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Die neue Welt · 1931-09-25 · Heft 210 (25.9.1931) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 210 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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SbHg 8 DIE NEüE WELT Nr. 2ftJ den Kurfüreiendamm am 2. Abend des Roech H-aschana-Feetee gerufen wurden. •> Unier den Verletzten befindet eiüh zahlreiche Nichtjuden, die in den Verhafteten die Exzedenten mit Sicherheit erkennen und erklären, die Rufe „Schlagt die Juden totl" gehört zu haben. Schwer verletzt sind Dr. Alexander Roeenfeld, ein Führer de« Weltmakkabi-Verbandes, der KaffeehausbesHaer Reimann, dessen Lokal demoliert wurde, und eine Reihe von Zeugen, welche von den Brutalitäten der Hakenkreuzler genaue Schilderungen geben. Die Berliner Presse konstatiert die planmäßige Vorbereitung der Angriffe und tadelt die Polizei, die bereits vorher von den Plänen der Nationalsozialisten in Kenntnis gesetzt worden sei. Auch die ausländischen Zeitungen beschäftigen sich mit den antisemitischen Unruhen in Deutschland. . Die Jüdische Gemeinde Berlin sowie andere jüdische Organisaf ionen unternahmen Schritte beim preußischen Minister des Innern und beim Berliner Polizeipräsidenten. Zurzeit nimmt der Prozeß gegen die Exzedenten seinen Fortgang. ♦ Die deutschen Zionismen klagen die Reichsrogierung an Die „Jüdische R u n d s ch a u", Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, führt unter der Ueberschrift „Warum schweigt die Regierung?" u, a. aus: Das Verhalten der Reichsregierung gegenüber den antijüdischen Ausschreitungen vom 12. September ist überaus (befremdend. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat bereits vor vier Monaten die Reichsregierung auf die Notwendigkeit einer klaren Stellungnahme gegen, die Judenhetze hingewiesen. Diese Bemühungen wurden an den letzten Tagen, nach den unerhörten Vorkommnissen in Berlin, eindringlich wiederholt. Die Regierung hat auch in einem Moment, wo die Welt ein Wort von ihr erwartete, keine Stellung genommen. W a r u m schweigt die Reichsregierung? Die „Jüdische Rundschau" hält die von der J. T. A. verbreitete Darstellung von zuständiger Stelle, wonach „die Reichsregierung die Ausschreitungen, die in Berlin gegen Juden an ihren Feiertagen begangen wurden, wie nicht anders zu erwarten war, auf das Schärfste mißbilligt", angesichts der Schwere der vorgekommenen Exzesse und" der 'Üiiruhe, die durch die antisemitischen Ausschreitungen in der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen wurde, für nicht befriedigend genug. Die „J. R" weist darauf hin', daß die Nationalsozialisten im öffentlichen Bewußtsein, u. zw. wegen der zweideutigen Haltung der Reichsregieruag, als „potentielle'* Regierungspartei gelten, die unter Umständen dazu ausersehen sein kann, die Regierung zu unterstützen. Halt man sich das vor Augen, so versteht man die in sehr ticlen Füllen lähmend wirkenden Ueberlegungen der Behörden gegenüber den Exzessen der Nationalsozialisten. Was nützt es, fahrt die „J. R.M fort, daß die preußische Regierung — dies sei unumwunden zugegeben, selbst auf die Gefahr hin, daß man wieder einmal von der preußischen „Judenregierung" redeü wird —■ den ernsten Willen hat, alle Bürger zu schützen? Man hät an den letzten Togen oft hören können, daß es ,4« Preußen zu Pogromen kommen würde", wenn die preußische Staatsregierung nicht so zusammengesetzt wäre, wie sie jetzt ist. Wir glauben, schließt die. „J! R.", daß es im Interesse Deutschlands gelegen hätte, in ganz unzweideutiger Weise der Welt klar zu machen, daß die verantwortlichen Kreise Deutschlands, die durch die Reichs regierung repräsentiert werden, die Vorgänge vom 12. September, die in der ganzen Welt großes Aufsehen erregt haben, mißbilligen und eine etwaige Wiederholung mit a 11 ei1 Energie zu verhindern versprechen. Das Schweigen der Reichsregierung wird nicht nur in der ganzen demokratischen Welt Befremden erregen," sondern es könnte auch von den Missetätern selbst als ein Zeichen der inneren Un entsch Jossen heit empfunden werden. In einer Zeit, wo in anderen maßgehenden Ländern Juden, die ihr Judentum htoh betonen, zu den höchsten Aemtern aufsteigen, wirkt die Lage in Deutschland besonders peinlich. * Zur Judenlietze auf dem Kurfürstendamm —. M die Polizei ersatzpflichtig? Berlin, 19. September. Anläßlich der pogromartigeu Ausschreitungen, die von nationalsozialistischer Seite am» Abend des Rosch HaschanahrFestes in der Nähe der, Synagoge, Fasanenstraße, veranstaltet wurden, hat die Fraktion; der Jüdischen Yolkspar;t.ei in der Berliner Judengemeinde in .Verbindung., mit dem Repräsentanten; pr; Qscar ■ Cohn ^eine.'Einberufung •der.,ltepräsentantenversammiiing beantragt und die Anfrage an den Gemeindevorstand gerichtet« welche Maßnahmen er aus Anlaß dieser Unruhen'getröffen' hat, um eine Wiederholung . zu vermeiden i :und das -Lebe n d e r jüdischen B e w o h n e r B e<r 1 i n.s sicherzustellen. Die Anfrage geht dahin, ob mit allen irgendwie in Frage kommenden StelJi^^die^rforderliche Fühlung genommen wurde und obyvon'diesen Stellen die nötigen Maßnahmen getroffen sind.' * Nach der Ansicht juristischer Kreise ist die Polizei für deu Schaden an Gesundheit und Eigentum der von den Ausschreitungen Betroffenen ersatzpflichtig, da es Pflicht der Schutzpolizei ist, rechtzeitig solche Vorkommnisse zu verhindern. Für die Unterlassung sei der Staat haftbar. Dns Reichsgericht habe erst kürzlich in einem ähnlich liegenden Fall die Haftpflicht des Staates anerkannt. Damals sei ein Berliner Kaufmann von Nationalsozialisten mißhandelt worden; man hat es verabsäumt, einen Zug der Nationalsozialisten durch ruhige Straßen abzulenken, um Zusammenstöße in den Geschäftsstraßen unmöglich ztt machen. Der „Vorwärts** über die Judenhetze in Berlin. Berlin, 22. September. „Dur Abend", Spätausgube des. „Vorwärts" knüpft an. die Berichte über die Vorgänge, am Kurfürstendamm folgende Betrachtungen: ,,. . . Wenn aus Berlin die Nachricht kommt, daß Juden, die an einem ihrer Feiertage aus ihrer Andacht kamen, auf der Straße geprügelt wurden, dann ersteht für die Welt draußen das Bild des alten zaristischen Rußland wieder mit seinen Schwarzen Hundert und seinen berüchtigten Judenhetzen, den Pogromen, Es kommt noch etwas anderes dazu, nämlich die bekannte Eigenschaft des Antisemiten, Juden und Nichtjuden absolut nicht unters c h e i d e n z u könne n. Jeder irgendwie fremdländisch Aussehende, besonders jeder Ausländer von dunklem südlichem Typ, wird als Jude betrachtet und behandelt. Mitglieder so mancher auslündischer.Mission können sich vor Anpöbelungen kaum noch retten. So hat im letzten Sommer ein angesehener ausländischer Diplomat aus den angegebenen Gründen seinen Urlaub, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, nicht in Deutschland, sondern im Ausland verbracht, nachdem er zuvor im Auswärtigen Amt angefragt hatte, wohin man denn in Deutschland überhaupt noch reisen könne, ohne belästigt zu werden!" Tn den meisten dieser Fälle, wie in dem eben berührten, sind die Angepöbelten überhaupt keine Juden. Aber im Ausland gibt es sehr viele Juden, die sich in einflußreicher Stellung befinden, deren Muttersprache deutsch ist und die für Deutschland starke Sympathien haben. Kein vernünftiger Mensch wird einsehen können, was dem deutschen Volke genützt wird, daß man diesen Leuten ihre Sympathie für Deutschland sozusagen aus dem Leibe prügelt' .Freundschaft für die Juden wird niemand , von den Ilakenkreuzlem verlangen. Dafür würden weh die Juden selber wahrscheinlich bestens bedanken. .Aber hätten die nationalsozialistischen Drahtzieher auch nur ein wenig Verantwortungsgefühl, so müßten sie selber gegen die stumpfsinnigen Judenhetzen Front machen — nicht den Juden, sondern Deutschland Äulieiber FO kJ . CK rr. Vtfien Vi,JtmeHiwgsti*aBe I Qualitätsware, beste GEGRÜNDET 1873 Wir kaufen Kasta «in und «er* HERRE H-IN AS 8-ATE LI ER Äo^^^u.^'Ä Krise und, Jiddisdi Eine jüdisch-amerikanische Skizze von Abraham Reise ii In einer sdüimmen Zeit, ist 4er Vater beiweitem kein solches Greenhorn mehr, wie seine Kinder es glauben mögen, seien sie hier geboren oder hier erzogen. Der Vater liest zwar nodi immer das jiddische „paper" (Zeitung), aber Harry, der ältere boy, ein Jüngling schon älteren Jahrgangs, der seit ein paur Monaten ohne job (Arbeit) ist, wirft auch sdion dann und wann einen Blick in des Vaters „paper". Es komnit ihm bereits so vor, als Würde er dort mehr erfuhren, was in seinem, in Harrys Lande, los ist. Die großen Buchstaben, die Titelköpfe der Leitung, bewältigt er irgendwie. „Papa", wendet er sich manchmal an den Vater während des Buchstnbierens der ersten Seite, „was heißt das?" „Was? Wo?" fragt der Vater, einerseits zufrieden, daß sein Sohn in ein jiddisches paper hineinblickt, andererseits unzufrieden, daß sein Sohn ein soldier „goj" ist, nicht lesen kann, wie es sich gehört, „Hier", zeigt der Sohn auf eine Stelle und liest. „Die Krise wä , . . ." „Wächst", hilft der Vater mit gelehrter Miene und brummt halb böse: „Ja, die Krise wächst. Solltest mehr können. Ich hab für dich einen Dollar die Woche einem Melamed (jüdischen Lehrer) gezahlt. Hast aber nicht wollen." Harry seufzt ganz unamerikaniseh. Wirklidi schade. Wenn er Jiddisdi gelernt hätte damals, als er uoch ein ganz kleiner boy war, würde er jetzt des Vaters paper lesen können. Zeit hat er genug. - Die' altere Tochtef Beisie,;ein fcwAuisigjäbrige* Mädeben, hat Überhaupt nicht Jiddisch gefernt. Des hatte sie bis jetzt nicht gestört, aber da sie jetit schon seit einem Jahr ohne Posten ist, kommt ihr der Gedanke, daß Jiddisdi durchaus keine überflüssige Sprache in der Welt sei, und «uch sie blickt mit großer Ehrfurcht auf <tes Vaters paper. Auch die Matter hat an Ansehen gewonnen. Mutter und Vater können zwar nödi immer nidit englisch spre^ dien, aber helfen können' sie sidr besser als sie, das Amerikanerkind, das hier geboren ist. Erstens zeigte es sidi, daß die Mutter in der besseren Zeit sidi, wie sie es nennt, ein paar Dollar erspart hat, und zusammen mit des Vaters paar Dollar war das eine Summe, von der man ein Jahr lang recht und schlecht leben konnte. Sie, die Kinder Bessic und Harry, Wußten gar nicht, daß ihari von so kleinem Verdienst auch nodi sparen könne. Und als das erspurte Geld zu Ende war, zeigte es sich, daß der Vater audi dann noch Rat wußte. Er ist Mitglied einer „society", die einen Fonds für Mitglieder hat, und der Vater borgte sidi dort hundert Dollar gegen Raten von einem Dollar die Wodic. So zahlt er vorlUuflg von diesen geborgten 100 Dollar einen Dollar ab.' Und wenn dieses Kapital gar ist, sagt er, wird er als guter Zahler sidi dort weitere hundert Dollar,'borgen -und' weiterzahlen. Die Mutter hin wiederum' hat zu ihrer Hochzeit in ihrer Heimat 'als Brnu-tgeBChenk so eine Art Brazelett bekommen, das heute uidil mehr getragen wird. Bessie pflegte oft zu lachen, wenn sie dieses sonderbare Schmuckstück in der Sditiblade sah. Es. zeigt sich aber jetzt, daß dieses Sdimuckstück 200 Dollar wert ist, und die Mutter hat darauf wirklidi 30 Dollar bekommen. Also: ein ganz wertvolle« Sdimuckstück. Die vier Silberleuchter, Über die Bessic oft Übermütige Späße machte, stellen auch, wie es sich zeigt, runde 40 Dollar dar, die "Mutter will sie aber nicht verkaufen. Wenn man es, bewahre, brauchen wird, so wird sie sie verpfänden, 15 Dollar wird man bestimmt; fü<; sie geben. Aber wozu die Leuditer verpfänden,;v^enu ihre „Loge", wo sie seit Jahren Mitglied ist, eine Uatersttitzungäkassa hat. Mau greift: einem in Not geratenen Mitglied bis zu 50 Dollar unter die Arme. Aber, sagt die Mutter, das hebt sie sich für,, den äußersten Fall auf. ' Der Vater ist übrigens ein ganzer Revolutionär geworden. Er häUt nichts mehr von Hoover und auch nicht einmal etwas von Governer Rooeevelt. Den Bürgermeister Walker lacht er schon ganz offen aus. Und das alles auf Jiddisch! Befisie hätte gar nicht gedacht, daß man auf /idditfeh -über Politik reden, kann. Es kommen znm Vater an einem freieh Tag — und die Tage sind fast alle frei —* Landsleute, und von denen hört sie Worte, aus denen sie mehr erfährt als ans ihrem kleinen englisdien Blättchen, da« sie bis jetzt für die klUgäte Zeitung der Welt hielt. Oft sagt der Vater sogar so leichthin: „die .Times' schreiben..." Er kennt also die „Times". In den jiddischen Zeitungen erzählt man also, Was „Times" sdlreiben, und ihr Vater weiß es auch, und alles in Jiddisdi. Und sogar die Mutter, wer hätte das geglaubt, spridit schon in ihren Gesprädien mit ihren Freundinnen, den Greenhorn-Nachbarinnen, darüber, daß es sö nicht weitergehen kann, und Bessie, die jedes Wort versteht, wenn sie aüdi Jiddisch nidit spredien kann, bewundert den Mut ihrer Mutter, Sie schämt sidi jetzt ihrer selbst. Und Harry sieht jetzt ein, daß er eich mit all seinem „sport", mit der persönlichen Bekanntschaft und mit der Kenntnis aller Namen der Fußball- und Baseballspieler in einer Zeit der Arbeitslosigkeit nichts anfangen kann. Wenn Vater und Mutter nicht wären, müßte er zusammen mit seinen gewesenen Sportfreunden Schlange stehen. Und wenn Bessie in der letzten Woche ein wenig Arbeit bekommen hat, so auch nur dank der Mutter; Die ging zu einem Landsmann, dessen Vignettetifinbrik für „Koscher" noch ein wenig Arbeit hat; und dieser Landsmann gab ihr eine Stelle. Eine Ware ist das, die nur Greenhorns und fromme Weiber kaufen. Und für ihn, für Harry, sucht der Vater eifrig einen Posten. Sehr wohl möglich, daß er einen solchen bei einem reichen Landsmann findet, der für seinen I<aden ein« billige Kraft sucht. Er, der Vater, kann, wie wir wissen, bei seinem „society s" und, wenn es schon gar schlecht geht, bei einem befreundeten Landsmann eine Anleihe machen. Der Vater kann daß. Diese Leute aus .JSurope" siud gar nicht so dumm, wie man glaubt. Wenn's schon sehr arg ist, kann man, eagt der Vater, in die country (Land) gehen, wo man Bochen bekommt und Farmer wird. Auch de« kenn man in den jiddischen papers lesen.

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