Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 203 (7.8.1931)
- Date
- 1931-08-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Scüb $ BADEZlMMER-lS^HFS^i tLPNORA, I. D0ffilfl)kaD«rbMtel22(£«k« Kai 7/»)R-24-4-f* Nun erfahren wir darüber, wie Achad Haam wirklich dachte, aus seinen Erinnerungen, die jetzt im Verlag Beth Achad Haam, Tel-Awiw, heraoegegeJben von B. Schochetmann, erscheinen. Der erschienene Band enthält auch Bemerkungen zur politischen Lage und zur Ataberfrage. Wie den jüdischen Panialamiien, Panasiaten und Pansemiten zu ihrem Aerger ins Stammbuch geschrieben scheint folgende Stelle: „Wie wir im Okzident keine ganzen Okzidentalen sein können, so können wir im Orient auch keine ganzen Orientalen sein. Der Geist des Orients ist uns fremd. Nicht umsonst haben wir 2000 Jahre unter okzidentalen Völkern gelebt. Sowohl hier wie dort sind wir ein Volk, das isoliert lebt, mit einem besonderen oriental-okzidentalen Charakter." Das ist eine mehr allgemeine Feststellung, die jenen Schwärmern, denen ein geistiger Turban das Hirn drückt und die eine Hineinstellung des Zionismus in eine nur-orientalische Sphäre verlangen, gewiß nicht schmecken wird. Aber Achad Haam beurteilt auch die englische und a rja b i s c h e Palästina-Frage durchaus nicht nach dem Wunsch unserer Brith-Schalom- Leute. Darüber liegt eine präzise Bemerkung vom Oktober 1922 in einem Brief an seinen Freund Saul Lurie vor: „Auch die allgemeine Lage ist ganz und gar nicht glänzend. Unser Government ist so objektiv, daß uns die Araber auf der ganzen Front schlagen. Sie erreichen bei der Regierung alles, was sie wollen — trotz unserer großen politischen ,Siege' haben wir in nichts Erfolg." Das $ensationellste und prophetisch Tiefste ist eine andere Stelle. Sie ist vom Mai 1923 datiert und steht im Brief an seinen Londoner Freund A. L. Simon: „Wir befinden uns hier im Lande in einem sehr gedrückten Zustand. Die allerletzte Sorge sind die Nachrichten, die in den letzten Tagen von dem Bund erzählen, der zwischen England und dem arabischen König geschlossen wurde. Wir wissen noch nicht die Einzelheiten, aber im allgemeinen scheint es, daß Erez Israel irgendwie in die arabischen Länder einbezogen worden ist, die jetzt daran sind, sich zu vereinigen. Und was tun wir? Vorläufig weiß es niemand: Die Hauptsache ist, daß, wenn wir in Wirklichkeit Untertanen des Königs Hussein zu werden im Begriffe stehen, das Ende unserer Hoffnungen undunserer Arbeit hier im Lande gekommen ist, und wer weiß, ob und wann sie sich wieder erneuern werden. Was mich selbst betrifft, so ist es für mich unvorstellbar, daß ich in politischem Sinne ein Araber werde, und ich habe die Absicht, in diesem Fall nach der Galuth zurückzukehren. Es ist besser für mich, in der Fremde inmitten der Galuth zu sterben, als hier zu sterben und in der Erde meiner Väter begraben zu werden, wenn diese rechtigt. Es ist ihre Stadt mit ihren Menschen. Ein ganzes Geschlecht mit Hochzeiten und Beschneidungen von Kindern und Kindeskindern ist durch ihre Hände ge* gangen. Keiner hätte sich wohl eine Hochzeit im Städtchen ohne Bine die Bedienerin vorstellen können. * An dem Tag einer Hochzeit ist. Bine eine ganz an* dere, aufgeräumt, feiertäglich. Es ist ihre Hochzeit und ihre Braüteltern. Ihr Kopf ist dann mit einer frischgeputzten Haube umwunden, die Aermel bis über die Ellenbogen umgeschlagen, und ihre mageren Hände mit den scharfen blauen Adern fliegen bei ihrer Arbeit wie Quecksilber. Sie knetet und flicht allein die großen, stattlichen Hoch* zeitsbrote, schabt und hackt die Fische, schneidet und löst das Fleisch von den fetten Gänsen und Hühnern... Mag es auch die reichste Hochzeit sein, alles muß durch ihre Hände gehen. Es ist noch gar früh und doch schweben schon durch die Hochzeitsstube die duftenden Gerüche von Bines Werken. Es regen schon vorzeitig den Appetit an der kräftige Geruch der frischen gepfefferten Fische, der scharfe, wohlige Knoblauchgeruch der fetten und saftigen Braten. Je mehr es in den Tag geht, desto lebhafter wird es rings um die Hausköchin; man spricht laut, man schreit. Und gleichzeitig mit dem Rummel spielen schon im Nebenzimmer die Musikanten, Die Töne der frön« liehen Hochzeitstänze schlagen sieh hinein in die Küche, vermischen sich mit dem Klappern eines Walkers, der über ein Nudelbrett rollt, und mit dem scharfen Klang eines Messingstößels, mit dem Bine behende Nüsse und Zucker für ihre Bäckereien zurechtstampft. Das Spielen der Musikanten treibt Bine noch mehr an- Es fährt ihr heiß durch die Glieder und sie hebt erst recht an, zu zeigen, was sie kann. Vor lauter Tummeln hat sich ihr die Haube ein wenig zur Seite verschoben und es schaut ein Stückchen ihres bloßen Kopfes mit dem DIB NEüE WELT grauen, geschorenen Haar hervor. Bine kümmert sich aber jetzt nicht uni solche Klei* nigkeiten. Sie hat keine Zeit dazu... Es kommt ihr immer wieder vor; es würde ihr be». wahre nicht gelingen, fertig zu werden zur rechten Zeit, und sie beginnt laut, selbst nicht wissend wen, zu bitten: „Kinderchen, meine teuren, soll mir doch wer einige Mandeln schälen, bald geht es ja schon zum Trau* dach." So beeilt sie sich, aber gleichzeitig tut sie gute Arbeit. Die Fische müssen bei ihr aus der Pfanne „heraus* glitzern", der Braten muß „Paradiesgeschmack" haben und der Kuchen — „wie an der Sonne gebacken". So oft sie einen gargewordenen Kuchen aus dem Ofen zieht, erstrahlt sie vor Glück. Sie nimmt das Stück Gebackenes in die Hand wie irgend ein teures Schmuckstück und sagt voller Freude zu sich selber: „Ein so schönes Glück mei* nen Kindern, wie schön der Kuchen geraten ist." Das Brautpaar hat nämlich bei ihr den Namen „die Kinder". „Ihre Kinder." War ja Bine bei ihrer Feier der Geburt und jetzt ist sie bei ihrer Hochzeit. Bei der Trau* und selbst kann Bine nie dabei sein, eslbst wenn sie wollte. Die Trauung begibt sich zumeist neben der Schul und der Hausköchin wartet noch viel, viel Arbeit. Dafür aber macht sich Bine sehr bemerkbar, wenn man von der Trauungsfeier, kommt. Mit den Weißbroteu auf den Händen kommt sie entgegengetanzt. Das ist schon so Brauch im Städtchen von altersher und Bine hat das Privileg darauf. Wenn die Hausköchin das erste Zeichen, daß man kommt, hört, packt es sie wie mit Zauberkraft. Wie sie geht und steht, mit der Haube auf dem Kopf und mit den aufgerollten Aermeln, packt sie die Weißbrote und legt mit ihnen ein gut Stück Wegs zurück. Es ist ein beller Sommerabend, der Himmel klar und bestirnt. Die Musikanten spielen den fröhlichen, weit* hin hallenden Hchzeit*Marschtanz, die Flämmchen der angezündeten Kerzen in den Händen der Brauteltern ffs, 209 flackern und leuchten mit feiertäglicher Helligkeit — und Bine tanzt. t Bine hat einen ganz eigenen Tanz dafür. Die zwei großen, wohlgeratenen Hochzeitsbrote liegen mit frommer Feierlichkeit in ihren Arm und ihre Glieder flechten und wickeln einen Tanz, genau so wie ihre Hände die geratenen Kuchen und Brote flechten und wickeln. Das Brautpaar und die Unterführer bewegen sich mit from» men, langsamen Schritten und Bine läßt vom Tanz nicht ab bis zum Haus. Sie tanzt mit „Hinterbeinchen" und „Vörderbeinchen" und jede ihrer Gesichtsfalten ist von Freude und Helligkeit Übergossen, als wäre es ihres eigenen Kindes Hochzeit. „In glücklicher Stunde" ruft sie und tanzt dabei. „In glücklicher Stunde." Der Lohn, den Bine bei einer Hochzeit bekommt, ist für sie Nebensache. Sie braucht nicht viel, und was sie verdient, genügt ihr. Sie sieht nicht einmal hin, wieviel sie bekommt. Sie nimmt das Sümmchen ohne viel Wesens, stopft es irgendwo in eine geheime Tasche des Unter* kleides hinein und ist zufriedener darob, daß die Feier* lichkeit mit Hilfe ihrer Hände glatt vonstatten ging. Bei armen Hochzeiten nimmt Bine überhaupt kein Geld. Sie hält das für ein überaus gutes Werk und wird um keinen Preis Bezahlung nehmen. „Es ist mir genau soviel wert, wie wenn du mir bezahlt hättest," sagt sie zur Brautmutter lächelnd. „Wirst mit Gottes Hilfe noch ein Kind verheiraten." Zu solch guten Werken zählt sie auch das, wenn sie bei einer, wohlhabenderen Hochzc't ein bißchen von der guten Küche absparte und damit einen Armen „laben" konnte. Sie schob einige fette Fisch* stücke, ein Viertel Huhn, ein Stück Weißbrot zur Seite. Sie schützte vor, das mit sich nach Hause zu nehmen, dachte aber gleich an jene, die es nötiger haben als sie. Erst am nächsten Tag tat sie die Speisen in besonderes Geschirr, packte es in ein Handtuch ein und ging ver* stöhlen in irgend eine Hintergasse zu einer armen Frau. „Ich hab' dir ein Stückchen Gebratenes von meiner Enfe als Heimatland der Araber Betrachtet wird und wir in ihr Fremde sind.** Man sieht: Achad Haam hat die Tendenzen der künftigen Palästina-Politik richtig erkannt und sich mit Schaudern von diesen Perspektiven abgewendet. Der Mann, der in einem Palästina, das den Arabern gehört, nicht einmal sterben will und sogar in die Galuth zurückzuflüchten gedenkt, konnte allerdings nicht ahnen, daß zionistisch-politische Desperados in seinem Namen für eben das werben werden, Wae ihm als unerträglich und unvorstellbar erschien: für einen arabischen Staatenbund mit Einschluß Palästinas unter arabischer Vorherrschaft, für de* „zionistischen" Brith- Schalöm-Blätter Lieblingsgedftnken, den zuletzt auch Prof. Weizmann an! dem Zionistischen Kongreß eindeutig vertreten hat. o. r. Ein neues jüdisches Zentrum in London London, 28. Juli. Am 26. Juli fand in London die Grundsteinlegung zu einem jüdischen Gemeindehaus statt, in dem alle religiösen, erzieherischen, philanthropischen, politischen und sozialen Institutionen der englischen Judenheit beherbergt werden sollen. Die Kosten dieses neuen „Jüdischen Zentrums" sind auf 100.000 Pfund veranschlagt. Das Gebäude wird in Tavistock Square-iBloomsbury errichtet und soll in einem besonderen Flügel u. a. das englische Rabbinerseminar, das Jews' College, das bisher in einem Gebäude in Queens Square untergebracht war, aufnehmen. Man rechnet damit, daß der Bau bereits Ende dieses Jahres beziehbar sein wird. Die Feier der Grundsteinlegung wurde unter großer Beteiligung und in Anwesenheit zahlreicher führender Persönlichkeiten der englischen Judenheit abgehalten. Der Vorsitzende des Rates des Jews' College S. J a p h e t »ahm die Grundsteinlegungszeremonie, Rev. A. Mayerovitch die religiöse Weihe vor. Die Festrede hielt Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz. Zu den Baukosten haben die United Synagogue, der Jewish Memorial Council und das Jews* College große Beiträge geleistet. Die noch erforderlichen Summen sollen durch eine öffentliche Sammlung unter der Leitung von Lionel de Rothschild aufgebracht werden. Die Durchführung des Unternehmens liegt in den Händen einer Gesellschaft, an deren Spitze ein Direktorium steht, bestehend aus den Herren: Lionel de Rothschild, Vorsitzender; Sir Robert Waley-Cohen und S. Japhet, stellvertretende Vorsitzende; O. E. d'Avigdor Goldsmid, S. Moses, Major Salmon (Unterhausmitglied), F. C. Stern, F. Samuel, Major H. L. Nathan (Un<terhausmitglied), B. A. Fersht. Antisemitische Propaganda von der Kanzel in England London, 28. Juli. Der römisch-katholische Geistliche Palmer,' Domherr an der Peter-Pauls- Kirche in Ilford, hat nach einer anläßlich des Besuches der Prinzessin Mary in Ilford veranstalteten Filmvorführung vor 20OÖ Kindern vor dem Morgengottesdienst eine Botschaft verlesen, in der die Gläubigen aufgefordert werden, einen Boykott aller Filmdarbietungen durchzuführen, bis „der jüdische Schmutz fortgeschwemmt sein werde". Außerdem ließ er am Schwarzen Brett der .Kirche einen Anschlaganbringen,' in dem erklärt wird, derartige Filme seien abstoßend, ihre Vorführung lasse im Hinblick darauf, daß die Restauration Lazar VH, AndrsMgesM 5 (Ecke MarlahilferstraÖo 84-86) Autobus und Straßenbahnhaltestelle, Linien: L, M, 51, 52, 58 und 59 verabreicht die feisten Speisen zu besonders billigen Preisen Ein Versuch macht ihm Stammgisll meisten Kinobesucher Juden sind, darauf schließen, daß von jüdischer Seite versucht werde, die Volksmoral zu vernichten. Die judenfeindlichen Aeußerungen des Domherrn Palmer haben in der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit lebhaften Protest hervorgerufen. Der Jewieh Board of Deputies bat eine Untersuchung des Falles eingeleitet. Sowohl die Ilforder Lokalpresse als auch Londoner Zeitungen üben scharfe Kritik an dem Vorgehen Palmers und weisen darauf hin, daß er, obwohl er den von der Fihnzensur als allgemein zulässig erklärten Film gar nicht gesehen, sondern mar von dritter Seite gehört hat, er enthalte Kabarett- und Liebesszenen, die Vorführung zum Anlaß genommen hahe, von der Kanzel aus antisemitische Propaganda zu treiben. Der Sekretär des Ausschusses der englischen Filmprüfer Brooke Wilkinson hat erklärt, es handle sich hier nicht um einen-Angriff gegen den Film, sondern um einen A ngriff gegen die Juden. Ein nationalsozialistischer Redakteur wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt Kassel, 31. Juli. Vor dem erweiterten Schöffengericht in Kassel hatte sich der verantwortliche Redakteur der nationalsozialistischen „Hessischen Volkswacht", Wolfgang Bergemann, wegen Gotteslästerung zu verantworten. Am 19. März d. J. erschien in der „Hessisdien Volkswacht" ein mit dem Pseudonym „Argus" unterzeichneter Artikel „W ie entstand die jüdische Weltanschauung?", in dem der Verfasser u. a. ausführt: „Jaweh, der Ober jude, ist kein Gott, sondern nur ein Geschäftemacher. In den Gesetzen des Judentums tritt das Religiöse ganz zurück, es ist nur eine notwendige Maske für die Tarnung des rassemäßigen Volksbetruges..." Sdxließlich wurde von den Juden als moralisdx minderwertigen Menschen gesprochen und ausgeführt, die diristliche Welt müsse sidi gewöhnen, damit zu rechnen, daß jeder Jude ein direkter Nachkomme von Verbrechern und ein direkter oder indirekter Betrüger sei. In der Verhandlung gegen den verantwortlichen Redakteur Wolfgang Bergemann wurde festgestellt, daß Bergemann bereits wegen Gotteslästerung und Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft vorbestraft ist. Der Angeklagte gab die Erklärung ab, er übernehme zwar die pressegesetzliche Verantwortung für die Veröffentlichung des Artikels, habe jedoch die Veröffentlidiung nicht selbst bewirkt. Er bedauere die Publikation, weil er den Artikel weder seinem Inhalt noch seiner Form nach billigen könne. Nach Einvernahme eines sachverständigen Zeugen über die Frage, welche Bedeutung der Talmud und der Schulchan A r u c h für die jüdische Gemeinschaft haben, schloß sich das Gericht der in einem Reichsgerichtsurteil ausgesprochenen Ansicht an, daß zwar Talmud und Schulchan AiMich keine Einrichtungen der jüdischen Religionsnwwww www