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Die neue Welt · 1931-08-07 · Heft 203 (7.8.1931) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 203 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT N*. 200 alte, den meisten unbekannte Worte lasen, tat auch dies ganz verschämt. In ein paar Wochen haben sie auch ihre Tefillim vergessen . . („Mitteilungsblatt", Berlin, Nr.?, Juli 1931.) Man hat sie, die alten Juden, bestimmt energisch an die Tefillim vergessen lassen dort drüben am Amur. Dafür aber, gleichsam als Revanche für die mütterliche Fürsorge in Dingen der Religion, sitzen in manchen Geserd-Gruppen stramme Rabbin e r, in Deutschland, in Amerika und anderswo. Auch das erfahren wir aus dem „Mitteilungsblatt". Rabbiner, die begeistert sind, daß die alten Juden allmählich, an die Tefillim vergessen und zum letztenmal noch am Jom Kippur 1930 „in alten Bibeln" geblättert haben, sind eine gewiß interessante Spielart neuzeitlicher Seelsorger.* Bernard Shaw immer „geistreich** Moskau, 27. Juli. (J. T. A.) In. einem Gespräch mit dein Moskauer Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur hat Bernard Shaw, der während seines bisherigen Aufenthaltes in der Sowjetunion den mit dem sowjetrussischen Aufbau in Zusammenhang stehenden Fragen, darunter auch dem Rasse np r ob 1 e m, das in diesem von so vielen Volksstämmen bewohnten Reich von besonderer Bedeutung ist, seine Aufmerksamkeit zugewandt hat, auch die Judenfrage, wie sie sich in Rußland und in den anderen Ländern darstellt, erörtert. Shaw erklärte, er sei, auch auf Grund seiner Beobachtungen in Rußland, zur Ueberzeugung gelangt, daß letzten Endes' die Mischehe d e n U n t e r s c h i e d zwischen Juden und Christen aufheben w ard e. Nachdem er . diese Meinung in vollem Ernst zum Ausdruck gebrächt" hatte, fügte Shaw scherzend' hinzu, ein anderes Mittel zur Lösung der Judenfrage bestehe darin, daß die Juden ihren S up e r i or i t ä ts* komplex verlieren. Die Juden müssen aufhören, sagte Shaw, sich anderen Volksstämmen gegenüber als überlegen zu fühlen, auch Wenn sie manchmal allen Grund haben, sich so einzuschätzen. . Shaw nahm mit Interesse von dem Schreiben Kenntnis, das Stalin vor einiger Zeit an die Jüdische Telegraphenagentur gerichtet hat und in dem er den Antisemitismus als ein „Ueb er bIeibse 1 der für, die Aera des Kannibalismus charakteristischen unmenschlichen Sitten" bezeichnet und darauf hinweist, daß nach den Gesetzen der Sowjetunion militanter Antisemitismus unter Todesstrafe stehe. Der Charakterisierung des Antisemitismus durch Stalin stimmte Shaw rückhaltlos bei. Er erklärte, die von den Sowjets gegenüber Rassevorurteilen.verfolgte Politik sei die einzig vernünftige: Es sei nicht einzusehen, warum zwei Menschen, wenn sie miteinander sprechen, in Rassebegriffen denken sollen. Ein normaler Mensch brauche sieh solcher Dinge nicht bewußt zu sein. Wenn ich, erklärte Shaw, ein Mitglied der G. P. U. wäre und zwei Proletarier sähe, die miteinander über Rassefragen debattieren, ich würde sie beide einsperren. Mir scheint, daß das kommunistische Regime in Rußland, in richtiger Weise an die Lösung der Judenfrage herangeht. Hier schaltete Shaw die Bemerkung ein, daß der Jude für die Welt nicht minder ein Problem ist. als die Welt für den Juden. Ich habe, sagte er, niemals die verbreitete Ansicht geteilt, daß die Juden unter einem Minderwertigkeitskomplex leiden. Im Gegenteil, sie leiden unter einem Ueberwertigkeitskomplex. Das ist sehr schädlich "für sie und verursacht anderen viel Aerger. Die Welt hat schon lange ihren Frieden mit den Juden gemacht. Aber der Jude will nicht seinen Frieden mit der Welt machen. Als fürchtete er, seine Worte könnten mißverstanden werden, erläuterte Shaw diese Aeußerung, indem er auf seine irische Abstammung Bezug nahm: Ich verstehe es, daß die Juden sich als besser fühlen als so viele andere, denn ich bin ein Ire und die** Iren sind vielleicht noch rassestolzer und arroganter als die Juden. Eine solche Arroganz ist aber in der proletarischen Welt, in der wir leben, nicht am Platz. Ein wichtiger Schritt zur Lösung der Judenfrage muß darin bestehen, daß die Juden sich von ihrem Ueberwertigkeitegefühl gegenüber anderen Nationen befreien. Bernard Shaw, der berühmte englische — will sagen, irische —• Dramatiker, hat echon Millionen Leser und Hörer lachen gemacht, ob seiner blendenden Formulierungen gesellschaftlicher Zustände, ob seiner Demaskierung historischer Autoritäten und Zeitalter. Auch diesmal erregt er Lachen, nicht wegen seines Witzes, sondern weil er sich untermißt, nach viertägigem Aufenthalt in Moskau die Judenfrage in Rußland zu lösen. Scheinbar ist sein Ueberwertigkeitsgefühl, das er den Juden zuschreibt, die Ursache seines jüngsten Extempore. Aphorismen zur Judenfrage, auch wenn sie vom „geistreichen" Shaw kommen, das Jonglieren mit „Problemen", mag ee noch so geschickt sein, wird kein ernster Mensch ernstnehmen, am allerwenigsten, wenn sie Bernard Shaw zum Autor haben, der. vorgestern für Mussolini schwärmte, gestern die Aussichten des Christentums auegezeichnet fand und heute vor Europa der Sowjetdiktatur ein Kompliment macht. Die Lage nadi dem Kongreß Der nachstehende Uebferßiick über die;! Vdfgänge auf dem 17. Zibnistenkongreß und die Stellungnahme der revisionistischen Frak* tion zu den weiteren Ereigriissen wurde im Rahmen einer von der Exekutive der Zioni* stisch*revisionistischen Weltunion in London abgehaltenen Pressekonferenz gegeben. DeV 17. Zionistenkongreß in BaseLnat eine Kampf* perdiode in der Geschichte des Zionismus abgeschlossen. Hier wurde es klar, daß* große Teilev ,der zionistischen Organisation mit der T&ndenz unbedingter Gefolgschaft für das bisherige' System gebrochen höben, wenn auch die von der revisionistischen^ Organisatipfi vorgeschlagene Lösung der diversen Probleme noch nicht Allgemeingut auf diesem Kongreß geworden tat l Im Zentrum des revisionistischen Kampfes auf defm: Kongreß -standen folgende 'drei- Punkte: |: '..''Zionistisches;End*i'eli-:*in,d--pesavoqferung des Britta Schalom*deistes in allen seinen Schattierungen; die Beseitigung jener Führung, die seit Jahren den Zusammenbruch des politischen Zionismus symbolisiert; die Festsetzung eines neuen politischen Kurses, gen tragen von neuen Männern. In bezug auf den ersten Punkt ist es den Revisioni* sten gelungen, den Kongreß zu bewegen, sich der End* z i e l f r a g e zuzuwenden. Trotz der Opposition der Lin* ken und ihrer Mitläufer hat der Kongreß ihre Forderung akzeptiert, wonach die Politische Kommission beauf* tragt werden sollte, sich vor allen anderen Fragen mit detrf Sinti des Ziomstriiis" zu befassen!" Es lohnt sich/'fest» zustellen, daß der revisionistische Standpunkt in bezug auf das"Endziel v&n der Politischen Kornmission zuerst akzep* oder mit überflüssigen Haaren gebraucht Erhältlich In Apotheken und Fachgeschäften I tiert wurde. Eine bedeutende Mehrheit der Politischen Kommission hatte scho eine Resolution gefaßt, wonach.das zionistische Endziel „i ri der Schaffung einer jüdischen Bevö1kerungsmehrheit in den historischen Grenzen Er ez Israels" — also inbegriffen Transjordäniens — besteht. Diese Resolution wurde nur dank der* berühmten Schrecktelegramme, die aus Efez Israel b e s t e l1-t worden waren, im Plenum nicht ' zur Abstimmung gebracht. Das Mißbilligungsvotum für Weizmann, der 'die'Mehrheitsaspirationen' des Zionismus leugnete, redete jedoch eine klare Sprache und-zeigt deüt* lieh dißTStimmijn&,de?.Kongreßmehrhejt\in hezug; auf unser politisches,Streben; Pie iVertreter.des'Brith Sehalom;w.ur* den in'«ine Defensivstellung gedrängt. Sie verloren den Mut. offen; für ihre Ideen zu kämpfen, und versuchten, sie durch verschiedene technische- und taktische. Tricks einzu* schmuggeln,/jedoch ohne; viel Erfolg., ' Dr. Weizmann wurde trotz aller Anstrengungen seiher politischen Freunde," ihn bei der Macht zu erhalten, gestürzt Trotz der früheren Gerüchte über seine Dirniß* sion wurde es dem Kongreß bald klar, daß seine Kandi* datur bestehen bleibe. Als erster stellte. Dr. Weizmann seine Kandidatur selbst auf. Jn' einem Interview, das er am Vorabend'des Kongresses der englischen und amerikanischen Presse gab, erklärte er, daß der. Zionismus jetzt vor drei lebenswichtigen Aufgaben stehe: Verständig gurtg mitde*; englischen Regierung, /Verständigung mit den Arabern und Schaffung großer Geld* mittel in Amerika. „Ich glaube", sagte Dr. Weizmann, „daß ich für die Lösung dieser Aufgaben sehr geeignet bin. I.c3h allein. Andere werden die Sache bloß ver* derben." Die Drohungen, mit denen die unbedingten Weiss* mannisten . S o k o l.o w j wegen seines „V erat es" (gegen ihn eine Exekutive zu bilden) überschüttet hatten, und die Gruppe „A" .der Allgemeinen Zionistea, setzten seiner Freunde bei der Wahl Sokolows sind eine genügende Illustration für den Ernst „ der von Dr. Weizmann ange* kündigten „Demission". . . .. , Der Wunsch Dr, Weizmanns, Führer der Zionisti* sehen Organisation zu bleiben, wäre nicht ein bloßer Wunsch geblieben, wenn die Revisionisten nicht den, Plan durchkreuzt hätten. Weizmanns Anhänger,, die Linken und die Gruppe „A" der Allgemeinen Zionisten setzten sich mit ihrer ganzen Kraft für ihn ein. Mit Hilfe der ver* schiedensten Einwirkungen auf die Psyche des Kongresses und eines komplizierten Hintexkulissenspiel's versuchten sie Dr, Weizmanns Wiederwahl durchzusetzten. Und es gab Momente, wo sie ihrem Ziel sehr nebe standen. Dies zwang die Revisionisten, aktiv einzu* greifen und die Restaurationsbemühungen der Ver« > ireter des alten Regimes zu lähmen. Dieser Schritt der Revisionisten war für den Sturz Weizmanns entscheidend. Vor allem muß man sioh die praktische und syni* bolische Bedeutung des Sturzes Dr. Weizmanns vor Augen hallten. Er ist das. erste,, Zeichen einer Periode, die eine Gesundung des Zionismus mit sich bringen kann. Der Zionismus des Verzichtes ist noch nicht tot, hat aber, seih Fundament verloren, PalästinasAemter und Universität Manche Anzeichen hiefür hat der Kongreß selbst schon gezeigt. Er solidarisierte sich mit dem revisionistj* sehen Standpunkt, wonach endlich mit der monopjoli* sttschen Stellung der Linken in den Palästina* Aemtern ein Ende gemacht werden soll. Schon jahrelang waltet der linke Flügel in den Palästina«Aemtern und schließt sorgfältig alle diejenigen aus, die kein Partei* billett besitzen. Der Kongreß machte diesem abnormalen Zustand ein Ende. Die einseitige Leitung in den Palästina* Aemtern wurde vom Kongreß durch eine ausgleichende und gerechte Kontrolle seitens aller zionistischen Faktoren gemäß deren wirklicher Stärke ersetzt. Dies ist ein außer* ordentlich wichtiger Beschluß für die praktische Immigrationsarbeit. Er macht der bisherigen Diktatur der Histadruth ein Ende. Der Kongreß nahm den revisionistischen Standpunkt gegenüber dem auf . der Jerusalemer Universität herrschen* den Resignationsgeist an. Er sagte klar und deutlich, daß die Universität aufhören muß, ein bloßes For* schungsinstitut zu sein, daß sie eine richtige Universität, die Tausende jüdischer Studenten aller Länder aufnehmen und ausbilden muß, werden soll. Außerdem verurteilte der Kongreß auf unsere Initiative hin die Liquidationsarbeit der Brith*Schalom< Professoren, die ihr Amt im Interesse der kleinen Gruppe zionistischer Verzichtspolitiker ausnützen. Der Kongreß gab den betreffenden Elementen für ihr unan* ständiges Spiel einen scharfen V e r w e i s und beauftragte die Exekutive, das Treiben der Brith*Schalom*Gesellschaft auf dem Skopusberg zu kontrollieren. Es war ein sehr lehrreiches Bild, mitanzusehen, wie die Linken die Ehre des Dr. Magnes verteidigten. MittelstandssKolonisation Der Kongreß hat die Richtigkeit der revisionisti* sc.ien Argumentation im Zusammenhang mit der Ver* nachlässigung der MittelstandssKolonisation eingesehen. Durch einen Beschluß des Plenums wi*rde in das Budget ein Posten von 2000 Pfund für einen ent* sprechenden Informationsdienst eingestellt. Dies ist der erste Schritt, den ein Kongreß für die Einwanderungs* bedürfnisse einer großen Masse des jüdischen Volkes tut. Die Stimmung des Kongresses in dieser Frage war ganz neu. Man konnte eine klare Gegner* schaft gegenüber dem bisherigen einseitigen System der K1 a s s e n * K o 1 o n i s a t i d n, die auf sozialistischer Basis aufgebaut war, verspüren. Große Massen der Zionistischen Organisation beginnen nunmehr zu begrei* fen, daß der Zionismus nicht ein Problem für eine kleine Volksschicht, sondern für das gesamte Volk ist. Der linke Flügel, bisher das einzige Lieblingskihd der Zionistischen Organisation, verlor seine dominierende Stellung und wurde von uns in die Defensive ge* drängt. Zum erstenmal erlitten die Linken an einem Kon* greß in so vielen und wichtigen Punkten eine Niederlage. )\ ... Keine TeiVnakme an der Exekutive : ' ' . Wenn auch der Einfluß der Revisionisten auf dem Kongreß von deutlicher Ausprägung war, mußten sie den* noch aus prinzipiellen Gründen die Teilnahme an einer Koalitionsexekutive entschieden ablehnen. Der Kon* greß hat sich nämlich in seiner Mehrheit gegen eine Re* form der erweiterten Jewish Agency ausgesprochen und hat ferner die Resolution, in der von einer „jüdischen Be* völkerungsmehrheit innerhalb der historischen Grenzen Erez Israels" die Rede war, im letzten Augenblick zurück* gezogen und beschlossen, über die Judenstaatsresolution zur Tagesordnung überzugehen. Es ist wahr, daß die vom Kongreß angenommene Resolution, die „jede Vermin* derting unserer Endziele" verwirft und die das M i ß* billigungsvotum für Dr. Weizmann enthält, eine schöne'Illustration-ztt der-Stimmungj die den.Kongreß he* herrschte, darstellt. Die revisionistische Fraktion sah je* doch in diesen indirekten Beweisen zionistischen Mutes keine genüg ende Grundlage für eine Beteiligung an der Zionistischen Exekutive; sie war der Ansicht, daß nach zwölf Jahren Defaitismus und offener national ler Selbstverleugnung eine unverhohlene und direkte Betonung unserer Gefühle und unseres Strebens foU gen müsse. Hiezu konnte sich der 17. Kongreß nicht ent* scließen. Der Kongreß hat manche positive Resultate ge* zeitigt. Sie sollen aber durch die Jewish Agency anderen Sinn und andere Bedeutung bekommen. Es dürfte nicht überflüssig sein, zu betonen, daß diese Versuche von ge* wissen zionistischen Parteien, die ihre Niederlage am Kon* greß durch eine entsprechende Revanche in der „Agency" kompensieren wollten, unterstützt werden. Es sind auch Gerüchte im Umlauf, wonach gewisse Mitglieder der neuen Exekutive mit gewissen Personen außerhalb der Exekutive, die kein Vertrauen des Kongresses genießen, zu konspirieren beabsichtigen! Dies bedeutet eine Gefährdung des Kongresses und seiner Beschlüsse. Die jetzige Exekutive ist im Grunde eine Uebergangsexekutive, die keine sichere Mehrheit im Kongreß hat, und wir zweifeln daran, daß sie die Kraft und Absicht hat, ein Sprachrohr der neuen Kongreßstimmung zu sein. Die Zusammensetzung und das Programm der neuen Exekutive ist höchst unzufriedenstellend. Es fehlten ihr, die einem Konpromiß ihr Entstehen verdankt, die gerade Linie, der klare Ausdruck und Mut zu einer radikalen Aendcrung des bisherigen Kurses. Die künftigen Aufgaben Der revisionistische Weltverband, der längst aus dem Rahmen einer ausschließlichen Oppositionspartei ge» treten ist, wird seine selbständige politische, ökonomische

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