Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 208 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Up. 208 DIE NEUE WELT Seite 5 Jfmntf&näM^ "VSSr&äR MDRISSOR-EnTHBARBfl&SCREME Erhältlich In Apotheken and Fachgeschäften! Neues entstehen. Das würde aber nur erträglich sein und Bestand haben, wenn es auf der Freiheit der Geraeinschaft aufgebaut ist und auf der Begrenzung des Ordnungsdienstes auf seine, natürlichen Aufgaben." Mit großem Ernst und gerechter Ueberzeugung haben sowohl der Minoritätenkongreß als auch der Rigaer Gelehrte Prof, Schiemann die Achtung des Volkstunis als wichtigste Voraussetzung der Befriedung der Wed<t deklariert. Zu Zeiten der politischen Aktivität der Zionistischen Organisation wurden wir von allen jenen Faktoren gehört, die den Rechtsschutz für die nationalen Minderheiten zu verbargen haben. Der Zionismus hatte mehreremaJ Gelegenheit, das jüdische nationale Problem vor das Völkerbundproblem zu bringen und dadurch auch die Möglichkeit, positiv wirksam zu sein. Es unterliegt keinem Zweifel, daß vom Augenblick an, da die Zionistische Organisation zu einem Sammelapparat degradiert und jede politische Tätigkeit in den Hintergrund gerückt wurde, das Verständnis für das zionistische Ziel gerade bei den entscheidenden Faktoren verblaßt und oft sogar einer feindseligen Haltung Platz gemacht hat. Der klare Blick, mit dem in Genf der Aufbau des Rechtsschutzes für alle Minderheiten als dringlichstes Problem betrachtet wurde, führt zwangsläufig zu der Forderung — wie sie oft genug von der zionistischen Opposition erhoben wurde —, im Interesse der Galuth und Palästinas zur aktiven jiidischnationalen Völkerbundpolitik zurückzukehren, solange es nicht zu 6pät ist. Eine antizioiH§ti§die Bewegung Der spanische Imperialismus und die spanfolisdien Juden (Sephardim) Von Dr. Oliver Brachfeld (Barcelona) Indanthrenhaus - Stoffe schaffen Ihnen Wir zeigen Ihnen neue Möglichkeiten 2ur Verwendung indanthfdnfarbigerj unübertroffen farbechter Stoffe auf unserem Stand, Messepalast, Möbelabteilung T, Nr. 1302a das moderne Helm. Als im Jahre 1904 das Buch des Dr. P u 1 i d o, „Espafioles sin Patria" (Spanier ohne Vaterland) era schienen, das zum erstenmal mit allem Nachdruck die Sache der Rückwanderung der Sephardim nach Spanien vertrat, hat niemand geahnt, daß die hispanische Be« wegung unter den Juden um ein Vierteljahrhundert später so hohe Wellen schlagen werde. Dr. Pulido ließ sich durch den Mangel an Interesse seiner Landsleute nicht abschrecken. Indem er sein Leben ganz in den Dienst seines hohen „nationalen" Zieles setzte, gelang es ihm, mit Hilfe seiner sephardischen Mitarbeiter Frau M i c a GroßsAlcalay (Triest) und Pinhas Asayag (Tanger), eine großangelegte Statistik der verschiedenen sephardischen Kolonien der Welt zusammenzustellen, von Scheweningen bis zum Kaspischen Meer und bis Südamerika. Sein Anerkennung verdienender Eifer wäre ohne Zweifel ganz erfolglos gewesen, wenn sich die internationale Stellung Spaniens im Verlauf der letzten 35 Jahre verbessert und nicht dauernd verschlechtert hatte. Der Abfall der südamerikanischen Kolonien, der Verlust Kubas und der verlorene Krieg von 1898 und schließlich die Niederlage bei Annual sind die Meilens steine des Weges, durch den das einstige Weltreich seinem endgültigen nationalen Verfall entgegenzus schreiten droht. Der Imperialismus ist oft, wenn nicht immer, ein Kqmpensationsversuch nationaler Mindere Wertigkeitsgefühle; Philosophen wie Keyserling und Philologen vom Range eines Voßler, sind sich über diesen kompensatorischen Ursprung der nationalen Gesinnung durchaus einig; dem individualpsychologisch Geschulten liegt ja diese Erklärung ohnehin nahe. Der Verfall der spanischen Weltmacht konnte, auch nicht umhin, auf der Pyrenäischen Halbinsel eine starke nationalistische. Bewegung zu erzeugen, die mannigfach eine geradezu imperialistische Färbung angenommen hat. Während also neben den partikularistischen Be< wegungen der Katalanen, Basken und Gallegos sich zu Spaniens weltpolitischer Dekadenz noch die drohende Gefahr einer innerpolitischen Zers Setzung gesellte, kam die Idee eines neuen spanischen Weltreiches auf, das durch die Föderation der Südamerikanischen Staaten unter der Hegemonie des Mutterlandes die notwens dige Kraft zu einem Gegenstoß gegen den siegreich vordringenden nordamerikanischen Imperialismus führen könnte. Karnevalartige ,»Rasserifeste" (Fiesta de la Raza) und häufige Reisen der führenden spanischen Staatsmänner und Gelehrten, Propagandatournees der königlichen Familie in Südamerika, wie auch die kläglichen und mit einem finanziellen und moralischen Fiasko beendeten Ausstellungen in Barcelona und Sevilla, waren die Folgen dieser dilettantisch gedachten und noch dilettantischer ausgeführten neuen „Weltpolitik", die sich die Wiederherstellung des spanischen Weltreiches zum Ziele setzte. Der Gedanke, die Sephardim, die die spanische Sprache in einer erstaunlichen Reinheit erhalten haben, dem Interessentenkreis Spaniens zuzuziehen, lag auf der Hand. Die Bewegung konnte bald mit den Sympathien der „Madrider Rothschild": der Familie Bauer (und ganz besonders mit der des Don Ignacio Bauer), wie auch mit denen des katalanischen Millionärs und vielfachen Ministers Francisco Cambö, rechnen. Der größte spas nische Verlag — beinahe ausschließliches Eigentum des Hauses Bauer — besaß an seiner „Gaceta Literas ria" ein willfähriges Organ; es fehlte nur noch ein gea schickter Mann, der die Leitung der ganzen Organisation in die Hand nehmen sollte. Bald wurde auch dieser aus« findig gemacht in Person des Schriftleiters der genannten schönliterarischen Halbmonatsschrift. War es die Auss sieht auf materielle Vorteile, öder war es nur künsts lerische Laune, die den kaum dreißigjährigen Don Ernesto Gimenez Caballero zur Uebernahme der Rolle eines „Judenpropheten" bewogen haben? Vielleicht fiel beides mit gleicher Last ins Gewicht. Seitdem der junge und durchaus nicht unbegabte Madrider Schriftsteller seine erste Propagandareise nach dem Balkan unternahm, hat die „hispanistische" Be» wegung unter den Sephardim bedeutend zugenommen. Don Ernesto wurde überall mit großer Begeisterung emps fangen; in Saloniki sollen sich mehr als zehntausend Juden zu einem seiner Vorträge eingefunden haben. Bald en t ALBERT ^2<gr gegr. r?9"5 -s*^ WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o-3 4/ Besuchen Sie unsere Verkaufsausstellung WIEN, VI. MARI A HILFERSTRASSE N R. 71 folgte der ersten Reise Gimenez Caballeros die zweite, die dritte, und die „Ausstellung des spanischen Buches" in Bukarest, Belgrad, Sofia, Saloniki. Was anfangs nur ein geschickter Verlegerschachzug des Konzerns Bauer —- C. I. A. P. genannt — war, wurde bald „nationale Pflicht"; Gimenez Caballero konnte sich der offiziellen Unterstützung Spaniens wie auch der Balkanstaaten er« freuen, denen nicht wenig an dem Ausbau der kommer* ziellen Beziehungen mit Spanien gelegen war. Die „Gas ceta Literaria" brachte nicht nur die enthusiastischen Reiseberichte Gimenez Caballeros, sondern auch lange Berichte über die Sephardim; es wurde ein Beiblatt j,Ga« ceta Sefardi" eröffnet, die fast in jeder Nummer aufs zufinden war, und die verschiedenen „Noticias Sefardies" und „Postales Sefardies" füllten beinahe das ganze Blatt aus. Daß sich dabei die verschiedenen sephardischen Autoren, wie z. B. Sam. Levy (Paris), die Gelegenheit nicht vorübergehen ließen, sich in ihren Artikeln i n d e n schärfsten Worten über die zionistische Bewegung zu ergehen, versteht sich ja ganz von selbst. Mit diesen künstlichen Mitteln wurde im Verlauf der letzten Jahre eine äußerst starke philosemitische Welle in Spanien erzeugt. Die größten Zeitungen — darunter auch die streng katholische „ABC" — ent» sandten ihre (oft hochadeligen) Korrespondenten nach dem Balkan, um über die Lage der Sephardim Berichte zu erhalten. Auch politische Gründe trugen zu diesem erwachenden Philosemitismus bei. Spanien wandte sich allmählich dem republikanischen Ideal zu und wurde der monarchistischen Kirche abhold; war es aber nicht die Monarchie, waren es nicht die „Reyes Cat61icos" Ferdis nand und Isabella, die 1492 den traurigen Exodus herauf? beschworen haben? Auch die Katalanen schlössen sich bald der Bewegung bei; die Vertreibung der Juden war — so ist die allgemeine Meinung, die .erst vor einigen Wochen in. einem leidenschaftlichen Buch des bekannten katalanischen Philosophen Diego Ruiz, „Das Verbrechen der katholischen Könige und-das Ende :der historischen Aufgabe Kastiliens" betitelt, ihren Ausdruck fand — die Schuld Kastiliens. Auch wurde die Verordnung 1492 in Katalonien nicht so streng durchgeführt wie in den übrigen Teilen Spaniens, und so leben ja in Katalonien zahlreiche Abkömmlinge der ehemaligen Juden. Der katas lanische Ingrimm gegen Kastilien hat damit einen neuen „Braten" gefunden. Wie verhalten sich nun zur Frageder „repatria* cion" die Sephardim selbst? Ihre Antwort ist eindeutig und klar: Ihre Feindschaft' gegen die Askenasim und die MW Erzählungen und Anek~ «loten ans dem 0§ien Reb Schaje Gurgel Bei uns im Städtchen gibt es einen Batlen, den man Schaje Gurgeil nennt. Wie kommt er zu diesem Spitz* namen? Das will ich hier erzählen: Reb Schaje war ein einfacher Batlen. Er ernährte sich von Psalmensagen und Mischnajotlernen gegen milde Gaben. Nun passierte einmal etwas ganz AußergewöhnsK liches: Unser Reb Schaje hat ganze vierzig Kreuzer auf einmal verdient. (Und wer weiß nicht heute, was vierzig Kreuzer bedeuten). Er rennt voller Freude nach Hause zu seiner Alten: „Frau, mach Schabbes!" Die Frau be* sorgte sofort Ghalle, Branntwein und Lichte; da es aber zum Fleisch nicht mehr reicht, kauft sie eine lange Gurgel von einer Gans. Beim Kochen bekommt die Frau große Lust, davon zu kosten, denn sie hat — unter uns gesagt — vielleicht an die zehn Wochen keinen Bissen Fleisch im Mund gehabt. So fängt sie an, sich von dem Hälschen einzelne Ringe abzureißen. Ein Stück nach dem andern, Ring auf Ring... Wie sie sich umschaut, ist von der Gurgel keine Spur geblieben. Mittlerweile ist es dunkel geworden, unser Reb Schaje kommt mit einem behäbigen „Gut Schabbes" herein und hinter ihm her noch ein kleines Männchen. „Frau", sagt Schaje, „ich habe dir zum Schabbes einen Gast mitgebracht/' Ihr wird es dunkel vor den Augen. Sie läßt sich aber nichts merken und stößt ihren Mann leise an: „Mann, hast du die Messer zum Schabbes geschärft?" Da geht er verlegen an den Schrank, nimmt ein Messer in die Hand und schaut es stumm an. Die Frau aber reißt den Gast zur Seite und jtfam gflB aUngJqclrsm«pschl Mein Masa ist ein Räuber, er will euch die Gurgel abschneiden!'* Der Mann macht schleunigst, daß er fortkommt. Sie aber kreischt los: „Dein schöner Gast ist mit der Gurgel davon? gelaufen!" Reb Schaje stürzt, das Messer in der Hand, dem Gast nach und schreit: „He, guter Freund, gebt die Gurgel her!" Der Gast schlägt Lärm: „Hilfe, Hilfe, rettet, der Räuber will mir die Gurgel abschneiden!" Seit damals heißt unser Batlen Reb Schaje Gurgel. Der Totenwächter Reb Todres, der reichste Mann in unserem Stadt* chen, ist — was ich keinem von euch wünsche — ganz* lieh verarmt. Da kommt die Gemeinde zusammen und berät, wie man ihm einen anständigen Verdienst ver* schaffen könnte. Einer bringt vor, es sei doch vielleicht ratsam, ihn zum Stadtchasen zu machen, da er eine schöne Stimme habe und ein staatlicher Mann sei. Ein anderer wieder meint hiezu: „Reb Todres stottert doch, mit Verlaub, beim Beten." Ein Dritter gibt den Rat, Reb Todres möge Lehrer für die ganz kleinen Kinder werden. Nun hält er aber das Siddur verkehrt. Es geht also auch nicht. Nach langem Hin und Her beschließt man endlich, unser verarmter Reb Todres solle der Oberste der Toten* Wächter werden. Nun will man aber noch ausprobieren, ob er nicht etwa ein Hasenfuß ist. Man nimmt einen Bauernkerl, zieht ihm Totengewähder an und legt ihn in ein Häuschen, das ganz frei mitten im Feld steht. Dann holt man Reb Todres, damit er die ganze Nacht bei der Leiche wache und Psalmen lese. Wie er so eine halbe Stunde Psalmen lesend dasitzt, fängt die Leiche an, mit den Beinen zu zappeln. Reb Todres wird ärger* lieh und wendet sich mit folgenden Worten an sie: „Liebe Leiche, ich bin nicht von heute, ich habe schon tausende Leichen gesehen, aber alle haben brav. 5 und ruhig gelegen, bis sie in ein ordentliches jüdisches Grab gekommen sind. Lieg auch du ruhig." Es wird auch für einige Zeit ruhig. Dann hebt die Leiche einen Arm hoch, ein Bein, den Kopf und glotzt ihren Wächter mit stieren Augen an. Reb Todres wird böse, er geht voller Wut auf die Leiche zu: „Ich sehe jetzt — daß meine selige Großmutter, Zurtel Trane — wirklich recht hatte, wenn sie sagte, daß es unter den Leichen auch unverschämte Gesellen gibt. Laß' dir's noch einmal sagen, hab Gott im Herzen! Wo nicht, wird's dir schlecht ergehen, und es wird ein böses Ende nehmen." Ein Weilchen ist's wieder still; dann aber richtet sich der Tote plötzlich auf und brüllt los, daß die Wände zittern. Unser Oberwächter entbrennt wie das höllische Feuer: „Bist du tot, so lieg' still, zum schwarzen Jahr!" und er versetzt dem Toten ein paar Hiebe mit einem dicken Stock. Dieser seufzt auf und bleibt dann ruhig liegen. Reb Todres wirds wieder wohl und er sagt: „Nimm mir die paar Schläge nicht übel, liebste Leiche, nun sehe ich, daß du doch weißt, was #eh für eine anständige Leiche gehört." In aller Früh' bei Tagesanbruch erscheint die Ge* meinde in dem Häuschen, um sich einen Scherz zu machen. Was tut die Lerche? Sie rührt sich nicht. Ge* waltiger Radau, furchtbare Aufregung. Man schleppt den unglücklichen Wächter zum Richter. „Ihr Herren", verteidigt sich Reb Todres, „ich bin ein schlichter Mann. Von meinen Vätern her weiß ich, daß eine ordentliche Leiche ruhig zu liegen hat. Dieser Lümmel aber hat mit mir Späße machen wollen. Da habe ich ihm ein paar Gehörige heruntergehauen, da hat er sich sofort beruhigt." Man ließ Reb Todres daraufhin frei und war dann - stets zufrieden mit ihm. N^ax&ejr^Jbft &g&- J*. &