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Die neue Welt · 1931-08-21 · Heft 205 (21.8.1931) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 205 (21.8.1931)
Date
1931-08-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 205 ein Fach zu wählen. Er wählte sich ein Fach, mit dem er schon hinlänglich vertraut war: Dieberei. Den Antritts* besuch beschloß er beim seidenen Jossele zu machen Der seidene Jossele war ein großer Reicher, ein Jude mit einem scharfen Kopf, einer flinken Zunge, ein Politik* macher und einer, der gerne überall dabei war. Mit einer Menge Pristaws war er auf „Du" und sogar mit dem Polizeichef in eigener Person war er intim. Und gerade iftn suchte sich Leiser zum ersten Opfer aus. Die Nacht war regnerisch und kalt, in der Leiser sich in des seidenen Jossele Haus einschlich, das von einem Zaune umgeben war. Als für Leiser schon alles in friedlicher Ordnung war und er sich mit der Diebsbeute schon im Korridor befand, wurde plötzlich die Stille durch einen Schlag auf den Fußboden unterbrochen. Aus Leisers großem angestopftem Sack fiel ein silberner Leuchter. Und das machte ihn verloren. Der seidene Jossele hatte einen leichten Schalf wie eine Katze; als er das Klirren vernahm, sprang er gleich vom B?tt und war sich sogleich dessen bewußt, daß man ihn b:iohlen habe. Zusammen mit seinen zwei Söhnen stürtzte er sich auf den Dieb und faßte ihn. Der seidene Jossele war aber ein „Mensch mit Hirn", er ließ Leiser nicht hinter Schloß und Riegel setzen, sondern machte, mit ihm ein. Geschäft. Bei ihm diente eine Magd Slate, ein sitzengebliebenes Mädchen, dazu war sie höckerig und eine bejammernswerte Waise. Sie kam zu ihm dienen als Kind von zwölf Jahren, als ihr die Eltern gestorben waren. Er . nahm sie aus Mitleid auf. Sie war es, die der seidene Jossele jetzt im Sinn hatte. „Das erstemal, Reb Jossele... übergebt mich nicht der Polizei... das erstemal..rief der unglückselige Dieb weinend und küßte des Reichen Hand. „Wirklich das erstmal?... Und einen Vater hast du?", fragte Jossele. „Nein, ich hab keinen Vater. Bin. eine Waise." „Schwör beim Grab deines Vaters, daß es wirklich das erstemal ist 1** Leiser schwor und hörte nicht auf zu weinen. . „Wie heißt, du, mein Bürschchen?" . „Leiser heiß ich." „Bist du ledig oder hast du schon eine Frau?", fragte ihn der Reiche weiter aus. „Ich bin ledig", antwortete Leiser und hatte in seinem großen Schreck nicht den Mut, sich zu wundern, weshalb man ihm solche Fragen stelle. „Hör an, Leiser", sagte der seidene Jossele mit feierlichem Ton und mit strengem, ernsten Gesicht, indem er sich den dichten, schwarzen Bart glättete, „ich geb dir die Wahl: entweder du wanderst ins Kriminal oder du heiratest meine Dienstmagt Slate, die Höckerige. Du kriegst handerfundfünfzig Thaler Mitgift." Leiser wurde es finster vor den Augen. Er wußte, daß der seidene Jossele nicht spaße, und da es ihn nicht gelüstete, ins Kriminal zu gehen, mußte er mit der Ent« Scheidung einverstanden sein; er nahm Slate den Höcker zum, Weib. Die Hochzeit fand sogleich am Morgen statt. Der Reiche richtete dem neuen Ehepaar ein Geschäft ein, das, nicht schlecht ging. ■ „Wagst du es, davonzulaufen, so wird man dich in Ketten zurückbringen. Du weißt doch, daß ich mit der Polizei auf Du und Du steh", warnte ihn der seidene Jossele. Und Leiser blieb wohnen mit seinem Weib, bis der seidene Jossele altgeworden war. Erst dann wagte er es,-das Weib zu verlassen, das ihm der seidene Jossele mit Gewalt aufgedrängt hatte. * . .Leiser wurde Fischhändler. Er kannte die Fischer gut und arbeitete sich so hinauf, daß er seine Ware sogar waggonweise an die Krämer des Marktes und der Läden verkaufte, war also . Engrossist, besaß einen riesengroßen Keller. Dort im Dunkel hatte er viele große Wasser* behälter, in denen ganze Scharen lebender Karpfen, Hechte und Schleie herumschwammen. Es war vor den hohen Feiertagen. Leiser war gerade aus Danzig gekommen, wo er in den Nachbardorf ern, bei den Fischern große Partien eingekauft hatte. Jetzt war die richtige Saison für Fisch, und er hoffte, das richtige Stück Geld zu verdienen. Er hatte sein ganzes Kapital eingelegt, denn er war sicher, daß Fisch steigen. wird, da in den polnischen Wassern letztens Fischseuche herrschte und aus dem. Ausland Ware, eingeführt werden mußte. Er ging in seinem grpß.en Keller auf und ab und rieb sich die Hände vor Vergnügen, half selbst seinen beiden Ge* hilfen mit, Schlangen, Würmer, Speise für die lebendigen Geschöpfe in die Behälter zu werfen, und ging voller Zu* friedenheit nachhause. In seiner Wohnung traf er eine Person wartend an. Es war einer der „Richter", der mit dem kleinen Aug. Er erkannte ihn, begriff sofort, wes* halb der gekommen war, streckte die Brust vor, um zu zeigen, daß er sich vor niemand fürchte, „Was haben Sie Schönes zu sagen, junger Mann", fragte Leiser sofort nach dessen Eintreten. „Ich bin im Namen Ihrer Frau gekommen, Panje Weißberg", erwiderte der schwere Junge und blickte ihm tief in die Augen. „Seit wann sind Sie meiner Frau Versorger? Wer hat Sie darum gebeten, ihr Fürsprech zu werden?", warf ihm Leiser wütend entgegen. „Du hast vergessen, daß, du Leiser „F/opst" bist, da hast vergessen, daß wir über dich Gericht gehalten haben", schrie ihn auf einmal der schwere Junge an und *og die Mütze tief in die Stirn. Mitteilung an unsere Abonnenten in Rumänien Da das Konto der „Neuen Welt" bei der Ostbank aufgelassen wurde, werden die Abonnenten ersucht, von nun ab die Abonnementbeträge per Postanweisung zu überweisen. „Ich weiß wer ich bin und ich weiß wer ihr seid", antwortete Leiser noch lauter. „Ich weiß und tu euch zu wissen, daß ich keine Angst habe vor den Gerichten von euch." „Du hast vor uns keine Angst?", wieherte der Bursche und drückte drohend und wütend das kleine Aeuglein zu, so daß es nicht mehr zu sehen war. „Nein, ich fürchte mich nicht vor keinem eurer Macher l" „Na, wir werden ja sehen." „Wir werden sehen", wiederholte Leiser, hob den Kopf hoch und sah den Kerl mit Verachtung an. Der Bursche verließ das Zimmer und schlug die Tür mit solcher Wucht zu, daß die Wanduhr überlaut krachte und stehenblieb. * Einen Tag vor Neujahr war Leiser im. siebenten Himmel. Das Geschäft ging gut, am Markt gab es wenig Fisch und was da war, war teuer. Ein voller Hut mit Geld war zu verdienen. Sein Keller war voll mit Fisch und ließ sich zu Gold machen. Gleich am frühen Morgen belagerten Männer und Frauen mit Wagen und Karren, mit Körben und Holz« fässern, mit Kisten und Blechkesseln sein Haus. Es waren Händler und Händlerinnen vom Markt. Durchs Fenster sah Leiser, wie die. Leute sich herandrängten, und hatte seine Freude daran. „Sie. glauben, sie werden's bei mir billig haben", dachte Leiser über die Ursache des Ge« dränges, „Fisch ist teuer. Niemaftd hat's hereingebracht, so kommen sie denn zu mir, haben erfahren, daß ich mit großem Transport gekommen bin, ich heiß aber Leiser, werd' ihnen schon eine schöne Geschichte erzählen." Er zog sich langsam, ohne jede Eile an und nach« dem er behaglich Frühstück;* gegessen hatte, ging er hinunter. v, « . " „Reb Leiser kommt", hör^e; et von Ferne das Ge« murmel und verstand, daß ihin;„4ajö',sReb'' als ^Schmeichelei zugebilligt wird, beschloß hart zu sein wie Stein und vom Preis nicht einen Groschen nachzulassen. Es dauerte lange, bis man handelseins wurde, und er und seine zwei Gehilfen öffneten endlich die Kellertür und wollten die Ware herausholen. Sie traten an die großen Behälter heran und schrien vor Ueberraschung auf. Die Fische schwammen mit den Bäuchen nach oben herum, waren tot. So war's in allen Keljerräumen. Die Fische waren vergiftet. Es entstand Lärm. Die Fische waren vergiftet. Leiser begann wie verrückt herumzulaufen. „Mein ganzes Vermögen hingeschlachtet", zischte er und riß sichan den Haaren. „Meines Weib's Rache." Sein Geschrei half nichts. Die Fische wurden nicht wieder lebendig. „Oh wa, oli wa, so eine Sache", wunderten , sich die Leute, steckten die Köpfe in die Behälter und betrachteten mit verwunderten Augen die Fische, die. angeschwollen rücklings im Wasser schwammen. Man versuchte ihn zu trösten, seufzte mit, sagte ein paar Worte und schlich sich einzeln aus dem Keller hinaus. Als Leiser später allein geblieben war, begriff er niedergeschlagen und traurig, daß ein „Gericht" eben ein Gericht sei, daß man folgsam sein müsse, wenn man kein böses Ende nehmen will ... Sudejov Von stud. Kurt Kwasnik-Babinowicz, Brünn Auf Anregung des Prager Brith Trumpeldor wurde die heurige Ferialsiedlung der böhmischen und mährischen Brith Trumpeldor-Gruppen bei Sudejov errichtet. Auf der Strecke zwischen Kolin und der alten Judengemeinde Uhlifske Janovice;" beim böhmischen Dorfe Sudejov, war der Platz ausgesucht, der die Mitglieder des Brith Trumpeldor auf vier Wochen beherbergen sollte. Eingebettet in dichte Wälder lag die Lagerwiese, auf welcher sieben Zelte mit den weit ins Land sichtbaren blau weißen (betarischen) und rotweißblauen Flaggen unser sommerliches Domizil verrieten. Nicht nur die Gruppen der historischen Länder beschickten die Moschawa recht zahlreich, es kamen auch viele Betarim aus der Westslowakei nach Sudejov, um im persönlichen Kontakt den Chawerim aus Böhmen und Mähren näherzukommen. Unser Lager hatte ja schließlich den Zweck, nicht nur eine Ferialsiedlung im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes zu sein, sondern vor allem eine Gelegenheit zu bieten, in Aussprachen und Beratungen mit der Ideologie und der Praxis der Brith- Trumpeldor-Bewegung vertraut zu werden bzw. sie auszubauen. Das persönliche Kennenlernen derjenigen Chawerim, mit denen man sonst bloß schriftlichen Gedankenaustausch üben kann, gibt solchem Streben besondere Freude. Unser^Lager war in zwei* Teile geseilt. In eine Mädchen- und in eine Knabenabteilung» die von einem Zentrum, der Mif kadat ha-Moschawa, überwacht und geleitet wurden. 30 Chawerim und 8 Chawerot zählte unsere Siedlungsfamilie. Gleich vom Anfang an gingen wir daran, die Lagerzeit nach einem bestimmten, festgesetzten Plan einzuteilen. Wie oben angedeutet, war ja vor allem unser Streben, die Mitglieder der Moschawa mit wahrer Betariut vertraut zu machen. Bei den vorhandenen Unterschieden hinsichtlich des Alters, der Reife und der Sprache erschien es von Beginn an nötig, einige Gruppen zu schaffen und diese in besondere Kurse einzuteilen. Den Jüngsten unserer Siedlung, die bisnun noch nicht vertraut waren mit den Aufgaben und Zielen des Brith Trumpeldor. wurden seine Geschichte und Ideologie in populären Vorlesungen beigebracht. Nach Abschluß des Kurses fanden öffentliche Prüfungen statt, welche sieben Betarim und Betarot bestanden und dadurch zu ordentlichen Mitgliedern des Brith Trumpeldor (Bachirim, -ot) wurden. Es ist selbstverständlich, daß besondere Beachtung der jüdischen Geschichte und der hebräischen Sprache gewidmet worden sind. Der kurze Gang durch die jüdische Vergangenheit hat besonders jene historischen Momente beachtet, die die nationale Tendenz im Streben des Volkes nach Rückkehr in seine Heimat hervorhoben. Die hebräische Sprache wurde besonders im alltäglichen Verkehr von den Aeltercn geübt, während die Jüngeren, die in ihren Ortsgruppen den Anfängerkursen beiwohnen, in solchen auch in der Siedlung zusammengefaßt worden sind. Aber die Befehle und Anordnungen an alle Chawerim wurden durchwegs hebräisch ausgedrückt. Die Brith-Trumpeldor-Ideologie basiert auf dem Dreigestirn betarischer Erziehungsmethode: ideologischer, fachlicher und wehrsportlicher Vorbereitung. Die primitive Einrichtung, mit der wir uns in unserem mit wohlwollender Beihilfe des Elternrates des Prager Bctar erstandenen Lager begnügen mußten, gestattete uns diesmal nicht, die Siedlung völlig im Sinne unserer Aufgaben und Ziele zu gestalten. So konnte die fachliche Vorbereitung (in einer bestimmten, vorgezeichneten Linie) überhaupt nicht berücksichtigt werden. Auf dem Gebiete des Wehrsportes waren es lediglich Geländeübungen, Signalisationen, Samariterdienst, Zeltebauen, Legung elektrischer Anlagen und dergleichen Uebungen unter fachmännischer Leitung. Nebst diesen programmatischen Aufgaben der Siedlung, die in genau festgesetzten Zeitbestimmungen erfüllt wurden, trug die Moschawa das Merkmal tatsächlicher freundschaftlicher Kameradschaft. Wer hat noch nicht ein Lagerfeuer in einer Sommersiedlung bei Gesang, Horra und Vorträgen an schönen Sommernächten miterlebt? Wer denkt nicht noch nach Jahren an solche Abende sowie an die einst in mondhellen Nächten gemachten Ausflüge gerne zurück? Und erst die Freuden des Tages, wo Sonnen und Baden die dominierenden Vergnügungen sind! Das alles hatten wir in unserer Moschawa. Und das alles hat uns, die wir ideologisch einer Organisation angehören und schon deshalb uns naher sind, auch menschlich, freundschaftlich zueinander geführt. Aus verschiedenen Teilen des Landes sind wir hingekommen, in den verschiedensten Sprachen haben wir dort gesprochen, und als eine Gruppe guter, aufrichtiger Freunde sind wir auseinandergefahren, jeder in seine Heimat, mit dem Wunsch auf den Lippen: Auf baldiges Wiedersehen im nächsten Lager des Brith Trumpeldor! _ T heafer, Kunft und lllllllllllllliillllllllllllllllii Li't er a Sur. Ein jüdisches Theater in Berlin. Wie wir aus Berlin erfahren, hat Jakob Schitomirsky, der Leiter des jüdischen Künstlertheaters in Moskau, das Berliner Theater am Schiffbauerdamm für die kommende Spielzeit übernommen und wird Ende September mit den Aufführungen beginnen. Jehudi Menuhim ausgezeichnet Der bekannte junge jüdische Geiger Jehudi Menuhim ist durch Verleihung des ersten Preises des Conservatoire Nationale de France in Paris ausgezeichnet worden. Gleichzeitig wurde er Ehrenmitglied der As so« ciation amicale de prix de VioIon du Con« servatoire in Paris. Das jiddische Theater in Riga. Die Staatesubveution für das jiddische Theater in Riga, die bisher 4000 Dollar betrug, wurde auf 2000 Dollar herabgesetzt. Neben dem staatlichen Beitrag erhält das jiddische Theater auch eine Subvention von 3000 Dollar seitens der Stadtgemeinde Riga. Die Verbreitung Schalom Alejchems in Sowjetrufiland. Wie die „Minsker jüdische Wochenschrift" berichtet, wurden in den Jahren 1925 bis 1930 über 500.000 Bände von Schalom Alejchems, hauptsächlich in russischer Uefoersetzung, im Gebiet der Sowjetunion dbfesetzt. Während dieser fünf Jahre wurden 30 Werke chalom Alejchems in russischer Sprache, 27 in ukrainischer Sprache und eines in weißrussischer Sprache heraus gegeben. _ Stuhlverstopfung. Versuche in den Universitätskliniken ergaben, daß Alkoholiker, die an Magenkatarrh litten, durch das natürliche „Franz-Josef-Bitterwasser ihre Eßlust in kurzer Zeit wiederfanden. E 1 üdifdie Sports und illllllllHIll Turn Bewegung. Am 30. August Meisterschaft In kurzer Zeit, und zwar am 30. August, beginnt die neue Meisterschaft. Die jüdischen Vereine gehen alle gut gerüstet in den Kampf. Gleich der erste Termin stellt die vereine vor keine leichte Aufgabe. Hako a h kämpft ira Rahmen einer Doppelveranstaltung im Stadion gegen Nicholson und der zweitklassige Ligaklub Häsin o n e a auf dem Straßenbahner-Platz gegen F r e m. In der zweiten Klasse C. trifft Makkabi auf dem ehemaligen erstklassigen Vafoklnb Landstraß ex Ajnat e u r e. Kommenden Sonntag absolviert Hakoah auf dem Rapfc}*P!a4z ein Spiel gegen die Haosbcfreti, D4e BfeU"«

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