Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 204 (14.8.1931)
- Date
- 1931-08-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seife 4 DIE NEUE WELT Nf. 2M ClnrtobtoMf mn modernster Ausführung / Zahlungserlelchttrung Kostenüberschiäge itiMntgettllch BADEZIMMER ELPHORA, I. Domlnlkanerba8t«l22(Eok« Kai 7/fl)R*24-4 16 Stolz darauf hinzuweisen, daß das jüdische Volk nun die Gestaltung seines Schicksals selbst in die Hand genommen und eine moderne jüdische Volkspolitik eingeleitet habe, die sich mit der alten „Schtadlonus", mit der Politik der einflußreichen jüdischen Fürspredicr, wie sie die jüdische Geschichte kenne, nidit vergleichen lasse. Eines stand jedenfalls fest: der neue jüdische Politiker konnte und durfte keine anderen Interessen, als die des Volkes vertreten, unbehindert und unbeengt durch irgend welche andere Rücksichten. Nun tritt an die Spitze unserer politischen Arbeit in Palästina ein Mann, der diese Freiheit der Handlung nicht besitzt. Er ist weitestgehend gebunden durch seine Rücksichten auf die befreundete Labour-Party, die gegenwartig die Geschicke des britischen Reiches bestimmt. Wie soll er zur Wahrung unserer Rechte, wenn es sein muß, gegen diese Regierung zu Felde ziehen, wenn er ihr herzinnigst zugetan ist? "Daß dem so ist, beweist die Geschichte der Wahlen in Whitechapel im vergangenen Winter. In einer schicksalsschweren Stunde des jüdischen Volkes, als es um die Rücknahme des Passfieldschen Weißbuches kämpfte, traten die zionistischen Führer zu einer wichtigen Beratung in London zusammen. Und da, als die Empörung des von der Arbeiterregierung um seine Hoffnung betrogenen jüdischen Volkes die höchsten Wellen schlug, schickte eich, der zionistische Führer Arlosoroff an, in die Londoner Wahlkampagne einzugreifen, um die jüdischen Wähler aufzufordern, ihre Stimme der ihm nahestehenden Arbeiterpartei zuzuwenden. Ist Arlosoroff der unabhängige jüdische Politiker, der nur die nationalen Interessen seines Volkes kennt? Hat es noch einen Sinn zu fragen, welcher Gedanke bei ihm das Primat hat: Zionismus öder Sozialdemokratie? Müssen da wirklich die alten Fürsprecher des jüdischen Volkes, wie Joselman von Rosheim,. Don Josef Nassi, Samson Wertheimer, beschämt zurücktreten? Universität ,Nach einer Zeitüngsmeldung war der Wiener Delegierte, Herr Dr.. Oskar Grünbaum bei Erstattung seines Kongreßrefe?ates über eine „Blamage", die nicht mehr vorkommen fable,, sehr aufgebracht. Er meinte den „Antrag" eines Revisionisten, der verlangte, „die Exekutive solle auf der Wacht des nationalen Geistes der Jefusalemer Universität stehen". Es scheint hier ein Mißverständnis oder eine falsche Wiedergabe der: Rede vorzuliegen-, da es sich doch nicht um einen Antrag, sondern um einen Kon greßb esch 1 uß handelt. In seiner Rede stellt Dr. Grünbaum'die Behauptung "auf, daß dieser Antrag:von „Mangel an Mut1' seige.. „Wenn man mit Magnes unzufrieden ist, schließt er, soll man den Antrag offen stellen, aber nicht durdi einen anderen Antrag den Eindruck erwecken, als ob wir gegen die Lehrfreiheit sind." Den Gegnern Magnes' hat es niemals an Mut gefehlt. Im Gegenteil, bisher wurde immer darüber Klage geführt, daß seine Angreifer zu mutig vorgehen. Wenn Magnes im Antrage nicht genannt wurde, so geschah dies aus dem einzigen Grund, weil er an der Universität zahlreidie Gesihntfhgsfreunde hat. Es handelt sich hier um einen geschlossenen Kreis, nicht um Magnes allein. Der Antragsteller Frankel warf denn auch mit Recht diesen HodischuIIehrern vor; „Die führenden Personen liefern unseren Feinden Material, wie in Angelegenheit der Klagemauer." Ist denn Herrn Dr. Grünbaum, z. B. von Dr. Gerhard Scholem, der über Kabbala liest, und von seiner Haltung in der Klagemauerfrage, nichts bekannt? Hat er noch nie von dem Brit-Schalom-Führer Dr. Hugo Bergmann, dem Direktor der Universitätsbibliothek, gehört? Die Dinge sind ja so arg geworden, daß einer der bekanntesten Profesr soren an der Universität, Dr. Josef Klausner, in einem geharnischten Aufsatz, der in der „Hatekufa" erschienen ist, gegen seine Kollegen Stellung nehmen mußte. Bei den Linken handelte es sich bei ihrer Stellungnahme nicht um die Lehrfreiheit. Dies diente ihnen nur als Vorwand. Ihnen ging es um den Schutz ihrer Freunde vom Brit-Sdvalom. So ist auch die Erklärung Arlosoroffs* zu verstehen, „daß die Arbeiterfrakion den Beschluß mit Entrüstung zurückweise". An diese Erklärung muß um so mehr erinnert werden, als Arlosoroff nun die politische Führung in der Palästina*Exekutive innehaben soll. Man kann sich leicht vorstellen» wie der genannte Kongreßbeschluß durchgeführt Wörden wird. Sprinzaks Million Im verflossenen Winter stellte der Hitachdüth* Führer Sprinzak — man kennt sich bei der Hitachduth nicht mehr aus, einmal bleibt sie bei ihrem Namen, dann wieder verbirgt sie sich verschämt hinter dem Schild des „Arbeitenden Palästinas" und schließlich'vereinigt sie sich so eng mit der Poale Zion, daß man sie gar nicht mehr auseinanderhalten kann — den Antrag, neben Keiren Hajesspd und Keren Kajemeth einen Verein für den Auf* bau Palästinas ins Leben zu rufen, der eine Million Mit» glieder mit einem Jahresbeitrag von je einem Pfund zu sammeln hätte. Ich trat ihn an dieser Stelle mit durch* aus sachlichen Argumenten entgegen, und wies auf Grund von Ziffern „Und Erfahrungen nach, .däß>. es ' sich' hier "um. einen naiven und dilettantischen Plan handle, der sich nicht durchführen lasse, ,auch wenn;er> von; der palästi». nensischen Arbeiterschaft „mit Begeisterung" aufgenommen wurde. ' ''• '-■' * > ■'■'■>■ ''' ' ' .■ " . " ' ". Seinem Wiener Genossen Mayer Henisch gab diese Kritik keine Ruhe. Er trat mir nun 'Aich weiß nicht, ob innerem Drange oder einem Fr aktionsauf trag© folgend -W in einem Aufsatz entgegen. Mit sachlichen Argumenten? Nein, denn solche waren wohl kaum zu finden, und-so be* gnügte sich 'Herr'-Henisch mit einigen/billigen Worten;'wo» bei er ^allerdings unter .•dem<'JEindriiekV-vTOeItle'T,-•' 'Beweis* führung zugab, daß sich der Verein wohl "mit weniger als einer Million Mitglieder, werde zufriedengebe» müssen. Dann ließ sich Herr Sprinzak nach einmal: über seinen Verein vernehmen — diesmal weniger siegreich," von einer Million war nicht mehr die Rede. Was ist nun aus dieser Idee gewordert, die Sprinzak vor einem halben Jahr beim Presseempfang der Exekutive in London als den erlösenden Finanzplan vortragen durfte? Kein Hahn kräht mehr danach. Weder der Kongreß, noch die Jewish Agency haben sich mit den Naivitäten des großen Arbeiterführers befaßt. Niemand hat bei der Auf« Stellung des knappen Budgets unserer Organisation die Verwirklichung des Sprinzakschen Planes ernst genom* men oder gar ins Kalkül gezogen, ja selbst der Delegierte Henisch scheint sich nicht dafür eingesetzt zu haben. Die zionistische Oeffentlichkeit hat aber jedenfalls ein Ali» recht darauf, von derartigen dilettantischen und unreifen Ideen der „Führer" verschont zu bleiben. Jewish Agency. Traurige Versammlung einer leblosen Institution. Ganz abgesehen von dem finanziellen Mißerfolg, den man ja zum Teil wirklich mit der ungünstigen Wirtschaftslage entschuldigen kann, zeigte sich vor allem auf das deut* Iichste, daß auf der anderen Seite der Palästina*Gedanke in den ersten zwei Jahren der Agency durchaus nicht stärker geworden ist. Im Gegenteil. Vor zwei Jahren trat eine glanzvolle jüdische Notabeinversammlung zusammen, die auf finanziellem und ideologischem Gebiete ganz Her» vorragendes versprach. Ist das Versprechen erfüllt wor» den? Die letzte Versammlung in Basel gibt darauf eine klare, verneinende Antwort in ihrer Liste der Nichterschienenen. Ist es nicht bezeichnend, daß Felix Warburg, Oskar Wassermann, Leo Baeck, und wie all die Führer heißen, fein säuberlich ferngeblieben sind? Die Tagung glich der ruhig dahinplätschernden Ver* Sammlung eines großen jüdischen Vereines, bei der selbst dem oberflächlichen Beobachter auffallen mußte, daß die zur Behandlung stehenden Probleme die Teilnehmer durch» aus nicht aufregten. Man kann sagen, daß sie" den Fragen „Interesse entgegenbrachten". Und damit ist auch alles gesagt. Verlohnt es sich noch, gegen diese Jewish Agency; anzukämpfen? ' ' .: Nadiriditen aus Polen „Gazeta Warszawska" *ford«rt Judenboykptt an Stelle von Pogromen. Warschaiji, 7. / August..: (J. T',~ Ä.) Das Organ der nationaldemokratischen Partei, „Gazeta Warszawska", tritt in einem Artikel den Angriffen entgegen, , die iii letzter Zeit im Hinblick auf die sich mehrenden antijüdi» sehen ""Ausschreitungen in Polen in der jüdischen Presse gegen die Propaganda der antisemitischen national» demokratischen Partei gerichtet worden sind. „Gazeta Warszawska" sucht den Nachweis zu führen, daß die Nationaldemokraten Gegner judenfeindlicher Aus« schreitungen.,-seien. „Die Nationaldemokraten", schreibt das jBlatt,;i,sind:. wed^er Pogromleute noch. Männer, die zu antijüdischen.Exzessen- .aufreizen; wollen^ y Was sie tun wollen, isty; unser nationales Wirtschaftssystem vom jüdi» sehen Einfluß iu befreien. Das kann durch Kampf* methoden erreicht werden, die sich von der Organisierung von Judenpogromen wesentlich unterscheiden." Schließ* lieh betont „Gazeta Warszawska", die. jüngsten juden« feindlichen Ausschreitungen in Radom, Lubljn und anderen f „Nie wieder üebe «* und das erste IfnkAMU Gartenbau-Kino, I, Ufa-Ton-Kino, II, HaDarSIl Stafa-Kino, VII, Kolosseum-Kino, IX sehr interessante Typen gibt: so den : Polizeichef Meir Spektor, einen Mann, der jeden Tag Tefillin legt. Bezeichnend ist der Umstand, daß die Araber im August 1929 den Ueberfall auf TeUAwiw gerade zur Morgenstunde machten, da der Polizeichef mitten im Frühgebet hielt,'was ihn aber nicht abhielt, zur Abwehr des Angriffs mit den Tefillin auf dem Kopf auf die Straße zu eilen. Unter den Polizisten befindet sich auch der Sohn des hebräischen Schriftstellers A. S. Rabinowitscb, ein Mensch, der sich durch besondere Opferwilligkeit und Güte auszeichnet. Einmal bekam er den Auftrag, am Meeresufer Nachtwache zu halten. Des Morgens fand er sich ohne Mantel im Polizeiamt ein und wurde daher sofort zum Rapport bestellt. Hier gab er die Erklärung ab, daß er in der Nacht seinen Mantel einem armen Jungen gegeben habe,'der am Meeresufer schlief und nichts zum Zudecken'hatte,' aber der Junge hätte schließlich „ver* gessen", ihm den Mantel zurückzugehen. Zu den Funktionen der Polizei gehört auch die^ Obsorge der nächtlichen Ruhe, Bis zwölf Uhr nachts darf man auf der Gasse lärmen una tanzen. Doch es kommt oft vor, daß Chaluzim spät abends an den Strand kom* men und eine Horra bis nach den Chzos (Mitternachts* gebet) tanzen. Wenn nun ein Polizist ersucht, man möge mit dem Tanzen aufhören, nimmt man ihn einfach in den Reigen herein und — welcher Jude in Erez Israel tanzt nicht gern ein Horra? «— es bleibt ihm nichts anderes übrig als mitzutun, bis er sich schließlich aus dem Reigen reißt und sich verschämt nicht hören macht, daß auf der Straße weitergetanzt wird. Eine komische Szene spielte sich einmal ab, als ein jüdischer Polizist in die Lage kommen, sollte, am Sabbat ein Protokoll zu schreiben. An einem Sabbat brach ein» mal zwischen den Gerer und den Czortkower Chassidim eine Schlägerei aus. Man rief die Polizei und vom Polizei» kommissariat wurde zufällig ein Polizist beordert, der ein Enkel des „Berdlczewer" war und auch den Beinamen des Berdiczewer trug. Der Polizist kam gerade mitten in der Prügelei In dte Stube und trotz seiner" Versuche, den Streit zu schlichten, gelang: ihm die Wiederherstellung der Ruhe nicht.. Da rief er plötzlich irr die Menge: „Juden, erbarmt euch meiner und laßt mjeh-. nicht ein OhilluMia Schabbat (Entweihung des. Sabbats); begehen. Ich soll euretwegen am Sabbat ein Protokoll, schreiben." Sogleich wurde es still im Stübchen und der Streit legte sich. Diese Episoden sind charakteristisch für die In» timität des. jüdischen Gemeinlebens in Tel«Awiw, Nichts» destoweniger stellt die jüdische Polizei einen wohlorgani* sierten, straff disziplinierten Körper dar, der allen An» forderungen gerecht wird, die an eine Sicherheitstruppe gestellt werden. Oft genug hat die jüdische Polizei Tel* Awiws bewiesen, daß sie eine tadellos funktionierende Institution darstellt, der es an keiner von ihr geforderton Eigenschaft fehlt, und daß. sie ein Zeugnis abgibt von dem Geist, mit dem die jüdische Stadt selbst geleitet wird. Da§ musifcwissensdhaftlidre Institut in Palästina Die „Palästinensische Gesellschaft zur Förderung der. Musik", hat vor einiger Zeit ein musikwissenschaft» liches, Institut gegründet, welchem nunmehr 4ie Aufgabe zufällt, kAjle produktiven Kräfte des In« und Auslandes zu sammeln, sie in den Dienst der musikalischen Weiterentwicklung des jüdischen Volkes > zu stellen. Die Hauptziele dieses.'Instituts sind: 1. die musikalischen Begabungen unter der .Jugend im Lande zu fördern und zum ernsten Studium anzuregen; 2. das Verständnis für die spezifische Art der jü» dischen Musik zu wecken, den Einfluß benachbarter Völ* ker auf dieselbe klarzulegen' (letzteres soll durch wissen* schaftliche Erforschung der mannigfachen musikalischen Formen religiöser und weltlicher- Werke der Juden so* wohl in Palästina wie im Nahen Osten im Zusammenhang mit der Musik der Nachbarvölker bewirkt werden); 3. die musikalischen Ansprüche weiter Kreise der jüdischen Bevölkerung in den Städten und Kolonien zu erfüllen, zugleich deren Musikverständnis, insbesondere in bezug auf die jüdische Musik, zu erweitern und zu tiefen. Zur Erreichung dieser Ziele beabsichtigen die Leiter des Instituts nach und nach folgende Klassen ins Leben zu rufen: . . L ,.a). Studium der musiktheoretischen Fächer (Har* monie, Kontrapunkt, Fuge, Formenlehre, Orchestersatz, freie Komposition), b) Kurse für allgemeine und hebräische Musikgeschichte,, c) eine Klasse für Stimmbildung (Solo* und Chorgesang), d) eine. Klasse für Kammer* und Or* chestermusik,. für Blasinstrumente (Holz und Blech), Mei» sterklasse für Klavier, Violine und Cello. .....2.. Musikalische Forschung: Ergründung der .musika* lischen Zeichen in .der Thora, Kantillation in der Bibel und im Koran; Sammeln von Volksliedern, der Juden und anderer Völker des Nahen Ostens; Erforschung der Musikinstrumente des Ostens. 3. Popularisierung: Vorgesehen sind Symphonie« und Kammermusikkonzerte, die Gründung von Gesangsver* eirieh in den Städten und Kolonien, schließlich populäre Vorlesungen über allgemeine und jüdische Musikgeschichte und Veröffentlichung der Werke jüdischer Komponisten Sowie Essays über Theorie, Musikgeschichte und Volks« lieder. Leiter des Instituts, sind M. Golinkin, David Schorr, S. Rosowsky, J. Harlamow. Ein vielversprechendes Programm. Es. wäre zu wünschen, daß es unseren Pionieren -der Musik gelingt, Mittel und Wege zu finden/ um es zu realisieren. Vor allem müßte man auch zu Hause und in der Schule die Musik mit der Jugenderziehung enger verknüpfen. An diesen Stätten bedarf der- Gesang und das Instrumen» talspiel sowie die rhythmische Gymnastik eifriger und zielbewußterer Pflege, denn hier sind die Voraussetzungen gegeben, die die Entwicklung und Ausbildung der Musikalität im günstigen oder schädlichen Sinne beeinflussen. Auch bei Vorhandensein einer großen Zahl hochbegabter und ausgezeichneter Fachleute kann die Musik als Kunst mehr und mehr einem Niedergang verfallen, wenn nicht das- Volk selbst die Musik mit aller Intensität und vollem Emst pflegt, I. St.