannten Publizistin Anita Brenner entwickelt werden. „Der Ausgang der erschwerten Lage der Juden in Mexiko", schreibt A. Brenner, „wird möglicherweise ein regelrechter Pogrom sein. Die ao.000 Juden, die sich in Mexiko seit 1934 auf Einladung des Generals . Calles, des damaligen Präsidenten, angesiedelt haben, sind nun das Objekt schwerer Beschuldigungen und offener aktiver Agitation aasgesetzt, die um so heftiger ist, als die Juden wirtschaftlich erfolgreich waren. Angeregt durch fremde Konkurrenten (Deutsche, Franzosen und Spanier), die die Erfolge der jüdischen Immigranten fürchten, wurde eine starke antijüdische Liga in Mexiko gegründet, deren Hauptfunktion die Boykottpropaganda gegen die Juden ist Der Präsident Ortez Rubio selbst ist in die Agitation hineingezogen worden und war bei einem antijüdischen Meeting an« wesend, wo er aufgefordert wurde, „die nationale Flagge durch das Herz Israels zu stoßen.14 Mexiko befindet sich in etiner starken Wirtschafts» krise. Die Depression auf dem Silbermarkt, das Hinaus« drängen Tausender Mexikaner aus den Vereinigten Staaten, die amerikanischen Zolltarife, die Arbeitslosig« keit, das Agrar* und Arbeiterproblem, der Zusammenbruch der OeU und Bergwerksindustrie, all das hat in Mexiko einen vehementen Nationalismus erzeugt, dessen Hauptopfer der Jude wurde. Das Schlagwort „Kauft nur Nationalprodukt.e" weitete sich allmählich zum Ruf „Kauft nur bei Mexikanern! Boykott den Juden!" Es begann mit der Gründung zahlreicher Wirtschaftsorganisationen, so der Schuhmacher« und Zu* schneiderliga, der Liga Mexikanischer Kaufhäuser und der Liga der Kleingewerbetreibenden. Eine Propaganda in Form von Manifeste», Pam» phleten, Plakaten setzte ein. Ausrufer erschienen auf den Straßen und Märkten. Die Presse, hauptsächlich die der nationalrevolutionären Partei, leistete wacker. Beistand, Die Juden wurden beschuldigt: 1. Mexiko unter falschen Vorspiegelungen betreten zu haben; z. unreellen Handels, Lohndrückerei und betrügerischer Krida; 3. der Ausbeutung des mexikanischen Arbeiters und der Steuerhinterziehung; 4. in Armut zu leben, Reichtum zusammen* zuraffen und ihr Geld nach Palästina zu gegen luden' — Noch hrnner Pogromgefahr schicken; 5. dunkler Plane mit Beziehung auf die Zukunft der Nation. Die Regierung wurde in den Proklamationen auf* gefordert, einzuschreiten, den Juden die mexikanische Staatsbürgerschaft zu nehmen, sie zur Landarbeit zu ver* halten, jüdischen Hausierern die Konzessionen zu ent? ziehen, sie von den Märkten zu entfernen und die jüdische Einwanderung einzustellen. Im Zusammenhang mit dieser Agitationshetze kam es zu den bekannten Exzessen. Heute wird die Pro* paganda unvermindert fortgesetzt und läßt die mexikanischen Juden nicht zur Ruhe kommen. Wenn auch die mexikanische Regierung dem A u s 1 a n d versichert, daß die Meldungen von den antijüdischen Ausschreitungen übertrieben seien, und daß sie genügend vorbereitet sei, um derlei Zwischenfälle künftighin zu verhindern, so kann, wie Anita Brenner versichert, doch nicht ruhig in die nächste Zukunft geblickt werden. Die Stimmung in Mexiko ist durchaus danach angetan, einen neuer« liehen Pogrom von weitaus größerem Umfang nicht unmöglich erscheinen zu lassen. Der Stand der zionistischen Bewegung In nichtzionistischer Beleuchtung In dem groöen Tagblatte „New York Times" gibt Dr. S. S c h u 1 m a n n, Rabbiner der größten New Yorker Synagoge, sein Urteil über den derzeitigen Stand der zionistischen Bewegung ab. Dr. S. Schulmann ist der Führer im Kampfe gegen alle jüdischen Forderungen, was Hin aber nicht behindert, in der erweiterten Jewish Agency für Palästina zu sitzen. Er stellt fest, daß derZerfaUderzionistischenBewegung begonnen hat und daß die durch Nichtziooisten erweiterte Jewish Agency von der Zionistischen Organisation unabhängig geworden ist. Dr. S. Schulmann, der dem Baseler Zionistenkongreß beiwohnte, sagt:: „Der Zionistenkongreß 1931 war der interessanteste Kongreß seit dem Gründungskongreß im Jahre 1897, denn er bedeutet das Absterben (death) der politischen nationalen Idee Theodor Herzls. Dieser Kongreß ist der Beginn des Zerfalles der Zionistischen Weltorganisatio n." „Der Zionistenkongreß lehnte es ab, eine Resolution anzunehmen« welche den Judenstaat for^ dert Er lehnte es sogar ab, dem Wunsch nach einer jüdischen Majorität in Palästina Ausdruck zu geben. Er lehnte es ab, weil er die Unmöglichkeit der