Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 208 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711790-2711827--2715-2716030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seife 2 DIE NEUE WELT Nr.?Q8 Cesxk CD S18.- S 24.- S 30.- oil., Rfllseme 123 IX., Alsefflroße 6 Nach dieser Aussprache* so lautet die Meldung, begab sich Herr Brockway zu einem geselligen Mahle, das der antizionistische, sozialistische „Bund" zu seinen Ehren veranstaltete. Er hat sich dieses Essen redlich verdient. Der Vorfall ist geeignet, manche Zionisten zum Nachdenken anzuregen. In erster, Linie diejenigen, die daran glauben, daß sich der Zionismus den Luxus verschiedenster Ideologien, und ganz besonders den Luxus der Klassenkampfi d ep 1 o g i e, leisten kann. Der Sturm, kommt von links her so heftig wie von rechts,; pä heifit es alle Kräfte zusammenfassen. Vielleicht wird eine Zeit kommen, in der man sich einen gesellschaftlichen Kampf innerhalb des Judentums wird leisten können, . Vielleicht! Aber diese Zeit ist noch nfcht) vdal Zum Tode eines Märtyrers Rabbi Schapiro von Piozk Anläßlich des zehnten Jahrestages der standrechtlichen Erschießung JRübbl Schapiros in Piozk veröffentlicht die jüdische Presse Polens Artikel, in denen an den Märtyrertod des Rabbiners erinnert und seine Rehaibihtierung durch Wiederaufnahme des Verfahrens gefordert wird. Rabbi Schapiro war im Jahre 1921 nach Befreiung der Stadt Piozk von der bolschewistischen Invasion von einem polnischen Militärgericht unter der Beschuldigung der Spionage zugunsten Sowjetrußlands und der Verständigung mit dem Feinde zum Tode durch Erschießen verurteilt worden. Die Verurteilung erfolgte, weil die Bewegungen des Rabbi beim Gebet, das er, in den Talles: gehüllt, unbekümmert um die militärischen Vorgänge, in seiner Stube verrichtete, irrtümlich als Signale für die feindlichen. Truppen auf gefaßt wurden. Irgendwelche wkkUchen Be/ziehu.hgen^.dee Rabbi zu den Bolschewosten konnten nicht festgestellt werden. Zehn Jahre, schreibt die Warschauer jiddische Tageszeitung „Moment", liegt der unglückliche Rabbi Chaim Schapiro nunmehr im Grabe, und es ist, alö ob noch immer 6ein Schrei zu hören wäre „Erde, decke nicht mein unschuldiges Blut!" Wie einst Sararijahs wird das Blut des Märtyrers von Piozk nicht ruhen, es fordert Gerechtigkeit und Sühne; denn über seinem Grabe schwebt noch immer die Beschuldigung des Verrats, von der ihn noch kein Gericht freigesprochen hat Die Märtyrer unserer Vergangenheit haben sich nicht darum bekümmert, was die Völker über ihre angeblichen Verbrechen dachten. Rabbi Akiba fragte nicht danach, ob die Welt ihn von der Anklage, derentwegen er zum Tode geführt worden war, freisprechen werde. Die letzten Worte auf seinen Lippen waren: „Höre, Israel", nicht „Höret, Ihr VöJker". Aber der Märtyrer von Plo2k forderte wenige Minuten, bevor die Exektttionsabtedlung ihr Werk tat, seine Verwandten auf, für die Revision des Verfahrens gegen ihn und die Verkündigung seiner Unschuld Sorge zu tragen.. Sein Bruder, ebenfalls Rabbiner, erzählt, daß er einst, Jahre vor der bolschewistischen Invasion in Polen, mit Rabbi Chaim Schapiro über Märtyrertum sprach, wobei. dieser erklärte: „Glaube mir, Bruder, ich wünschte, zum unschuldigen Märtyrer für Seinen Heiligen Namen aus-' erwählt zu werden." Sein Wunsch ist erfüllt worden. Bis auf den heutigen Tag aber wurde seine Unschuld noch nicht gerichtlich festgestellt, noch immer haftet der Name Verräter an seinem Angedenken. Als die Tragödie von Piozk sich ereignete, ging ein Aufschrei durch' die jüdische Welt. Die Juden waren in höchster Erregung, von nichts anderem wurde damals gesprochen. Aber damals war Krieg, ein Kriegsgericht hatte eilig und in rauher soldatischer Art geurteilt. Damals konnte nichts getan werden. Seither sind zehn Jahre verflossen. Die jüdische öffentliche Meinung muß verlangen, daß die polnischen Gerichte den Fall wieder aufrollen, das Beweisverfahren revidieren und die einzig mögliche Entscheidung treffen: die Unschuld des Rabbi zu verkünden. Der Kongreß der Nationalitäten in Genf Kulturelle Freiheit Montag, den 51. August, ging in Genf die Tagung des 7. Europäischen Minoritätenkongresses zu Ende. Nach längeren Beratungen wurde eine Resolution angenommen, in der es u. a. heißt: „In den durch Minderheitenschutz gebundenen Staaten ebenso wie in den anderen nicht gebundenen Ländern, abgesehen von wenigen Ausnahmen, fehlt nach wie vor das Verständnis für das Nationalitätenproblem. Die verfassungsmäßig und völkerrechtlich verbürgten Rechte dier a^ersrätiorWleii Staatsbürger weiden mißachtet. Die js,taatsbürgeift^ die Gleichheit Y0* dem'\G#s$fa['i^^jdäe^.kulju^ej|e_^Freiheit 6ind fast nirgends vorhanden, nicht einmal die Staatsangehörigkeit ist gesichert! Auf' allen Gebieten des öffentlichen Lebens werden «die.ande jsnatdonalen Staats- Indische Hausfrauen gämgmmmmmmm^ IrilllfAfl HMbbbbbbbbbbbbbbbbbbbH ■■•■■■■■■^■^■^■■'■^■^■«■■■■■fB Kaut911 w^mn^tBKnmnnuuEKBKKUm Ittft Fi'sdie/ QMüqeh Butte»/ Eier imd Selchwaren im Spezialgeschäft Wien VII/ Burggasse Nr« 44 Inhabers A« Schachler / Tel* B* 3 5*9-2 5 bürger bewußt zurückgesetzt und benacJiteiligt. Schärfer als je wird die Assimilation betrieben. Es sind sogar Exekutionen gegen Leben und Eigentum eigener Staatsbürger unternommen worden, die allgemeines Entsetzen hervorgerufen haben. Die Achtung des Volkstums ist eine unentbehrliche Voraussetzung der Befriedung Europas. Der Aufbau des Rechtsschutzes für alle Minderheiten ist daher eine der dringlichsten Aufgaben des Völkerbundes. Der siebente Nationalitätenkongreß muß aber .feststellen, daß selbst die an den Völkerbund gerichteten Petitionen über schwerste Angriffe gegen Leben und Eigentum eine Behandlung erfahren haben, die bei den Betroffenen das Vertrauen in seinen Schutz erschüttert. Das Präsidium wird daher beauftragt, dem Völkerbund den Ernst der Lage vorzustellen und vor allem die Notwendigkeit der Aenderung der Behandlung der Petitionen von Minderheitsangehörigen in lebenswichtigen Fragen zu betonen,'* Nation ist Staat Professor Schiemann aus Riga sprach über das Verhältnis zwischen Nation und Staat umd sagte unter anderem: „Jeder europäische Staat steift sich die Aufgabe, seine nationale Kultur zum Geistesinhalt jedes Bewohners seines Gebietes zu machen. Aber man wisse ganz genau, daß das eine Faktion ist. Man weiß; daß in jedem Staate zu Tausenden, oft zu Millionen Menschen leben, die ihre eigene Kultur besitzen und sie weiter zu pflegen entschlossen sind. Hindere man sie daran , mit Gewalt oder List, so werden sie lediglich' von der Mitwirkung an den wirklichen Staatsauifgaben abgehalten und der Staat selbst wird in seiner Entwicklung von Recht und Ordnung gehindert, und schließlich entsteht ein Haß, der jedes redliche Zusammenleben und jede Entwicklung dm Staate unmöglich macht, Aber auch in dem neuen Staat des Ostens mit seinem großen lebensfähigen Wirteohaftsraum (herrscht eine neue Theokratie, indem auch dort nur ein einziger Typus von Menschen, nämlich der proletarisch -kollektivistische Mensch, gezüchtet wird. Deshalb ist auch die kommunistische theokratie des Ostens nur Sklaverei. Aug den gewaltigen Auseinandersetzungen unseres Lebens muß etwas F.&M. VI, Amerlingstraße I Qualitätsware, letzte flastuhrung GEGRÜNDET 1873 HERREN-MASS-ATELIER Wir kaufen Kassa ein und wer« kaufen nur gegen Barzahlung. Demzufolge billige Preise. Sdialom Alejdtem bei der Arbeit ~: Von J. D. Berkowitsch In einer Reihe von Aufsätzen legt J- D. Berkowitsch, der bekannte hochbegabte Schriftsteller und Schwiegersohn Schalom Alejchems, Erinnerungen an seinen Schwiegervater nieder. Im nachstehenden bringen wir ein Kapitel, in welchem Schalom Alejchem in seiner geistigen Werkstätte gezeigt wird. Noch bis auf den heutigen Tag, wenn sich im jüdischen Leben Außergewöhnliches ereignet und wenn dieses des Komischen nicht entbehrt, kann man von einem der treuen Leser Schalem Alejchems sagen hören: Ei, könnte man jetzt Schalom Alejchem brauchen, er würde das, wie es sich gehört, beschreiben mit allem Drum und Dran! Es ist beim Leser konstante Vorstellung vor Schalom Alejchem, wonach dieser mit einem speziellen photographisehen Apparat durch die jüdische Welt schritt und so das Ungewöhnliche, das Neue, das seltsame Kuriose „beschrieb". Dieser Vorstellung gemäß würde das neue, umgekippte jüdische Leben in Sowjetrußland für Schalom Alejchem der erwünschte Stoff sein, ebenso wie das schauerliche Chaos, das in Europa nach dem Weltkrieg herrschte, da herbeigeströmte kleinstädtische „Melamdim" über Nacht Unternehmer geworden sind und Gold in Scheffeln machten, Herren fremder großer Industrien wurden, — der erwünschte Stoff für seine künstlerische Intuition. Eine solche Auffassung von Schalom Alejchems schöpferischem Beruf Ist natürlich «eh* naiv und oberfläehlich. Gerade Schalom Alejchem hat seinen Stoff nicht aus den ungewöhnlichen, kuriosen Nebengeleisen unseres Lebens geholt, sondern just aus der ganz alltäglichen, klargeformten jüdischen Lebensart. Sein großer Beruf bestund nicht im Auffangen von sonderbaren Ersdieinungen, kuriosen Ereignissen und wae ihnen anhängt, sondern darin, daß er in einen gewöhnlichen Vorwurf seinen außerordentlichen humoristischen Atem blies und den Vorwurf zu klassischem Niveau hob. Welches Buch wir von den Büchern Schalom Alejchems aufschlagen mögen, immer noch offenbart sich unseren Augen der alte, wohlbekannte heimische Raum unseres jüdischen Lebens, der nur durch die intime Beleuchtung des großen Meisters mit dem feiertäglichen Schimmer erhabener Phantasie aus dem Zustand des Wahren ins Phantasma verwandelt wird. Ist etwa Reb Josewl der Raw, der uns aus Schalom Alejchems Kassriliwker Geschichten wie eine legendarisch anmutende Midraschfigur entgegenblüht, nicht derselbe stille, kleinstädtisdie, arme Raw im abgeschabten zerschlissenen Kaftan, der uns in den Kinderjahren durch seinen fromm geläuterten, philosophisch verträumten Blick aus seinem Winkelplatz beim kleinen, armen, heiligen Schrein warm bestrahlt? Und ist nicht sogar Menachem Mendel mit seinem ganzen Getue ein ganz gewöhnlidier normaler Jude (den unnormalen Umständen unserer bodenlosen Existenz gemäß), der mit allen seinen grobschlächtigen Kuriositäten bei uns, mehr als alles, mildes heimisch-jüdisches Gefühl, echtes Gelächter erweckt? Ich bin dessen sicher, daß Schalom Alejchem dem neuen Menachem Mendel, der wie ein Giftpilz aus der schwarzen Börse der europäischen Hauptstädte hervorschoß, wie der Pest ausgewichen wärel Und ich bin dessen sicher, daß vom Damenschneider Schmuel Abba Fingerhut, der in Kassriliwke zum Hauptkommissar avanciert ist und die Kassrüiwker Juden zu Hungertod und Vernichtung verurteilt hat, sich Sdialom Alejchem mit Ekel abgewendet hätte. Die Komik seines Menachem Mendel war eine idyllische, nichtpathologische, und sein Schmu 1 Abba Fingerhut reichte höchstens zur Expropriierung von Pessadi.&uödeln und Kranzpasteten, einer bombenrunden Büchse Maazot-Mehl bei einem armen Reichen , , , Beide hatte er inniglich lieb, wiewohl er über ihr komisches Wesen laut lachte. Denn beide waren Bein und Fleisch von seinem Bein und Fleisch. Sie wuchsen aus seinem Boden empor. Menachem Mendels flügelartiger Optimismus war sein Optimismus, und Schmul Abbas Ironie, die eines Hungrigen über den Satten, war seine Ironie. Selbst der Einfall der Mazzotmehlbombe war ähnlich den lausbübischen Schalom- Alejchem-Einfällen. Schalom Alejchem sab das Komische seiner handelnden Personen selten in der äußerlich konstruierten Situation /um sie herum; er fand sie inwendig in ihnen. Er hatte es nicht nötig, wie Mark Twain, den armen Teufel in die Kleider eines Prinzen zu stecken, um eine humoristische Situation zu erzeugen. Dessen eigene Arme-Teufel-Kleidung birgt in sich genug für das humoristische Auge und das große menschliche Interesse. Ueber die Entstehung von Schalom Alejchems großem Werk „Tewje der Milchiger" erzählt L D. Berkowitsch; Noch heute steht mir vor den Augen, wie Schalom Alejchem sich in Lemberg an seinen „Tewje" erinnert. Er wurde plötzlich irgendwie stiller, brach das Gespräch ab, schritt durch das kleine, enge Zimmer gespannten Gesichts, über das ein feierliches Geheimnis in Form eines Lächelns huschte, eine Hand an der Hüfte des Gehrocks, mit der zweiten seinen Bart glättend,. hin und wieder sich in die rechte Hand beißend, in die weiche Handhöhle, sehr oft an den ohnehin schon gezähnten Fingernägeln kauend, um zuguterletzt sich mit der Familie zum Tisch zu setzen, wo die Kinder lärmten und lachten, und er lächelte so, daß man nicht wußte, ob das Lächeln den Kindern oder sich selbst gelte . . . Dann ging er ans Schreiben, schrieb an verschiedenen Tages- und Abendstunden, saß stundenlang an den Schreibtisch geschmiedet, das Gesicht zur Wand gekehrt, tief in sich gekauert, intensiv und rasch schreibend, eiu Blatt um das andere füllend, um schließlich plötzlich das Gesicht vom Papier zu erheben, nachdenklich mit einem Auge der Mitte zu blickend, mit einem Ohr irgendwie nach oben lauschend, wobei die Lippen jsich' klanglos in kaum merkbarem Lächeln bewegten, als würden sie fromm eines anderen Worte na'chsagen . . . Oft erwachte er mitten in der Nacht, machte Licht, setzte sich im weiten Schlafrock hin und schrieb bis in den hellen Tag hinein.