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Die neue Welt · 1931-09-25 · Heft 210 (25.9.1931) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 210 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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m 18? r «Hätsbibliotbck Tiil. UnivcrsitatsD Wien. Preis 35 Groschen Jafirgaitg 5 tteiiaq, den SRI* September I9tf Nr« *tt V« b» b« E V U HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitäts*ir. 6^, 7et. B-48-504 Erscheint jeden Freitag Am Bauernmarkt, beim Teppich-Schein, Kauft man stets mit Frejden ein! Doch heisst es sich vor Irrtum schützen, Da wir keine Filiale besitzen! J wissen? In den israelitischen Redaktionsstuben erzählt man es ihm nicht, er sieht es nicht bei den Salzburger Festspielen, auch nicht in den Elitedichtungen seiner Kollegen Werfel und Wassermann. Das sieht man in den Ghettis des Ostens, in den Elendsvierteln von Wien, Berlin, Paris, London, New York, wo wahrhaftig keine „Edelsch icht Wie §ie uns sehen Literarischer Anti-Antisemitismus In der Schreiberei um den Antisemitismus herrscht jetzt große Hausse. Eine ganze Flut tiefsinniger Betrachtungen über den Antisemitismus ergießt sich über die jüdische und nichtjüdische Welt, vornehmlich über diese, in der Hitler seinen Mann ernährt und zugleich auch seine Reversseite, eine bestimmte Spezies von Anti-Antisemiten. Den „Weisen von Zion" steht der Katechismus der Coudenhove-Kalergi sen. et jun. gegenüber, dem Rassendogina des einen der Antirassenstandpunkt des andern! In beiden Fällen — im Negativen wie im Positiven •— kommen wir Juden schlecht weg. Aus der allgemeinen Krise, die nuch Gelegenheit gibt zu soziologischer Betrachtung, fischt ein Wiener arischer Schriftsteller, wie nicht anders möglich, auch die Krise des Antisemitismus heraus (Rudolf Jeremias Kreutz, „Die. Krise". Saturnverlag, Wien), den er mit den: bewährten Methoden unserer eigenen „Abwehrer des Antisemitismus" angeht. L- Ein Jahrhundert' läng betreiben die assimilatibnssüchtigen Juden des Westens eine üble Sache: nämlich den Antisemiten zu beweisen, w a s fürbrave Menschen wir sind und wie ungerechtfertigt daher ihre Angriffe. Dabei kommen die kuriosesten Interpretationen zutage. Wie diese auch immer aussehen mochten, die übelste Auslegung ist wohl jene, die damit in die Sonne geht, daß wir Kulturhefe und Kultur dünger in der europäischen Zivilisation seien und daher ein Recht auf Leben und Geschontwerden haben, eben jenes, das uns die Antisemiten streitig machen. Was also ist es, das uns Pardon verschaffen soll? Jerreinias Kreutz formuliert es z. B. so: „Die kritische Geistigkeit des jüdischen Intellektualismus . . . Der geistige Jude, dieser unentwegte Durchsäuerer des nahrhaften, aber manchmal ein wenig schal schmeckenden Teiges arischen Geisteslebens, dieser mutige Neinsager und ironische Be- 1 achler fragwürdiger Unfehlbarkeiten, ist zwar ein Störenfried jeder Dogmatik, aber dafür auch ein Schrittmacher und zäher Hüter jeglichen Fortschrittes geworden. Die JSdelscbicht kulturell hochgezüchteter Juden, die zum Patriziat aller großen Städte Europas gehört, hat sich seit je die Pflege und Förderung künstlerischen Schaffens angelegen sein lassen." Dieser abstrakten Formulierung folgt auf dem Fuß der konkrete Beweis. Wem haben wir nicht alles geholfen? Den „Ariern Ibsen und Nietzsche, Fontane, Liliencron, Thoraas Mann, Gerhart Hauptmann". Die wären „ohne die jüdischen Schleppträger" nichts geworden. Kurz, wir haben auf. Grund dieser Leistungen Existenzberechtigung. Wir sind zwar selber nichts, nur Lächler und Durchsäuerer, wir „jüdische Elite", aber wir heben die großen Arier in den Sattel. Der arische Herr Jeremias Kreutz hat diese Weisheit brav bei seinen Kollegen gelernt, den israelitischen Aestheten, die am Berliner Kurfürstendamm und im Wiener Cottage bei literarischen Tees Elite sind und dort Kulturhefe abgeben. Leider haben die großen'jüdischen Mas6en .bekanntlich andere Sorgen als Schlepp träger zu sein. Sie sind keine mutigen Neinsager und ironischen Lächler, sondern Menschen wie alle andern. Sie haben keine Mission, aber Hunger. Sie wollen keine Elite sein, sondern Boden unter den Füßen haben. Aber woher eoü da« der Herr Jeremias Kreuts: I hochgezüchteter Juden" zu finden ist Die \ Sehnsucht nach Boden unter den Füßen ist weitere i auch nur in Palästina zu Hause, das ebenso andere Sorgen hat als arische Geistesheroen in den Sattel zu heben. Die „Krise des Antisemitismus" sieht anders aus als sie eich in den Köpfen von Literaten malt,, die in Anti-Antisemitismus machen. Jabotinsky bleibt verbannt ♦ ♦ ♦ Es ist eine Der Mann, der das Streben des jüdischen Volkes nach seiner Heimat Palästina in reinster Form verkörpert, darf diese Heimat nicht betreten. Der Schöpfer der jüdischen Legion, die im Kriege an englischer Seite um Palästina kämpfte, wird wie ein lästiger Eindringling von der Schwelle gewiesen. Die große englische Nation hat ihn ausgezeichnet, kleine englische Bürokraten achten ihn. Seine Verbannung ist nicht das Resultat eines offenen Verfahrens, sie ist das Resultat feiger, abgefeimter Spitzelarbeit. Man hat keine Anklage gegen ihn erhoben, kein Urteil erzielt. Er fuhr von Palästina zum Züricher Zionistenkongrcß. Unbehelligt. Als er zurück wollte, schlug man ihm die Türe zu. Lockspitzelarbeit. Man hat die arabische Mordhetze, die in Jabotinskys Abwesenheit ausbrach, zum Vorwand genommen, ihn zu verbannen. Die Anstifter der .Mordhetze stolzieren frei und frech im Lande umher. Der fremde Agitator Schauklet Ali, der Aufstand predigt," wird von den Behörden empfangen.. Die hoch weise Regierung hat es nicht verstanden, das Land in Ruhe zu halten. Man muß aber der Welt zeigen, daß irgend etwas getan wurde. Also weist man Jabotinsky aus. Das ist abgrundtiefe Schande, für England und für . die Zionistische Weltorganisation. * London, 16. September. (J. T. A.) Der Führer der Zionisten-Revisionisten Wladimir Jabotinsky, dem die Wieder einreise in Palästina nach den Palästina-Unruhen im Herbst 1929 vom damaligen Kolonienminister Passfield verboten worden war, hat nach Bildung der Nationalen Regierung in England an den Kolonienminister Thomas das Ansuchen gerichtet, ihm die Wiedereinreise nach Palästina zu gestatten. Thomas hat dieses Gesuch abgelehnt. In der heutigen Sitzung des Unterhauses richtete Colonel Jos iah Wedgwood an den Sdiande f Kolonienminister Thomas die Frage, ob er nicht seine Ansicht revidieren und Jabotinsky die Rückkehr nach Palästina, wo er bis zu den Unruhen seinen ständigen Wohnsitz hatte (er war nur vorübergehend zu den Verhandlungen des Zionistenkongresses nach Zürich gereist) zu gestatten. Minister Thomas erwiderte, er habe nach Erhalt des Ansuchens. Jabotinskys die Angelegenheit mit dem stellvertretenden High Commissioncr reiflich erwogen und sei zu dem Schluß gekommen, daß die Umstände in Palästina heute noch nicht solche sind, daß eine Modifizierung der vom früheren Minister Lord Passfield ergriffenen Maßnahmen gerechtfertigt wäre. Auf den wetteren Hinweis Wedgwoods, daß Jabotinsky eine britische Kriegsausz e i c h n u n g e r h a 1 ten h a b e und daß. seine Ausweisung! nur eine Fojge der von den Arabern y«'rr ü b ten v Massa te r s gewesen war, erwiderte Thomas, Passfield habe die Ausweisung Jabotinskys im besten Interesse Palästinas ausgesprochen. Wer hat Jabotinsky verbannt? Wer hat ihn „politisch verschickt"? Angehörige. Führer einer Partei, die am heftigsten und lautesten gegen die Barbarei der Verbannung politisch „Verdächtiger" gekämpft hat und kämpft. Als das zaristische Rußland Menschen — ohne sie vor ein Gericht gestellt zu haben — aus ihrem Heim riß und ins Elend der Verbannung trieb, da schrie die Sozialdemokratie dawider auf. Jetzt tut es das bolschewistische Rußland und das faschistische Italien, und die Sozialdemokratie schreit auf. Und während sie schreien, tun sie das, wogegen sie schreien. Der Sozialdemokrat Passfield hat Jabotinsky ohne Urteil „verschickt", aus seinem Heim, von der Stätte, wo er wurzelt, an der sein Herz hängt, vertrieben. Und der Sozialdemokrat Thomas preist und lobt, was Passfield getan hat und tut, desgleichen. Es ist eine Schande! Die antisemitischen Exzesse in Berlin Die »Vorübung, zum Pogrom« Bezüglich der bereits gemeldeten antisemitischen Berliner Exzesse ist nun erwiesen, daß sie planmäßig vorbereitet und absichtlich am Rosch Haschana-Fest unternommen wurden. Schon Wochen vorher haben die Berliner nationalsozialistischen Führer die Massen gegen Juden und Judentum mit unerhörten Beschuldigungen und blutrünstigen Parolen aufgereizt. Insbesondere war es die hakenkreuzlerische Presse, die sich in Racheausdrücken nicht genugtun konnte. Trotz anfänglichen Leugnens mußte schließlich auch der vom berüchtigten Dr. Goebbels redigierte „Angriff" zugeben, daß die Nationalsozialisten nach dem Berliner Westen (Kurfürstendamm) dirigiert worden seien und sich an den Ausschreitungen beteiligt hätten. Wie die Polizei mitteilt, wurden zunächst am Samstag, den 12., abends, 60 Personen verhaftet, unter denen sich 22 Haupträdelsführer befinden. Im Verlauf der Nachforschung wurden weitere 25 Nationalsozialisten festgenommen, die zur Aburteilung vor den Schnellrichter kommen. Die Leitung der Berliner Nationalsozialisten, die, wie beobachtet wurde, in der Gegend der Exzesse in Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt« liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet einem Auto herumgefahren ist und Weisungen an die Exzedenten gegeben hat, flüchtete und wird von der Polizei verfolgt. Charakteristisch ißt die Tatsache, daß das an den Ausschreitungen unbe? teiligte nicht jüdische Publikum kein Zeichen der Erbitterung weder gegen die hakenkreuzlerischen Rowdies noch gegen die anfängliche Passivität der Polizei gezeigt h&t Auf diese anfängliche Passivität ist es auch zurückzuführen, daß zahlreiche Exzedenten entschlüpft sind. Im Reich selbst kam es ebenfalls zu blutigen Zwischenfällen, u. a., in König s.b e r g, wo Angehörige des jüdischen Sportvereins „Bar Kochba" von Nationalsozialisten überfallen wurden. In Elbing wurde dem jüdischen Kaufmann. Alfred Simonsohn von Hakenkreuzlern. das Nasenbein zertrümmert. In der Vernehmung sagten die meisten Angeklagten aus, sie seien bloß — spazieren g.e» gangen und die bei ihnen gefundenen Waffen wären nur durch Zufall in ihren Besitz gekommen. Im Uebrigen sei bloß eine „Demonstration" beabsichtigt gewesen, und zwar gegen die „jüdische Presse", welche die Führer der Nationalsozialisten verunglimpfe. Allerdings wurde nachgewiesen, daß die Mehrzahl der Exzedenten von den einzelnen Sturmabteilungen ihrer Partei auf

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