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Die neue Welt · 1931-08-28 · Heft 206 (28.8.1931) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 206 (28.8.1931)
Date
1931-08-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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N«. 206 DIE NEUE WELT SdfcteS Der antijudisdie Landentwi'dcluiig§ plan für Palästina Vortag Diu S* E« Soskin in Wien Der Bekannte Kolonisationsfachmann und Führer der Revisionisten Dr. S. E. Soskin, der in der letzten Woche in Wien weilte, sprach im Verbandsheim in der Augartenstraße über das gegenwärtig so wichtige Problem des Projekts der britischen Regierung, den sogenannten Landentwicklungspla.n für Pa< I ä s t i n a. Im Zusammenhang mit den politischen Perspektiven des Landentwicklungsplans unter Beziehung auf die Ent« Wicklung des jüdischen Nationalheims gab Dr. Soskin eine zusammenhängende Analyse des britischen Projekts, das sich im Licht seiner Kritik als eine Attacke auf die Be« Stimmungen des Mandats erweist. Die wesentlichen Gesichtspunkte der Ausführungen Dr. Soskins fassen wir hier in gedrängter Form zusammen. Die Vorgeschichte Zum erstenmal ergreift seit Bestehen des Mandats die Mandatarmacht die Initiative zu einem Plan, der in Palästina eine kolonisatorische Grundfrage systematisch regeln soll. Wenn man sich die Frage stellt, worin das Wesen des britischen Projekts besteht, so muß man sich zunächst einige Tatsachen vor Augen führen. Die Vorgeschichte beginnt mit den Unruhen vom August 1929. Die allererste Etappe ist der bekannte ShawsBericht, der den großzügigen Versuch machte, die Ursache der Unruhen von seiner tatsächlichen Quelle weg zu verschieben. Die Stellungnahme der Mandatskommission vom ifuni 1930, die bekanntlich scharfe Kritik an der Passivität der Mandatarmacht enthielt, führte in weiterer Folge zur Entsendung Sir Hope Simpsons nach Palästina. Dr. Soskin analysierte nun den unzulänglichen, von unrichtigen Perspektiven ausgehenden und mit falschen Tatsachen operierenden Bericht Simpsons, der die These von den landlosen Arabern (29,3 Prozent aller Dorfbewohner) aufstellte. Der nächste Schritt war das Weißbuch vom Oktober 1930, das die Forderung aufstellt, die landlosen Araber zu kolonisieren, und eine Anleihe ankündigt. Der dem Weißbuch folgende MacDonald* Brief vom 13. Februar 1931 begrenzt allerdings diese Forderung in dem Sinne, daß die Zahl der effektiv vom Land verdrängten Araber festgestellt werden soll, wobei nur diese ein Anrecht auf Kolonisierung haben. Die letzte Etappe ist die Ernennung von Louis F r e n c h zum Landentwidklungsdirektor mit Kitsching, einem Beamten des Irak, als seinem ersten Gehilfen. Wie erinnerlich, hat Passfield an den High Commissioner Chancellor Instruktionen bezüglich des Landentwicklungs« plans ergehen lassen, deren Publizierung am 9. Juli statt« finden sollte, aber wegen der Tagung des Zionisten« kongresses verschoben wurde und erst am 20. Juli er« iolgte — ein Intermezzo, dessen politische Bedeutung klar ist. Innerhalb der Instruktionen befand sich die Be« willigung von 50.000 Pfund für die ersten Vorarbeiten, und zwar zur Feststellung der kultivierbaren Flächen, der Bewässerungsmöglichkeiten, der Fassungsmöglichkeit von Einwanderern und der noch verfügbaren Regierungs« ländereien für die Juden. Passfields Instruktionen Das Wesentliche dieser Instruktionen bezieht sich auf die Verbesserung der Lage der Araber in den übervölkerten Bezirken, auf Maßnahmen für Melioration und Fixierung der noch nicht kultivier« baren Flächen mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß Dislozierungen nicht vorgenommen werden dürfen, d. h. daß eine Ueberwanderung nach schwächer besiedelten Gebieten, in erster Linie nach Trans* jordanien, nicht in Betracht kommt, ferner Kreditgewährung an die Araber. Vor allem aber ist die Registrierung aller jener Araber vorzunehmen, die infolge des Uebergangs von Land an Juden keinen Boden mehr bearbeiten und keine andere befriedigende Beschäftigung haben. Wenn die Registrierung dieser Araber durchgeführt . ist, soll die baldigste Reetablierung auf dem Lande nach der Geneh« migung des Siedlungsplanes (durch den Oberkommissär durchgeführt werden. fl. Was beinhalten nun diese Instruktionen? Vor allem wird auf die Verdrängung der Araber durch die Juden hingewiesen. Die Juden werden an den Pranger gestellt, während z. B. die Auswucherung der Fellachen durch die Effendis mit Stillschweigen übergangen wird. Diese Bestimmung bedeutet nichts anderes als ein Ausnahmegesetz, ein Judengesetz, analog jenen Judengesetzen, wie sie im Zarenreich üblich waren. Unterstaatssekretär S h i e 1 s hat am 29. Juli 1931 im Parlament auf eine Interpellation hin die Aufklärung gegeben, daß nicht allein diejenigen Araber angesiedelt werden sollen, über deren Kopf hinweg das Land von den Effendis verkauft würde, sondern auch jene, die selbst ihr Land verkauft haben, womit womöglich noch schärfer die schädliche, bodenwucherische Tätigkeit der Juden unterstrichen werden soll. Herr Shiels will sagen, daß die „armen" Araber von den Juden gezwungen wurden, ihr Land abzugeben. Der elegante Herr — der erfolgreiche Mann — der anspruchsvolle Kenner — sie alle lasieren sich nur mit Der einzigen schwedischen Weltmarke Wie steht es nun wirklich? Die Araber haben be« 'kanntlich in den letzten Jahren zu immer steigenden Preisen an die Juden Boden verkauft und -— was das Wichtigste ist — solches Land, das sie bei 'ihrer aus* schließlichen Acketwirtsehaft' "Sticht - brauchen konnten, nämlich sandigen Boden und versumpfte, unbewohnte Strecken. So sieht die These von den durch jüdischen Bodens erwerb landlos gewordenen Arabern aus. Zugunsten dieses Projekts soll die Anleihe von 2% Millionen Pfund im Dezember dem britischen Parlament unterbreitet werden. Was sagt das Mandat? Prüft man nun die Rechtslage, wie sie sich nach dem Mandat ergibt, so ist nirgends davon die Rede, Araber anzusiedeln oder sie von Landtransaktionen zurückzuhalten. Im Gegenteil: die Schöpfer des Mandats haben, wie Art. 6 des Mandats beweist, ausdrücklich an eine Bestim« mung gedacht, den Juden die dichte Besiedlung des Landes einschließlich der Staatsländereien und der für öffentliche Zwecke nicht gebrauchten Oedländereien zu ermöglichen. Nirgends ist davon die Rede, daß die Juden im freien Markt Boden erwerben, jedenfalls nicht den freien Markt als ausschließliche Quelle jüdischer Landbeschaf« fung benützen müßten. Das besagt der sehr wichtige zweite Satz im Absatz 1 bis 6 des Art. 11, der wörtlich lautet: Die Regierung wird ein für die Bedürfnisse des Landes geeignetes Landsystem einführen, welches u* a. auf die Erwünschtheit der Förderung der dichten Besiedlung und der intensiven Kultivierung des Landes Rücksicht nehmen soll. Bei Unwohlsein ist das natürliche ,,Franz«.TosefM« Bitterwasser ein angenehm wirkendes Hausmittel, die Beschwerden erheblich zu verringern, zumal oft schon kleine Mengen sicher nützen. In Apoth. erhältlich. E In der Richtung dieser klaren Bestimmungen des Mandats wurde nichts unternommen. Es wurde im Gegen? teil ihnen strikt zuwidergehandelt. Die sofort verfügbaren Brachländereien wurden den Arabern, ja zum Teil sogar landfremden Effendis aus Syrien und anderswo übergeben. Während der ganzen Dauer des britischen Mandats wurde niemals das von den Revisionisten auf Grund des Mandats geforderte Kolonisationsregime auch nur in Erwägung gezogen, und jetzt wird uns dieser Entwicklungsplan präsentiert, dessen Charaikter zur Gänze als mandatswidrig bezeichnet werden muß. Zum erstenmal wird zur praktischen Durchführung der theoretischen Konzeption einer Landentwicklung gc« schritten und diese praktischen Bestimmungen sind gegen uns gerichtet. Das Verhalten der Araber Es ist ohne Zweifel, daß die Araber diesen Landentwicklungsplan akzeptieren werden, wenn sie auch jetzt noch allerlei Manöver der Ablehnung aufführen. Die Araber können von diesem Plan nur gewinnen. Die Regierung verhandelt jetzt schon mit den Effendis wegen Bodenankaufs, so daß diese alle Aussicht haben, am Landentwicklungsplan gut zu verdienen. Die Unzufriedenheit der Fellachen aber muß durch ihr; gesteigert werden. Von der Aussicht, angesiedelt zu werden, verlockt, werden sich unzählige Fellachen und Beduinen melden und abgewiesen wrden müssen, was im letzten Ende eine Verschärfung der Beziehung zwi* sehen Juden und Araber zur Folge haben wird. In England und beim Völkerbund Aber auch in England selbst wird sich Miß« Stimmung geltend machen. Der „Manchester Guardian" ist bereits gegen den angekündigten Land« entwicklungsplan aufgetreten und hat die Einbeziehung Transjordaniens verlangt. Eine Anleihe für Palästina muß angesichts der finanziellen Nöte Englands — 100 Milionen Pfund Staatsdefizit — unpopulär bleiben. Das Publikum und der größte Teil der Presse identifi* zieren die Anleihe mit dem Zionismus, woraus zum nicht geringen Teil die feindselige Einstellung gegen die Juden seitens dieser Kreise fließt. Was die Völkerbund skr eise betrifft, so ist von der Mandatskommission ein Landentwicklungsplan schon seit langem gefordert worden, freilich einer für die Juden und im Geiste des Mandats. Aus dieser Tatsache heraus ist es möglich, durch entsprechende Information und Aufklärung in diesem Kreise den Zweifel an der Zweckdienlichkeit des Plans im Sinne des Mandats zu wecken. Wie gefährlich sich aber eine nichtentsprechende Informierung der Völkerbundkreise auswirken kann, be« weist der Umstand, daß man mancherorts in Genf die Be« hauptung hören kann, 2'A Millionen Pfund seien eine schöne Summe und könnten schon vom kolonialen Standpunkt aus der Entwicklung des Landes dienen. Bisher hat der Z i o n i s t e n'k o n g r e ß das ge« fährliche Wort von der Parität, die nach Ansicht der Nichtrevisionisten auch 40 : 60 sein kann, in die Welt gesetzt. Die zionistische Organisation ist geldhungrig und die Linke macht, da sie hier wiederum eine Geldquelle für sich sieht dafür Stimmung. Der revisionistische Standpunkt Die Stellungnahme der Revisionisten hingegen ist klar. ' Es gibt auf Grundlage des Mandats keine | Parität, sondern eine Priorität. Daraus resultiert, daß sowohl der Plan als auch die Anleihe zurückgewiesen werden müssen. Aufgabe ist es, einen Gesamtplan im Sinne des Mandats zu verfechten, der eine große Anleihe einschließt, mit der auch die Araber als ein Bevölkerungsteil des Landes bedacht, werden sollen. Der Plan, wie er bis jetzt vorliegt, muß bekämpft Jüdisches Notizbuch Von Ludwig Bato Internationale und Poale Zion Die Wiener Gruppe der Poale Zion spielt eine wenig beneidenswerte Rolle in der österreichischen Sozialdemokratie. Auf der einen Seite soll sie für das jüdische FreiheAtsideal eintreten und auf der andern all das decken, was sich die „Arbeiter-Zeitung" und die Parteibonzen au Juden- und Judentumfeindlichkeit leisten, ganz abgesehen davon, daß sie sich Führern unterordnen muß, die dem Judentum den Rücken gekehrt haben und keine Gelegenheit versäumen, dem Zionismus eins am Zeug zu flicken. Wir wollen hier nicht von Jammergestalten, wie Jakob Sonntag, sprechen, die hingehen und in der sozialdemokratischen Presse die Zionisten verleumden. Nein, es gibt unter den Poale Zion wirklich zionistisch eingestellte Elemente, denen es sehr schwer fällt, über den durch die Zugehörigkeit zur österreichischen Sozialdemokratie geschaffenen inneren Zwiespalt hinwegzukommen. Dasselbe gilt von dem Verhältnis der Weltorganisation der Poale Zion zur Zweiten Internationale. Da treten einem, ach, so oft* hochangesehene Genossen entgegen, die, ob sie nun Wiener Assimilationsjuden oder Bundisten aus dem Osten sind, mit scharfen und nicht selten vergifteten Waffen dem Zionismus an den Leib rücken. Und so ist die Poale Zion begreiflicherweise in die Defensive gedrückt und mit Zittern und Zagen muß sie bei jeder Tagung der Internationale irgend eines unerwarteten Angriffes gewärtig sein. Sie weiß nur zu gut, daß von einigen Führern, wie Vandervelde, Leon Blum, als Einzelpersonen abgesehen, die Arbeiterinternationale für den Axifbau der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina verflucht wenig übrig hat. Und so ist es zu erklären, daß Berl Locker, das neugewählte Mitglied der zionistischen Exekutive, der auf dem letzten Zionistenkongreß so couragiert den Revisionisten entgegentrat, auf dem Kongreß der revolutionären Arbeiterinternationale wohl das Wort ergriff, aber nicht den Mut fand, der mächtigen englischen Schwesterpartei, der Labour Party, ein „J'accuse" entgegenzuschleudern. Wro in aller Welt, wenn nicht auf der Tagung der Arbeiterparteien, hätte der jüdische Arbeiterführer | die englischen Genossen für das Weißbuch des Genossen Passfield und für die in Palästina befolgte Judenpolitik zur Verantwortung ziehen sollen? Hier wäre es am Platze gewesen, MacDonald und den übrigen britischen Genossen einmal die Leviten zu lesen und den Kongreß zur Stellungnahme zu dem von der englischen Arbeiterpartei am jüdischen Volke begangenen Treubruch aufzurufen. Von all' dem war in Berl Lockers Rede nichts zu hören. Er hielt eine Ansprache, wie man sie bei sanft dahinplätschernden bürgerlichen Generalversammlungen zu vernehmen gewohnt ist. Er dankte den englischen Genossen, daß „sie uns bisher, als eine große Partei Englands, in unserer Anstrengung zur Durchsetzung von Arbeiterschutzgesetzen in Palästina unterstützt haben". Kein Sterbenswörtchen davon, daß die englischen Genossen bestens bemüht sind, die Einwanderung und die Aufbauarbeit zu verhindern. Dann sprach er noch einige Worte von der „britischen Administration" in Palästina, die „uns dauernd hindert und stört", wobei er allerdings vergaß, zu erwähnen, daß die Palästinaverwaltung nur die Anordnungen der englischen Genossen auszuführen bestrebt ist. Und so waren aile

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