Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 205 (21.8.1931)
- Date
- 1931-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mr. 205 DIE NEÜfi WELT SsÜttS m>w ■ Palästina durchzuführen, weil sie befürchte, solche Wahlen könnten zu Unruhen führen, schreibt das Blatt: Wenn angenommen wird, daß Wahlen zu Unruhen führen, warum gibt dann die Regierung nicht alle zivilisatorischen Prätentionen auf und kehrt zum Mittelalter zurück, indem sie despotisch und niemandem verantwortlich regiert? Warum gebraucht England den Vorwand, daß es komme, um uns für die Selbstregiemng vorzubereiten? Wie kann es eine repräsentative Regierung geben, wenn keine Wahlen stattfinden? Vorläufig ist von einem Einschreiten der Regierung gegen „AI Hayat" wegen d i e s e s Artikels noch nichts bekannt. Die Einstellung der revisionistischen Tageszeitung „Haam", die wegen eines Artikels, in dem der Regierung vorgeworfen wurde, sie fördere die arabische Hetze, verboten worden ist, erfolgte auf unbestimmte Zeit. * Die ä:g y p t is c h c Regierung hat den Emir Adel A xsl an, ein Mitglied des sogenannten palästinensisch-syrischen Komitees, der in Aegypten in letzter Zeit eine p a n a r a b i s c h e Propaganda entfaltet hat, des Landes verwiesen. ♦ ♦ ♦ Paul Goodman, der Vorsitzende der politischen Kommission der English Zionist Federation, hat vor einiger Zeit an den Minister für die Kolonien Lord Passfield ein Schreiben gerichtet, in dem er seinem Bedauern darüber Ausdruck gab, daß in der von Lord Passfield erlassenen Instruktion zur Durchführung des Landentwicklungsplans der Ausdruck „Ländereien, die in jüdische Hände fielen" gebraucht wurde. jf^^lXi£^L Verwendest m~Wm<rnk Du im Haus, Sieht s stets bei Dir wie Sonntag aus! .o-S^. ATA putzt und scheuert alles! Paul Goodman hat nunmehr von Lord Passfield ein Antwortschreiben erhalten, in dem dieser erklärt, er könne nicht verstehen, inwiefern der beanstandete Ausdruck einen ungünstigen Eindruck hervorrufen könne. Durch die in dem betreffenden Absatz der Instruktion enthaltenen Weisungen sollte der im Brief des Ministerpräsidenten an Dr. Weitzmann am 13. Februar angekündigten Politik entsprochen werden. Lord Passfield könne in dem Absatz nichts erblicken, was als herabsetzend empfunden werden könnte. Judennol in Polen Katastrophale soziale/ trirfsdiaftHdie und poHtfsdie Lage Die letzten Nachrichten aus Polen lassen erkennen, daß die soziale, wirtschaftliche und politisdie Lage der Juden sich in letzter Zeit noch verschärft hat. Die Regierung scheint den ökonomischen Zusammenbruch der polnischen Juden-heit nidit aufhalten-zu wollen, ihm mehr als untätig zuzusehen. Versdiärft wird dieser Znstand durch eine politische Offensive, die sich im Augenblick gegen die jüdischen Gemeinden richtet, wobei in diesem Prozeß die aktive Rolle, die die orthodoxe Organisation „Aguda" spielt, das interessante Hauptmoment bildet. Das Treiben der Aguda Es haben bekanntlich' in Polen Wahlen in die jüdischen Gemeinden stattgefunden, die infolge des in Polen herrschenden Regimes, das der Aguda, wie schon bei den letzten Sejm-Wahlen, mit allen Mitteln gegen den jüdischen Volkswillen zur Macht in der jüdischen Gasse verhelfen will, den retardierenden Elementen in vüelen Gemeinden zur Herrschaft verhalf. Wie sidi das auswirkt, wie katastrophal dieser Zustand die Autonomie der Gemeinden untergräbt, beweist folgende Nachricht: In den Kreiseln der jüdischen Führer Polens herrscht üebhafte Empörung über die Ein inen- . güng der polnischen Regierung in interne jüdische Gemeindeangelegenheiten, die darin zum Ausdruck kommt, daß aus den Gemeindebudgets alle Subventionen für jüdische Kulturzwecke gestrichen werden. Die Regierung begründet ihr Vorgehen damit, daß die Gemeinden rein religiöse und philanthropische Institutionen seien und als solche nicht das Recht hätten, Subventionen für jüdische Schulen und andere kulturelle Institutionen zu gewähren. Aus. Kielce wird beriditet, daß eine Anzahl bedeutender jüdisdier Handwcrkerschulen und Elementarschulen, die von vielen Hunderten armer jüdisdier Kinder besucht werden, vor der Schließung stehen/ weil das Unterriditsministerium der jüdischen Gemeinde Kielce endgültig verboten hat, diese Anstalten zu unterstützen. Die Sdiulen, die durch das Eingreifen des Unterridits- E Bei KQpfschniierzenvnSc\windel, Ohrensaasen, gestörtem Schlaf, schlechter Laune, gereizter Stimmung greife man sogleich zu dem altbewährten „Franz-Josef Bitterwasser. In Apotheken und Drogerien erhältlich. ministeriums nunmelir geschlossen werden sollen, haben nicht nur eine hohe kulturelle Bedeutung, sondern brachten dadurdi, daß sie ihre Sduiler beruf 1 i c h ausbildeten und durch Sdiulküchen für die Ernährung der Schüler sorgten, weiten Kreisen auch wirksame ökonomische Hilfe. Die Gemeinde Kielce hatte es daher als außerordentlich wichtig eraditet, diese Schulen trotz der Knappheit der in der jetzigen Zeit wirtschaftlicher Depression in Polen der Gemeinde zur Verfügung stehenden Mittel zu, unterstützen. Eine weitere Nadiricht besagt: i, Die Aufsichtsbehörde hat aus dem Budget der Stadt Brisk («Brest-Litowsk) für i93.1/32 alle Subventionen für jüdische Institutionen gestrichen. Auch in Pdnsk wurden an den Budgetposten für die jüdisdien Institutionen Kürzungen in so starkem Ausmaß vorgenommen, daß die Versorgung der Greise, Kranken und Waisen gefährdet ist. Selbstmord-Epidemie Unterdessen wütet die Wirtsdiaftskrise unter den Juden in unvermindertem Maße. Die Verzweiflung unter den jüdischen Massen infolge der sidi von Tag zu Tag verschärfenden wirtsdiaftlichen Notlage hat zu einer erschreckenden Häufung von Selbstmorden und Selbstmordversuchen geführt. Am 13. August allein sind abermals drei neue Fälle vonSelbstmor d, resp. versuchtem Selbstmord von Juden in Polen wagen wirtsdiaftlicher Not zu verzeichnen. In Warschau hatte der bekannte jüdische Garnfabrikant Chaim Lesser Selbstmord durch Einatmen von Leuchtgas begangen. Lesser, der erst 32 Jahre alt war, erfreute sich in industriellen und kaufmännisdien Kreisen großer Wertschätzung. Die Nachricht von seinem Selbstmord, den er aus Furcht vor finanziellem Zusammenbruch begangen hat, hat allgemein größte Bestürzung hervorgerufen.' Am gleichen Tage hat die 24jährige Rebekka Fischmann einen Selbstmordversudl wegen Arbeitslosigkeit und Not begangen. Besonders tragisch ist der Selbstmordversuch der 20jährigen abgebauten jüdisdien Staatsbeamtin Felicia Balaban. Sie war eine der wenigen jüdischen Beamtinnen, die in einem p o 1 n i s c h e n S t a ä t s b e tri e b beschäftigt sind. Am i. August erhielt -sie-von der Leitung der Stanislawer Abteilung -der. Spiritusmonopol-Verwaltung, bei der sie beschäftigt war, die Verständigung, daß sie auf die Abbauliste gesetzt worden sei. Nadi vergeblichen Versuchen, einen neuen. Erwerb zu .erlangen, hat die Beamtin, die audi für den Unterhalt ihrer greisen Eltern zu sorgen hatte, einen Selbstmordversuch durch Austrinken einer Flasche Brennspiritus begangen. Sie wurde in hoffnungslosem Zustand ins Hospital eingeliefert. . . Der Inhaber eines der bedeutendsten Verlage Polens, Jakob Mortkowicz, hat wogen wirtschaftlicher Schwierigkeiten S e 1 b s t m o r d d u r, c h E r s c h i e ß e n begangen. Mortkowicz, dessen^Verlag eine wissenschaftliche und eine literarische Abteilung umfaßt, in der Werke der bedeutendsten polnischen Dichter der letzten beiden Generationen erschienen sind, litt infolge finanzieller Schwierigkeiten in letzter Zeit anschweren Depressionen. Mortkowicz war Philologe und hatte sich dem Verlegerberufe aus reiner Liebe zur Literatur ge- Vott Dr. D. Schechet Aul dem „Leviulhan", Juli 1931. Stolz, behaupten die Prospekte, wir seien auf dem größten. Schiff der-Welt. 2000 Fahrgäste füllen es nicht ganz aus. Und ein Stück Amerika ist es sicherlich, ein kleines Völkermuseum, Mikrokosmos der Neuen Welt, meine Tischnachbarn sind reine Amerikaner — sie behaupten es wenigstens — wenn auch englischer, schwedischer, französischer, deutscher'Abstammung. Ich der einzige Jude; Man spricht fleißig über die Völker und deren Wesen in U. S. A. Niemand fühlt sich getroffen, wenn man sich über ihn oder Volksgenossen einen Witz erlaubt, und auch die Juden kommen an die Reihe. Mein Nachbar zur Linken glaubt ehrlich daran, daß die Juden in Amerika ein starker wirtschaftlicher Faktor sind — die 18 Millionen Juden Amerikas. Meinem verwunderten Blick — 18 Millionen Juden in Amerika? — schenkt er keine Aufmerksamkeit. „18 Millionen Juden!"' rufe ich laut aus und errege bloß ein bedauerndes Lächeln. Was für Jude ich denn sei, wenn ich das nicht wisse! Und er belehrt mich mit großer Liebenswürdigkeit, daß es in New York allein nicht weniger als 5 Millionen Kinder Israels gebe, so daß die Zahl von 18 Millionen eher zu klein als zu groß sei. Ich suche bei meinen Tischgenossen Hilfe. Niemand steht mir bei, adle glauben dem Amerikaner. Genau flifi- 4& £mW> nbot. m JbckBst iwtex* 20 Mftiionen kann nicht die Rede sein. Ich möge als blutiger Laie, als Greenhorn zuhören und lernen. Der eine meiner Nachbarn, ein dickbäuchiger Herr, seines Zeichens Advokat, gibt gemütlich eine Schilderung des Einflusses der Juden in seinem Fach zum besten, zeigt ihre Talente, deckt ihre Fehler auf und schließt, mit der gutgemeinten, mir gewidmeten Belehrung, „mit uns Amerikanern nicht zu diskutieren". Und während die anderen Berufe einer nach dem anderen den jüdischen Anteil beleuchten, muß ich stumm und ob meiner Unkenntnis etwas beschämt dasitzen. So behauptet der lange, hagere Filmagent, daß zumindest 75 Prozent der amerikanischen Filmindustrie in jüdischen Händen seilen, indes der Arzt den Anteil der jüdischen Aerzteschaft — „israelitische Aerzte", sagt er — angibt, und alle kommen zu dem Schluß: Nicht um einen weniger als 18 Millionen! Unser Steward, ein Ire, greift während des Tellerwischens in unser Gespräch ein — ist es doch ein amerikanischer Dampfer —- und gibt seiner fachmännischen Meinung Ausdruck, daß die Zahl der Juden in Amerika überhaupt nicht zu fassen sei, da eine Unzahl von Juden sich unter dem rein irischen Namen O'Brien verberge. Das Schlußwort des Stewards besiegelt meine Niederlage. * Es ist, als wäre das Schiff ein Bestandteil der Neuen Welt. Die reisenden Amerikaner streben eilig der Heimat zu. Keine Zeit zu verlieren, drüben steht's nicht mehr so gut. Bald spüre ich auch Juden heraus: amerikaniseher Anzugschnitt zwar und langzugespitzte Hemdkragen, aber Stimme, Gesichtszüge und schließlich ~-: echtes Mame- Loscbe»! Der «raerifetiiiscbe Jtate schämt sieb Hiebt, Jode zu sein. Und wenn man miteinander spricht, Spässe mächt, so gelangt mau doch zum Gespräch über — Zionismus. Gewiß, den gibt es in Amerika, jede größere Stadt hat sogar ein Komitee, er selbst zahlt jährlich etwas für die „blaue Büchse", außerdem hat er ein gutes Herz, spendet für die Synagogen, für die Armen, für die Waisen, vergißt auch an die Brüder in Polen nicht und ... Palästina. Er ist wirklich ein '«guter, treuer Jude, dm' Herzen sogar Zionist. Schlecht war's damals vor vielen Jahren in Rußland und man wollte als junger Mensdi nach "Er ez Israel gehen, aber man ging noch Amerika und es. ist nicht schlimm hier. Ich habe nichts gegen den guten Juden einzuwenden. Alle sinid sie treue, gute Juden, meine Fahrtgenossen, nur ist unser einer aufdringlich, wenn ich sachte mit der Frage nach dem politischen Zionismus herausrücke. „Very interesting! Sehr fein! Aber wir verstehen von der Sache nicht viel, wir sind Busiuess- Menschen. Das ist Suche der Berufspolitiker,, die verstehen das besser. Uebrigens hat es doch vor kurzem einen Kongreß gegeben, dort hat man schon alles gut beschlossen^ Ein wenig Antisemitismus gibt es schon in Amerika, aber nicht sehr gefährlich . . ." So sprach ein Business-Mann.-. Aber ein Arzt aus Texas, der dort nicht viel vom Judentum hört, sagte mir abends leise ins Ohr: „Sechs Monate war ich in Europa, habe Rußland und Polen bereist .... Die Amerikaner werden auch bald daran glauben . . . Palästina ist nicht nur für Ostjuden!" Amerika ist aiebt mehr weit. -Btrtchweidearynt: 4m * gwfte ijttdsacfce New $wfc aeiwn.*1