Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 205 (21.8.1931)
- Date
- 1931-08-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ks. 205 DHE NEUE WELT Seite T Italienische Stimmen über den Zio* msmu§ und die Palästina*Arbeit Von Sdielomo Ifediaki Wir entnehmen crem Warschauer „Hajnt" nachstehenden Aufsatz, dessen Problemstellung so interessant ist, daB wir ihn, ohne zu ihm zunächst Stellung zu nehmen, in seiner Gänze wiedergeben. Eine Nation, die mit großem Ernst und Interesse den Zionistenkongreß in Basel beobachtete, war Italien. Einige der wichtigsten Zeitungen hatten ihre Spezialkorrespondenten entsandt und die italienische öeffentlichkeit war mit allen Momenten und Schattierungen der stürmischen Baseler Versammlung vertraut. Italien hr^ jetzt mehr als früher Interesse für die zionistische Bewegung und die jüdische Aktivität in Palästina, die jetzt schon in ganz Kleinusien spürbar ist. Während früher Italien, von einem wahnwitzigen Lord Wewerbrook und einem anderen Zeitungsmagnaten in London unterstützt, auf das Palästina-Mandat aus rein politisch-kolonialen Prestigegründen ein Auge hatte, kommt Italien heute mit einer funkelnagelneuen Politik an die Frage Palästina« und des Zionismus als eines wichtigen internationalen Faktors heran. Die neuesten Gründe sind bestimmt auch ökonomische; es handelt sich vor allem um den bekannten Boykott gegen italienische Waren und gegen Italien überhaupt seitens der primitiv-schlauen Mufti-Nachbeter von Jerusalem und Beirut als Protest gegen die angeblichen Verfolgungen von Muselmanen in der nordafrikanischen Kolonie Tripolis, wo die Italiener Städte und Eisenbahnen gebaut, Spitäler und moderne Schulen errichtet haben. Der Boykott der Araber, der in der Tat nichts anderes ist als Taktik und eine Organisationsprobe der eigenen Kräfte, hat Italien einen starken moralischen Schlag versetzt. Der Boykott vollzieht sich augenblicklich am schärfsten in Palästina, aber er wird von Tag zu Tag stärker auch in Syrien, im Irak und, was für Italiens ökonomische Interessen wirklich, ein Unglück ist, sogar in Aegypten. Wer den nahen Orient kennt, kennt die große Rolle Italiens in diesen Ländern. Zunächst ist es der große Schiffsverkehr, worin Italien in den größten Häfen des Mittelmeeres den ersten Platz einnimmt; dann die Kolonialar tikel, wie Konserven, Reis, Makkaroni und Saisongemüse, wo Italien den wichtigsten Platz auf den Märkten des Orients besetzt hat, und als wichtigstes die Kultur propaganda, die nicht nur die Verbreitung des italienischen Wortes, Geistes und Buches, sondern auch des Glaubens, der Konfession umfaßt, woran der Papst und seine italienischen Missionäre, die bekanntesten Figuren im muselmanischen Orient, Interesse haben. Es sind also jetzt zwei rein italienische Fragen mit dem Palästina-Problem verknüpft; die eine, der Boykott, hat auch die Blicke der Italiener den Juden zuwenden lassen und selbstverständlich vor allem dem Zionismus. Während der Abhaltung des Kongresses sind einige allgemeine Artikel über zionist ischePolitik, England und die J n d e n in einer ganzen Reihe italienischer Zeitungen gedruckt gewesen. Eine der Zeitungen bezeichnete Rabbi Stefen W i s e weger seiner scharfen Rede gegen England als den logischesten Menschen unter den Delegierten des „originellsten Weltparlaments". Aus der Servierung der telegraphischen Nachrichten konnte man ersehen, daß jedes Hervortreten gegen England mit Freude aufgenommen wurde. Ein Artikel in dem Mussolinischen „Popolo dTtalia", der sicherlich vom Bruder des Diktators, von Arnoldo Mussolini selbst stammt — er hat schon oft über Palästina geschrieben — gab klar zu verstehen, daß die interessierten europäischen Völker mit dem heutigen Regime im „Heiligen Lande" unzufrieden sind, besonders Italien, das als eventuelle Mandatarmacht über Palästina in Betracht kommt Italien würde dort gewiß ganz anders arbeiten, seine Versprechungen einhalten usw. Originell war auch ein größerer Aufsatz m der wichtigsten Zeitung des heutigen Italiens, im „Corriere della Sera** in Mailand, unter dem Titel: „Wohin die englische Administration in Jerusalem führt." Der Autor erzählt vom Kampf rund um den — Fußballplatz; davon, daß England schuldtrage an der Verletzung der nationalen und religiösen Gefühle des jüdischen Volkes, kurz England habe sich als Kind in Dingen der Kolonisation erwiesen, dort, wo es galt, mit gebildeten europäischen Menschen umzugehen, die andere Behandlung erfordern als gewöhnliche Eingeborene. Warum solche Attacken gegen England vonseiten Italiens? Man versteht sofort, daß es hier um die Diskreditierung Großbritanniens in den Augen der Welt geht, um zu zeigen, daß es einen besseren Sachwalter für die Schaffung eines jüdischen Nationalheims gibt: Seht, hier bin ich, ich werde gewiß ander« verfahren, es zu keinen Komplikationen kom- BKtt 2*»«n, kein Blutvergießen dulden und obendrein gebührt uns doch auch etwas für die Beteiligung am Weltkriegl Erst vor einigen Tagen konnte man einen offiziellen Artikel in der größten italienischen Zeitung, „Stamp a", finden, die vom gewesenen Generalsekretär der faschistischen Partei, Augusto Turati, redigiert wird. Es ist dies eine umfangreiche Abhandlung über den Zionismus und die jüdische Aufbauarbeit in Palästina im Zusammenhang mit den Interessen Italiens in Kleinasien. Der Artikel heißt ja auch „Die Expansion der Juden in Kleinasien" und trägt die Form eines Briefes über den letzten Zionistenkongreß in Basel. Zunächst enthält er informative Aufklärungen über die zionistische Bewegung und ihre Ziele und eine Vorstellung der verschiedenen Parteien im Zionismus. Die Revisionisten werden hiebei als parlamentarisch Wilde (Unabhängige) bezeichnet und es ist zu merken, daß der Autor gewisse Sympathien für die misrachistischen Kreise hegt, orthodoxe Zionisten, wie er sie nennt. Die Einleitung enthält eine Charakteristik der jüdischen Volkseigenschaften: Sie sprechen dutzende Sprachen, können über einfache Dinge nicht übereinkommen und haben auf den letzten drei Kongressen, denen der Autor beiwohnte, bewiesen, daß ihnen eine wichtige Eigenschaft abhandengekommen ist, der praktische Sinn — sie „reden zuviel und tun zu wenig". Vom Zionismus selbst ist der Autor begeistert, aber bitteren Gemüts spricht er über die äußere Politik des Zionismus, dem zwei schwere Steine auf dem Weg liegen: England und der Völkerbund. „Wenn England etwas ' von seinen Versprechungen nicht einhält, dann kommt der Völkerbund und verdeckt es oder betrachtet'die jüdischen Anklagen nur oberflächlich, da sie für ihn nicht wichtiger sind als die vielen anderen Dinge, derentwegen der Völker- 2^2 Milch Trink und speisehnlle m Vegetarische und difltlsche Speisen MBilAn L Untere Äagartenstrafle 13 t Kllvll CI Hfl an fl II., Försters. 7 Volkstümliche Preise Bis 12 Uhr nachts offen bund den Kopf verliert." In der Tat, ein richtiges Bildl Für uns nicht neu, aber für einen Fremden sehr richtig ist die Ansicht des Autors über die Wahl des neuen zionistischen Präsidenten. Er beweist mit triftigen Argumenten, daß die Juden nicht mehr an England glauben, nicht an die Arbeiterpartei, aber sie haben keine Wahl. Weizmann ist nicht wiedergewählt worden und das soll bedeuten: Damit protestieren wir gegen die englische Politik in Palästina, das ist unsere Antwort an diejenigen, die noch blind an Englands Aufrichtigkeit glauben. Aber — man ist sehr vorsichtig zu Werke gegangen. Man wählte Sokolow, der doch ein Weizmannist ist und dieselben Wege gehen wird, immerhin aber hat man England gezeigt, was das Judentum der Welt denkt. Nun kommt der sehr ernste Schluß: d e r B o ykott der Araber gegen Italien. „Gewisse italienische Persönlichkeiten haben mit zionistischen Führern über ökonomische Fragen Palästinas Gespräche geführt. Es ist möglich, daß Italien den arabischen Boykott damit beantworten wird, daß es in Syrien und Aegypten die Agenturen, Verwaltungen usw. von italienischen Fabriken und Schiffsgesellschaften den Araber entziehen und den Juden, die das größte Wunder des 20. Jahrhunderts vollbracht haben, übergeben wird.44 Aus all dem ist zu ersehen, daß die italienische Politik bezüglich Palästinas, die früher von den Juden als ungünstig angesehen wurde, eine Umkehrung zugunsten der jüdischen Aspirationen vollzogen hat. Es taucht nun die Frage auf, ob es nicht Jetzt an der Zeit wäre, daß die zionistischen Führer sich damit befassen und daraus zu gewinnen trachten, was sich gewinnen läßt. Die Fisdte Erzählung von Israel II ab an Das „Gericht" versammelte sich in der Schenke, in einem abgesonderten Raum. Es war sehr heiß und die gelben zerschliesseneh Tapeten <ah den niedrigen Wänden dampften von menschlichem Atem. Die „Richter" saßen nicht auf der langen hölzernen Bank* die Inmitten stand, sondern auf hohen Bierfässern; rings um sie herum -wollten sie sich die erhitzten Körper kühlen. Sie legten die Jacken ab und blieben in den farbigen Oberhemden mit den bronzenen Knöpfen. Es waren drei Männer. Durchwegs stärk wie die Eichen — bekannte Figuren der „Unterwelt". Einer von ihnen, ein sehr dicker, mit einem groben roten Hals, mit herabhängendem Bauch wie eine schwangere Frau, mit einem Gesicht, das kreuz und quer mit Narben verheilter Messerstiche bedeckt war — keuchte in der dumpfigen Luft und an seinem halbgeöffneten Mund waren ein Paar fleischige Lippen und zwei Reihen goldener Zähne zu sehen. Er entnahm seinen Hosen, die mit einem ledernen Gürtel zusammengehalten waren, eine Schachtel Zigaretten und reichte sie seinen zwei Kollegen zum Rauchen dar und sagte mit einer heiseren Stimme, die kaum aus seinem Hals herauskriechen wollte: „Nun? Kann man schon beginnen mit der „Din Thora?" v ■ „Warum nicht?" antwortete der zweite, der ein Auge kleiner hatte als das andere (das kleinere Auge war rot wie Ziegel und war ihm infolge eines Schlages einge« schrumpft). „Ruf die Frau herein l" schrie der dritte „Richter", ein Junge mit einem aufgeknöpften Hemd, das eine bei haarte Brust sehen ließ, auf der es blaue Tätowierungen gab wie bei Menschen, die oft im Kerker gesessen sind — eine nackte, athletisch gebaute Frau, die schwere Ge* wichte hebt. Der erste mit dem zerschundenea Gesieht erhob sieh vom Faß und öffnete die Tür. „Komm herein", brummte er an der Schwelle und setzte sich auf seinen würdigen Platz. Es zeigte sich eine Judenfrau mit einem Höcker. Sie hatte ein bleiches kränkliches Gesicht, große erschrok« kene Augen, und an den Händen führte sie zwei Kinder: beide Mädchen, die in zerissene, zerfetzte Kleidchen an* getan waren. „Die Fratzen hast du zu Hause lassen können*', sagte in bösem Ton der Mensch mit dem zerschundenen Gesicht. Die Kinder fühlten heraus, daß 'man sie meine, und machten Erbarmen heischende Gesichter und krochen hinter der Mutter Kleid, dessen Rockanhang den Fuß« boden wischte wie ein Flederwisch. „Was willst du eigentlich von deinem Manu?" fragt« der „Richter" mit dem roten, eingeschrumpften Auge. „Was ich will, meine lieben Leute?" begann die Frau mit schluchzender Stimme zu reden, „wißt ihr denn nicht wegwerfen wie nicht vor Hunger ge* nicht, was ich will? Er soll mich einen Fetzen und soll die Kinder schwollen lassen... Fünfzehn Jahre hab' ich mich für ihn abgearbeitet wie ein blindes Pferd. Er hat sich herum« gedreht wie ein Pascha und die Hand nicht in kaltes Wasser getan. Wie ein Sträfling hab ich für ihn geschuftet. Einen Bauch wie ein Millionär hat er gekriegt unter meinem Abrackern und jetzt, da es ihm gut geht, hat er mich weggeworfen und will nichts hören von mir und von den armen Würmchen. Zum Raw hab' ich ihn gerufen — er aber lacht mich aus. Mit dem Gericht hab ich ihn geschreckt — aber er hat, sagt er, keine Angst. Vor euch aber zittert er... Zu euch wird er kommen... Ihr habt doch ein jüdisch' Herz und werdet Mitleid haben mit einem Krüppel und zwei lebenden Waisen." „Scha, schal Genug Worte! Da hast nichts mehr zu reden. Wir haben bereits alles verstanden", sagte mit einer Handbewegung der Mann mit dem „Bild" auf der Brust und schnitt ihr das Wort ab. „Kannst geh'n. Wir werden dich schon rufen." „O weh, wenn ihr nur Gott im Herzen habt, nehmt euch meiner an und bringt's ihm bei, dem Kerl, daß er's weiß", sagte die Frau unter Seufzern auf der Schwelle und mit jammervollem Gesicht einen „Guten Tag" wünschend, verließ sie die Schenke. Als die Richter allein geblieben waren, Mickten sie sich an. „Man muß den Kerl in die Presse nehmen", rief der Mann mit dem kleinen Aug aus und streckte sich über dem Bierfaß. „Kaum hat er sich ein paar Gulden beiseite geschafft, paßt ihm seine Frau, der Höcker nichtl Er wiU nicht mehr auf uns schauen und geht durch die Gasse steif wie ein Pfau und tut so, als kennte er uns nicht." Der Mensch, dessentwegen der ^Din Thora" jetzt tagte, hieß Leiser „Popst" und hatte auch einmal za der Gesellschaft der „Richter" gehört. Leiser „Popst", ein gesunder schöner Kerl, nahm ein Höckerweib und Dienstmädchen zur Frau, die über* dies um zwölf Jahre älter war, auf folgende außergewöhn« liebe Art: Leiser war ein schwerer Geselle, ein Strolch von Kaliber, der sich mit Musikanten, Dieben und herum« ziehenden Gauklern herumtrieb; er lungerte auf dem Markt, half unbeholfenen Bauern scheue Pferde ein« fangen, war Gast m Spelunken, in die man Kaufleute hineinlockte und ihnen dort hn Falschspiel Geld aus der Tasche fischte. Eine Mutter hatte er — die war eine Wäscherin, dte ihn schließlich und endlich aus der Wohnung hinaus» jagte, weil er kein anständiger Mensch werden wollte, keinen Groschen verdiente and sich mit gemeinem Pack herumtrieb. Aber ewig kann man doch von solchen „Geschäft ten" sieht leben und Leiser entschloß steh endlich, sich