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Die neue Welt · 1931-08-07 · Heft 203 (7.8.1931) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 203 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Me. 90$ die neue Welt MkJ * iXRW geseHschaften seien, daß aber deren Beschimpfung gleichzeitig eine Verunglimpfung der jwMechen Religion darstelle. Der erste Staatsanwalt. Ludwig erklärte in seinem Plaidoyer, der Angeklagt« habe sich durch die Bezeichnung des jüdischen Gottes als Ober jude der Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft Bchttldig gemacht. Er beantragte die Verurteilung des Angeklagten zu vier Monaten Gefängnis mit der Begründang, daß es dein Angeklagten durch Verhängung einer Freiheitsstrafe zu Bewußtsein gebracht werden müsse, daß der politische Gegner vor der Religion haltzumachen habe, und daß auch im politischen Kampf auf das religiöse Empfinden Rücksicht zu nehmen sei. Das Gericht verurteilte Bergemann za zwei Monaten Gefängnis und Ersatz der Kosten de« Verfahrens. In der Urteilsbegründung wird hervorgehoben, daß die Veröffentlichung des Artikels eine Aergernis erregende Gotteslästerung und eine schwere Beschimpfung der jüdischen Religion darstellt und daß deshalb auf eine Freiheitsstrafe zu erkennen sei. Die „Deutsche Studentenschaft" unter nationalsozialistischer Führung Berlin, 28. Juli (J. T. A.) Die naoh kurzem Verbot wfeder erschienenen nationalsozialistischen Haupt* blatier „Völkischer Beobachter" und „Angriff teilen triumphierend mit, daß die „Deutsche Srodenteflscbaft" jetzt unter nationaleOzialiStis-cher Führung stehe, nachdem der 14. Deutsche Studemtemtag den Nationalsozialisten L i e n a u unter minutenlangem Beifall einstimmig zum ersten Vorsitzenden der Deutschen Studentenschaft gewählt hat. Auch der dritte Vorsitzende und eine größere Zahl der Vorstandsmitglieder seien Nationalsozialisten. Der neugewähdte Vorsitzende erklärte in seiner DanJcansprache, es kam« jetzt darauf an, mit allen Mitteln dafür einzutreten, daß die studentische Selbstverwaltung in großdeutschem Sinne, die nur das Volksbürgerprinzip anerkennt, nicht nur aufrechterhalten, sondern in erheblichem Maße ausgebaut werde. Bayrischen Staatsbank, insbesondere in den höheren Stellen« dieProtestaatenanverhältnismäßig Überwiegen. Es wlfd eine statistisch« Zusammenstellung vorgelegt. Danach waren unter den insgesamt 1061 Beamten »od Beamtinnen der Bayrischen Staatsbank: 598 katholisch, 458 protestantisch, 3 altkatholisch, 1 (Staatsbankbuchhalter) israelitisch «nd 1 Beamter freireligiös. Unter den acht obersten Stufen: Direktoren, Bankrfite, Oberbeamte, Kassierer und Inspektoren, linden sicfi 1?4 Katholiken, 204 Protestanten und kein Jude. „Völkischer Beobachter44 nnd „Angriff erscheinen ■wieder Berlin, 28. Juli. Am Montag, den 27. Juli, abends, sind die führenden nationalsozialistischen Zeitungen, „Völkischer Beobachter" in München und „Angriff" in Berlin, die eine Zeitlang verboten waren, wieder erschienen. Das vorzeitige Wiedererscheinen des „Völkischen Beobachters", der für drei Wochen verboten war, wurde ermöglicht durch, eine Verfügung des Reichsgerichts, das der Beschwerde des Blattes stattgegeben hat. Beide Zeitungen fahren in ihrer Hetze gegen den Staat und die Juden fort. Der „Völkische Beobachter" veröffentlicht unter der Uefeerschrift: Einer der „Dreihundert" (Weisen von Zion) einen Hetzortikeil gegen Jakob Goldschmidt und nimmt die Brüder Lahusen in Bremen, deren Manipulationen die Katastrophe der Danatbank verursachten, in Schutz. Eine aufschlußreiche Statistik Wie aus einem Artikel „Die Persona 1 verhältnisse bei der Staatsbank" im „Bayerischen Kurier" Nr. 159 zu entnehmen ist, hat die Fraktion der Bayrischen Volkspartei im bayrischen Landitag Beschwerde darüber geführt, daß unter den Beamten der Zunahme der jüdischen Bevölkerung in der Tschechoslowakei Prag, 28. Juli. Das Statistische Staatsamt veröffentlicht vorläufige Ergebnisse über den Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in der Volkszählungsperiode 1921 bis 1950. Danach hat sich die Zahl der Juden dem Bekenntnis nach von 353.978 auf 365.768 erhöht, d. h. sie ist um 0,8 Prozent gewachsen und stellt 2,42 Prozent der Gesamtbevölkerung dar gegen 2,4 Prozent im Jahre 1921. Im Gegensatz zu dieser Gesamttenderaz steht die Bevölkerungsbewegung in den historischen Ländern. Während alle anderen Konfessionen durchwegs zugenommen haben, sind die Juden in Böhmen um 3492 (4,3 Prozent) und in Mähren und Schlesien um 4082 (8,9 Prozent) zurückgegangen. Dieser starke Rückgang, in erster Reihe infolge Geburtenrückgang und erhöhter Sterblichkeit, wird durch Karpathorußland wettgemacht, wo die Zahl der Jüdischen Bevölkerung um 9466 oder 10,2 Prozent zugenommen hat, während der Zuwachs in der Slowakei nur 781 (0,6) Prozent beträgt. Kranke Frauen erfahren durch den Gebrauch des natürlichen „Franz* Josef"*Bitterwassers ungehinderte, leichte Darmentleerung, womit oft eine außerordentlich wohltuende Rückwirkung auf die erkrankten Organe Verbunden ist. In Apotheken und Drogerien erhältlich. Jüdische Auswanderung au9 der Tschechoslowakei im Jahre 1930 Prag, 2. August. (J. T. A.) Nach Mitteilungen des Statistischen Staatsamtes sind aus der Tschechoslowakei im Jahre 1930 insgesamt 510 Personen jüdischer Konfession (346 jüdischer Nationalität) ausgewandert, davon 413 (287) in überseeische, 97 (59) in europäische Staaten. Die Aus» Wanderung nach U. S. A. betrug 193 #124), nach Kanada 23 (13), Argentinien 172-(138), Mexiko 3 (1), Urugay 6 (4). Nicht Inbegriffen in dieser Auswanderung ist die palä* stinensische Emigration, die nach Schätzung des PalästinasAmtes im Jahre 1930 70 Seelen betrug. Von den europäischen Emigranten wandten sich 55 (40) nach Belgien, 24 (11)^ nach. Frankreich, 6 (4) nach Deutschland, 1(1) nach ÜSSR, Den Herkunftsländern nach kamen von den Emigranten 280 (264) aus Karpathorußland, 194 (80) aus der Slowakei, 9 (1) aus Mähron und Schlesien, 27 (1) aus Böhmen. ' Ein Ehrenmann . . . Prag, 2. August. In U 2 h o r o d, der karpatho« russischen Hauptstadt, wurde eine der Hauptstraßen Theodor*Herzl*Straße benannt. In Munkacs führte die Benennung zweier Straßen nach den Dichtern B i a 1 i k Jüdische Eltern! Kauft Sdiüföflchar , _ ^"TrttiquTr^che) für Bwe KJbder in der HMlicfcMi BncliHin«ing Herrn. Tuchner7 LGlHbibllotfiolt Alle Neuerscheinungen erhältlich. lOöroschen täglich, keine weiteren Gebühren! Für Anfragen Telephon R-41-4-20 und Jehuda Halevy «u einem Kampf zwischen dem Rabbi Spira und den zionistischen Vertrete»» in der Stadtgemeinde. Rabbi Spira erklärte, diese Straßenbenennung verletze das jüdische Emp* finden (1), und vetband sich mit den Führern der tschechischen Nationaldemokraten, denen er versprach, daß er einer Beftertnung der beiden Straßen nach t s c h e« chischen Führern zustimmen werde, wenn die Nationaldemokraten in der Stadtgemeinde für die Wider« rufung des Beschlusses über Schaffung einer Bialik« und Halevy*Straße stimmen würden. Der Kampf hat fn ganz Karpathorußland großes Aufsehen erregt. Aufhebung einer Bestimmung gegen das hebräische Schulwerk Prag, 2. August. Die tschechoslowakische Regierung hat auf Grund der Bemühungen der jüdischen Abgeord* neten jene Bestimmung im Statut des hebräischen Gymna« siums in Munkacs aufgehoben, nach welcher dieses Gymna* sium das Oeffentlichkeitsrecht nur erhält, wenn es sich verpflichtet, auf die Beanspruchung staatlicher und öffentlicher Subventionen zu verzichten. Diese Klausel wurde seinerzeit als eine schwere Benach» teiligung des hebräischen Schulwerkes und als eine Zu* rücksetzung vor den Schulwerfoen der anderen Nationen empfunden. Die Widerrufung diese« Klausel hat in den jüdischen Kreisen große Genugtuung ausgelöst. Der Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Ungarn Budapest, 28. Juli. Wie aus einer vor kurzem vom Budapester Rabbinat veröffentlichten Statistik hervorgeht, sind im Jahre 1930 in Budapest 392 Personen aus dem Judentum ausgetreten. Der Glaubenswechsel erfolgte in der Mehrzahl der Fälle anläßlich von Eheschließungen mit Andersgläubigen. Die Zahl der Austritte entspricht schon seit einigen Jahren einem Prozentsatz von ungefähr 0,4 Prozent der jüdischen Bevölkerung. In den Provinzstädten und in den Dörfern ist der Prozentsatz etwas geringer. Zum Rückgang der jüdischen Bevölkerung Ungarns trägt neben der Austrittsbewegung auch das Ueberwiegen der Sterbefälle über die Geburtenziffer, bei. Die Zahl der Todesfälle war im Jahre 1927 um 1067, im Jahre 1928 um 771, 1929 um 1185 und 1930 um 973 höher als die Zahl der Geburten. Die immer mehr um sich, greif ende religiöse Gleichgültigkeit kommt darin zum Ausdruck, daß 30 Prozent der jüdischen Geburten beim Rabbinat überhaupt nicht angemeldet werden, 30 Prozent der rein jüdischen Ehen werden nicht rituell geschlossen und in mindestens 10 Prozent der Fälle wird die Beschneidung nicht vollzogen. Mindestens 30.000 Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde besuchen nicht einmal am Versöhnumgstage die Synagoge* gestrigen Hochzeit gebracht," pflegte sie in guter Laune mit dem Paket einzutreten, als würde sie der Bedürftigen eine Ehrengabe bringen. „Man hat,- kein bös Auge, dort soviel gekocht und gebacken, daß es zu einer zweiten Hochzeit reicht." So sagte man auch von Bine, sie sei vollgestopft mit guten Taten, Fromme Frauen beneideten sie darum. „Sie bereitet «ich vor, sie bereitet sich vor," pflegte solch eine Frau mit dem Kopf zu "wackeln, „sie wird ,dorf nicht mit leeren Händen erscheinen," „Wie denn sonst," fügte eine zweite hinzu, „wenn man sich aaf dieser Welt vorbereitet, hat man für jene Weif Das ist es auch, was Bine wollte. „Die Weif, pflegte sie zu sagen, „ist nichts anderes als ein Jahrmarkt, wo der sündige Mensch sich ein .Päckchen' zurechtlegen muß, lach, \m muß er dast" Bine hatte damals schon ein hohes Alter erreicht und war immer noch Hausköchin. Aber dann und wann ein Hochzeftstänzchea zu geben, fiel ihr schon schwer. Weder Beine noch Atem wollten mithalten. Aber mit den Broten ging sie immer noch entgegen. Und da sie nacht tanzen konnte, so begnügte sie sich mit frommem Neigen, so als Würde sie tanzen. »A* Kinderchen teure, wo ist jener Wagen, mit dorn man die jüngeren Jahre könnte erjagen", liebte sie es za leimen. „Nicht de ein solcher Wagen!" Wie att Bine nun war, wußte man immer noch nicht. Es kam aber die Zeit, daß sie das Geheimnis selbst offenbarte. Sie fürchtete sich anscheinend nicht mehr vor dem bösen Auge und sagte einmall zu allen: „Ja, meine Kinderchen, hundert Jahr hat mir Gott gelobt sei er geschenkt.'4 Vieler solch geschenkter Jahre erwartete die Greisin nicht mehr. Sie bereitete sich schon, wie sie sagte, vor „zum Weg" oder dazu, daß sie der „Schammes" ru^* Und wollte man bei irgend einer vornehmen Feier durch« aus Bine für die Küche gewinnen, pflegte sie lächelnd zu sagen: „Wenn der Schammes nur ans Fenster klopft und mich nicht auf den Weg ruft, werd' ich mit Gottes Hilfe kommen." Der Schammes klopfte aber nicht so rasch. Und Braes Alter zog sich bis in das hundertdritte Jahr hin* ein... die älteste Frau des Städtchens. Sie hatte damals im Schrank schon die Totenkleider, die sie sich zu Leb« zelten versorgt hatte. Im Städtchen hatte sich sogar das geheimnisvolle Gerücht verbreitet, daß Bine jeden Freitag die Totenkleider anziehe und „Licht bensche". Sie will damit, heißt es, Gott jederzeit zeigen, daß sie bereit sei, wenn er rufe, zu kommen. Alles hatte sich Bine vorbe* reitet, nur eines fehlte: ihr Jossele. Einen Sohn in die Welt gesetzt, nicht einmal die Gnade haben, daß er an ihrem Grab Kaddisch sage. In jenen Tagen konnte niemand wissen, warum Bine an den Vorabenden mit müden Beinen zu jenem Gäßchen schreite, wo Mottel der Schammes wohnt, und dort stundenlang bleibe. Das war ihr letzter Vertrag mit Motte!, daß er nach ihr Kaddisch sage. Sie war zwar im Herzen dessen sicher, daß auch ihr Sohn in Amerika Kaddisch sagen werde, aber bis Jossele ihren Tod erfahren wird, wer weiß wann, wird sie im Grab „verschämt" daliegen müssen. Sie nahm still aus ihrer geheimen Tasch' ein mit Faden zusammen« gebundenes Päckchen, reichte es Mottel und sagte trocken: „Für dich, Mottel! Ich will, daß du den Kad* dlsch das ganze Jahr sagt. Und was ich dir gebe, ist be# wahre nicht für das Verdienst, sondern als Geschenk." Er, Mottel, hatte auch später noch andere Auf« träge der Greisin auszuführen. Sie trug ihm auf, auf einem Zettel alles zu verzeichnen, was sie im Stäbchen hatte, auf daß er es später an Bedürftige verteilte, dem ein Kissen, dem das Bett. Mehr als auf alles legte sie auf die Leuchter Wert. Sie ließ sie als erstes auf dem Zettel ver* zeichnen und erinnerte den Schammes, sooft sie bei ihm war: „Um alles in der Welt, Mottel, merk' dir, um was ich dich bitte. Die Leuchter sollen im Beth Midrasch bleiben." Auch sollte Mottel sofort nach ihrem Tod ihren Sohn verständigen. „Wirst ihm nicht vi»l schreiben müssen, ich will nur, daß er weiß, daß ich ihm bewahre nicht böse war, und bitte ihn, Kaddisch zu sagen und eine Kerze anzuzünden und Jahrzeit." Der Sohn ging der Alten selbst einige Minuten vor dem Tode nicht aus dem Sinn. „Nicht da mein Sohn," stammelte sie schmerzvoll, „nicht da." Als Bine starb, war den halben Tag lang das Haus voll von Frauen, die gekommen waren, sie um Verzeihung zu bitten. Zu Häupten standen ihre zwei Messingleuchter mit brennenden Kerzen zu beiden Seiten. Bines alter, zu* sammengeschrumpfter Körper liegt von Kopf bis Fuß in Schwarz bedeckt, und alle drängen sich an sie heran, um ihren toten Ohren die letzte Bitte anzuvertrauen. Mehr als alle die Armen, Bedürftigen, denen die Ver« storbene, sooft sie konnte, geholfen hatte. „Vergeßt nicht an mich,'* weint vor ihr eine, wie vor einer Mutter. „Seid eine gute Fürsprecherin, Binde." „Es soll euch vergolten werden," sagt eine zweite. „Ihr habt es verdient, ihr habt es verdient." Als man mit dem Totenschrein auf die Gasse trat, sah man erst, welches Leichenbegängnis Bine hatte. So« gar vornehme Männer, die selten zu irgend einem Leichen« begängnis gehen, taten sich eilig den Gürtel um, um der Greisin die letzte Ehre zu erweisen. Von Minute zu Minute werden es mehr und mehr Menschen. Ueber aller J%öpfe bewegt sich der Sarg. Lauter als sonst ruft der Schammes sein trauriges „Zdoke tatzü mimowes" und von allen Seiten hört man Lobpreisungen. „Sic hat ein großes Verdienst dort oben*4, läßt sich lauter als alle eine Frau vernehmen. „Sie war eine fromme Frau und eine heilige Seele. Eine Heilige." Und eine zweite nickt fromm mit dem Kopf: „Es wird ihr vergolten werden. Sie hat sieh vorbereitet... hat sich vorbereitet."

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