Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 209 (18.9.1931)
- Date
- 1931-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711790-2711828--2729-2716045- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE NEUE WELT S 18.- S 24-- S 30.- Uli.. Kaiserstraße 123 IX, Alserstraße 6 Max Schiffmann und Frau II., Taborstraße 48 wünschen allen Verwandten, Freunden nnd Bekannten anläßlich des Jahreswechsels Mi» nernm pdw Kinderheime, Freiküchen, Lesehallen, an jüdische und christliche Asyle. Nuran das Jüdische *Nationalh e i m, an Palästina, wo sein jüdisches Volk um die einzige Möglichkeit sein er Wiederaufrichtung kämpft, an Palästina denkt er nicht! Liegt die Schuld beim reichen Juden? Nein. Sie ist eher bei der zionistischen Bewegung zu suchen, die es nicht verstanden hat, in enger Verbindung mit dem Begriffe Judenstaat den Begriff jüdischer Patriotismus zu schaffen, welcher das jüdische Individuum zwingt, in seinem Denken und Fühlen die Heimat Palästina voranzustellen. Statt dessen hat man versucht, den reichen Juden Palästina als eines der Betätigungsgebiete der jüdischen Wohltätigkeit näher zu bringen. Palästina gleich Blindenheim, gleich Ausspeisung. Da kann man sich eben für die Ausspeisung entscheiden und Palästina auslassen . . . Die semitische Stimme In diesen schweren Zeiten gibt es allerlei Zusammenbrüche. Solche aus weltwirtschaftlichen Gründen und solche aus — Antisemitismus, Jedenfalls beruft eich ©in Wiener Liedersänger, dessen Stimme man sehr oft im Radio und auf den Konzertböden hört, darauf, daß er seine Pleite seiner — semitisch klingenden Stimme zu verdanken hat. Dieser Sänger, er heißt Ernst Arnold, gibt seine diesbezüglichen Erlebnisse einer Wiener Zeitung preis. Er erzählt: „Seit dem Tag, an dem „Der eiserne Besen", das famose Hakenkreuzlerbla.it, mich zum „jüdischen Günstling" der Ravag ernannte, wollte in der österreichischen Provinz das Gerücht nicht verstummen, daß ich Jude und meine künstlerische Produktion als typisch jüdisch zu werten sei. In all den kleinen Landorten Oesterreichs, in denen mich die Not der Zeit aufzutreten zwang, waren die nationalsozialistischen Ortsverbände bereits auf meine Ankunft vorbereitet und bemühten sich nach Kräften, dem jüdischen Barden sein Vorhaben, sich mit Wiener Liedern zu produzieren, gründlich zu versalzen. Zum Schluß kam es so weit, daß die Wirte und Saalinhaber durch Drohungen eingeschüchtert wurden und tatsächlich befürchten mußten, daß meine Liederabende gesprengt werden würden. Angesehene Geschäftsleute gaben unter dem Einfluß der hakenkreuzlerischen Propaganda im Vorverkauf erworbene Karten im letzten Moment zurück und als ich in Waidhofen an der Ytbbs am Tage nach dem Konzert bei einem angesehenen Kaufmann vorsprach, um mich konfessionell zu rehabilitieren, ließ er sich gar nicht erst auf mein Dementi ein, sondern erklärte kurz und bündig: „Da nutzt alles iiix, Ihre Stimme klingt im Radio typisch semitisch". So Ernst Arnold. Die österreichischen ITakenkreuzler sind sehr sensible Naturen. Einen Mord, einen Pogrom, Bluthetze in ihren Zeitungen vertragen ihre Nerven gerade noch, aber eine — ..semitische Stimme" eines christlichen Liedersängers, das ist zu viel. Sie 6in<( aber auch große Ethiker. Ernst Arnold weiß auch davon zu erzählen: „Heiter war auch eine Unterredung mit dem Theaterkritiker eines dortigen „Weltblattes", der sich geweigert hatte, meinen Vortrag zu besuchen, da er sich in der Beurteilung jüdischer Kunstdarbietungen befangen fühle. Als ich dem skrupulösen Herrn, der doch von seinem Theaterreferat allein nicht leben konnte, nach seinem Hauptberuf fragte, stellte es sich heraus, daß der gute Mann Beamter sei — bei Rothschild." Unser lieber Bakenkreuzler kann zwar keine semitische Stimme leiden, aber das Brot des Rothschild ißt er ohne Mißbehagen. Palä§fineira§i§die Streiflichter Landentwicklungsplan nnd die Tage von Sichern An politischen Sorgen fehlt es im Lande nicht. Die letzten Augusttage haben zwei wichtige Ereignisse gc« bracht. Louis F r o n c h, der Direktor des Landcntwick« lungsplans, ist an die vorbereitenden Arbeiten heran? getreten. Aber am selben Tag ging in London der Regie« rungswechsel vor sich, und wer weiß, wie sich die Dinge in Fragen des Landentwicklungsprogramms nun gestalten werden. Der Jischuw hat die Nachrichten vom neuen „nationalen" Kabinett ziemlich kühl aufgenommen. Die Tatsache, daß Herbert Samuel, Lord Reading, Sir Achibald Sinclair und noch einige andere Männer nur einem einzigen Antizionisten, nämlich Sir Henry B a 11 c r« ton, dem scinerzeitigen Mitglied der Shaw*Kommission, gegenüberstehen, müßte objektiv zu einiger Hoffnung berechtigen. Aber . . . man weiß aus bitterer Erfahrung, daß man solchen objektiven Hoffnungen nicht allzu? stark fröhnen darf, und die Stimmung des Jischuw läßt sich am besten mit jenen Worten wiedergeben, die man von palästinensischen Volksmenschen jetzt häufig hören kann; Fürchten wir unsere „Freunde" mehr als unsere Feinde! * Die Tage von Sichern (Nablus) sind vorüber. Die Araber haben ein bißchen Lärm gemacht und die, Engs länder ihnen diesmal (UeVJföu&L gezeigte Ja, wenn die englischen Herren vom Oelberg wollen 1 Die arabischen Agitatoren haben auf sie gebaut und sind einigermaßen C feinjte enghfehe <5foffe ALBERT HARDT ^jz&r gfegfr. 1191 ~S*^, WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o-3-4/ für das neuzeitliche Bett Farbige Bettwäsche Haitdgesprftzfe Steppdeckensatins Bettdecken aus Filelslott Alles unübertroffen farbecht Indanthrenhaus Indanthren VI/ Mariahiltferslraße Nr* 71 enttäuscht. So wurden z. B. einige hundert verschleierte mohammedanische Frauen auf die Beine gebracht, die schreiend durch die Straßen zogen, hinter ihnen ein paar arabische Jugendliche — und die Engländer trieben sie diesmal in wenigen Minuten auseinander. Die englischen Schutztruppen haben Sichern bereits verlassen. Nur arabische Polizei ist zurückgeblieben und kann jetzt gewärtig sein, ein paar Hiebe von ihren eigenen Genossen abzubekommen. Sichern ist also ruhig. Es wird allem Anschein nach auch ruhig bleiben. Von der kommenden Olympiade Die große Makkabiah wird im kommenden April in Palästina vor sich gehen. Ihr Ziel ist zunächst ein Treffen der jüdisch#nationalen Sportler und der Führer der einzelnen Makkabi/Verbände. Die Landeszentralen und ihre Mitglieder sollen endlich Gelegenheit bekommen zusammenzutreffen und einen Plan - für die künftige nationale Sportarbeit vorzuzeichnen, kurz; Die Makkabiah in Palästina wird sich zu einem jüdisch»nationalien Sports kongreß gestalten. Außer den „selbstverständlichen" Gästen, d. s. die Führer der Weltverbände, wird noch eine Anzahl hervorragender Persönlichkeiten die Makkabiah besuchen, ir Die Weltverbände des Makkabi stehen in engem Kontakt mit der zionistischen Organisation. Ihre Mit« glieder sind fast durchwegs Zionisten. Die zionistische Exekutive hat zwar bisher dem Makkabi keine Unter» Stützung zuteil werden lassen, aber ihre Mitglieder sollen sich nach dem Plan der Veranstalter davon über* zeugen, daß eine zionistische Arbeit hier geleistet wird, die auch materielle Unterstützung verdient. Man kann die Zahl der Teilnehmer noch nicht im vorhinein be« stimmen, kann aber schon jetzt mit ungefähr 2000 Sport* lern und Delegierten und mit mehr als 5000 Gästen rechnen. Das Programm wird im Prinzip das normale einer Olympiade sein. Alle Sportzweige werden vertreten sein, außer jenen, die aus speziellen Gründen sich nicht realisieren lassen, wie z. B. der Marathonlauf auf der 42*Kilometer*Strecke, wegen des zu heißen palästinensi* sehen Klimas. Auf einer Konferenz aller Zentralen, die am 25. und 26. September in Prag stattfindet, wird genau der Plan alter Veranstaltungen der Makkabiah und der Termin Die große Erbschaft Von Ludwig Bato. Geschichtsphilosophen behaupten, daß katastro« phale Ereignisse die mystische Strömung im geisti* stigen Leben des jüdischen Volkes immer stärker werden ließen. Nationales Unglück trieb seinen Geist in ge<= heime Sphären, wo er nach Trost und Heil fahndete. So gab die Vertreibung aus Spanien den unmittelbaren An» laß zur Entstehung der kabbalistischen Bewegung. Und es entsteht die Frage: Wiederholt sich auch jetzt, in der so furchtbaren Krisenzeit, das so oft beob* achtete Phänomen der Flucht ins Mystische? Nein! Von Mystizismus ist weit und breit nichts zu merken. Das gegen greift eine Materialisierung im Denken und Fühlen des jüdischen Volkes Platz, die wohl ohne historisches Beispiel dasteht. Eine Umwertung der Werte vollzieht sich vor unseren Augen, eine Umwertung, die das geistige sehr gering einschätzt, die es — um einen volkstümlichen Börsenausdruck zu gebrauchen — zu einem Nonvaleur herabsinken läßt. Wir wollen aber nicht ungerecht sein. Auch früher bestand das Volk nicht aus lauter Mystikern und Kabbas listen. Die Jagd nach dem Gelde fand immer Liebhaber unter den Juden, um so mehr, als der jüdische Mensch sein Leben jeden Tag von neuem um den Preis klingender Münze erkaufen mußte. Das Geistige notierte wohl höher als heute — um bei der Sprache des Handelsteils der Zeitungen zu bleiben —, aber auch das Geld fand stürmische Nachfrage. Neben großen Idealisten gab es immer tüchtige Bankiers und Handelsherren, wobei es allerdings nicht selten vorkam, daß sich diese beiden gegensätzlich scheinenden Pole in einer Person vereinigt vorfanden. Wir wollen nicht ttngercht sein: Die Nachkriegu» zeit hat auch auf dem Gebiete jüdischer Geistigkeit Großes hervorgebracht, der opferwillige jüdische Idealis» mus, der daran ging, die alte Heimat wieder aufzurichten, zählt zu den schönsten, ergreifendsten Kapiteln der jüdis sehen Geschichte. Allerdings wird daneben der Materialismus immer feister und droht, der jüdischen Geistigkeit, mit der er in stetem Hader lebt, den Garaus zu machen. Aber auch der Materialismus kann, so merkwürdig es auch klingen mag, mystisch werden. Wenn er nämlich von großen Erbschaften träumt! Dieser Traum ist auch so ziemlich das einzig Mystische, das unsere Zeit aufzuwei» sen vermag. Das Ende des Weltkrieges gab den ersten Auftakt. Da begann man in den Ländern der einstigen Habss burgermonarchie von einem vor vielen Jahren in San Franzisko verstorbenen Bischof H o r o v i t z, einem ehe* maligen Jeschiwajünger, zu munkeln. Er habe ein fabeL haftes Vermögen hinterlassen, das durch Zinsen und Zinseszinsen zu einer Riesensumme angewachsen sei. Nun werden die Angehörigen gesucht. Von Czernowitz bis Innsbruck und von Kronstadt bis Krakau verfielen alle Juden, die sich erbberechtigt glaubten, in einen form« liehen Goldrausch. Wer war nur dieser Bischof Horovitz? Sein Ursprung war in Dunkel gehüllt. Nur eines schien festzustehen: daß er aus dem früheren Ungarn stammte. Aber über diesen Punkt hinaus gingen schon die Mei* nungen der Familiensachverständigen diametral ausein« ander. Die einen stellten seine Wiege in Siebenbürgen auf, die anderen wieder beteuerten hoch und heilig, daß ihn seine Mutter in der Slowakei geboren habe. Ganz alte Leute konnten sich genau erinnern an das Bocherl, Sohn des alten Horovitz, das an der und der Jeschiwa studiert und dann das Land verlassen habe, um über's große Wasser zu gehen. Ja, mancher konnte sich sogar entsinnen, gehört zu haben, daß das ehemalige Bocherl vom Judentum abgefallen und Geistlicher ge« worden sei. Bischof? Da streichelte sich so mancher mit Gruseln, aber nicht ohne Selbstgefälligkeit den Bart. Bitt' Sie schön, was kann nicht alles so ein jüdisch' Kind werden! Und viele stürzten sich in die größten Auslagen, um jüdische Familienforschungen anstellen zu lassen und eine besonders hoffnungsvolle Gruppe von Erben sandte um den Preis großer Opfer einen Anwalt nach dem Dollarlande, um an Ort und Stelle den Sachverhalt zu e rs und die Erbschaft zu b e heben. Dann kam die große Ernüchterung. Den alten Juden zum Trotze, die sich, je weiter die Sache gedieh, um so genauer des Bocherls erinnern konnten, stellte es sich heraus, daß Bischof Horovitz nie gelebt und infolgedessen auch nichts hinterlassen hat, daß das Ge« rücht von der großen Erbschaft eben nur ein Gerücht war, „böswillige Mache gewissenloser Leute", wie das tschechoslowakische Generalkonsulat in New York in resoluter Sprache auf eine Anfrage erklärte. Kaum war dieser Traum ausgeträumt, bekamen die Materialisten eine zweite Anwandlung. Wozu über's große Wasser gehen? Ist Deutschland nicht viel näher? In der zweiten Hälfte des ig. Jahrhunderts lebte in Breslau ein Kommerzienrat namens Jonas Fränkel, ein reicher, wohltätiger Jude, ein Mäzen im besten Sinne des Wortes. Seinem Opfermut ist auch die Gründung des Breslauer Rabbinerseminars zu verdanken. An seine Person knüpfte der neue mystische Traum an und es tauchten in Kongreßpolen Gerüchte auf, daß der aus Polen stammende und vor Jahrzehnten verstorbene Korn« merzienrat ein ungeheures Vermögen hinterlassen habe, das nun unter die unbekannten Erben aufgeteilt werden soll. Ganz Kongreßpolen geriet außer Rand und Band. Vergebens behaupteten Leute, die mit den Verhältnissen vertraut waren, daß da nichts zu erben sei. Vernunft« gründe halfen nichts. In der Phantasie der sich erbberechtigt Wähnenden stieg das Erbe ins Unermeßliche. Nichts, keine noch so begründete Nachricht über dos